"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Hans-Ulrich Thamer

Die nationalsozialistische Bewegung in der Weimarer Republik

Belastungen der Weimarer Republik

Die Weimarer Republik hatte es schwer, als neue politische und gesellschaftliche Ordnung von der Mehrheit der Deutschen anerkannt zu werden. Zu schwer wogen die Erblasten, die sie vom Kaiserreich übernehmen mußte und die sie in der kurzen Zeit ihrer Existenz kaum abbauen konnte: Ein obrigkeitsstaatliches Politikverständnis und eine autoritär geprägte politische Kultur, dazu ein zunehmend militantes antidemokratisches Denken, das auch das zivile Leben mehr und mehr prägte; ferner mangelnde Erfahrung mit demokratisch-parlamentarischen Entscheidungsprozessen und eine scharfe Abneigung gegen politische Kompromisse und Koalitionen unter den Parteien; die Orientierung der Parteien an den Weltanschauungsgeboten, die ihrer Kompromißbereitschaft enge Grenzen zogen. Das alles förderte die Neigung zu einer überparteilichen bürokratischen Form der Politik, die man lieber Fachleuten und Beamten anvertraute als den ungeliebten Parteien.

Schließlich förderten die materiellen und sozialen Belastungen durch fast permanente ökonomische Krisen eine Polarisierung der überkommenen Klassengesellschaft. Tiefe Gräben trennten darum die politischen Lager der Weimarer Republik, und sie wurden im Verlauf ihrer Geschichte noch tiefer. Das Freund-Feind-Denken wurde zu einem vorherrschenden politischen Schema. Die Weimarer Republik wurde zu jedermanns "Vorbehaltsrepublik": Für die einen trug sie den Makel einer Geburt aus Niederlage und Revolution. Das machte sie reaktionären und restaurativen Kräften in Politik, Wirtschaft, Militär und Verwaltung verhaßt. Strebten die traditionelleren Gruppen, die vor allem in der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) ihre politische Heimat fanden, darum zurück zur Monarchie, so bot die Republik der militanten neuen Rechten einen Vorwand zur Agitation für eine nationale Diktatur. Für die andern, die politische Linke, waren die Strukturreformen, zu der die Republik anfangs noch die Kraft hatte, nicht weit genug gegangen, wadem Radikalismus von links in der Unabhängige Sozialdemokratischen Partei (USPD) 1919 und später in der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) verstärkten Zulauf aus dem Lager der Enttäuschten sicherte.

Die Weimarer Republik hatte am Anfang durchaus Chancen. Das beweisen die Wahlergebnisse zur Nationalversammlung vom Januar 1919, bei denen 76,1 Prozent der Wähler sich für demokratische Parteien entschieden. Aber die neue Verfassungsordnung hätte Zeit gebraucht, um eine demokratische politische Kultur zu befestigen. Und sie hätte günstige ökonomische und politische Rahmenbedingungen gebraucht, um die Folgen von Krieg und Inflation zu überwinden. Beides aber hatte die Weimarer Republik nicht. So blieben viele Reformen und Leistungen im sozialpolitischen Bereich, aber auch in der Außen- und Wirtschaftspolitik stecken und kurzfristig ohne Wirkung.

Als aber der wirtschafts- und sozialpolitische Ausgleich, den die Republik 1919 ansatzweise realisiert hatte, bald vollends zerbrach und vor allem einflußreiche Kräfte der Großlandwirtschaft sowie Teile der Großindustrie die ersten schweren innen- und außenpolitischen Krisenjahre nutzten, um gegen die Wirtschafts- und Sozialpolitik der Weimarer Koalition Sturm zu laufen, waren die Chancen verspielt. Nun schlugen die antiparlamentarischen Vorbehalte in antidemokratische Politik um. Unter den ungünstigen Bedingungen, mit denen die Republik vor allem in ihren Anfangs- und Schlußjahren von 1919 bis 1923 und dann von 1929 bis 1933 zu ringen hatte, wurden die langfristigen politischen und sozialen Belastungen zu einer Bürde, an denen die pluralistische Demokratie zerbrach.

Verschärft wurde die innenpolitische Polarisierung von Anfang an durch die außenpolitischen Belastungen, die mit dem Namen Versailles verbunden sind. Auch wenn die tatsächlichen außenpolitischen und außenwirtschaftlichen Auflagen und Verluste gemessen an den viel weitergehenden Forderungen einiger Siegermächte noch moderat waren und sich mittelfristig mit einer klugen Politik durchaus hätte korrigieren lassen, so lagen die eigentlichen Belastungen mehr im kollektivpsychologischen Bereich, in dem verbreiteten Gefühl nationaler Demütigung. Denn die deutsche Großmachtposition war in ihrer Substanz noch erhalten und die internationalen Verhältnisse boten die Chancen zu einer friedlichen, aber eben auch zu einer aggressiven Politik der Revision der internationalen Nachkriegsordnung und der dort diktierten deutschen Gebietsabtrennungen vor allem an Polen und Frankreich.

Für sich genommen wäre jeder Belastungsfaktor erträglich gewesen. Erst ihre Bündelung wurde zu einer Gefahr für die Republik, die sich seit der Wahl des populären Weltkriegsgenerals Paul von Hindenburg zum Reichspräsidenten 1925 stärker nach rechts bewegte. Das gab jenen Kräften Auftrieb, die einen Verfassungswandel weg von Parlamentarismus und Sozialstaat hin zu einem autoritären Verwaltungsstaat anstrebten. Verstärkt wurden solche Bemühungen durch die Krise des Parteiensystems selbst, das immer weniger zu notwendigen Kompromissen und Kursänderungen im Bereich der Finanz- und Sozialpolitik fähig war. Die Rede war von einem "Hindenburg-Kabinett", das ohne die Sozialdemokraten mit den Mitteln des Notstandsartikels 48 der Weimarer Verfassung einen Schritt in Richtung eines neuen starken Staates gehen sollte.


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