"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Hans-Ulrich Thamer

Die nationalsozialistische Bewegung in der Weimarer Republik

Folgen des Weltkrieges

Als sich der Erste Weltkrieg in den Schützengräben festgefressen hatte, erlebte die deutsche Gesellschaft im Inneren nicht nur schwere materielle Bedrückungen, sondern verschärfte soziale Konflikte, neue Formen der staatlichen Intervention und der organisierten Kriegswirtschaft. Vor allem aber vollzog sich der Eintritt breiter Schichten in das politische Leben unter den Vorzeichen eines militanten Nationalismus, einer verschärften politischen Polarisierung, die das Freund-Feind-Denken der Weimarer Republik vorwegnahm und zu einer Brutalisierung des politischen Verhaltens führte. Der Schock über die unerwartete militärische Niederlage des Deutschen Kaiserreichs und den damit verbundenen Zusammenbruch der Monarchie im November 1918 führte nicht zu einem Abbau autoritärer Verhaltensweisen und langfristig nicht zu einem Mentalitätswandel, der zu einer Befestigung der jungen Demokratie hätte beitragen können. Im Gegenteil, bei der Mehrheit der Deutschen bewirkten Krieg und Niederlage, Zusammenbruch und Revolutioeine Radikalisierung älterer Einstellungen und verstärkten die Suche nach Sündenböcken.

Mit der sogenannten Dolchstoßlegende bot sich eine propagandistisch wirksame Erklärung für die nationale Demütigung an. Nach dieser Legende ist ein Teil der von der politischen Linken angeblich aufgehetzten Heimatbevölkerung dem im Felde unbesiegten Frontheer in den Rücken gefallen und hat damit die Niederlage verursacht. Mit derartigen Erklärungen konnten die alten Eliten und die deutsche Rechte leicht von den eigentlichen Ursachen des deutschen Zusammenbruchs ablenken, die primär im politisch-sozialen System lagen. Es war verhängnisvoll für die weitere politische Entwicklung, daß die Empörung über den als Diktat empfundenen Versailler Vertrag in der öffentlichen Diskussion in Deutschland die fällige Selbstkritik an der wilhelminischen imperialistischen Politik der Vorkriegs- und Kriegsjahre weitgehend verdrängte. All das belastete die ungeliebte Republik von Weimar. Hinzu kam, daß die Republik selbst politisch und materiell wenig Glanz, dafür um so mehr Krisen und Elend zu bieten hatte.

Die Krise der Weimarer Demokratie, die schließlich in die Staats- und Wirtschaftskrise der Jahre 1930 bis 1932 und zur nationalsozialistischen Machtergreifung führen sollte, hatte zugleich eine europäische Dimension. Überall stellte der Erste Weltkrieg, die "Urkatastrophe unseres Jahrhunderts" (George Kennan), die europäischen Staaten und Gesellschaften vor schwere materielle und soziale Belastungen und führte zu einer politischen Mobilisierung und Radikalisierung. Auf den politischen Flügeln entstanden radikale Parteien. Sie waren radikal nationalistisch dort, wo man die Ergebnisse der Friedenskonferenzen von Versailles und den anderen Pariser Vororten nicht hinnehmen wollte. Daneben wurden vor allem aber in vielen Staaten Europas linkssozialistische und kommunistische Bewegungen gegründet, die zur sozialen Revolution aufriefen. Die Mobilisierung durch den industriellen Großkrieg und die sozialen und materiellen Folgen der Demobilisierung nach dem Krieg führten überall zu Massenprotesten, mitunter zu sozialvolutionären Umverteilungsaktionen bis hin zu Land- und Fabrikbesetzungen wie beispielsweise in Norditalien.

Die politische Mobilisierung erfaßte soziale Gruppen, die bislang am politischen Leben kaum beteiligt waren und nun auf Teilhabe drängten. Das stellte sowohl die Parteien als auch die Verfassungsordnung vor neue Herausforderungen. Die Ausweitung bzw. Veränderung des Wahlrechts 1918 (z.B. Abschaffung des preußischen Dreiklassenwahlrechts und Einführung des Frauenwahlrechts) zwang die alte politische Klasse, sich an neue Gesichter, neue politische Auswahlverfahren bzw. an einen neuen politischen Stil anzupassen. Politische Entscheidungen konnten nicht länger nur in den Kabinetten oder in den bislang von bürgerlichen Eliten beherrschten Parlamenten getroffen werden, sondern gerieten unter den Druck der Agitation auf der Straße und von paramilitärischen Verbänden. Hinzu kam die Bedrohung durch die kommunistische Revolution, die mit der Forderung nach einer Diktatur des Proletariats die bürgerlichen Ordnungen Westeuropas herausforderte und auch die reformistischen sozialistischen Parteien in Bedrängnis brachte soe zur verhängnisvollen Spaltung der Arbeiterbewegung führte.


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