Weltfestspiele 1973

25.7.2003 | Von:
Carsten Schröder

Hinter den Kulissen des X. Festivals

Die ideologische Vorbereitung der Teilnehmenden

Die "Parteikommission zur Vorbereitung und Durchführung der X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten 1973", das Sekretariat des Zentralrats der FDJ und das Organisationskomitee übernahmen die Organisation des Festivals. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) begann mit der Vorbereitung von Maßnahmen zur Gewährleistung von Ordnung und Sicherheit.

Die Hauptaufgabe des Zentralrats bestand in der Vorbereitung und Auswahl der Teilnehmer der Jugendorganisation der SED. Zu diesem Zweck wurde das am 27. April beginnende "Studienjahr der FDJ 1972/73" auf das Festival ausgerichtet. [5] Die marxistisch-leninistische Schulung erstreckte sich über acht Themenkomplexe. Der fünfte war beispielsweise dem "Kampf der fortschrittlichen Jugend der BRD gegen die Monopole, für die Grundrechte der Jugend" gewidmet und diente der Vorbereitung auf die bundesdeutsche Delegation. [6]

Für die Auseinandersetzung mit westdeutschen Besuchern wurde das Wissen über das kommunistische Manifest von Karl Marx aufgefrischt, Zahlen und Fakten der DDR gelernt, die Statuten der Jungen Union, der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ) und der Jungsozialisten durchgenommen sowie die gesamten Passagen des Grundlagenvertrages behandelt. [7] In allen Grundorganisationen und Gruppen der FDJ fanden "Zirkel junger Sozialisten" zur Einstimmung der potentiellen Teilnehmer auf die antiimperialistische Zielrichtung des Festivals statt. Junge Arbeiter konnten sich zusammen mit Studenten an der Ost-Berliner Universität zu den FDJ-Studientagen im März 1972 oder in tausenden Agitatorenkollektiven in den Bezirken der DDR unter der Leitung eines FDJ-Agitators "fortbilden". [8] Des Weiteren gab es einen Wettbewerb zur Steigerung der Planerfüllung im Dienste der Vorbereitung der Weltfestspiele, verbunden mit Aufrufen zu freiwilligen Arbeitseinsätzen in Gebäuden, die für die Unterbringung der Gäste aus aller Welt benötigt wurden. [9] Planübererfüllung und das Bestehen der Prüfungen nach dem Studienjahr konnten zu einer Teilnahme an dem Festival qualifizieren.

Im Anschluss an die Auswahl der Teilnehmer fanden im Mai und Juni 1973 spezielle Lehrgänge für die Leiter der Bezirksdelegationen (22.5.1973), die offizielle Festivaldelegation (25.6. -30.6.1973) und der Gruppen- und Blockleiter (28.5. -10.6.1973 u. 30.5. 1973) statt. In den Schulungen der FDJ-Kader nahm die Ostpolitik der Sozialdemokratie einen besonders großen Raum ein. Die Position der Konservativen zur DDR kam nur am Rande vor.

Die Auswirkungen der Begegnung von DDR-Bürgern mit sozialdemokratischen Jugendverbänden wurden als wesentlich gefährlicher eingeschätzt als die Konfrontation mit konservativen Jugendorganisationen. Man fürchtete die "innere Aufweichung" des Sozialismus durch die Sozialdemokraten weit stärker als die Folgen der konservativen Politik des "heißen und kalten Krieges". [10]

"Wir haben keine Illusionen, was die Rolle und Funktion des Sozialdemokratismus betrifft und wissen, dass die rechten SPD-Führer äußerst geschickt und oftmals raffinierter als die CDU/CSU-Führer als Sachverwalter des westdeutschen Monopolkapitals fungieren. (...)Will die CDU/CSU weiter den Kurs des heißen und kalten Krieges fahren, sieht die SPD-Führung größere Chancen für den Imperialismus über die Anpassung and das neue Kräfteverhältnis in der Welt und die innere Aufweichung des Sozialismus." [11]

Bezüglich der sozialdemokratisch orientierten Verbände wurde davon ausgegangen, dass sie in politischen Seminaren und Foren, den "realen Sozialismus" in seiner Theorie und Praxis in den sozialistischen Staaten angreifen würden. Das Ministerium für Staatssicherheit erwartete Diskussionen rund um die Schlagwörter "Pluralistische Gesellschaft", "Demokratischer Sozialismus", "Bürgerlicher Freiheitsbegriff" und "Bürgerliche Definition von der Einheit der Nation". [12]

Das Sekretariat des Zentralrats gab auf vielen Veranstaltungen den FDJlern "Argumentationshilfen" zum Umgang mit diesen kritischen Punkten. Beispielhaft hierfür waren die "Argumentationshinweise für die Mitgliederversammlung der FDJ im März 1973". [13] Hieraus ging hervor, dass "friedliche Koexistenz" [14] keinesfalls als "Koexistenz der Ideen" oder als "Waffenruhe an der ideologischen Front" zu verstehen war. Es wurde die Ansicht vertreten, der so genannte "ideologische Kampf zwischen Sozialismus und Imperialismus" verstärke sich noch, da der Imperialismus immer weitere Varianten seiner "bürgerlichen Ideologie" fände, die dem "weltweiten Vormarsch des Marxismus-Leninismus" und seiner zunehmenden Attraktivität entgegengesetzt wären.

Die bundesdeutsche Sozialdemokratie war in diesem Erklärungsmodell eine Spielart der "bürgerlichen Ideologie" und wurde mit dem herab setzenden Begriff "Sozialdemokratismus" [15] versehen. Ihre Politik hatte die Funktion, als "Sachverwalter" des Monopolkapitals den Sozialismus zu bekämpfen, den Kapitalismus zu erhalten, die Macht der Monopole zu festigen, die kapitalistische Ausbeutung zu erhöhen und den Profit der Bundesrepublik zu steigern. Dieser Aufgabe sollte der "Sozialdemokratismus" durch eine doppelte Zielrichtung nachkommen. Einerseits hielt er in seiner "inneren Funktion" die Arbeiterklasse vom Klassenkampf ab, indem er die bürgerliche Ideologie in der Arbeiterklasse verbreitete und diese dem Marxismus-Leninismus fernhielt. Andererseits beabsichtigte die "Variante der bürgerlichen Ideologie" in seiner äußeren Funktion die Erschütterung des "realen Sozialismus" durch die Herstellung der Empfänglichkeit der Arbeiterklasse für die "imperialistische Ideologie" unter dem Deckmantel einer "Demokratisierung" des Sozialismus.

Fußnoten

5.
Breßlein, Erwin, "Die Weltjugend und der Dogmatismus. Geschichte und Problematik der Weltjugendfestspiele", in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament 22 (1973), S. 23.
6.
Rossow, Ina, "Ketten werden knapper?" Die X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten 1973 im Zeichen scheinbarer Liberalität, (Magisterarbeit, Universität Leipzig, Institut für Kulturwissenschaft, Gutachter: Prof. Dr. Hannes Siegrist, Dr. Harald Homann), Leipzig 2000, S. 59.
7.
Die Welt, 06.08.1973.
8.
Breßlein, Erwin, "Die Weltjugend und der Dogmatismus. Geschichte und Problematik der Weltjugendfestspiele", in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament 22 (1973), S. 23.
9.
Breßlein, Erwin, "Die Weltjugend und der Dogmatismus. Geschichte und Problematik der Weltjugendfestspiele", in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament 22 (1973), S. 28.
10.
SAPMO-BArch DY 24/8585, Argumentationshinweise für die Mitgliederversammlung der FDJ im März 1973 zum Thema: "Die Überlegenheit unser sozialistischen Ideologie in der Klassenauseinandersetzung zwischen Sozialismus und Kapitalismus", ohne Datum, Bl. 13.
11.
SAPMO-BArch DY 24/8585, Argumentationshinweise für die Mitgliederversammlung der FDJ im März 1973 zum Thema: "Die Überlegenheit unser sozialistischen Ideologie in der Klassenauseinandersetzung zwischen Sozialismus und Kapitalismus", ohne Datum, Bl. 13.
12.
BStU, MfS-AS, Nr. 432/73, Bd. 2, Sicherheitskonzeption Land: BRD der Arbeitsgruppe Ausländische Festivalteilnehmer, 04.07.1973, Bl. 6.
13.
SAPMO-BArch DY 24/8585, Argumentationshinweise für die Mitgliederversammlung der FDJ im März 1973 zum Thema: "Die Überlegenheit unser sozialistischen Ideologie in der Klassenauseinandersetzung zwischen Sozialismus und Kapitalismus", ohne Datum. Siehe auch: BStU, MfS SED – KL 1106, Material zur Argumentation der SED-Kreisleitung 18 – 01, Bl. 1-6.
14.
Auf Lenin zurückgeführter, erstmals von Stalin verwendeter und von dessen Nachfolgern in der UsSSR seit dem XX. Parteitag der KpdSU 1956 zum "Grundprinzip sozialistischer Außenpolitik´ erhobener Grundsatz für "ein friedliches Nebeneinander und die Zusammenarbeit von Staaten unterschiedlicher Gesellschaftsordnungen in der Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus". Wörterbuch der Außenpolitik und des Völkerrechts, Berlin (Ost) 1980, S. 201 ff.
15.
Der Begriff "Sozialdemokratismus" wird in dem "DDR-Handbuch" des Bundesministeriums für innerdeutsche Beziehungen folgendermaßen definiert: "Ursprünglich von Lenin geprägter Begriff zur Kennzeichnung der Politik der SPD. Nach 1945 wurde er von der SED verwendet, um Abweichungen eigener Parteimitglieder – vor allem ehemaliger SPD-Mitglieder – von der Linie der Parteiführung anzuprangern. Nach dem Juni-Aufstand 1953 wurden oppositionelle Strömungen in der Gesamtgesellschaft häufig mit dem Vorwurf des S. belegt, darüber hinaus aber auch die Politik der SPD in der Bundesrepublik Deutschland, deren ideologische Diversion als einer der Hauptgründe für die Ereignisse des 17.6.1953 dargestellt wurde. Nach dem Abklingen dieser Auseinandersetzungen wurde das Schlagwort des S. in größerem Umfange erst wieder in Zusammenhang mit dem 'Prager Frühling´ 1968 benutzt sowie im Zuge der danach einsetzenden Phase der Entspannungspolitik als Versuch der Abgrenzung gegenüber den für die Sicherheit der eigenen Ordnung als gefährlich erachteten Ideen des Demokratischen Sozialismus." Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen (Hg.), DDR-Handbuch, 3. überarbeitete und erweiterte Auflage, Köln 1985.