"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Hans-Ulrich Thamer

Die nationalsozialistische Bewegung in der Weimarer Republik

Aufstieg der NSDAP 1919 bis 1929

Der Nationalsozialismus war ein Kind der Krisen. Seine Entstehung fiel in die krisenhaften, von Revolution und Gegenrevolution geprägten Anfangsjahre der Weimarer Republik, sein Aufstieg zur Massenpartei seit den Wahlen von 1930 war eng verbunden mit der Staats- und Wirtschaftskrise der Weimarer Republik. Während die erste Phase noch mit der Selbstbehauptung der von allen Seiten bekämpften parlamentarischen Ordnung der jungen Republik einerseits und dem fehlgeschlagenen Putsch der NSDAP vom 9. November 1923 andererseits endete, mündete die große Krise der dreißiger Jahre und der erneute Ansturm von rechts auf die Republik in der Etablierung der Diktatur. Dazwischen lagen die wenigen Jahre der Stabilisierung der Weimarer Republik, die für die NSDAP die bescheidene Existenz einer Splitterpartei bedeuteten, die sich dann 1928/29 im Augenblick neuer Wahlerfolge mitten in der organisatorischen Umgestaltung befand.

Frühgeschichte

Begonnen hatte die NSDAP als eine unter vielen Protestgruppen im völkisch-antisemitischen Milieu Münchens, wo die Nachkriegswirren noch durch die Münchener Räterepublik und die anschließende Gegenrevolution verschärft wurden. Aus dem "Alldeutschen Verband", dem mächtigsten nationalistischen und antisemitischen Agitationsverband der Vorkriegs- und Kriegszeit, hatten sich verschiedene völkisch-nationale Organisationen herausgebildet, unter ihnen auch die "Thule-Gesellschaft", ein "Germanenorden" mit geheimen, okkultistischen Ritualen, dessen Mitglieder vorwiegend aus dem bürgerlichen Milieu stammten. In ihrem Kampf gegen die politische Linke versuchte diese Gruppierung auch, Arbeiterzirkel zu bilden, was zur Gründung der Deutschen Arbeiterpartei (DAP) durch den Eisenbahnschlosser Anton Drexler zusammen mit dem Journalisten Karl Harrer am 5. Januar 1919 führte. Die DAP blieb zunächst eine unter vielen völkischen Splittergruppen, die sich ohne besonderes programmatisches Profil zunächst in Stammtischgesprächen echöpfte und durch einige zugkräftige Redner und Werbeveranstaltungen in den Münchner Bierhallen Aufsehen zu erregen versuchte.

Ein anderer Ableger des Alldeutschen Verbandes war die zunächst erfolgreichere antisemitische Sammlungsbewegung, der "Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund". Er unterhielt zahlreiche Querverbindungen zu Freikorps und rechtsstehenden Kreisen der Reichswehr bzw. Soldatenverbänden, bald aber auch zur jungen DAP/NSDAP, deren Funktionäre anfangs ebenfalls Mitglieder des Schutz- und Trutzbundes waren. Als dieser nach inneren Zerwürfnissen zerfiel und nach dem von Angehörigen der rechtsextremen völkisch-nationalistischen Organisation "Consul" an Außenminister Walther Rathenau begangenen Mord (24. Juni 1922) schließlich verboten wurde, trat die NSDAP deren Nachfolge an, die sich unter der Führung Adolf Hitlers mittlerweile zur lautstärksten Gruppe der völkischen Bewegung entwickelt hatte.

Am 12. September 1919 hatte der Reichswehragent Adolf Hitler im dienstlichen Auftrag eine Versammlung der DAP besucht. Das Bayerische Reichswehrgruppenkommando hatte ihn nach der Absolvierung politischer "Aufklärungskurse" abkommandiert, um Parteiversammlungen im Münchener Raum zu beobachten und unter Soldaten politisch zu agitieren. Ein Diskussionsbeitrag Hitlers bewog Parteigründer Drexler, diesen zum Eintritt in den Parteiausschuß der DAP einzuladen. Bald darauf schloß er sich der Splittergruppe an, da er hier nach seiner drohenden Entlassung aus der Reichswehr eine politische Betätigung und Heimat zu finden hoffte, die es ihm erlaubte, als Werbeobmann seine demagogischen Fähigkeiten einzusetzen. Binnen kurzem wurde er zum Hauptredner und "Trommler" des Grüppchens aus heimatlosen Soldaten und völkischen Weltverbesserern und machte sich für seine Partei zunehmend unentbehrlich.

Die politischen Ansichten, die er unermüdlich vortrug, waren im völkisch-nationalen Milieu nicht ungewöhnlich: Er rief zum Kampf gegen den als "Schanddiktat" gebrandmarkten Friedensvertrag von Versailles und zur Verfolgung aller als "Novemberverbrecher" denunzierten Repräsentanten der demokratischen Parteien auf, die er bezichtigte, für den "Dolchstoß" aus der Heimat in den Rücken der kaiserlichen Armee an der Front verantwortlich gewesen zu sein. Solche und andere maßlosen, von Haßtiraden geprägten Attacken richteten sich meist gegen Juden, Marxisten, Pazifisten und Demokraten. Auffallend war der Fanatismus, mit dem er seine Parolen vortrug, und die Unbedingtheit, mit der er sich diesen fast bis zur physischen Erschöpfung leidenschaftlich vorgetragenen Schlagworten und Appellen selbst verschrieb.

Auch das 25-Punkte-Parteiprogramm, das von Drexler und Hitler zusammengestellt worden war und aus Anlaß der Umbenennung in "Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei" (NSDAP) am 24. Februar 1920 vorgestellt wurde, stellte einen Querschnitt des damaligen rassistisch-nationalistischen Ideengemenges vermischt mit antikapitalistischen Tönen dar: Die Forderung nach dem Anschluß Österreichs und dem Rückerwerb der Kolonien, nach Wiederherstellung deutscher Großmachtstellung; nach Durchführung einer Bodenreform und der Verstaatlichung der Großunternehmen. Ferner wurde unermüdlich von dem völkischen Weltverbesserer und selbsternannten "Wirtschaftstheoretiker" der Partei, Gottfried Feder, die Forderung nach der "Brechung der Zinsknechtschaft" vorgetragen, die in der Politik der Banken und Börsen das Grundübel sah und deren Verstaatlichung verlangte. Schließlich propagierte man die Forderung nach der Einziehung der Kriegsgewinne sowie der Ausbürgerung der Juden aus dem Deutschen Reich.

Auch wenn dieses aus bereits Vorhandenem zusammengetragene Parteiprogramm 1926 sogar noch für "unabänderlich" erklärt wurde, kümmerte es Hitler wenig. Es sagt weder etwas über das politisch-ideologische Profil Hitlers und der NSDAP noch über deren spätere Attraktivität aus. Hitler benutzte das Parteiprogramm nur, um sich als "Hüter der nationalsozialistischen Idee" darzustellen und zu rechtfertigen.

Die Anziehungskraft, die die Partei zunächst auf das völkisch-antisemitische Lager ausübte, hatte ihre Ursachen zum einen in der Radikalität, mit der die Partei die Vernichtung des Judentums aus dem deutschen "Volkskörper" als Voraussetzung für eine "nationale Gesundung" forderte, und zum anderen in der propagandistisch-rhetorischen Wirkungskraft, mit der Hitler diese Parolen vortrug und bündelte.

Er nutzte den Antisemitismus vor allem in der Entstehungs- und Aufstiegsphase der NSDAP als Integrationsideologie, um die in sich zerstrittenen völkischen Gruppen zu einer "Bewegung" zusammenzuschweißen und die diffusen völkisch-antisemitischen Vorstellungen zu bündeln. Denn mittlerweile war die Saat des Antisemitismus, die im wilhelminischen Deutschland gesät worden war, durch die politische Ideologisierung und Polarisierung im Ersten Weltkrieg aufgegangen. In der Weimarer Republik war sie dann von zahlreichen antisemitischen Organisationen in unterschiedlicher Ausprägung verbreitet worden - einmal schrill und primitiv, dann wieder gemäßigt und mit dem "Anstrich von Wissenschaft" (Uwe Lohalm) versehen.

Das Vordringen antisemitischer Einstellungen läßt sich vor allem an der Einführung des "Arierparagraphen" in den Satzungen zahlreicher Vereine und Verbände ablesen, die die Mitgliedschaft von Juden ausschlossen. Ihr Spektrum reichte von den Soldatenverbänden über den mitgliederstarken und einflußreichen "Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband", den "Reichslandbund" bis hin zu Jugendbünden und Studentenschaften. Das zeigt, daß das antisemitische Vorurteil vor allem in mittelständischen Bevölkerungsschichten auf einen fruchtbaren Boden fiel, die sich durch Statusverlust und Existenzgefährdung bedroht fühlten und nach einem Sündenbock suchten. Dieses große Wähler- und Mitgliederreservoir suchte der Antisemit und Rassist Adolf Hitler mit Erfolg hinter sich zu vereinigen, indem seine eigenen antisemitischen Ressentiments sich mit denen seiner Zuhörer trafen. Das setzte einerseits möglichst allgemeine und vage Formulierungen voraus, um zwischen den zerstrittenen Strömungen vermitteln zu können. Andererseits bedurfte es jener vordergründigen Glaubwürdigkeit und Hingabebereitschaft, die der Agitator Hitler wirkungsvoll verkörperte.

Hitlers Kindheit und Jugend

Wann und wie er sich dieses rassistische und antisemitische Weltbild angeeignet hat, läßt sich nicht mit Sicherheit feststellen. Entscheidender ist ohnehin die Wirkung, die davon ausging. Hitler war bis zu dem Zeitpunkt seines "Eintritts in die Politik" ein politischer und sozialer Niemand, der 30 Jahre seines Lebens am Rande der Gesellschaft, ohne Berufsausbildung und ohne politische Erfahrungen bzw. Aktivitäten zugebracht hatte. Offenbar wurde in dieser Zeit im Wien der Vorkriegszeit sein "Weltbild" in den Grundzügen geprägt. Sein eigentlicher weltanschaulicher Formierungs- und politischer Lernprozeß vollzog sich dann in der relativ kurzen Zeit zwischen 1919 und 1925 in München.

Vieles von dem, was er später in seiner Rechtfertigungs- und Propagandaschrift "Mein Kampf" über seine Kindheit und Jugend geschrieben hat, ist stilisiert oder nur halbwahr. Alles deutete in den frühen Jahren auf eine bescheidene, aber unbedeutende Zukunft, nichts auf eine politische Karriere, die einmal die Welt in Faszination und Schrecken versetzen sollte.

Adolf Hitler wurde am 20. April 1889 in der österreichischen Grenzstadt Braunau als Sohn eines kleinen Zollbeamten geboren, der auf Aufstieg und Respektabilität bedacht war. Die Familie bot ihm auch nach dem Tod des Vaters (1903) durchaus materielle Sicherheit und Geborgenheit. Das galt ebenfalls für die Zeit, als er nach dem 9. Schuljahr seinen Schulbesuch abbrach und in tatenloser Muße zunächst bei der Mutter in Linz (1905 bis 1907) und dann in Wien (1907 bis 1913) zubrachte. Nach zwei vergeblichen Anläufen, in die Wiener Kunstakademie aufgenommen zu werden, führte er ohne Ausbildung ein unstetes Leben, in dem er sich "Kunststudent" oder "Schriftsteller" nannte. Tatsächlich lebte er von dem Verkauf selbstgefertigter Architektur-Ansichtskarten und vertrieb sich seine Zeit mit Aushilfsarbeiten, Theaterbesuchen und Zeichnen.

Aus dieser Zeit stammen auch einige Elemente seiner völkisch-antisemitischen Weltanschauung, die er sich aus wahlloser Lektüre und der Beobachtung des politischen Geschehens aneignete. Eindruck auf ihn machten die wüsten antisemitischen und rassistischen Ausfälle des verkrachten Mönches Lanz von Liebenfels, der in seiner Zeitschrift, den "Ostara"-Heften, in trivialster Form reproduzierte, was sich im Wien der Jahrhundertwende an völkischen Wunschträumen und antisemitischen Ressentiments angestaut hatte. Auch die antisemitische und antisozialistische Demagogie des christlich-sozialen Wiener Oberbürgermeisters Karl Lueger verfehlte ihre Wirkung auf den jungen Hitler ebensowenig wie der österreichisch-großdeutsche Nationalismus des Alldeutschen Georg von Schönerer. Hier begegnete Hitler der gleichen zwanghaften Neigung, mit der er später selber alles Böse dieser Welt auf die Juden zurückführte. Hier fand er die gleiche Radikalität in der Kampfansage gegen die Kräfte der "Zersetzung", die später den Kern der eigen Weltanschauung ausmachten. Schon in der Wiener Zeit war für Hitler der Antisemitismus offenbar "das ideologische Passepartout" (Wendt), mit dem er für sich die Welt und das eigene private Schicksal der drohenden sozialen Deklassierung erklären konnte.

Kriegserlebnis

Einen entscheidenden und prägenden Abschnitt stellte für Hitler, der sich 1913 vor einem drohenden Einberufungsbefehl nach München abgesetzt hatte, das Kriegserlebnis 1914 bis 1918 dar. Ein Foto zeigt ihn mit begeistertem Gesicht in der jubelnden Menge auf dem Odeonsplatz in München am 2. August 1914, dem Tag nach der deutschen Kriegserklärung an Rußland. Die allgemeine Begeisterung des August 1914 ergriff den Außenseiter um so mehr, als er nun aus seinem ziel- und nutzlosen Dasein befreit schien. Hier eröffnete sich ihm eine feste Ordnung, die jene nationalen und sozialen Erwartungen und Einstellungen befriedigte, von denen er bisher nur geträumt hatte. Der Krieg befreite ihn von allen Zurückweisungen einer Gesellschaft, in der er bisher nicht hatte Fuß fassen können.

Am 3. August 1914 richtete Hitler ein Gesuch an den bayerischen König, um als Österreicher in ein bayerisches Regiment aufgenommen zu werden, was ihm bereits einen Tag später gewährt wurde. Als Meldegänger zwischen dem Regimentsstab und vorgeschobenen Stellungen zeichnete er sich durch seine Tapferkeit aus. Einzelgänger blieb Hitler auch als Gefreiter, der nach dem Urteil seiner Vorgesetzten keine "Führungseigenschaften" besaß. Das Fronterlebnis prägte Hitlers starres Festhalten an militärischen Befehls- und Werthierarchien, die später zum bestimmenden Prinzip der Organisationsstruktur der NSDAP und der von den Nationalsozialisten propagierten "nationalen Volksgemeinschaft" werden sollten. Für Hitler war das Regiment, wie ein ehemaliger Vorgesetzter später bestätigte, "Heimat". Schließlich verstärkte das Kriegserlebnis seine Vorurteile, seine vagen völkisch-nationalistischen Wunsch- und Zielvorstellungen. So meinte er zu wissen, daß man nach dem Krieg den "inneren Internationalismus" zerbrechen müsse, und entwickelte einen Haß auf alles Fremde, verbunden mit einer Furcht vor dem inneren und äußeren Feind. Später schrieb er, daß der Krieg für ihn die "unvergeßlichste" und "größte" Zeit seines Lebens gewesen sei.

Um so schockierender mußte auf jemanden, der im Krieg zu sich "gefunden" hatte, die Nachricht von der Niederlage vom November 1918 wirken, von der er nach einer Augenverwundung durch Gasbeschuß im Lazarett erfuhr. Nun gewann der Kampf um die nationale Sache für ihn eine existentielle Dimension. Das war die Quelle der "fanatischen Energie, mit der nun Hitler den Krieg in Permanenz zu seinem Leitbild erhob" (Bracher). Die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln sollte zum ersten und wichtigsten politischen Anliegen Hitlers werden. Sie wurde auch zur Voraussetzung seines politischen Wirkens, denn damit traf er die Gefühle großer Teile der Frontgeneration.

Eintritt in die Politik

Hitlers Eintritt in die Politik vollzog sich wesentlich undramatischer, als er dies später behauptet hat. Wieder waren es der Zufall und seine Sorge um ein bescheidenes Auskommen wie um mentale Geborgenheit, die ihn aus Furcht vor der Demobilisierung zurück zu seinem alten Regiment nach München trieb. Nach Niederschlagung der Münchener Räterepublik im April 1919 stellte er sich einer Untersuchungskommission zur politischen Säuberung der Truppe von "revolutionären Elementen" zur Verfügung und begann damit nach eigenem Urteil seine "erste mehr oder weniger rein politische aktive Tätigkeit". Da er seine Aufgabe mit großem "nationalen Eifer" zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten erfüllte, schickte man ihn im Juni 1919 zu einem politischen Schulungskurs. Für Hitler war das vor allem die Gelegenheit, auf sich aufmerksam zu machen, bis er als "Verbindungsmann" der Reichswehr einem "Aufklärungskommando" zugewiesen wurde und zur Zufriedenheit seiner Auftraggeber politische Agitation betrieb, als "ein geborener Volksredner, der durch seinen Fanatismus und sein populäres Auftreten die Zuhörer unbedingt zur Aufmerksamkeit und zum Mitdenken zwingt."

Wie sehr sich seine antisemitischen Vorstellungen zu diesem Zeitpunkt schon zu radikalen Postulaten verfestigt hatten, zeigt ein Antwortschreiben, das Hitler im Auftrag seines Hauptmanns an einen anderen Verbindungsmann über die "Gefahren des Judentums" verfaßte, seine erste überlieferte politische Äußerung. Dort war von einem "Antisemitismus der Vernunft" die Rede, der "zur planmäßigen gesetzlichen Bekämpfung und Beseitigung der Vorrechte der Juden" führen müsse. Das letzte Ziel aber, so Hitler in diesem Brief weiter, "muß unverrückbar die Entfernung der Juden überhaupt sein." Das waren ideologische Glaubenssätze, die bis zu Hitlers Ende im Berliner Bunker für ihn Gültigkeit behielten, die aber trotz ihrer erschreckenden Kontinuität noch nicht erklären, warum aus diesen antisemitischen Tiraden, die Hitlers Eintritt in die Politik begleiteten, einmal politische Realität werden sollte. Als Verbindungsmann der Reichswehr kam Hitler dann auch zur Deutschen Arbeiterpartei (DAP), einer von etwa 70 rechtsextremen Splittergruppen, die in der ersten Nachkriegszeit überall im Reich entstanden waren. In ihr fand er eine politische Gruppierung, die ähnliche nationalistische und antisemitische Parolen vortrug wie er selbst. Hier fand er nach seiner Entlassung aus der Reichswehr im Mai 1920 eine neue Betätigung.

Führungsclique

Schon bevor Hitler als Bierkeller-Agitator von sich reden machte, war im politischen Lager der nationalen Rechten der zwanziger Jahre die Sehnsucht nach einem großen Führer verbreitet. Er selbst hatte sich anfangs auch nur als "Trommler" für eine nationale Erlösergestalt verstanden, bis er sich schließlich selbst als Anwärter für eine solche charismatische Führergestalt anpreisen konnte. Dies war erst möglich, nachdem er die inzwischen in Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) umbenannte völkische Gruppierung übernommen und zu einer Führerpartei umorganisiert hatte.

Zudem verstand Hitler es, zunehmend Männer seiner Wahl in den Parteivorstand zu schleusen und damit seine Position zu sichern. Dazu gehörte einmal die Gruppe der völkischen Ideologen, die aus der Thule-Gesellschaft stammten: Der antisemitische Schriftsteller Dietrich Eckart, der auf Hitlers politisch-ideologischen Bildungsprozeß einen nicht unerheblichen Einfluß hatte; ferner der Baltendeutsche Alfred Rosenberg, dessen Erfahrungen in Rußland ihn zu einem entschiedenen Antibolschewismus gebracht hatten, den Hitler mit antisemitischen Ideen zur Vorstellung einer "russisch-jüdischen Revolution" verschmolz. Schließlich auch Gottfried Feder, der das Schlagwort von der "Brechung der Zinsknechtschaft" in Umlauf gebracht hatte.

Einflußreicher wurden bald die Militärs: Der Hauptmann Ernst Röhm, der sich zum Verbindungsmann zur Reichswehr und zum Waffenbeschaffer der nationalsozialistischen Parteiarmee entwickeln sollte; der hochdekorierte Jagdflieger des Weltkrieges Hermann Göring, der 1923 das Kommando der SA übernahm; schließlich Oberstleutnant Hermann Kriebel, der über enge Kontakte zu den völkischen Wehrverbänden verfügte.

Darüberhinaus fanden auch einige akademisch gebildete Ex-Offiziere ihre Heimat in der NSDAP: Der fanatische Hitler-Anhänger Rudolf Heß, ferner Max Amann, der den Parteiverlag der NSDAP gründete, schließlich Walter Buch, der später das Parteigericht der NSDAP leiten sollte. Außerdem gehörten zu Hitlers Umgebung die beiden fanatischen Antisemiten Hermann Esser und Julius Streicher. Sie alle unterstützten Hitler in seinem Aufstieg zur Parteiführung und bei seiner Kontaktaufnahme mit Gönnern in Reichswehr und Münchener Bürgertum. So war es auch Ernst Röhm, der die 60000 Reichsmark vermittelte, die für den Ankauf des Parteiblattes "Völkischer Beobachter" erforderlich waren.

Im Zentrum von Hitlers Aktivitäten standen nun weniger programmatische Aussagen als Propagandakampagnen zur Werbung von Mitgliedern und Wählern. Was er von Parteitrupps wirkungsvoll untermauert an antisemitischen, antisozialistischen, völkisch-nationalistischen und antidemokratischen Parolen vortrug, fand auf dem Hintergrund des verlorenen Krieges und der Revolution, des Bewußtseins sozialer Statusbedrohung, aber auch dem Bedürfnis nach Erlösung und politischer Orientierung zunehmend Aufmerksamkeit und Zustimmung. Hitler wurde bald zum Medium vielfacher Ressentiments und Erwartungen. Nicht seine Persönlichkeitsmerkmale und die Originalität seiner politischen Ideen verschafften ihm eine wachsende Aufmerksamkeit und Anziehungskraft, die ihm schließlich auch über die bayerischen Grenzen hinaus den Nimbus eines omnipotenten Führers verlieh, sondern der neuartige politische Stil, der die NSDAP aus dem Gefecht völkischer Verbände heraushob.

Erst die Verbindung von Weltanschauung und Organisation bzw. Propaganda machte die NSDAP unverwechselbar und charakterisierte Hitlers Politikverständnis. Eine "einheitlich organisierte und geleitete Weltanschauung" erklärte Hitler, bedürfe einer "sturmabteilungsmäßig organisierten politischen Partei." Die Weltanschauung könne in knappen Formeln zusammengefaßt werden und müsse nicht in einem wortreichen Programm ihren Ausdruck finden. Endlose weltanschauliche Debatten hielt er für abträglich; sie schadeten der Massenwirksamkeit wie der eigenen Machtposition. Stattdessen müsse die Organisation darauf ausgerichtet sein, die politische Propaganda wirkungsvoll zu verbreiten und der Entschlossenheit der Partei symbolisch Ausdruck zu verleihen.

Wichtigste Elemente der Propaganda, wie sie von Hitler entwickelt und praktiziert wurde, waren die Rede, die Einfachheit der dort vorgetragenen dualistischen Weltsicht und die Gewißheit, mit der Hitler seine Glaubenssätze verkündete; seine Fähigkeit, die eigenen Ängste und Visionen zu einer persönlichen Weltanschauung zu bündeln und sich dabei zum Medium all derer zu machen, die sich von ähnlichen Erfahrungen und Erwartungen bestimmt sahen.


Dossier

Das Deutsche Kaiserreich

War das Deutsche Kaiserreich ein "normaler" Nationalstaat? Oder führte der "deutsche Sonderweg" in die Moderne letztlich zu Weltkrieg und Nationalsozialismus?

Mehr lesen

Dossier

Der Erste Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg gilt als Zäsur des beginnenden 20. Jahrhunderts: Er zerstörte naive Fortschrittshoffnungen, offenbarte die Zerstörungspotentiale der industriellen Moderne und prägte als "Urkatastrophe" maßgeblich alle Bereiche von Staat, Gesellschaft und Kultur ebenso wie den weiteren Verlauf der neueren Geschichte.

Mehr lesen