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"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

28.9.2005 | Von:
Jochen Fischer
Hans Karl Rupp

Deutsche Vereinigung und NS-Vergangenheit

Aufbrechen der "Kommunikationslatenz"?

Die von Bergmann und Erb bereits 1986 entwickelte These von der "Kommunikationslatenz" besagt, dass einerseits antisemitische Einstellungen in der Bevölkerung verbreitet seien, diese andererseits aber nicht durch das öffentliche Meinungsklima bestätigt werden. Werde diese Latenz dennoch durchbrochen, würde dies moralisch durch Achtungsentzug, in schweren Fällen auch durch rechtliche Folgen sanktioniert. "Solange Konsens in den politischen und kulturellen Eliten besteht, auch gegen 'die Stammtische' den Meinungsdruck aufrechtzuerhalten und sich antisemitischer Ressentiments nicht zu bedienen, kann dies den Antisemitismus aus der öffentlichen Kommunikation weitgehend heraushalten und langfristig die Tradierung antijüdischer Stereotype abschwächen."[18] Bricht dieser in Richtung Latenz ausgeübte öffentliche Druck auf? Für Bergmann und Heitmeyer ist diese Gefahr unter folgenden Aspekten real: Zunächst käme die Forderung nach Aufbrechen dieser "Kommunikationssperre" dem Wunsch nach "Normalisierung" entgegen, der auch von jüngeren Bundesbürgern geteilt werde. Sodann gebe es folgende Erosionselemente: "Israelkritik als Umwegkommunikation", Kritik "mächtiger Juden" in Israel und den USA, Kritik an Tabus generell, ausgehend von der jüngeren und mittleren Generation, sowie Versuche, den Holocaust und den Antisemitismus zu europäisieren.

Einschränkend kann zur These der "Kommunikationslatenz" angefügt werden, dass jene behaupteten durchgreifenden Sanktionierungen erst schrittweise durchgesetzt werden mussten. Bundeskanzler Kohl etwa ließ noch 1986 eine antisemitische Äußerung eines CSU-Bundestagsabgeordneten mit einer Rüge durchgehen.[19] Dies hatte sich spätestens bei Bekanntwerden der Rede zum Tag der Deutschen Einheit, die der Fuldaer Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann (CDU) am 3. Oktober 2003 gehalten hatte, geändert: Dessen Versuch einer "neuen", indirekten Schuldzuweisung[20] führte zum Fraktions- und bald darauf auch zum Parteiausschluss Hohmanns. Der sich mit Hohmann solidarisierende General Reinhard Günzel wurde vom Verteidigungsminister seiner Funktion enthoben und aus der Bundeswehr entlassen.[21]

Eine Auflistung der Erosionselemente erweist die These von der Kommunikationslatenz zumindest teilweise als zu pauschal: Ist es beispielsweise Ausdruck einer Verdrängungstendenz, über die Gehilfenrolle des Vichy-Regimes bei der Judendeportation zu forschen und zu schreiben? Plausibel wird der Verweis auf Erosionstendenzen im Fall Jürgen Möllemann: Hier gab es bereits vor seinem Selbstmord empörte Aufschreie, als die Schmähung des jüdischen Publizisten Michel Friedman durch den FDP-Politiker in einigen Medien als Antisemitismus etikettiert wurde. Der in Umfragen absehbare Erfolg des Möllemann'schen "Projekts 18" deutet im Namen eines "sekundären Antisemitismus" - nicht trotz, sondern wegen Auschwitz werden Ressentiments mobilisiert[22] - auf gefährliche mögliche Entwicklungstendenzen bei künftigen Parlamentswahlen hin. Die Möllemann-Affäre verweist auf eine nach wie vor außerordentliche Labilität des Konsenses gegen Antisemitismus.


Fußnoten

18.
Werner Bergmann/Rainer Erb, Kommunikationslatenz, Moral und öffentliche Meinung. Theoretische Überlegungen zum Antisemitismus in der Bundesrepublik Deutschland, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, (1986) 38, S. 225f.
19.
Auf die Äußerung des CSU-Bundestagsabgeordneten Hermann Fellner, dass die Juden sich immer schnell zu Wort melden würden, wenn "in deutschen Kassen Geld klimpert", reagierte Kohl mit der Bemerkung: "Wenn ich ihn sehe, werde ich ihm sagen: Bitte formulieren Sie so nicht." Vgl. Markus A. Weingardt, Deutsche Israel- und Nahost-Politik, Frankfurt/M.-New York 2002, S. 316f.
20.
Die Schlusspassage der Rede lautet: "Mit einer gewissen Berechtigung könnte man im Hinblick auf die Millionen Toten dieser ersten Revolutionsphase [in der Sowjetunion, d. V.] nach der ,Täterschaft` der Juden fragen. Juden waren in großer Anzahl sowohl in derFührungsebene als auch bei den Tscheka-Erschießungskommandos aktiv. Daher könnte man Juden mit einiger Berechtigung als ,Tätervolk` bezeichnen. Das mag erschreckend klingen. Es würde aber der gleichen Logik folgen, mit der man Deutsche als Tätervolk bezeichnet. (...) Daher sind weder ,die Deutschen`, noch ,die Juden` ein Tätervolk. Mit vollem Recht aber kann man sagen: Die Gottlosen mit ihren gottlosen Ideologien, sie waren das Tätervolk des letzten, blutigen Jahrhunderts." (zit. auf www.kritische-solidaritaet.de).
21.
Vgl. H. K. Rupp (Anm. 9), S. 106f.
22.
Vgl. W. Benz (Hrsg.) (Anm. 12), S. 19.