"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

17.3.2008 | Von:
J.W. Aust
Thomas Aust

Literatur und Presse

Presse, Buchhandel und Verlage. Die Bücherverbrennung.

Da die NS-Führer mit dem Parteiprogramm der NSDAP bereits 1920 ihren Antisemitismus und ihren Willen zur Enteignung jüdischer Betriebe deutlich gemacht hatten, gab es bei manchen Buchhändlern neben nationalistischen, antisemitischen und völkischen Positionen auch sehr eigene, ökonomische Interessen, sich der – wie die Nazis es nannten – "Nationalen Revolution" (auch: "Deutsche Revolution") zur Verfügung zu stellen. Andere erhofften in dem von Hitler versprochenen wirtschaftlichen Aufschwung und der Sanierung des Staates die Konsolidierung ihrer durch die Weltwirtschaftskrise angeschlagenen Unternehmen. Damit waren für die Nazis (zunächst) günstige Bedingungen für die Gleichschaltung gegeben.

Am 12.04.1933 beschloss der Vorstand des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler ein zehn Punkte umfassendes "Sofortprogramm", das eine Solidarisierung mit dem NS-Staat enthielt. Weiterhin wurde die Loyalität zum Regime zur Bedingung der Mitgliedschaft im Börsenverein erhoben. Nach der Nennung wirtschaftlicher Forderungen sicherte – nur wenige Tage nach dem ersten Judenboykott – der Vorstand des Börsenvereins der Reichsregierung zu, deren Anordnungen bzgl. der "Judenfrage [...] ohne Vorbehalt durchzuführen".[46] Am 11.05.1933 erließ der Vorstand des Börsenvereins der deutschen Buchhändler, in Abstimmung mit der Reichsleitung des KfdK und der "Zentralstelle des deutschen Bibliothekswesen", eine Bekanntmachung, nach der zwölf namentlich genannte antifaschistische Schriftsteller, u. a. Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Erich Maria Remarque, Kurt Tucholsky und Arnold Zweig, "für das deutsche Ansehen als schädigend anzusehen sind und die Werke dieser Schriftsteller im Buchhandel "[...] nicht weiter verbreitet [...]" würden.[47] (Allerdings war nicht jeder der Verleger künftig bereit, die Anweisungen der Nazis bedingungslos umzusetzen oder auch sich umfassend an der beginnenden Indizierung der Werke aus Deutschland vertriebener oder auch jüdischer Schriftsteller zu beteiligen, selbst wenn das für den einzelnen Verleger – von Goebbels verordnet – schwerste Folgen haben konnte.[48] So wurde am 30.05.1938 der Verleger Rowohlt aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen und damit mit Berufsverbot belegt.[49] Ein anderer, der Verleger Peter Suhrkamp, wurde 1944 sogar ins KZ verschleppt.[50])

Studenten sammeln Anfang 1933 Bücher jüdischer u.a. Autoren ein: Bei der von der Deutschen Studentenschaft organisierten Kampagne "Wider den undeutschen Geist" wurden die dem NS-Regime unliebsamen Bücher am 10. Mai 1933 in 22 deutschen Städten verbrannt.Studenten sammeln Anfang 1933 Bücher jüdischer u.a. Autoren ein: Bei der von der Deutschen Studentenschaft organisierten Kampagne "Wider den undeutschen Geist" wurden die dem NS-Regime unliebsamen Bücher am 10. Mai 1933 in 22 deutschen Städten verbrannt. (© AP)
Parallel zur Entwicklung im Börsenverein begann mit Unterstützung des KfdK [51] eine Gleichschaltungs-"Aktion" des Dachverbandes der studentischen Vereine in Deutschland, der "Deutschen Studentenschaft" (nicht des "Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes"!), die sich auf die deutschen Hochschulen, deren Lehr- und Bildungskonzeptionen, aber auch auf die deutsche Sprache und Literatur bezog. Die "Aktion" war überschrieben mit "Wider den undeutschen Geist!". Sie richtete sich gegen den "Juden" und den, "der ihm hörig ist", forderte Aufhebung des "Widerspruchs zwischen Schrifttum und deutschem Volkstum", "Reinheit von Sprache und Schrifttum", eine "Auslese von Studenten und Professoren nach der Sicherheit des Denkens, im deutschen Geiste" sowie "die deutsche Hochschule als Hort des deutschen Volkstums und als Kampfstätte aus der Kraft des deutschen Geistes".[52]

Es folgte, Anfang Mai 1933, eine Sammlung von so genannter "zersetzender Literatur", erfasst in einer gemeinsamen Liste des NS-Bibliothekars Wolfgang Herrmann und des KfdK (genannt: "Schwarze Liste I") aus privaten und öffentlichen Büchereien, als "Säuberung" bezeichnet.[53] (Eine ähnliche, bezeichnet als "Braune Liste von verbrennungswürdiger Literatur" hatte am 26.4.1933 die zum Konzern des DNVP-Chefs Alfred Hugenberg gehörende "Nachtausgabe" abgedruckt.)[54] Die so zusammengetragene Literatur wurde, wie auf dem Opernplatz in Berlin, in den deutschen Hochschulstädten am 10.5.1933 im Rahmen propagandistischer Großveranstaltungen verbrannt. "Feuersprüche" nannten die Namen der Verfemten, deren Werke verbrannt wurden, und verunglimpften politische und künstlerische Geisteshaltungen, die mit der NS-Machtübernahme in Deutschland verboten waren und wegen der Menschen nun verfolgt, terrorisiert und ermordet wurden.

Als Hauptredner der Berliner Bücherverbrennung vereinnahmte Reichspropagandaminister Goebbels diese in die "deutsche Revolution": "Es darf kein Gebiet unberührt bleiben. So wie sie die Menschen revolutioniert, so revolutioniert sie die Dinge. Deshalb tut ihr gut daran, in dieser mitternächtlichen Stunde den Ungeist der Vergangenheit den Flammen anzuvertrauen. Hier sinkt die geistige Grundlage der Novemberrepublik zu Boden. Aber aus den Trümmern wird sich siegreich erheben der Phönix eines neuen Geistes, den wir tragen, den wir fördern, und dem wir das entscheidende Gewicht geben...Das Alte liegt in Flammen, das Neue wird aus der Flamme unseres eigenen Herzens wieder emporsteigen."[55] (Am 10.5.1958, in seiner Rede vor dem PEN-Club in Hamburg, verwies Erich Kästner auf Heinrich Heines Worte: "Dort, wo man die Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen."[56] Worte, die nur wenige Jahre nach den Bücherverbrennungen vom 10. Mai 1933 in Nazideutschland zu entsetzlicher Realität wurden.) Dass damit die Verfolgung der demokratischen, antifaschistischen und jüdischen Dichter erst begonnen hatte, ließ der Bericht der NS-Zeitung "Der Angriff" vom Folgetag über die Bücherverbrennung in Berlin deutlich sichtbar werden: "Mit dieser Kundgebung ist symbolisch der Kampf wider den undeutschen Geist, der nun seinen Weg nimmt, eingeleitet worden. Dieser Kampf wird nicht aufhören, bevor alle Deutschen wieder deutschen Geistes sind."[57] Damit war nun auch jedem Deutschen gesagt, welche Literatur in seinen Bücherschrank zu stehen hatte und welche Literatur er in Büchereien und Buchhandlungen erwarten, ausleihen oder kaufen sollte bzw. durfte, wollte er nicht den Zorn der neuen Machthaber und ihren Terror auf sich ziehen.


Fußnoten

46.
"Börsenblatt für den deutschen Buchhandel", Nr. 101 vom 03.05.1933, S. 321f.
47.
"Börsenblatt für den deutschen Buchhandel", Nr. 110 vom 13.05.1933, Sonderabdruck.
48.
S. dazu "In jenen Tagen ...", a. a. O., S. 321ff., Auszug aus "Der Schriftsteller" (1934).
49.
Goebbels - Tagebücher, a. a. O., Bd. 5, S. 327.
50.
"Eidesstattliche Versicherung von Dr. Hans Carossa", in: IMT, a. a. O., Bd. XXVI, Dokument Schirach - 3a, Fotomechanischer Nachdruck: Delphin Verlag, a. a. O. Bd. 9, S. 319.
51.
S. dazu, u. a., "Deutsche Kulturwacht. Blätter des Kampfbundes für deutsche Kultur", 1933, Heft 9.
52.
Zitiert aus: "Plakat der deutschen Studentenschaft `Wider den undeutschen Geist !´ vom 13. April 1933", nachgedruckt in: "Deutsche Literatur in Schlaglichtern", Meyers Lexikonverlag. Mannheim/Wien/Zürich, 1990, S. 406.
53.
S. dazu: "In jenen Tagen ...", a. a. O., S. 265ff.
54.
Vgl.: ebenda, S. 270f.
55.
"Der Vollzug des Volkswillens: Undeutsches Schrifttum auf dem Scheiterhaufen. Nächtliche Kundgebung der deutschen Studentenschaft", in: "Der Angriff", 11.5.1933.
56.
Vgl. dazu "In jenen Tagen ...", a. a. O., S. 527.
57.
"Der Vollzug des Volkswillens ...", a. a. O.