"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Hans-Ulrich Thamer

Wirtschaft und Gesellschaft unterm Hakenkreuz

Mittelstand

Noch größer waren die Enttäuschungen des alten Mittelstandes. Alle ständestaatlichen Träume waren spätestens 1934 ausgeträumt und auch alle Hoffnungen, sich der verhaßten Konkurrenz der Warenhäuser zu entledigen. Diese wurden zwar höher besteuert, blieben aber unentbehrlich. Statt dessen kam es zur Aufgabe vieler kleingewerblicher Unternehmen, da ihnen die Arbeitskräfte fehlten oder sie vom zunehmenden Wirtschaftsdirigismus wegrationalisiert wurden. Die schon seit Jahrzehnten herrschende relative Konzentrationstendenz blieb ungebrochen. Nur die größeren Geschäfte konnten von der ökonomischen Aufstiegsentwicklung der späten dreißiger Jahre profitieren. Eine Entschädigung für manche Enttäuschung, die der alte Mittelstand in Handwerk und Einzelhandel erleben mußte, sollte die Ausschaltung der jüdischen Konkurrenz seit 1938 bringen. So manches ehemals jüdische Einzelhandelsgeschäft und Warenhaus wechselte auf dem widerrechtlichen Weg von Erpressung, Ausplünderung und einem scheinlegalen Erwerb den Besitzer.

Die Kriegswirtschaft brachte neue Gefährdungen für den Mittelstand und hier insbesondere für die leistungsschwachen Kleinbetriebe, waren doch nun vermehrt Schließungen von Geschäften und Betrieben an der Tagesordnung. Das Regime verstärkte damit, was es zu bekämpfen versprochen hatte: den gesellschaftlichen Wandel von einer kleingewerblich mittelständischen Ordnung zu einer großwirtschaftlichen Struktur.

Quellentext

Frauen im Nationalsozialismus

Bereits wenige Monate nach der Machtübernahme waren fast alle Frauen aus der Schulbürokratie entlassen und die Zahl der Lehrerinnen im Reich um 15 Prozent reduziert. Professorinnen, Schulleiterinnen (selbst an Mädchenschulen) und Schulrätinnen wurden ihres Amtes enthoben. Keine Frau konnte mehr vor ihrem 35. Lebensjahr einen Lehrstuhl oder eine Dozentur erhalten, was damit begründet wurde, daß sie, solange sie jünger war, Kinder bekommen konnte und dann zuerst ihrer Familie verpflichtet wäre. Ab 1934 kehrten nach und nach wieder "zuverlässige" Frauen in die akademische Lehrtätigkeit zurück. Das Archivmaterial gibt keinen Aufschluß über die Gründe; zwei Überlegungen dürften wohl eine Rolle gespielt haben: Zum einen bedeutete das Prinzip der "getrennten Sphären", daß Tausende gut ausgebildeter Frauen für den rasch wachsenden bürokratischen Apparat und die sozialen Einrichtungen im Frauenbereich gebraucht wurden; zum anderen hatten sich inzwischen so viele Organisationen der "alten" Frauenbewegung zur Kooperation mit den Nazis bereit erklärt, daß qualifizierte Frauen jetzt nicht mehr so bedrohlich waren. Obwohl die Zahl der Frauen an den Universitäten zwischen 1933 und 1935 um 40 Prozent zurückging, pendelte sich der Anteil der Studentinnen dann gegen Ende der dreißiger Jahre bei immerhin zehn Prozent ein. Die ehrgeizigen jungen Frauen, die eine Karriere innerhalb des staatlichen Frauenbereichs anstrebten, zogen vermutlich, ebenso wie die jungen Männer, eine Partei-Schule der Universität vor. Insgesamt fiel die Zahl der Studentinnen an den Universitäten von knapp 20000 im Jahr 1933 auf 5500 im Jahr 1939. Die Pädagoginnen fragten sich, wie sie den jungen Mädchen "arischen" Stolz einimpfen sollten, wenn sie ihnen gleichzeitig zu vermitteln hatten, daß die Frauen in allen Bereichen außer dem Haushalt grund-sätzlich untergeordnet waren. Der Körper der Frau gehörte dem Volk, aber wer sollte diesen Grundsatz im Bewußtsein verankern? Was sollten die Mädchen lernen? Sollten sie von Männern oder von Frauen unterrichtet werden? [...]

Die Rechte der Frauen, so meinte Erziehungsminister Hans Schemm, bestünden vor allem im "ersten und letzten Anrecht auf das Kind [...], [das sie] von Gott empfangen und dorthin wieder zurückgibt". Nachdem er klargestellt hatte, daß Frauen als untergeordnete Wesen geschaffen worden seien, schloß er die rhetorische Frage an: "Was sind alle modernen Rechte der Frau vom Stimmrecht bis zum Männerberuf gegen das eine, heiligste Recht der Mutter auf Sorge, Arbeit, Opfer und Liebe für das Kind? Das allein ist der Himmel, der auch dem und der Ärmsten auf Erden bereitet ist."

Claudia Koonz, Mütter im Vaterland, Reinbek 1994, S. 250ff.