"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Hans-Ulrich Thamer

Die nationalsozialistische Bewegung in der Weimarer Republik

Erfolg und erstes Scheitern

In der Kombination des "Programmatikers" und des "Politikers" sah Hitler selbst seine politische Stärke begründet, und bald war der innere Kreis seiner Partei auch davon überzeugt. Seit 1922/23 entwickelte sich ein Personenkult um Hitler, der alle Krisen überstand und sich bis zum Ende der zwanziger Jahre durchgesetzt hatte. Der Weg Hitlers zu dieser unangefochtenen Machtposition zunächst in der eigenen Partei und dann in weiten Teilen der Wählerschaft führte über seine rastlosen Propagandaaktivitäten und seine missionarische Ausstrahlungskraft, aber auch über taktisches Geschick, das mit einem ideologischen Machtwillen gepaart war.

Bereits in der ersten Parteikrise vom Sommer 1921, an deren Ende Hitler gegen Drexler den Vorsitz der Partei mit fast diktatorischen Vollmachten erlangen konnte, wurden wesentliche Merkmale von Hitlers Handlungsweise sichtbar, die in späteren Konfliktsituationen und Knotenpunkten in der Geschichte des Nationalsozialismus immer wieder zu beobachten sein sollten: Hitler besaß keinen strategischen Plan zur Erringung der diktatorischen Machtposition, sondern den Willen, sich nicht unterordnen zu müssen. Vor allem vermochte er es, die jeweilige Konfliktsituation durch eine scheindemokratische Mobilisierung der Parteiöffentlichkeit zu seinen Gunsten auszunutzen. Hitler hatte einen eher harmlosen Anlaß zu einer Überreaktion benutzt, die sein Mißtrauen und seinen Machtanspruch durchscheinen ließ. Während seiner Abwesenheit hatte sich die NSDAP mit einer unbedeutenden ideologisch verwandten Gruppierung zusammengeschlossen. Weil er die Verwässerung seines Politik- und Propagandakonzepts durch den anderen völkischen Dettierklub befürchtete, drohte Hitler sofort mit seinem Parteiaustritt. Es sprach für seine Unentbehrlichkeit als Agitator, daß man sich schließlich seinem diktatorischen Machtanspruch unterwarf.

Steigende Mitgliederzahlen

Inzwischen war Hitler schon zum Aushängeschild der Partei geworden und konnte eine deutliche Zunahme an Parteimitgliedern für sich verbuchen. Im Laufe des Jahres 1923 stieg die Mitgliedschaft von 15000 auf 55000 an, blieb aber noch immer auf Bayern konzentriert. Das Aufsehen, das er mit seinen lauten Massenkundgebungen und dem aggressiven Stil seiner politischen Propaganda erregte, brachte ihm zudem bald einflußreiche Gönner und Freunde aus Bürokratie, Militär und Großbürgertum ein, wie etwa die Verlegerfamilie Bruckmann, den Klavierfabrikanten Bechstein oder den Unternehmer Fritz Thyssen. Sie sahen in der NSDAP eine Unterstützung ihrer antisozialistischen Ziele. Die Parteiarbeit wurde sowohl in den Anfängen als auch später weniger durch solche Unterstützungen als durch Mitgliedsbeiträge und Versammlungseinnahmen finanziert.

Massenkundgebungen und spektakuläre Aktionen, wie der nach dem Muster faschistischer Strafexpeditionen gegen Hochburgen der Linken in Norditalien organisierte Auftritt Hitlers mit 800 SA-Männern auf dem "Deutschen Tag" in Coburg im Oktober 1922, bei dem es zu Massenschlägereien mit Sozialdemokraten kam, machten die NSDAP zu einer der auffälligsten antirepublikanischen Agitationsgruppen im süddeutschen Raum. Die Parteipropaganda stilisierte Hitler hinfort als "Retter Deutschlands". Ihre Mitglieder gewann die NSDAP aus vorwiegend mittelständischen Schichten, die von Orientierungs- und Statusverlusten bedroht waren und die sich von der radikalen Agitation der Hitler-Bewegung gegen "Versailles" und den Weimarer Staat angezogen fühlten. Aber auch Angehörige anderer Schichten wurden durch die Propaganda angesprochen. So waren etwa 33 Prozent der frühen Mitglieder Arbeiter. Wichtiger noch war der Zustrom aus den aufgelösten militärischen Verbänden und Freikorps vor allem in Bayern, aber auch im östlichen Deutschlan

Die Folge war ein rasches Anwachsen der SA, die vom ursprünglichen Saalschutz durch den Beitritt von militärisch versierten Führern mehr und mehr zu einem parteiunabhängigen Wehrverband wurde. Das bot den Vorteil, daß man, wie andere nationalistische Verbände auch, von der bayerischen Reichswehr Waffen- und Ausbildungshilfe erhielt. Das hatte aber für Hitler und die NSDAP auch den Nachteil, daß das Eigengewicht der militärischen Führung der SA wuchs und Hitlers Anspruch auf die alleinige Parteiführung immer wieder gefährdet wurde. Durch die Einbeziehung in die von Ernst Röhm im Januar 1923 gegründete "Arbeitsgemeinschaft der vaterländischen Kampfverbände" drohte die SA noch mehr dem Zugriff Hitlers zu entgleiten, obwohl sie im Unterschied zu den anderen Wehrverbänden sich als politischer Verband begriff. Der Konflikt zwischen der politischen Organisation der NSDAP und der Parteiarmee SA um die richtige politische Strategie und den Führungsanspruch sollte den Nationalsozialismus bis zu seiner Machtergreifung 33/34 begleiten. Auch darin lag eine Gemeinsamkeit der europäischen faschistischen Bewegungen, die fast alle eine paramilitärische Parteiarmee besaßen, deren Funktion aber zwischen Wehr- oder Veteranenverband und politischem Propagandainstrument schwankte.

Krise 1923

Die frühe NSDAP verstand sich nicht als Partei, sondern als revolutionäre Bewegung, die auf dem Weg eines Putsches die verhaßte Weimarer Republik von Bayern aus beseitigen wollte. Vorbild und Ermutigung war dabei der erfolgreiche "Marsch auf Rom" von Mussolini im Oktober 1922. Bald danach erklärte NSDAP-Propagandaleiter Hermann Esser Hitler zum "deutschen Mussolini", und Hitler selbst forderte im November eine "nationale Regierung nach faschistischem Muster". Die Gelegenheit dazu bot sich in der Krise des Jahres 1923, die zum Kampf um das "Überleben des parlamentarischen Systems" (Hans Mommsen) führte.

Die schwere ökonomische und politische Krise des Jahres 1923, die die Weimarer Republik an den Rand des Zusammenbruchs führte und vor allem in Bayern den Ausnahmezustand und Gedanken eines nationalen Umsturzes entstehen ließ, schuf den Boden, auf dem die junge NSDAP zu ihrem ersten, eher dilettantischen Griff nach der Macht ausholte.

Die deutsche Wirtschaft wurde 1923 von einer Hyperinflation erschüttert. Der Dollar, der im Juli 1919 noch 14 Mark gekostet hatte, stieg Mitte November 1923 auf 4,2 Billionen Mark an. In diesem Herbst kam es etwa gleichzeitig zu Konflikten zwischen der Reichsregierung und den linken Koalitionsregierungen in Sachsen und Thüringen einerseits und dem Reich und Bayern andererseits, die zu einer politischen Bedrohung der Weimarer Republik wurden. Während die Reichswehr auf die Vorbereitungen eines kommunistischen Aufstandes in Sachsen und Thüringen mit einem sofortigen Einmarsch in Sachsen reagierte, verhielt sie sich in Bayern trotz offensichtlichen Ungehorsams des bayerischen Reichswehrkommandos sehr zurückhaltend.

Damit gab sie der Hoffnung rechtsextremer, nationalistischer Kreise Nahrung, von Bayern aus zum Sturm auf das "rote" Berlin blasen zu können. Reichswehrminister Otto Geßler und der Chef der Heeresleitung General Hans von Seeckt verweigerten einen Einsatz der Reichswehr gegen Bayern, wo unter Bruch der Verfassung Generalstaatskommissar Gustav von Kahr an die Stelle der legalen Regierung trat und sich eine enge Zusammenarbeit zwischen ihm, der bayerischen Reichswehrführung unter General Otto Hermann von Lossow und dem Leiter der Bayerischen Landespolizei Hans von Seißer bildete, die offen Befehle aus Berlin verweigerten. Damit wurde deutlich, daß sich Bayern zum Zentrum von republikfeindlichen Gruppen entwickelt hatte, die Umsturzaktionen gegen die Republik zum Ziel hatten.

Für Hitler bedeutete die undurchsichtige Situation eine Chance und Gefahr zugleich. Er war überzeugt, den Konflikt für die eigenen Zwecke nutzen zu können und die von ihm geführten vaterländischen Kampfbünde auf sein politisches Programm festlegen zu können. Zugleich drohte die Gefahr der politischen Isolierung, zumal die Ausnahmegewalt von Kahrs Hitlers Macht, die sich auf die Volksbewegung stützen sollte, empfindlich einzuschränken begann.

Als sich Putschgerüchte Anfang November verdichteten, drohte Hitler den Anschluß zu verlieren. In den Plänen des Direktoriums Kahr-Lossow-Seißer fehlte sein Name. Auch wenn die drei zögernden Putschisten nicht mehr mit der Unterstützung durch die Reichswehrführung rechnen konnten, hofften sie auf ihre Chance durch eine Parallelaktion in Berlin. Daß eine Putschaktion von rechts, die vermutlich eine französische Intervention provoziert hätte, ohne militärische Unterstützung der Reichswehr zum Scheitern verurteilt sein würde, war auch Hitler bewußt. Der Agitator setzte aber nach wie vor auf eine Propagandaaktion, von der er sich eine Initialzündung für eine Revolution von rechts erhoffte. Die Entfachung einer fanatisierten Massenbewegung, wie sie ihm offensichtlich vorschwebte, paßte aber überhaupt nicht in das Kalkül des Direktoriums und der traditionellen nationalen Kräfte.

Hitler-Putsch in München

Zunächst deutete alles darauf hin, daß die Männer des "alten Systems", nämlich Generalstaatskommissar von Kahr mit der bayerischen Reichswehr und der Landespolizei die Dinge im Griff hatten und daß die Kampfbünde an der kurzen Leine gehalten werden sollten. Das war Grund genug für Hitler, die Flucht nach vorn anzutreten. Die Gelegenheit zum operettenhaften Coup, der ihn doch noch an die Spitze der "deutschen Revolution" setzen sollte, bot eine Kundgebung im Münchner Bürgerbräukeller am 8. November 1923. Hierzu hatte von Kahr mit Ausnahme von Hitler und seinen Gefolgsleuten alles geladen, was im nationalistisch-bürgerlichen Lager Rang und Namen hatte.

Mit Pistolen bewaffnet verschaffte sich Hitler mit seiner Begleitung dennoch Einlaß und verkündete, nachdem seine Gefolgsleute, unter ihnen Göring und Heß, das Podium erobert hatten und die Versammlung mit einem Maschinengewehr in Schach hielten, daß nun die "nationale Revolution" ausgebrochen sei und daß er an die Spitze einer neuen Reichsregierung treten werde. Für den Fall des Scheiterns drohte der selbsternannte nationale Diktator mit Waffengewalt und damit, daß er sich erschießen werde. Das war eine Drohung zu der Hitler in Situationen äußerster Anspannung später noch häufiger greifen sollte. Die Männer der alten, autoritären Ordnung ließen sich von dieser Alles-oder-Nichts-Strategie nicht einschüchtern. Erst durch die Einschaltung des später eingetroffenen populären Weltkriegsgenerals Erich von Ludendorff, der sich auf die Seite Hitlers stellte, gab Kahr nach und willigte in einen Pakt ein. Nach der Versammlung im Bürgerbräukeller sagten sich von Kahr und von Lossow jedoch noch in derselben Nacht von Hitler und Ludendorff los und ließen entsprechende Plakate anschlagen. Zur Begründung gaben sie an, sie seien erpreßt worden.

Als Hitler davon erfuhr, war ihm klar, daß er das Gesetz des Handelns wieder verloren hatte, und er versuchte noch einmal durch einen improvisierten Gewaltakt am Morgen des 9. November die Initiative an sich zu reißen: Er organisierte den "Marsch zur Feldherrnhalle", der später von der NS-Propaganda als Heldentat und Opfergang verklärt wurde. Er war weniger eine militärische Machtdemonstration der von Hitler und Ludendorff angeführten bewaffneten Kampfbünde als eine verzweifelte letzte Demonstration, die im Kugelhagel der Landespolizei in der Münchener Innenstadt endete. Vierzehn Putschisten und drei Polizisten wurden getötet, Hitler konnte leicht verletzt und völlig verwirrt zunächst flüchten, nur Ludendorff marschierte weiter. Ein Desaster für die NSDAP, die in der Folge verboten wurde. Hitler stand vor dem Zusammenbruch seiner kurzen politischen Karriere.

Nach monatelangen Voruntersuchungen wurde er am 1. April 1924 in einem Hochverratsverfahren vor dem bayerischen Volksgerichtshof zu fünf Jahren Festungshaft in Landsberg verurteilt. Unverkennbare national-konservative Sympathien des Gerichts und die rhetorischen Fähigkeiten Hitlers machten den Prozeß zu einem Triumph des gescheiterten Putschisten. Unter dem brausenden Beifall der Zuhörer schuf das Gericht, das wie damals überall im Reich üblich mit Angeklagten aus dem rechten Spektrum besonders milde umging, ein Stück von der "Führer-Legende", indem es dem Agitator Tapferkeit, ein "ehrliches Streben", einen "reinen vaterländischen Geist" und "Selbstaufopferung für die Idee, die ihn beseelte" bescheinigte.

Haftzeit

Während seiner Haftzeit, aus der Hitler am 20. Dezember 1924 vorzeitig entlassen wurde, zerbrach die kaum organisierte und nun führerlose Bewegung in mehrere völkische Gruppierungen. Bei den Reichstagswahlen am 4. Mai 1924 erzielte die völkische Liste 1,9 Millionen Stimmen, am 7. Dezember 1924 nur noch 0,9 Millionen - ein Hinweis auf die einsetzende Stabilisierung der Republik nach dem Katastrophenjahr 1923, das bei den Maiwahlen 1924 noch nachgewirkt hatte.

Da Hitler sich an den völkischen Führungsstreitigkeiten nicht beteiligt hatte, konnte er nach seiner Entlassung wieder zum Sammelpunkt beim Wiederaufbau der NSDAP werden. Er hatte aus dem gescheiterten Putsch drei Konsequenzen gezogen: Zuerst ersetzte eine für die Zukunft angestrebte Legalitätstaktik den Gedanken an einen Putsch als Mittel der Machteroberung, ohne daß er damit der politischen Gewalt abschwor; der Massenmobilisierung und dem Weg über Wahlen räumte er lediglich Vorrang ein. Zweitens wurde die am 27. Februar 1925 neu gegründete NSDAP regional weit gefächert und auf Reichsebene straff organisiert. Sie sollte sich von anderen völkischen Gruppen strikt abgrenzen, die paramilitärische SA hatte sich der politischen Führung der Partei unterzuordnen und sollte vor allem der politischen Massenmobilisierung dienen. Drittens sollte die Partei zu einem bedingungslosen Instrument des Führerwillens geformt werden.

Seine Führungsrolle versuchte Hitler durch seine umfangreiche Programmschrift "Mein Kampf" zu sichern, mit deren Abfassung er im Sommer 1924 in Landsberg begonnen hatte. Der erste Band wurde 1925, der zweite 1927 veröffentlicht. Hier verdichteten sich die bisherigen ideologischen Versatzstücke zu einem geschlossenen Programm, dem sich Hitler bei aller Flexibilität in seiner Politik bis zu seinem Ende im Führerbunker mit dogmatischer Unbeirrbarkeit verpflichtet fühlte und das zugleich zum Bezugspunkt aller parteiinternen Rivalitäten wurde.
Auszug aus:
Informationen zur politischen Bildung (Heft 251) - Die nationalsozialistische Bewegung in der Weimarer Republik


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