"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

17.3.2008 | Von:
J.W. Aust
Thomas Aust

Literatur und Presse

Entsprechend der Aufgabenstellung des Ministeriums, die von Hitler jederzeit erweitert oder revidiert werden konnte (was in der Praxis auch geschah), unterlag dessen Organisationsstruktur ständigen Veränderungen. Nach zum Teil heftigen Auseinandersetzungen mit Frick, Göring, Rosenbergs KfdK und Rust [22], welche Kompetenzen das Goebbels-Ministerium zu Lasten anderer Ministerien des Reiches und der Länder erhalten solle, brachte Hitlers "Verordnung über die Aufgaben des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda" vom 30.6.1933 eine erste Klärung zugunsten des Reichspropagandaministers, dem bisherige Aufgaben und Geschäftsbereiche aus dem Auswärtigen Amt, dem Reichsministerium des Innern, dem Reichspostministerium und dem Reichsverkehrsministerium, dem Reichswirtschaftsministerium und dem Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft in sein Ministerium übertragen wurden. Dazu zählten u. a. das "Film- und Sportwesen im Auslande", Ausstellungen, Werbung, Rundfunk, Presse, "Musikpflege", "Theaterangelegenheiten" und "Lichtspielwesen", die Kunst (mit gesetzgeberischen und rechtspflegerischen Einschränkungen), die Hochschule für Politik und die Deutsche Bücherei in Leipzig. Zuständig war Goebbels mit dieser Verordnung auch für die "Einführung und Begehung von nationalen Feiertagen und Staatsfeiern unter Beteiligung des Reichsministers des Innern".[23] (Nationale Feiertage waren, laut "Gesetz über die Feiertage" vom 27.2.1934, der 1. Mai, der "Heldengedenktag" – der "5. Sonntag vor Ostern" – und der "Erntedanktag", der "1. Sonntag nach Michaelis" [24], womit der NS-Staat sowohl kirchliche- als auch Traditionen der Arbeiterbewegung für sich beanspruchte und mit dem "Heldengedenktag" sich sowohl an der NS-Weltanschauung – hier besonders dem Blut-und-Boden-Mythos und der Rassentheorie – als auch der damit verbundenen und beabsichtigten ideologischen Vorbereitung eines neuen Krieges orientierte.) Hinsichtlich der Übernahme von Kompetenzen der Deutschen Länder erhielt Goebbels von Hitler am 24.8.1933 Zusagen für die Zeit nach der Auflösung der Länder. Goebbels dazu, nach dem Gespräch mit Hitler: "Mein Amt bekommt alles, was Inspiration verlangt... Auch Theater hinein."[25] (Die Auflösung der Länder wurde vom gleichgeschalteten Reichstag am 30.01.1934 beschlossen.[26]) Letztendlich hatte das Reichspropagandaministerium zwölf Abteilungen. Zu ihnen gehörten II a, "Überwachung der kulturellen Betätigung der Nichtarier", VI. "Theater"und VIII. "Schrifttum".[27] Die wachsenden Aufgaben des neuen Ministeriums erforderten zunehmend mehr Mitarbeiter. Gemäß den Absichten, welche die NS-Führer mit seiner Gründung verfolgten, wurde von Beginn an bei den Einstellungen Wert darauf gelegt, "die besten Kräfte und Mitarbeiter ... heranzuziehen" [28], was in erster Linie bedeutete, darauf zu achten, "daß das Gros der Beamten, Angestellten und Arbeiter des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda aus altbewährten nationalsozialistischen Kämpfern besteht, von denen fast hundert das goldene Ehrenzeichen der NSDAP tragen."[29]

Auch bei der Umwandlung der Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste wurde deutlich, in welchem Maße die NS-Führer gewonnene staatliche Machtpositionen, unter Einsatz von Gliederungen der NSDAP – hier dem KfdK – nutzten, um die Übernahme der Schriftstellerorganisationen zu erzwingen. Dabei ging es Ihnen sowohl um die Diskreditierung und Vertreibung ihrer Gegner als auch um die Beseitigung der von diesen repräsentierten politischen und kulturellen Positionen, an deren Stelle die des Nationalsozialismus treten sollten. Als Angriffsziele nannten die NS-Führer und ihre Schriftsteller, Kulturpolitiker und Künstler den "Kulturliberalismus" mit dessen "einseitig-nur-ästhetischen (und daneben parteipolitischen) Gesichtspunkten", "Erzeugnisse artfremden Denkens"und die "Novembergeistigkeit", an deren Stelle ein "übergeordneter völkischer Maßstab" die "Begriffe Blut und Ehre wieder in ihre ewigen Rechte" einsetzen sollte.[30] Ein formales Anerkennen dieser Ziele allerdings war den Nazis nicht genug, weshalb Goebbels, Ende März 1933, auch formulierte: "Die Idee der nationalen Revolution verlangt offene Gefolgschaft."[31] Und so vollzog sich dann auch die Gleichschaltung der "Preußischen Dichterakademie" [32]: Unter Einwirkung Rusts setzten die Nazis durch, dass der Vorstand eine Erklärung seiner Loyalität zum "Neuen Staat" abgab. Diese Erklärung wurde dann, verbunden mit der Frage, ob sie damit einverstanden seien, den Mitgliedern der Sektion zugesandt, wobei deren Beantwortung ausschlaggebend für die weitere Aufrechterhaltung der Mitgliedschaft wurde. Am 17. März 1933 folgten dann Briefe mit der Forderung, die Akademiemitglieder sollten angeben, welcher Rasse sie angehörten.

Unter dem Einfluss Rusts wurden daraufhin am 5. Mai 1933 die Gegner des NS-Regimes und die "Nichtarier", die Schriftsteller Franz Werfel, Jakob Wassermann, René Schickele, Fritz von Unruh, Leonhard Frank, Alfons Paqeut, Georg Kaiser, Ludwig Fulda, Bernhard Kellermann, Alfred Mombert, Rudolf Pannwitz, Thomas Mann und Alfred Döblin aus der Preußischen Akademie der Künste ausgeschlossen.[33] (Die beiden letztgenannten Dichter sowie Ricarda Huch waren allerdings schon vorher ausgetreten.) Bereits am 04.04.1933 hatte – mehr oder weniger freiwillig – der Präsident der Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste, Oskar Loerke, sein Amt niedergelegt. Auf "Vorschlag der Abteilung III der Akademie der Künste" und – wie R. Schlösser schrieb – als Repräsentanten dessen, "was ein Nationalsozialist unter echtem deutschen Dichtertum versteht: Die Einheit von gesinnungsmäßiger und leistungsmäßiger Hochwertigkeit" [34] berief Rust nun 14 NS- bzw. NS-nahe Schriftsteller in die "Dichterakademie": Hans Friedrich Blunck, Friedrich Griese, Emil Strauß, Hans Grimm, Will Vespers, Hanns Johst, Paul Ernst, Erwin Guido Kolbenheyer, Börries von Münchhausen, Peter Dörfler, Wilhelm Schäfer, Hans Carossa, Agnes Miegel und Werner Beumelburg.[35] Damit hatten die NS-Vertreter dort die Mehrheit und wählten Hanns Johst zum neuen Präsidenten der Sektion Dichtkunst.

Gleichzeitig forderten die Nazis, weitere ihnen genehme Dichter in die Akademie aufzunehmen: Otto Erler, Rudolf Paulsen, Richard Euringer, Gertrud von Lefort, Karl Benno von Mechow, Josef Magnus Wehner und den berühmten Lyriker Stefan George.[36] Aber George (u. a. "Das neue Reich", 1928) verweigerte sich den Nazis und ging ins Exil.[37] Erneut unter dem Einfluss Rusts wurde dann, am 9.6.1933, aus der "Preußischen Dichterakademie" [38]die "Deutsche Akademie für Dichtkunst". In ähnlicher Weise gleichgeschaltet wurden der PEN-Club in Deutschland sowie Zeitungen, Theater, Büchereien, Buchhandel, Verlage, die entsprechenden Vereine und Verbände.[39] (Zur Gleichschaltung der Verbände der Buchhändler und Verleger siehe S. 14ff. dieser Arbeit!)


Fußnoten

22.
Vgl. dazu Goebbels Tagebücher, Bd. 2/III, a. a. O., S. 152, 166, 176, 183, 184, 210.
23.
Vgl. dazu: RGBL I, 1933, S. 449, vom 5.7.1933.
24.
RGBL I, 1934, vom 28.2.1934, S. 129.
25.
Vgl. Goebbels Tagebücher, Bd. 2/III, a. a. O., S. 253.
26.
RGBL I, 1934, vom 30.1.1934, S. 75.
27.
Vgl. dazu: "Große Geschichte des Dritten Reichs und des Zweiten Weltkriegs", a. a. O., S. 82.
28.
Ebd.
29.
"Das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda. Von Georg Wilhelm Müller, Ministerialrat im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda", 1940, Junker und Dünnhaupt Verlag, Berlin, S. 10, so zitiert in IMT, a. a. O., Bd. XXIX, Dokument 2434-PS, fotomechanischer Nachdruck: Delphin-Verlag, a. a. O., S. 483.
30.
Dr. Rainer Schlösser: "Das neue Antlitz der preußischen Dichterakademie", in: "Völkischer Beobachter. Norddeutsche Ausgabe" vom 9.5.1933, Zweites Beiblatt.
31.
"Der neue Geist im Rundfunk. Minister Goebbels vor den Leitern der deutschen Rundfunk- gesellschaften", in: "Völkischer Beobachter. Norddeutsche Ausgabe" vom 28.3.1933.
32.
Dr. Rainer Schlösser: "Das neue Antlitz ...", a. a. O.
33.
Ebd.
34.
Ebd.
35.
Ebd.
36.
Ebd.
37.
Vgl. dazu, u. a.: "Deutsches Schriftstellerlexikon. Von den Anfängen bis zur Gegenwart", Volksverlag Weimar, 1962, S. 161f.
38.
Dr. Schlösser: "Das neue Antlitz ...", a. a. O.
39.
Zum Verlauf dieser Gleichschaltungen siehe u. a., die Dokumentation "In jenen Tagen ...", Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig und Weimar, 1983; Jan-Pieter Barbian: "Literaturpolitk im "Dritten Reich", Buchhändler-Vereinigung GmbH, Frankfurt am Main, 1993; Goebbels-Tagebücher, a. a. O.; "Deutsche Literatur in Schlaglichtern", Meyers Lexikonverlag Mannheim/Wien/Zürich, 1990, S. 404ff.