"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

17.3.2008 | Von:
J.W. Aust
Thomas Aust

Literatur und Presse

Presse, Buchhandel und Verlage: Verbotene Bücher und verfolgte Dichter

Unter dem "wohlwollenden Interesse des Kampfbundes für Deutsche Kultur wie des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller" veröffentlichte NS-Bibliothekar Herrmann am 16.5.1933 eine "erste amtliche Schwarze Liste für Preußen" mit den Namen von nun bereits 132 Autoren, deren Werke vollständig bzw. einzeln im "Dritten Reich" als unerwünscht galten. Weiterhin gab er, unter Bezug auf eine entsprechende Positionierung des Preußischen Kultusministeriums, Anleitungen "zur Säuberung der öffentlichen Büchereien" von den "Zersetzungserscheinungen unserer artgebundenen Denk- und Lebensform", wollte "erotischen Schmutz und Schund aus dem deutschen Buchhandel grundsätzlich ferngehalten" wissen und orientierte auf die Schaffung von "Weißen Listen" NS-genehmer Literatur sowie, unter Einbeziehung der "buchhändlerischen Organisationen", auf eine "Reichsliste" mit Namen und Werken verfemter Autoren, "die für Verlag und Sortiment gleichermaßen verbindlich sein muß."[58] (Die von Herrmann gewünschte "Reichsliste" erschien 1936 als "Liste 1 des schädlichen und unerwünschten Schrifttums". Sie enthielt 3601 Einzeltitel- und 524 Verbote des gesamten Werks der verfolgten Schriftsteller. Diese Liste wurde 1939 erweitert und umfasste nun 4175 Einzeltitel- und 565 Gesamtverbote. 1940 erschien, zusätzlich, eine Liste indizierter "Werke voll- oder halbjüdischer Verfasser."[59] Dem Wunsch Herrmanns nach einer "Weißen Liste" dürften wohl die "Empfehlungen der `Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums" vom September 1934 zur Bildung nationalsozialistischer "Kernbibliotheken" [60] nahe kommen.

Die Indizierung erotischer Literatur wurde 1936 durch Reichspropagandaminister Goebbels relativiert. Bemerkenswert ist seine Begründung für diesen Schritt: "Problem Buchverbote. Etwas erotische Literatur muß da sein. Sonst haben wir am Ende nur 175er."[61]) An die Stelle der studentischen- traten nun umfassende, staatlich sanktionierte "Säuberungsaktionen" in Büchereien und Buchhandel, bei denen Reichspropagandaministerium, Kultusministerien der Länder und Organisationen bzw. Dienststellen der NSDAP
– unter Einbeziehung des "Börsenvereins der Deutschen Buchhändler" – federführend waren.[62] Das Ausmaß der Beschlagnahme und Vernichtung von Büchern und anderem Schriftgut aus Büchereien sowie aus dem Besitz verbotener Parteien, Gewerkschaften und anderer Organisationen in den ersten Monaten der NS-Herrschaft in Deutschland sowie Maßnahmen gegen deren Verlage lässt ein Bericht des "Völkischen Beobachters" vom 21. / 22. 5.1933 über die Beschlagnahme von Büchern und anderem Schriftgut bei der verbotenen KPD erahnen: "In Berlin hat die Politische Polizei schätzungsweise etwa 10.000 Zentner Bücher und Zeitschriften beschlagnahmt... Sie werden, wenn die Sichtung durchgeführt ist, eingestampft. Planmäßig wurden ... alle Verlage und Druckereien, die kommunistische Bücher und Zeitschriften herstellten und vertrieben, geschlossen und das gesamte Druckschriftenmaterial beschlagnahmt, selbstverständlich aber auch die Büchereien der Zentralstellen der KPD..."[63]

Verstärkt und immer umfangreicher wurde nach den Bücherverbrennungen die Diffamierung der als "undeutsch" bzw. "entartet" verfemten Autoren und der Gesinnung, die sie vertraten, unter ihnen Thomas und Heinrich Mann, Stefan und Arnold Zweig und Bertolt Brecht.[64] Unter dem verstärkten Verfolgungsdruck sowie angesichts der mit "Ermächtigungsgesetz", Auflösung bzw. Verbot aller anderen Parteien und damit Ein-Parteien-Herrschaft der NSDAP, Gleichschaltung und Aufbau des NS-staatlichen Terrorapparats sich vollziehenden Konsolidierung der NS-Diktatur gingen weitere deutsche Schriftsteller ins Exil. (Insgesamt mehr als 2.000 deutsche Dichter mussten in jenen Jahren infolge von Terror und Verfolgung ihr Vaterland verlassen.[65])

Einem Widerstand der so Vertriebenen aus dem Ausland nach Deutschland hinein versuchten die NS-Führer mit der Androhung des Verlustes der deutschen Staatsbürgerschaft sowie der Enteignung des Vermögens der Exilanten – soweit es in Deutschland und damit für sie erreichbar war – zu begegnen. Dies geschah mit dem "Gesetz über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit. Vom 14. Juli 1933."[66] Soweit die Bedrohten sich dennoch weiterhin öffentlich gegen das NS-Regime äußerten, dessen Verbrechen offenbarten und anprangerten, gar sich gegen die Nazis neu organisierten oder mit Ausstellungen im Gastland eine Massenwirksamkeit ihrer antifaschistischen Propaganda erreichten, setzten die NS-Führer, allen voran Goebbels, alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel der Diffamierung, von Kampagnen der gleichgeschalteten Presse gegen die Exilanten und den sie aufnehmenden Staat bis hin zu diplomatischen Protesten gegenüber den Botschaftern des jeweiligen Gastlandes und diplomatischen Aktivitäten der deutschen Botschafter dagegen ein.[67]


Fußnoten

58.
"Börsenblatt ...", a. a. O., vom 16.5.1933.
59.
Vgl. dazu, u. a. Jan-Pieter Barbian: "Literaturpolitik ...", a. a. O., S. 222ff.
60.
S. dazu: "Dokumente zur deutschen Geschichte 1933 - 1935", herausgegeben von Wolfgang Ruge und Wolfgang Schumann, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin, 1977, S. 97.
61.
Goebbels-Tagebücher, a. a. O., Bd. 3/II, S. 226.
62.
S. dazu Jan-Pieter Barbian: "Literaturpolitik ...", a. a. O., S. 60ff.
63.
So zitiert in: "Dokumente des Verbrechens", Bd. 2, Dietz Verlag Berlin, 1993, S. 54f.
64.
S. dazu "Der gestürzte Olymp", in: "Literaturblatt der Berliner Börsenzeitung" vom 25.6.1933, so zitiert in "In jenen Tagen ...", a. a. O., S. 386ff.
65.
S. dazu auch: "Deutsche Literatur in Schlaglichtern", a. a. O., S. 407.
66.
RGBL I, 1933, vom 15.7.1933, S. 480.
67.
Vgl. dazu, u. a., Goebbels-Tagebücher, a. a. O., Bd. 5, S. 130, 132, 134,141, 146, 151, 155, 158, 170 bezüglich Goebbels´ Aktivitäten gegen ein "Emigrantenausstellung" in Paris.