"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Hans-Ulrich Thamer

Die nationalsozialistische Bewegung in der Weimarer Republik

Faschistische Bewegungen in Europa

Die revolutionäre Nachkriegskrise führte in vielen europäischen Staaten zur Bildung von extrem nationalistischen, faschistischen Protest- und Kampfbewegungen, die sich durch eine militante antiliberale, antimarxistische und teilweise auch antibürgerliche Haltung hervortaten. Sie propagierten jenseits der parlamentarischen Debatte politischen Kampf und Gehorsam, terroristische Einschüchterung und politische Gewalt als Inhalt von Politik und praktizierten sie mit ihren nach der Hemdfarbe ihrer Uniformen benannten Parteiarmeen der Schwarz-, Braun- oder Grünhemden.

Ihr Vorbild war die italienische faschistische Bewegung von Benito Mussolini, der seine "Fasci di combattimento" 1919 gegründet und mit den faschistischen Sturmtruppen (Squadren) seit 1920/21 im Norden des Landes durch politischen Terror zunehmend eine Art Nebenregierung errichtet hatte. Mit seinem "Marsch auf Rom", der mehr ein inszeniertes Propaganda- und Drohmanöver als eine wirkliche Putschaktion darstellte, war er schon 1922 als Chef einer konservativen Koalitionsregierung an die Macht gekommen, die er bis 1925 zu einer faschistischen Führerdiktatur ausbaute. Auch die frühe Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) orientierte sich am politischen Stil des italienisches Vorbildes, bis nach Hitlers Machtergreifung 1933 der Nationalsozialismus zum neuen Zentrum autoritärer und faschistischer Bewegungen bzw. Regime der dreißiger Jahre werden sollte.

Vergleicht man die Erfolgschancen der faschistischen Bewegungen und Grüppchen, die sich in Frankreich ebenso finden wie in Spanien, Rumänien, Ungarn, Jugoslawien oder in England, dann lassen sich wichtige Voraussetzungen für den Durchbruch zur Massenbewegung bis hin zur Regierungsbeteiligung der europäischen Faschismusbewegungen bestimmen: Massenwirksamkeit und politische Erfolge erreichten sie dort, wo das überkommene bürgerlich-liberale Parteiensystem nicht mehr zur stabilen Mehrheitsbildung fähig war und eine starke Linksbewegung das bürgerliche Lager verunsichert hatte.

Erfolgreich waren sie auch dort, wo zu den politisch-sozialen Krisen noch Belastungen der nationalen Identität durch die Niederlage im Ersten Weltkrieg und eine Friedensregelung hinzukamen, die als nationale Schmach und als Herausforderung zu einer radikalen Revisionspolitik empfunden wurde. Hier boten sich die faschistischen Bewegungen als militante Hilfstruppen dem verunsicherten bürgerlichen Lager an und versuchten dieses dann durch die Dynamik der eigenen Massenbewegung zu überspielen.

Diese Bündelung verschiedener Problemkonstellationen finden wir vor allem in Italien und Deutschland, zwei spät gebildeten Nationen mit starken inneren Spannungen. Nur hier konnten die faschistisch-nationalsozialistischen Bewegungen zu einer Massenbewegung anschwellen und zu einem eigenständigen politischen Machtfaktor werden, der ihnen dann im Bündnis mit konservativen Parteien und Gruppen den Weg zur Macht öffnete.

In anderen westeuropäischen Ländern blieben die faschistischen Bewegungen Splitterparteien, da sich die liberale Verfassungsordnung als stabil erwies. In den südosteuropäischen Regionen war die allgemeine politische Mobilisierung noch nicht so weit vorangeschritten, daß sich die traditionellen Eliten verunsichert fühlten und nach einem Bündnis mit der jeweiligen radikalen faschistischen Bewegung ihres Landes Ausschau hielten.

Demgegenüber war der Erfolg von Mussolini und Hitler mit ihren Parteien Folge von langfristigen Strukturveränderungen, die zwar unterschiedlich ausgeprägt waren, aber in beiden Ländern nicht mehr durch ein gestärktes nationales Selbstwertgefühl kompensiert werden konnten. Fühlte man sich in Italien nach 1919 um den Sieg betrogen, so richteten sich in Deutschland die Kampagnen, die unter dem Schlagwort des "Dolchstoßes" gegen die sogenannten "Novemberverbrecher" wie gegen die Weimarer Republik geführt wurden, deren "Erfüllungspolitik" man als Verrat "nationaler Interessen" und als politische Schwäche bekämpfte.


Dossier

Das Deutsche Kaiserreich

War das Deutsche Kaiserreich ein "normaler" Nationalstaat? Oder führte der "deutsche Sonderweg" in die Moderne letztlich zu Weltkrieg und Nationalsozialismus?

Mehr lesen

Dossier

Der Erste Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg gilt als Zäsur des beginnenden 20. Jahrhunderts: Er zerstörte naive Fortschrittshoffnungen, offenbarte die Zerstörungspotentiale der industriellen Moderne und prägte als "Urkatastrophe" maßgeblich alle Bereiche von Staat, Gesellschaft und Kultur ebenso wie den weiteren Verlauf der neueren Geschichte.

Mehr lesen