"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Hans-Ulrich Thamer

Wirtschaft und Gesellschaft unterm Hakenkreuz

Arbeiter- und Volksgemeinschaft

Im Jahre 1933 hatten die Nationalsozialisten nur unbestimmte Vorstellungen davon, wie die neue Gesellschaftsordnung unter dem Hakenkreuz beschaffen sein sollte. Eine Volksgemeinschaft wollten sie schaffen. Eine Alternative zur pluralistisch-demokratischen Gesellschaft und zur konfliktreichen sozialen Wirklichkeit der Weimarer Republik sollte entstehen: Nicht der offene und institutionalisierte Konflikt sozialer Interessen, nicht Koalitionsrecht und Tarifvertrag, sondern die Versöhnung von Individuum und Masse, von Kapital und Arbeit in einer klassenübergreifenden Gemeinschaft, die soziale Sicherheit und Integration versprach.

Das waren soziale Verklärungen und Erwartungen, die ihre Wurzeln in den verschiedendsten Gemeinschaftsideologien hatten, die im frühen 20. Jahrhundert in der Lebensreformbewegung und in der Jugendbewegung verkündet wurden, die aber auch in der Agitation von völkisch-nationalistischen Massenverbänden gegen das liberale und demokratische Gesellschaftskonzept der Weimarer Republik ihren Platz hatten. Aber auch im katholischen und sozialistischen Sprachhaushalt fanden sich solche Bilder von Gemeinschaft und sozialer Harmonie, die als Kontrast zu Klassenkampf und sozialer Spaltung eingesetzt wurden. Die Burgfriedensformel von 1914, mit der das kaiserliche Deutschland zur politischen Geschlossenheit jenseits aller Parteigrenzen aufrief, sowie das publizistisch verklärte Erlebnis der "Frontgemeinschaft" des Ersten Weltkrieges hatten den Gemeinschaftsparolen zusätzlichen Auftrieb gegeben. Auch die nationalsozialistische Ideologie von der Gesellschaft als einer Gesinnungs- und Willensgemeinschaft leitete sich aus dem Mythos der Schützengraben-Gemeinschaft ab. Daß diese Utopie durch das Zusammenbrechen der propagandistisch überhöhten "Inneren Front" in der Revolution vom November 1918 zerstört wurde, stellte den traumatischen Schock und das ideologische Gegenbild dar, die die nationalsozialistische Führungsriege umtrieben. Sie glaubte deshalb, sich an denjenigen rächen zu müssen, die sie für die Zerstörung dieser Illusion verantwortlich machte: an den "Novemberverbrechern", "Juden" und "Marxisten". Gleichzeitig galt es, für den Fall eines zukünftigen Krieges alles zu vermeiden, was eine erneute innere soziale Krise heraufbeschwören und die Massenloyalität gefährden könnte. Volksgemeinschaft in diesem Sinne mußte darum das Versprechen auf Integration und die Ausgrenzung von "Gemeinschaftsfremden" zugleich bedeuten.

Der Arbeiter- und Sozialpolitik kam in diesem Denkschema eine besondere Bedeutung zu: Sie sollte die soziale Kontrolle sichern und durch soziale Verlockungen die Massenzustimmung gewinnen. Die Arbeiterschaft, immerhin die größte Gruppe in der Gesellschaft, wurde deshalb von den Nationalsozialisten gleichermaßen gefürchtet und umworben. Sie wurde ihrer gewerkschaftlichen Interessenvertretung beraubt und dadurch politisch entmündigt. Das Regime verlangte ihr in den "Arbeitsschlachten" der Kriegswirtschaft immer höhere Produktionsleistungen ab, versuchte sie aber umgekehrt durch Volksgemeinschaftsparolen propagandistisch zu ködern und durch sozialpolitische Fürsorge und Vergünstigungen zu gewinnen. Es charakterisierte einmal mehr das NS-Regime, daß es bei der Vernichtung des politisch-ideologischen Gegners ungleich größere Energien entfaltete als bei der Konzeption einer in sich schlüssigen Gesellschafts-, Wirtschafts- und Arbeiterpolitik. Diese blieb von ständigen Improvisationen und Widersprüchen begleitet, die durch Phrasen vom "Sozialismus der Tat" und anderen verklärenden Parolen nicht ohne Erfolg verdeckt wurden. Damit wurden die sozialen Spannungen in die Kompetenzkonflikte der vielen nationalsozialistischen Massen- und Sonderorganisationen umgelenkt. Andererseits wurden die für alle Industriegesellschaften typischen sozial-kulturellen Nivellierungstendenzen durch sozialegalitäre und propagandistische Versprechungen sowie durch soziale und materielle Verbesserungen für Arbeiter beschleunigt.

Quellentext

Zwangsorganisation der Arbeiterschaft

Der Zweck aller nationalsozialistischen Massenorganisationen ist der gleiche. Ob man an die Arbeitsfront denkt oder an Kraft durch Freude, an die Hitlerjugend oder an den Arbeitsdank, überall dienen die Organisationen dem gleichen Zweck: die "Volksgenossen" zu "erfassen" oder zu "betreuen", sie nicht sich selbst zu überlassen und sie möglichst überhaupt nicht zur Besinnung kommen zu lassen. Wie jemand sich durch leere Geschäftigkeit um jede Möglichkeit bringt, ernsthaft zu arbeiten, so entfalten die Nationalsozialisten überall eine übereifrige Betriebsamkeit mit der eingestandenen Absicht, keine wirklichen Gemeinsamkeiten, keinerlei freiwillige Zusammenschlüsse aufkommen zu lassen. Ley hat es erst kürzlich in aller Offenheit gestanden: der "Volksgenosse" soll kein Privatleben haben und erst recht soll er seinen privaten Kegelklub aufgeben. Dieses Organisationsmonopol geht darauf aus, den Mann im Volke völlig unselbständig zu machen, jede wie immer geartete Initiative zu den primitivsten freiwilligen Zusammenschlüssen in ihm zu ertöten, ihn von allen Gleichgesinnten oder auch nur Gleichgestimmten fernzuhalten, ihn zu isolieren und zugleich an die staatliche Organisation zu binden. Die Wirkung bleibt nicht aus. Gelegentlich kann man von Arbeitern oder Arbeiterinnen über Kraft durch Freude ein Wort der Anerkennung hören mit dem Zusatz: früher hat sich niemand um uns gekümmert! [...]

Das Wesen faschistischer Massenbeherrschung ist Zwangsorganisierung auf der einen, Atomisierung auf der anderen Seite.

Die Nationalsozialisten wissen sehr gut, daß das Solidaritätsgefühl die Kraftquelle der Arbeiterschaft ist, und infolgedessen gehen alle ihre Maßnahmen für oder gegen die Arbeiter darauf aus, das Gefühl für die Notwendigkeit solidarischen Handelns zu ertöten. Alle Verschlechterungen, die sie den Arbeitern bei den Löhnen, den Steuern, in der Sozialversicherung aufzwingen, werden so eingerichtet, daß sie niemals große Gruppen gleichmäßig treffen. Sonst könnten vielleicht allgemeine Verschlechterungen allgemeine Abwehrbewegungen hervorrufen. Diese Politik der Nationalsozialisten hat bedenkliche Erfolge gezeitigt, nicht zuletzt deshalb, weil die Zerstörung des Solidaritätsgefühls schon in der Wirtschaftskrise begonnen hat. [...]

Deutschlandberichte der Sopade (vom Exilvorstand der SPD organisierte Widerstandsgruppen) über die Gewinnung der Arbeiter durch Zwangsorganisation und soziale Bestechung, November 1935, in: Wolfgang Michalka (Hg.), Das Dritte Reich, Bd. 1, München 1985, S. 95 f.