"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

23.12.2011 | Von:
Reinhard Sturm

Zwischen Festigung und Gefährdung 1924-1929

Wirtschaftsentwicklung

Währungsreform, Dawes-Plan und ausländische Kredite bewirkten einen beträchtlichen Wirtschaftsaufschwung. Produktion, Konsum und Volkseinkommen nahmen zwischen 1924 und 1929 stetig zu. Schwerindustrie (Bergbau, Eisen- und Stahlerzeugung), Maschinenbau und Textilindustrie, vor allem aber elektrotechnische, chemische und optische Industrie sowie neue Industriezweige wie Automobil- und Flugzeugbau, Messing-, Aluminium- und Kunstseideherstellung, Film und Rundfunk konnten ihre Produktion erheblich steigern. Technische Großprojekte wie das Luftschiff "Graf Zeppelin" oder das Verkehrsflugzeug "Dornier DO X" demonstrierten die Leistungsfähigkeit der deutschen Industrie. Bereits 1926 übertraf der Warenexport den von 1913. Da der Aufschwung den Verteilungsspielraum erweiterte, kam er auch Arbeitern, Angestellten und Beamten zugute. Dabei half die 1923 eingeführte, arbeitnehmerfreundlich gehandhabte staatliche Zwangsschlichtung als letzte Instanz bei Tarifkonflikten. 1928/29 erreichten Industrieproduktion und Löhne insgesamt wieder das Vorkriegsniveau – bei deutlich verringerter Wochenarbeitszeit. Der Reichshaushalt war, trotz der Reparationsbelastungen, stets annähernd ausgeglichen.

Quellentext

Konzentrationsbewegung

Die Ursache der bald nach dem Kriegsende in der deutschen Eisenindustrie einsetzenden Konzentrationsbewegung war Rohstoffmangel. Durch den Versailler Vertrag wurde mit einem Federstrich eine Strukturänderung geschaffen, die der deutschen eisenschaffenden Industrie mit einem Schlage ein anderes Gepräge gab: Die Verbindung der rheinisch-westfälischen Werke mit den lothringischen Betrieben, die in dem gegenseitigen Austausch von Ruhrkohle und Koks gegen lothringische Erze und Walzwerksprodukte zum Ausdruck kam, wurde aufgehoben; in Oberschlesien erstreckten sich die Zerstörungen durch die neuen Grenzziehungen sogar auf das Betriebsverhältnis der Werke, die in ihrer technischen Einheit auseinandergerissen wurden. [...]

Es mussten also neue Querverbindungen nach der Rohstoffseite wie nach der Seite der weiterverarbeitenden Industrie geschaffen werden. [...] Auch die Verarbeitungs- und Verfeinerungsindustrie, häufig sogar die Fertigungsindustrie, wurden in die Zusammenschlussbewegung einbezogen. Das größte Beispiel dieser vertikalen Konzernbildung ist die unter Führung von Hugo Stinnes erfolgte Gründung des Elektromontankonzerns, der Rhein-Elbe-Siemens-Schuckert-Union. Unter dem Druck der Rohstoffknappheit wurde der –in seinen Anfängen bis in die Vorkriegszeit zurückreichende – Typus des "gemischten Betriebes" in der Eisenindustrie vorherrschend. [...]
Während in den ersten Nachkriegsjahren Rohstoffsicherung die maßgebende Rolle bei der Konzernbildung gespielt hatte, war jetzt Rohstoff reichlich vorhanden. Der immer drückender werdende Absatzmangel forderte gebieterisch eine Verringerung der Gestehungskosten, um dem Weltmarkt gegenüber konkurrenzfähig zu werden; [...]. Die mit größter Energie aufgenommene technische Rationalisierung der einzelnen Betriebe erwies sich als nicht ausreichend [...]; aber auch der gewaltige Kapitalbedarf, der durch die technische Umstellung der Betriebe hervorgerufen wurde, zwang zu einer Verstärkung der Betriebsgrundlagen durch Zusammenfassung gleichartiger Produktionseinheiten, zu horizontalen Zusammenschlüssen im Wege der Fusion. [...]
Die Angliederung gleichartiger Produktionsstätten gab den Großkonzernen die Möglichkeit, die Erzeugung auf die günstigst gelegenen und bestgeeigneten Betriebe zusammenzulegen und dafür weniger aussichtsreiche Betriebe durch Stilllegung aus dem Produktionsprozess auszuschalten. [...]

Wirtschaftsdienst, Heft 41 vom 10. Oktober 1930, S. 1746-1752 in: Werner Abelshauser/Anselm Faust/Dietmar Petzina (Hg.), Deutsche Sozialgeschichte 1914-1945, C. H. Beck, München 1985, S. 25 ff.

Krisenanfälliger Aufschwung

Gleichwohl blieben die Wachstumsraten der Industrieproduktion und des Außenhandels hinter denen anderer Industrieländer zurück. Außerdem gab es eine Reihe bedenklicher Trends:
  • Das Wirtschaftswachstum war ungleichmäßig verteilt; zum Beispiel konnte die Schwerindustrie mit der Chemie- und Elektroindustrie nicht Schritt halten.
  • Die Wirtschaftskonzentration nahm weiter zu. Bereits 1926 entfielen auf 16 Prozent der Aktiengesellschaften 66 Prozent des Aktienkapitals. Im Bergbau und in der Stahlindustrie dominierten Konzerne. 1925 entstand der weltgrößte Chemiekonzern ("I. G. Farbenindustrie AG"), 1926 der größte europäische Montankonzern ("Vereinigte Stahlwerke"). Monopolpreise für Rohstoffe und Halbfabrikate machten der verarbeitenden Industrie zu schaffen.
  • Wettbewerbsbedingte Rationalisierungen wie die Einführung der Fließbandarbeit nach dem Vorbild der Ford-Werke in den USA gefährdeten immer mehr Arbeitsplätze von Arbeitern und zunehmend auch von kleinen und mittleren Angestellten. Schon vor der Weltwirtschaftskrise lag die Zahl der Arbeitslosen durchschnittlich bei 1,4 Millionen (circa 6,5 Prozent).
  • Die Landwirtschaft arbeitete vielfach unrentabel und war nach ihrer inflationsbedingten Entschuldung bald wieder verschuldet. Das galt sowohl für die Kleinbauern in Mittel-, Südwest- und Süddeutschland als auch besonders für die ostelbischen Großagrarier. Ab 1927 befand sich die Landwirtschaft infolge einer weltweiten Überproduktion, die mit einem anhaltenden Verfall der Erzeugerpreise (besonders für Schweine und Roggen) einherging, in einer Dauerkrise.
  • Die Auslandsverschuldung (vor allem bei den USA) erreichte 1929 einen Gesamtumfang von 25 Milliarden RM; die kurzfristige Verschuldung betrug 12 Milliarden RM. Ein Abzug der kurzfristigen, von den deutschen Banken aber oft langfristig weitervergebenen Auslandskredite konnte verheerende Folgen haben.
  • Die expansive Kreditpolitik der Großbanken und ihre oft riskanten Spekulationen mit Wertpapieren waren nicht ausreichend durch Eigenkapital und liquide Mittel abgesichert, denn private Haushalte und Unternehmen verspürten nach der Inflationserfahrung von 1923 wenig Neigung zum Sparen bzw. zur Kapitalbildung.
  • Die Zentralbank (Reichsbank) konnte damals nur mittels Diskontpolitik (Verteuerung bzw. Verbilligung der Kredite, die sie den Privatbanken gewährte) das Wirtschaftsgeschehen beeinflussen. Über die Mindestreservenpolitik (Erhöhung bzw. Senkung der Geldschöpfung und Kreditgewährung der Geschäftsbanken) sowie die Offenmarktpolitik (An- und Verkauf von Wertpapieren zur Beeinflussung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage) verfügte sie noch nicht.
  • Das Finanzgebaren der öffentlichen Hände gab Anlass zur Sorge. Von 1926 bis 1929 stiegen die jährlichen Ausgaben von Reich, Ländern und Gemeinden zusammen von 17,9 auf 24,3 Milliarden RM. Die Kommunen finanzierten bis zu zwei Drittel ihrer Infrastrukturmaßnahmen unsolide mit Hilfe der Auslandsanleihen.
Demnach fand eine fundamentale wirtschaftliche Stabilisierung in den Jahren 1924 bis 1929 nicht statt; der Wirtschaftsaufschwung wurde mit einer erheblichen "hausgemachten" Krisenanfälligkeit erkauft.

Gesellschaft im Wandel

Nach den Einschnitten durch Kriegseinwirkungen und Gebietsverluste erhöhte sich die Bevölkerungszahl im Deutschen Reich zwischen 1925 und 1933 um etwa 2,8 Millionen, sodass sie am Ende wieder den Vorkriegsstand von rund 65 Millionen erreichte. Davon waren knapp zwei Drittel Protestanten und annähernd ein Drittel Katholiken; der Anteil der Juden sank von 0,9 auf 0,8 Prozent. Im selben Zeitraum hielten die für hochindustrialisierte Gesellschaften typische Landflucht und Verstädterung weiter an. Der Bevölkerungsanteil der Gemeinden mit weniger als 2.000 Einwohnern nahm von 35,6 auf 32,9 Prozent ab, während der der Großstädte (über 100.000 Einwohner) von 26,8 auf 30,4 Prozent anstieg. Parallel dazu vollzog sich ein Rückgang der Erwerbspersonen in der Landwirtschaft von 30,5 auf 28,9 Prozent, in Industrie und Handwerk von 42,1 auf 40,4 Prozent, während der Dienstleistungsbereich von 27,4 auf 30,7 Prozent zunahm.
Die Bevölkerung zwischen 1816 und 1933.Die Bevölkerung zwischen 1816 und 1933.
Die Weimarer Republik erbte vom Kaiserreich eine hochdifferenzierte, hierarchisch gegliederte Industriegesellschaft mit ausgeprägten schicht-, geschlechts- und generationsspezifischen Strukturen sozialer Ungleichheit hinsichtlich Einkommens- und Vermögensverteilung, Berufsbedingungen und familiären Lebensverhältnissen. In manchen Bereichen vollzog sich jedoch in den 1920er Jahren ein beträchtlicher Wandel.

Oberschichten

Zur alten Oberschicht gehörten adlige und bürgerliche Großagrarier, Wirtschaftsbürgertum (darunter immer mehr angestellte "Manager" von Aktiengesellschaften), Bildungsbürgertum, (überwiegend adliges) höheres Beamtentum und Offizierskorps. Sie hatte durch die Revolution von 1918/19 ihren unmittelbaren Zugang zur politischen Macht weitgehend verloren. Unter dem aus ihren Reihen stammenden Reichspräsidenten, dem Generalfeldmarschall a. D. Paul von Hindenburg, gewann sie ihn nach 1925 allmählich zurück. Mit dem großagrarischen "Reichslandbund" und dem schwerindustriell dominierten "Reichsverband der deutschen Industrie" (RDI) verfügte sie über die beiden mächtigsten Interessenverbände. Politisch wurde der protestantische Teil der alten Oberschicht hauptsächlich durch DNVP, DVP und (in geringerem Maße) DDP vertreten; der katholische Teil orientierte sich am Zentrum. Neben die traditionelle Elite schob sich eine durch die breite Einführung der parlamentarischen Demokratie erzeugte "neue politische Oberschicht" (Hagen Schulze): Regierungsmitglieder und Parlamentarier, von denen rund drei Viertel aus sozialen Aufsteigern vor allem aus den Mittel- und Unterschichten bestanden – einer der Gründe für die Verachtung, die die alte Oberschicht dem Parlamentarismus entgegenbrachte. Das bekannteste Beispiel ist Reichspräsident Friedrich Ebert, ein gelernter Sattler, der sich bis zum Staatsoberhaupt hocharbeitete. Vor allem aus den Reihen von SPD, DDP und Zentrum kam die neue politische Oberschicht.

Mittelschichten

Die Mittelschichten umfassten zum einen den "alten Mittelstand": selbstständige Handwerker und Einzelhändler, kleine und mittlere Unternehmer, freie (akademische) Berufe und Bauern, nebst ihren mithelfenden Familienangehörigen – überwiegend Kleinbetriebe mit weniger als fünf Beschäftigten. Die eigentumsorientierten, statusbewussten selbstständigen Mittelständler fühlten sich stets zwischen Kapital und Arbeit eingeklemmt, weil sie im Wettbewerb mit Großunternehmen standen und sich gleichzeitig von den Lohnforderungen der Gewerkschaften bedrängt sahen. Der Verlust ihrer Ersparnisse durch die Inflation 1923 bedeutete für sie eine kollektive traumatische Erfahrung, die mehr noch als Versailler Vertrag und Dolchstoßlegende ihr Vertrauen in den demokratischen Staat untergrub. Zum anderen hatte sich bereits im Kaiserreich ein "neuer Mittelstand" – mittlere und kleine Angestellte und Beamte – herausgebildet, der aufgrund der allgemeinen Bürokratisierungstendenz in Wirtschaft, Gesellschaft und Staat zunahm. Die Berufssituation der Angestellten näherte sich im Gefolge der Rationalisierungswelle in der deutschen Industrie in den 1920er Jahren hinsichtlich der Arbeitsbedingungen (Großraumbüros) und der Arbeitsplatzsicherheit (wachsende Arbeitslosigkeit, besonders bei älteren Angestellten) derjenigen der Arbeiter immer stärker an. Umso verbissener jedoch grenzten sich die Angestellten von den Arbeitern ab, unter anderem durch eigene Versicherungen und durch Verbände, deren politisches Spektrum vom SPD-nahen AfA-Bund ("Arbeitsgemeinschaft freier Angestelltenverbände") bis zum "Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband" (DNHV) reichte. Ihr eher an den Arbeitgebern als an der Arbeiterschaft orientiertes berufsständisches Sonderbewusstsein war in Deutschland ausgeprägter als in vergleichbaren Industrieländern. Charakteristisch für alte und neue Mittelschichten war das breite Spektrum der von ihnen bevorzugten Parteien. Traditionell bildeten sie den Kern des politischen Liberalismus (auch Katholizismus); man wählte aber auch die Deutschnationalen, mittelständisch orientierte Kleinparteien oder regionale Parteien. Diese politische "Heimatlosigkeit" führte zum allmählichen Niedergang der beiden liberalen Kernparteien DDP und DVP.

Unterschichten

Zu den Unterschichten zählten Industrie- und Landarbeiter, Handwerksgesellen und Lehrlinge, Knechte und Mägde, Hausangestellte, Arbeitslose, Rentner und Invaliden. Indus-triearbeiter stellten gut drei Fünftel dieses Gesellschaftssegments. Katholische Arbeiter standen der Zentrumspartei und ihren christlichen Gewerkschaften nahe. Die von der Revolution 1918/19 kaum berührten Landarbeiter blieben eher konservativ orientiert. Die übrigen Unterschichten bildeten das soziale Fundament der Sozialdemokratie und des Kommunismus. Ältere Arbeiter und Facharbeiter fühlten sich eher der SPD und dem ihr nahe stehenden "Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund" (ADGB) verbunden, Jungarbeiter, ungelernte Arbeiter und Arbeitslose eher der KPD. SPD, KPD und Zentrum vermochten ihre Anhänger in ein dicht geknüpftes Netz aus Parteigliederungen, Selbsthilfeorganisationen, Sport- und Freizeitvereinen, Gaststätten, Bildungseinrichtungen und ein eigenes Pressewesen einzubinden. Sozialwissenschaftler sprechen daher von "sozialmoralischen Milieus" (Rainer M. Lepsius) oder politischen "Solidargemeinschaften" (Peter Lösche), beim kommunistischen Milieu sogar von einem abgedichteten "selbstständigen Lager innerhalb der Gesamtgesellschaft" mit einer ausgeprägten "Lagermentalität" (Oskar Negt/Alexander Kluge).

Frauen

Schicht- bzw. milieuspezifische Unterschiede wurden teilweise von geschlechts- und generationsspezifischen überlagert. Frauen blieben trotz Artikel 109 WV (staatsbürgerliche Gleichheit) und 119 WV (eheliche Gleichberechtigung) benachteiligt, da die Gesetzgebung nicht angepasst wurde. So durften verheiratete Frauen, wie schon im Kaiserreich, nur mit Genehmigung des Ehemannes einen Beruf ausüben. Die Erwerbstätigkeit einer Frau galt allgemein als Übergangsstadium bis zur Ehe, in der ihr dann die Hausarbeit und die Kindererziehung zufielen. 1925 waren nur 35,6 Prozent der Frauen erwerbstätig (Männer 68 Prozent), davon jede Zehnte als Hausgehilfin ohne soziale Sicherung und mit überlangen Arbeitszeiten. In der Industrie erhielten Hilfs- und Facharbeiterinnen im Durchschnitt nur zwei Drittel der Männerlöhne; in Krisenzeiten wurden sie stets als erste entlassen. Über diese traditionelle Rollenvorstellung wies das von der Werbung propagierte Bild der "neuen Frau" – berufstätig, unabhängig, selbstbewusst, attraktiv, modisch gekleidet – bereits hinaus. Es bezog sich vor allem auf weibliche Angestellte, deren wachsender Anteil an der Angestelltenschaft 1925 bereits 12,6 Prozent betrug. Zwischen 1919 und 1932 stieg auch der Anteil der Studentinnen von sieben auf 16 Prozent. Leitende Positionen blieben Frauen aber in der Regel verwehrt. Weder die weiblichen Abgeordneten in den Parlamenten (durchweg weniger als zehn Prozent) noch die bürgerliche oder proletarische Frauenbewegung erreichten in den zwanziger Jahren nennenswerte Fortschritte.

Quellentext

Alltag einer Arbeiterin

Unter dem Motto "Mein Arbeitstag – Mein Wochenende" schrieb 1928 das Arbeiterinnensekretariat des Deutschen Textilarbeiterinnenverbandes einen Literaturwettbewerb aus, der sich an alle Verbandsmitglieder richtete. Authentisch und überzeugend sollten die Frauen ihren gewöhnlichen Tagesablauf schildern, für die beste Arbeit standen 30 Mark als Preis bereit. Eine 48-jährige Arbeiterin:

"Durch Arbeitslosigkeit meines Mannes bin ich zu der Erwerbstätigkeit gezwungen. Um nicht in allzu große Notlage zu geraten, muss ich zum Haushalt meiner Familie, welche aus meinem Mann, drei Kindern im Alter von 3 bis 13 Jahren und mir besteht, beitragen. Mein Wohnort liegt im Kreise Zeitz, die Arbeitsstelle ist eine Wollkämmerei, in welcher ich Putzerin bin. Da ich fast eine Stunde Bahnfahrt habe, stehe ich früh um 4.30 Uhr auf. Der Zug fährt um 5.10 Uhr ab, kommt 5.55 Uhr am Arbeitsort an. Da unsere Arbeitszeit um 6 Uhr beginnt, muss ich vom Bahnhof zur Fabrik einen Dauerlauf machen, um zur rechten Zeit zur Stelle zu sein. Dort putze ich bis 14.15 Uhr Krempelmaschinen. Der Zug, mit welchem ich fahren kann, fährt erst um 17.13 Uhr. Ich muss mich solange auf dem Bahnhof aufhalten und bin um 18 Uhr zu Hause. Nun gibt es noch daheim zu schaffen. Das Essen fertig zu kochen, für den nächsten Tag vorzubereiten, bei den Kindern die Sachen nachsehen, ob sie noch ganz und sauber sind. Wenn man den ganzen Tag nicht da ist, wird noch ein bisschen mehr gebraucht, weil die kleinen Schäden nicht so beachtet werden können. Am Abend ist man auch von der langen Zeit müde und abgespannt und die Sachen, Wäsche und Strümpfe, müssen sonntags ausgebessert werden. Manchmal muss ich noch meinen Schlaf opfern, da ich Partei- und Arbeiterwohlfahrtsversammlungen besuche und letztere sogar als Vorsitzende leiten muss. Am Sonnabend bin ich um dieselbe Zeit zu Hause. Da gehe ich erst einmal in den Konsumverein einkaufen, um für die ganze Woche Lebensmittel zu haben. Alle vier Wochen habe ich große Wäsche für meine Familie allein zu waschen. Am Abend vorher mache ich dazu alles fertig, um Sonntagmorgen beizeiten anfangen zu können. Sonst beginnt der Sonntag um 7 Uhr. Da gibt es zu tun mit dem Reinemachen der Wohnung und dem Ausbessern der Kleidungsstücke. Dabei wird das Mittagessen bereitet. Um 14 Uhr beginnt dann für mich der Sonntag. Er wird mit dem Besuch einer Arbeiterveranstaltung oder mit einem Spaziergang beendet [...]."

Kristine von Soden, "Frauen und Frauenbewegung in der Weimarer Republik", in: Die wilden Zwanziger. Weimar und die Welt 1919-33, Espresso, Berlin 1986, S. 112 f.

Jugend

Seit der Jahrhundertwende gab es in der Jugend Ansätze zur Entwicklung von Zusammenschlüssen mit eigenen Wertvorstellungen und Verhaltensweisen. Die naturverbundene bürgerliche "Wandervogel"-Bewegung wurde nach dem Krieg weitgehend von der gesellschaftlich orientierten "bündischen Jugend" abgelöst. In den 1920er Jahren bildeten erwerbslose Heranwachsende aus den Unterschichten in den Großstädten zuweilen "wilde Cliquen", die ihren Protest gegen Armut und Zukunftsunsicherheit "krass materialistisch und nicht selten jenseits der Legalität" (Heinrich August Winkler) auslebten. Nach dem Reichsjugendwohlfahrtsgesetz von 1922 versuchte der Staat, durch Einrichtungen der Jugendfürsorge und Angebote der Jugendpflege die Entwicklung der Jugendlichen positiv zu beeinflussen. Doch blieb Unterschichtkindern der Zugang zu höheren Schulen – und damit der soziale Aufstieg – wegen des weiterhin erhobenen Schulgeldes in der Regel versperrt. Anfang der 1930er Jahre gehörten von neun Millionen Jugendlichen knapp vier Millionen einer Jugendorganisation an. Am beliebtesten waren Sportvereine (zwei Millionen) sowie katholische und evangelische Jugendverbände (eine Million bzw. 600.000). Dahinter schob sich in weitem Abstand die "Hitler-Jugend" (HJ) (100.000) vor die – an Mitgliederschwund leidende – SPD-nahe "Sozialistische Arbeiterjugend" (SAJ) (90.000). Es folgten die "bündischen" Jugendgruppen (70.000) und der "Kommunistische Jugendverband Deutschlands" (KJVD) (55.000). Gleichwohl verbrachten die meisten jungen Leute ihre Freizeit vorzugsweise im Freundeskreis, gingen auf Wanderfahrt und nutzten die Möglichkeiten der neuen "Massenkultur": Grammofon, Radio und Kino, Gaststätten und Tanzlokale. Die Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen der Jahrgänge 1897 bis 1917 waren – je nach Geburtsjahr – durch einschneidende Erfahrungen geprägt: durch das seelisch verwüstende Kriegs- bzw. Fronterlebnis ("verlorene Generation"), das vaterlose Aufwachsen und die Entbehrungen während des Krieges, die Nachkriegskrisen (die eine hohe Jugendkriminalität erzeugten), die Stabilisierungsjahre oder schließlich den unmittelbaren Übergang von der Schule oder der Universität in die Arbeitslosigkeit infolge der Weltwirtschaftskrise ("überflüssige Generation"). Die soziale Unzufriedenheit vieler Jugendlicher äußerte sich nicht zuletzt in der Sehnsucht nach einem sinnerfüllten Dasein und nach Überwindung der gesellschaftlichen und politischen Gegensätze. Von der bürokratischen Politik in den Parlamenten und von den überalterten Parteien und ihren einflusslosen Jugendorganisationen fühlten sich vor allem die außerhalb des katholischen und des Arbeitermilieus stehenden Jugendlichen eher abgestoßen. Dies machte sich ab Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 die extreme Rechte mit wachsendem Erfolg zunutze: Hitler verstand es, die NSDAP als Partei der Jugend und des Aufbruchs zu einer nationalen "Volksgemeinschaft" unter seiner Führung darzustellen.

Sozialpolitik

Viele Erscheinungsformen sozialer Ungleichheit wurden seit der Revolution von 1918/19 zwar nicht beseitigt, aber wesentlich stärker als früher sozialpolitisch abgemildert. Das in den 1880er Jahren von Bismarck eingeführte Sozialversicherungswesen (Kranken-, Unfall-, Invaliditäts- und Altersversicherung) wurde in der Verfassung verankert (Artikel 161 WV), die Rentensätze erhöht. Außerdem sorgte eine Vielzahl von größeren und kleineren Maßnahmen für mehr soziale Gerechtigkeit. Sie reichten von der Anerkennung neuer Berufskrankheiten, die zum Bezug einer Invalidenrente berechtigten, über die Steigerung der Zahl der Ärzte und der Krankenhausbetten bis zum sozialen Wohnungsbau: Zwischen 1925 und 1929 erhöhte sich die Zahl der jährlich fertiggestellten Wohnungen (in weiträumigen Siedlungen oder mehrstöckigen Mietshäusern ohne Hinterhöfe) von 106.502 auf 317.682; davon wurde jede zweite mit staatlichen Mitteln gefördert oder vom Staat selbst gebaut.

Arbeitslosenversicherung

Viele sozialpolitische Reformen waren, neben dem anhaltenden Druck der organisierten Arbeitnehmerschaft, dem tatkräftigen Reichsarbeitsminister Heinrich Brauns (Zentrum) zu verdanken. Sein bedeutendstes Werk war das Gesetz über die Arbeitslosenvermittlung und Arbeitslosenversicherung vom 1. Oktober 1927, von der "Bürgerblock"-Regierung (Zentrum – BVP – DVP – DNVP) unter Reichskanzler Wilhelm Marx (Zentrum) eingebracht und vom Reichstag mit großer Mehrheit verabschiedet. Künftig übernahmen eine Reichsanstalt sowie regionale und lokale Arbeitsämter die Arbeitsvermittlung. Anspruchsberechtigte Arbeitslose konnten bis zu 39 Wochen ihren Unterhalt aus einer Versicherung beziehen, die zu gleichen Teilen durch Beiträge der Arbeitnehmer und der Arbeitgeber finanziert wurde. Der Staat sollte im Notfall mit Darlehen einspringen. Somit wurde bei der sozialen Absicherung der Arbeitslosen das bisherige entwürdigende Fürsorgeprinzip durch das Versicherungsprinzip abgelöst. Weil Teile der Unternehmerschaft schon im Vorfeld heftig über die Erhöhung ihrer Soziallasten klagten, wurde die Beitragshöhe niedrig (auf drei Prozent des Grundlohns) angesetzt. Daher reichten die Finanzmittel vorläufig nur für etwa 700.000 Arbeitslose.

Quellentext

Der Ausbau des Weimarer Sozialstaates

1918

Abschaffung der Gesindeordnung
Einführung des Frauenwahlrechts
Zulassung von Frauen zum Hochschullehrerberuf
Erwerbslosenfürsorge für entlassene Soldaten

1919
Grundrechte der Frauen auf staatsbürgerliche Gleichstellung und Gleichberechtigung in der Ehe
Grundrechte der Jugend auf Erziehung, Bildung, Schutz, Fürsorge und Pflege
Koalitionsfreiheit und Tarifautonomie für Gewerkschaften und Unternehmerverbände
Verankerung des Sozialversicherungssystems in der Verfassung

1920
Betriebsrätegesetz
Grundschulgesetz
Versorgungsregelung für 1,5 Millionen Kriegsbeschädigte und 2,5 Millionen Hinterbliebene

1922
Jugendwohlfahrtsgesetz
Zulassung von Frauen zum Richteramt
Mietpreisbindung
Arbeitsnachweisgesetz (Ablösung der gewerblichen durch eine kommunale Arbeitsvermittlung)
Entsendung von Betriebsratsmitgliedern in die Aufsichtsräte

1923
Jugendgerichte
Gesetz über Mindestlöhne für Heimarbeiter
Förderung der Einstellung von Schwerbeschädigten
Mieterschutz gegen willkürliche Kündigungen
Knappschaftsgesetz (soziale Sicherung der Bergleute)
Staatliche Zwangsschlichtung von Tarifstreitigkeiten

1924
Einheitliche staatliche Fürsorge (statt kommunaler Armenpflege)

1925
Wöchnerinnen- und Mutterschutz als Pflichtleistung der Krankenkassen

1926
Landesarbeitsgerichte, Reichsarbeitsgericht

1927
Besonderer Arbeits- und Kündigungsschutz für werdende und stillende Mütter
Gesetz über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung
Mehrarbeitszuschläge für Überstunden

1928
Krankenversicherungspflicht für Seeleute

Zerwürfnis der Tarifvertragsparteien

1928 vertiefte sich die Kluft zwischen RDI und ADGB. Zunächst gingen die Gewerkschaften im September mit einem Programm für "Wirtschaftsdemokratie" in die Offensive. Ihre Forderungen lauteten:
  • Ausbau des Arbeitsrechts, der Sozialpolitik und der innerbetrieblichen Mitbestimmungsrechte,
  • Erleichterung des Bildungszugangs für Arbeiter,
  • Vermehrung der "gemeinwirtschaftlichen" (das heißt der staatlichen und genossenschaftlichen) Betriebe,
  • paritätische Besetzung der Handels-, Handwerks- und Landwirtschaftskammern,
  • Kontrolle der Großunternehmen durch Kartellämter und durch Arbeitnehmervertreter in den Geschäftsleitungen.
Die Arbeitgeberverbände begriffen die "Wirtschaftsdemokratie" nicht zu Unrecht als Kampfansage an die freie Unternehmerinitiative; vor allem der RDI reagierte mit heftiger Kritik. Mehr noch: Beim "Ruhreisenstreit" im Oktober 1928, dem größten Arbeitskampf in der Geschichte der Weimarer Republik, lehnte die Arbeitgeberseite den eher maßvollen Schiedsspruch des staatlichen Schlichters ab, sperrte mehr als 230.000 Metallarbeiter aus, ließ es auf ein Arbeitsgerichtsverfahren ankommen und begann eine Kampagne gegen die staatliche Zwangsschlichtung bei Tarifkonflikten. Der Druck der Unternehmer führte am Ende zu einem zweiten, für sie günstigeren Schiedsspruch. Mit seiner Offensive gegen Gewerkschaften und Zwangsschlichtung signalisierte der RDI, dass er die Flächentarifverträge durch betriebliche Einzelvereinbarungen zwischen Unternehmensleitung und Belegschaft (ohne gewerkschaftliche und staatliche Beteiligung) ersetzen wollte. So standen sich Ende 1928 Unternehmerverbände und Gewerkschaften unversöhnlich gegenüber – der Stinnes-Legien-Pakt vom November 1918, die "Sozialverfassung der Republik" (Hagen Schulze), war zerbrochen.


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