"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Hans-Ulrich Thamer

Die nationalsozialistische Bewegung in der Weimarer Republik

Weltwirtschaftskrise

Im Winter 1929/30 wurde Deutschland von den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise erfaßt. Ab September 1929 stieg die Zahl der Arbeitslosen innerhalb eines Jahres von 1,3 auf 3 Millionen. Im September 1932 lag die Zahl bei 5,1 Millionen und überstieg Anfang 1933 die Sechs-Millionen-Grenze. Damit war jeder dritte deutsche Arbeitnehmer arbeitslos. Diese Krise und die ungelösten Finanzprobleme des Deutschen Reiches eröffneten die Chance zu einer Verformung der Verfassung im autoritären Sinne. Fast alle Parteien, vor allem auch die der bürgerlichen Mitte, rückten ein Stück weit nach rechts. Das kam in Führungswechseln, aber vor allem in ihrem politischen Stil zum Ausdruck. In der Zentrumspartei bedeutete die Wahl von Prälat Ludwig Kaas bereits 1928 einen solchen Rechtsruck. Nach dem Tode von Gustav Stresemann 1929 erhielten in der Deutschen Volkspartei (DVP) Interessen der Schwerindustrie das alleinige Sagen. In der DNVP dominierten nun die Kreise, die mit der Wahl des nationalistischen Großverlegers Alfred Hugberg zum Parteivorsitzenden gegen die vorübergehende Annäherung an die bürgerliche Regierungsmehrheit und für die Rückkehr zu einem scharfen Oppositionskurs gegen die Republik eintraten.

Die Parteien organisierten sich zusätzlich in Kampfbünden, die auf der Straße agitierten und ihre militante Bereitschaft zu Entschlossenheit und Kampf demonstrieren sollten, sei es für oder gegen die Republik. Das reichte bis zur republikanischen Wehrorganisation "Reichbanner Schwarz-Rot-Gold" und dem "Jungdeutschen Orden", dem sich die linksliberale Deutsche Demokratische Partei (DDP) anschloß. Auf der Rechten gab es schon längst die zahlreichen Wehrverbände und Kampfbünde, unter denen der "Stahlhelm" eine große Nähe zum politischen Establishment aufwies und die SA als paramilitärische Einrichtung der NSDAP vor allem in den zunehmenden Straßenkämpfen mit dem kommunistischen "Rotfrontkämpferbund" die spektakulärsten Auftritte inszenierte. Es war eine schleichende Militarisierung des politischen Lebens, in dem die Verfassungsnormen einer parlamentarischen Demokratie immer mehr durch Muster eines gewaltbereiten Aktionismus ersetzt wurden. Die Militanz der SA fiel allenfalls noch durch ihre besondere Radikalität auf, ansonsten aber war bereits eine gewisse Gewöhnung an einen veränderten politischen Stil eingetreten.

Nun erwies sich der Notstandsartikel 48 der Weimarer Verfassung, der dem demokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert bis 1925 zur Stabilisierung der parlamentarischen Verfassung gedient hatte, als Hebel für eine Verfassungsrevision. Reichskanzler Heinrich Brüning vom Zentrum (1930 bis 1932), der selbst den Parlamentarismus beschneiden wollte und mit einer Rückkehr zur Monarchie liebäugelte, konnte sich noch auf die Tolerierung durch die Mehrheit im Reichstag stützen. Diese sah in einer Präsidialregierung angesichts der drohenden Polarisierung von den politischen Flügeln her und vor allem angesichts der nationalsozialistischen erdrutschartigen Wahlerfolge vom September 1930 immer noch das kleinere Übel. Brüning begab sich aber immer mehr in Abhängigkeit vom Reichspräsidenten und von den Machtgruppen vorwiegend aus Reichswehr und Großagrariern, die unmittelbaren Einfluß auf den "alten Herrn", Reichspräsident Hindenburg, hatten. Damit wurde Brüning zum "ersten Kanzler der Auflösung der Weimarer Republik" (rl Dietrich Bracher), dem mit Franz von Papen und Kurt von Schleicher Exponenten eines entschieden autoritären Kurses folgten, die Parteien und Parlament gänzlich ausschalten wollten.


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