"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Hans-Ulrich Thamer

Wirtschaft und Gesellschaft unterm Hakenkreuz

Scheitern der Autarkiepolitik

Anspruch und Wirklichkeit des Vierjahresplanes klafften mitunter weit auseinander. Das galt sowohl für die Lenkungsvollmachten, von denen in bestimmten Sektoren nur zögernd Gebrauch gemacht wurde, als auch für die Autarkieziele, die bei Kriegsbeginn auch deshalb nur annähernd erreicht wurden, weil durch die forcierte Aufrüstung der Bedarf sprunghaft anstieg. So sank bei der Mineralölproduktion die Auslandsabhängigkeit zwischen 1936 und 1938 nur geringfügig von 66 auf 60 Prozent, auch die Buna-Produktion deckte trotz großer Anstrengungen bei Kriegsbeginn nur 50 Prozent des Bedarfs an Kautschuk.

Propagandistisch besonders spektakulär und wirtschaftspolitisch umstritten waren die Bemühungen um eine Steigerung der heimischen Eisenerzproduktion. Durch den Abbau und die Verhüttung heimischer minderwertiger Eisenerze sollte die Abhängigkeit von Exporten reduziert werden. Da dieses Verfahren äußerst kostspielig und wenig rentabel erschien, wollte die Schwerindustrie sich daran nicht beteiligen. Der daraus erwachsende Konflikt führte schließlich zur Gründung der "Reichswerke Hermann Göring für Erzbergbau und Eisenhütten", die den Abbau und die Verhüttung übernahmen und die Privatwirtschaft zur Übernahme von Aktien zwangen. Trotz dieser Anstrengungen und trotz der Einverleibung der österreichischen Erzproduktion (sie erreichte allein 23 Prozent des Eisenbedarfs) ergab sich bei Kriegsbeginn ein Selbstversorgungsgrad von nur knapp über 50 Prozent. Noch größer war und blieb die Auslandsabhängigkeit bei hochwertigen Stahlveredlern wie Mangan, Chrom und Wolfram. Auch die Selbstversorgung bei den wichtigsten Nahrungsmitteln, die bereits 1933/34 insgesamt bei etwa 80 Prozent lag, konnte nicht wesentlich gesteigert werden. Besonders bei der Fettversorgung klaffte eine Lücke von 40 bis 50 Prozent, während Grundnahrungsmittel wie Getreide, Kartoffeln, Gemüse und Fleisch mit 90 bis 100 Prozent hinreichend vorhanden waren.

Die ökonomischen und sozialen Folgekosten der Autarkiepolitik waren beträchtlich. Die Verzerrung der ökonomischen Strukturen verschärfte sich, die Handlungsspielräume der Wirtschaft wurden immer enger. Es entstanden vielfach unrentable Produktionsstandorte, die an anderen Orten dringend benötigte Arbeitskräfte banden. "Die Decke wurde knapper und der Staat gezwungen, in wachsendem Maße zu entscheiden, wer die knapper werdenden Ressourcen bekommen würde" (Ludolf Herbst). Das verstärkte nicht nur die Tendenz zu Lenkung und Kontrolle, sondern auch zu Manipulation und Propaganda.

So versuchte das Regime mit einigem Erfolg, die Nachfrage der Bevölkerung nach Konsumartikeln auf solche Güter umzulenken, die reichlich vorhanden waren und im Inland produziert wurden. Das bedeutete meist, daß man hochwertige Produkte durch solche von minderer Qualität ersetzen mußte. Nicht Butter und Kanonen, sondern Kanonen und Vierfruchtmarmelade konnte das Regime bieten, keine feinen englischen Tuche, sondern Anzüge mit Zellstoffzusätzen. So kam es, daß die deutschen Ernährungs- und Konsumgewohnheiten trotz des erstaunlichen ökonomischen Aufschwunges eher bescheiden blieben und daß der Fleischverbrauch 1938 noch unter dem Niveau von 1929 lag, während sich der Absatz von Marmelade verdreifachte. Diesen Zustand nahm die Bevölkerung zwar nicht ohne Murren, aber doch ohne größeren Protest nicht zuletzt deswegen hin, weil sie sich noch allzu gut an die entbehrungsreichen Jahre der großen Krise erinnerte und die Propaganda solche Enthaltsamkeit und Sparsamkeit zu "deutschen Tugenden" erklärte. So konnte das Regime seinen riskanten Balanceakt zwischen der Befriedigung des privaten Konsums und der Steigerung der Rüstungsausgaben im großen und ganzen erfolgreich durchstehen.