"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

17.3.2008 | Von:
J.W. Aust
Thomas Aust

Literatur und Presse

Presse, Buchhandel und Verlage. Terror und Reichsschrifttumskammer.

Deutschen Künstlern war der Kontakt zu ihren emigrierten Kollegen nicht gestattet. Die Geheime Staatspolizei (Gestapo), Terrorinstrument der Nazis zur Unterdrückung ihrer Gegner, überwachte auch diesbezüglich den Briefverkehr aus Deutschland ins Ausland. Als 1935 der Komponist und Dirigent Richard Strauß, Präsident der Reichsmusikkammer, einen Brief an den im Exil lebenden Schriftsteller Stefan Zweig schrieb, wurde der Brief von der Gestapo abgefangen. Goebbels, davon in Kenntnis gesetzt, reagierte – vor allem unter dem Gesichtspunkt, dass der Adressat Jude war – brutal: "Jetzt muß Strauß auch weg. ... Diese Künstler sind doch alle politisch charakterlos. Von Goethe bis Strauß. Weg damit!"[68]

Bis September 1933 führten Abstimmungen zwischen den auf kulturellem Gebiet in Deutschland aktiven NS-Führern (unter häufiger Anrufung Hitlers, der dann zugunsten des einen oder anderen entschied) zu ersten Festlegungen der Kompetenzen: Die Göring unterstellte Gestapo trug die alleinige Verantwortung für die polizeilichen Unterdrückungsmaßnahmen gegen "undeutsche" Künstler, während Goebbels als Präsident der per Gesetz vom 22.9.1933 geschaffenen Reichskulturkammer [69] (RKK), der Standesorganisation aller im deutschen Kulturbereich Tätigen, die mit diesem Gesetz geschaffene Reichsschrifttumskammer kontrollierte. Mit der "Ersten Verordnung zur Durchführung des Reichskulturkammergesetzes. Vom 1. November 1933"[70] wurde der Zwangscharakter dieser Organisation manifestiert: Wer der Reichskulturkammer nicht angehörte oder ausgeschlossen wurde, durfte, laut §§ 3, 4 und 10 dieser Verordnung [71] in Deutschland keinen künstlerischen Beruf ausüben. Die Festlegung des § 10 dieser Verordnung: "Die Aufnahme in eine Einzelkammer kann abgelehnt oder ein Mitglied ausgeschlossen werden, wenn Tatsachen vorliegen, aus denen sich ergibt, daß die in Frage kommende Person die für die Ausübung ihrer Tätigkeit erforderliche Zuverlässigkeit und Eignung nicht besitzt" [72] ließ ihrem Präsidenten, dem durch RKK-Gesetz und vorgenannte Verordnung mit diktatorischer Macht in der RKK ausgestatteten Reichspropagandaminister Goebbels damit alle Möglichkeiten, Juden und "undeutsche" Künstler als ungeeignet einzustufen und – auf diesem Wege – mit Berufsverbot zu belegen oder auch die Drohung damit im Sinne der "Gleichschaltung" einzusetzen. (Was in der Folge auch geschah: Goebbels schrieb in seinen "Tagebüchern" häufig über seine Aktivitäten zur "Entjudung", wie er es nannte, der RKK [73], ging gegen die nichtfaschistische, moderne, für die Nazi-Führer "entartete" Kunst vor [74], gegen den Dichter Ernst Wiechert, der gegen die Verfolgung des Leiters der Bekennenden Kirche, Martin Niemöller, durch die Nazis protestiert hatte [75], wie auch gegen die Mitglieder des Berliner Kabaretts "Die Komiker", weil sie politische Witze gemacht hatten.[76]) Der Leiter des KfdK, Alfred Rosenberg, der bisher ohne staatliches Amt geblieben war, wurde am 24.1.1934 von Hitler zum "Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung der NSDAP" sowie am 17.4.1934 zum Chef einer "Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums" ernannt. Dies war verbunden mit der Aufgabe, alle "Druckwerke" auf die Einhaltung "nationalsozialistischer Grundsätze" zu überprüfen. Dass diese keine wirkliche Machtstellung bedeutete, musste Rosenberg erleben, als er versuchte, dies gegenüber Göring und Goebbels um- und durchzusetzen.

Angesichts der von den NS-Führern betriebenen Kriegsvorbereitung und erster Annexionen bis 1939, angesichts der weiter verfolgten Gleichschaltungspolitik und des Ausbaus der NS- Diktatur, aber auch angesichts der seit 1934 wegen der Landflucht vieler in der Weltwirtschaftskrise seit 1929 völlig verarmter Bauern ausgelösten erheblichen Versorgungsengpässe, wobei wegen der gewaltigen Kosten der Aufrüstung kaum Devisen für Nahrungsmittelimporte zur Verfügung standen, sowie angesichts der – weltanschaulich motivierten – Verfolgung der Juden und der christlichen Kirchen in Deutschland, gewannen Kunst und Kultur zum Transport von NS-Gedankengut, aber auch zur Aufrechterhaltung eines "schönen Scheins" einer "heilen (NS-) Welt" zunehmende Bedeutung. Im Ergebnis nahmen Gewalt und Terror gegen andersdenkende Künstler zu, versuchten immer mehr NS-Führer, sich auf diesem Gebiet – meist in der Auseinandersetzung mit anderen NS-"Größen" – zu profilieren (u. a. Ley, Bouhler, Heß, Bormann, Himmler), wurden mit staatlichen Mitteln, eine die Finanznot und Verschuldung des Staates verstärkende Politik von Bauten, Massenmanifestationen und "künstlerischen" Umzügen durchgeführt.

Künstler, die sich dem System unterordneten und auch in ihrer Tätigkeit erfolgreich waren, konnten mit "Belohnung" rechnen: Vortragshonorare aus "Dichterlesungen", u. a. im Rahmen der NS-Organisation "Kraft durch Freude", vom NS-Staat finanzierte Studien und Auslandsreisen, Honorare für Massenauflagen ihrer Bücher, soziale Absicherung (u. a. durch die "Schillerstiftung" für notleidende Schriftsteller [77]) sowie, nach Beginn des Zweiten Weltkrieges, die Freistellung vom Fronteinsatz waren der Dank des NS-Regimes an faschistische und profaschistische Schriftsteller, an Angepasste und Mitläufer der braunen Literatur. Mancher von ihnen konnte später, nach dem 8.5.1945, sich nur mit großen Gedächtnislücken an sein Wirken während der NS-Zeit erinnern.

Fußnoten

68.
Goebbels-Tagebücher, Bd. 3/I, S. 257.
69.
RGBL I, 1933, vom 26.9.1933, S. 661f.
70.
RGBL I, 1933, vom 3.11.1933, S. 797ff.
71.
Ebd.
72.
Ebd.
73.
Vgl., u. a., Goebbels-Tagebebücher, a. a. O., Bd. 3/II, S. 71.
74.
Vgl., u. a., Goebbels-Tagebücher, a. a. O., Bd. 4, S. 232, 236, 244, 246.
75.
Goebbels-Tagebücher, a. a. O., Bd. 6, S. 32, 64, 82.
76.
Vgl., u. a., ebenda, S. 163.
77.
Vgl., u. a., Goebbels-Tagebücher, a. a. O., Bd. 7, S. 222.