"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Prof. Dr. Wolfgang Benz

Kriegsziele der Alliierten

Kalter Krieg statt Friedensordnung

Vom 17. Juli bis 2. August 1945 trafen sich im Schloss Cecilienhof in Potsdam die Regierungs- bzw. Staatschefs der drei Großmächte zu ihrer letzten Kriegskonferenz. Das Treffen sollte eigentlich in Berlin stattfinden (und amtlich hieß es auch "Berliner Konferenz"), aber in der zerstörten Reichshauptstadt waren weder Unterkünfte noch Konferenzräume vorhanden. Das benachbarte Potsdam bot, nach einiger Improvisation, die Möglichkeiten zu einer solchen Veranstaltung.

Aus Washington war der neue US-Präsident Harry S. Truman, Nachfolger des im April 1945 verstorbenen Roosevelt, gekommen; Großbritannien war durch Premierminister Winston Churchill vertreten, der allerdings auf dem Höhepunkt der Konferenz eine Wahlniederlage erlitt und durch den Führer der siegreichen Labour Party Clement Attlee ersetzt wurde. Stalin war als einziger Regierungschef der Anti-Hitler-Koalition seit Kriegsbeginn dabei gewesen.

Potsdamer Abkommen

Das als "Potsdamer Abkommen" bekannte Dokument ist eine Kurzfassung des "Protocol of Proceedings", in dem die Beschlüsse, Vereinbarungen und Absichtserklärungen der Regierungschefs der drei Großmächte festgehalten sind. In rechtlicher Hinsicht ist das "Potsdamer Abkommen" kein völkerrechtlicher Vertrag, was die Gültigkeit und Wirkung der Verabredungen jedoch keineswegs behinderte. Das "Verhandlungsprotokoll" ist nicht zu verwechseln mit wörtlichen Berichten über den Gang der einzelnen Sitzungen. Die wichtigsten Verabredungen der Potsdamer Konferenz waren:

Die Errichtung eines Rats der Außenminister der fünf Hauptmächte (USA, Großbritannien, Sowjetunion, Frankreich und China) zur Vorbereitung von Friedensverträgen mit Deutschlands Verbündeten, zur Regelung ungelöster territorialer Fragen und zur Beratung und Lösung der deutschen Frage. Die Festlegung politischer und wirtschaftlicher Grundsätze für die Behandlung Deutschlands in der Besatzungszeit, und zwar: Ausübung der Regierungsgewalt durch die Oberbefehlshaber der Streitkräfte der vier Großmächte in ihren Besatzungszonen und gemeinsam im Alliierten Kontrollrat; völlige Abrüstung und Entmilitarisierung, Auflösung aller Streitkräfte, einschließlich der SS und SA, Auflösung der NSDAP, Aufhebung aller nationalsozialistischen Gesetze, Entnazifizierung der Bevölkerung, Verhaftung und Verurteilung der Kriegsverbrecher, Demokratisierung des Erziehungssystems, der Justiz, der Verwaltung und des öffentlichen Lebens; Verbot der Waffenproduktion, BeschrÀ¤nkung der Industriekapazität, Dezentralisierung und Dekartellisierung der Wirtschaft unter alliierter Kontrolle.

Deutschland sollte trotz der Einteilung in Besatzungszonen als wirtschaftliche Einheit betrachtet werden. Reparationen: Die Sowjetunion sollte ihre Ansprüche (und die Polens) aus ihrer Besatzungszone befriedigen, die Ansprüche der Westmächte und aller anderen Gläubiger sollten aus den westlichen Besatzungszonen erfüllt werden, die Sowjetunion sollte darüber hinaus Industrieausrüstungen und andere Reparationsleistungen aus den Westzonen erhalten.

Königsberg und das nördliche Ostpreußen fielen ("vorbehaltlich endgültiger Friedensregelung") an die Sowjetunion. Die Oder-Neiße-Linie bildete ("bis zur endgültigen Festlegung") die Westgrenze Polens. "Ordnungsmäßige Überführung" - wie die euphemistische Umschreibung im Protokoll lautete - der deutschen Bevölkerung aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn nach Deutschland.

Zu den Grundlinien des westalliierten Verständnisses gehörte die Betonung der zeitlich befristeten Funktionen der Potsdamer Beschlüsse über Reparationen, Entnazifizierung, Entmilitarisierung und Demokratisierung Deutschlands ebenso wie über territoriale Fragen. Und zum Grundverständnis gehörte es in den ersten Nachkriegsjahren auch noch, dass Potsdam die erste Station auf dem Weg zu einer Friedensregelung sein würde, die, vom dazu institutionalisierten "Rat der Außenminister" vorbereitet, in einem Friedensvertrag mit Deutschland gipfeln würde. Darauf setzten auch die Deutschen ihre Hoffnungen, und dazu gehörte anfänglich die Vorstellung der Vereinigung der vier Besatzungszonen zu einem neuen deutschen Staat - das war in Aussicht gestellt - und die Vorstellung des Rückgewinns wenigstens eines Teiles der verlorenen Ostgebiete.

Vertreibung der Deutschen

Auf der Potsdamer Konferenz hatten im Sommer 1945 die drei Großmächte festgeschrieben, was längst beschlossen war: die Vertreibung der deutschen Minderheiten aus Polen, aus der Tschechoslowakei und aus Ungarn. Die deutschen Ostgebiete, die an Polen fallen sollten und die von der Roten Armee bereits der Verwaltung durch die provisorische polnische Regierung unterstellt worden waren, seien menschenleer. Die Deutschen seien alle geflohen, hatte Stalin in Potsdam behauptet und damit die Konferenzteilnehmer beruhigt, sofern sie überhaupt beunruhigt waren.

In humanen Formen sollte die Vertreibung erfolgen, die Churchill im Dezember 1944 vor dem britischen Unterhaus "das befriedigendste und dauerhafteste Mittel", Frieden zu stiften, genannt hatte: "Es wird keine Mischung der Bevölkerung geben, wodurch endlose Unannehmlichkeiten entstehen wie zum Beispiel im Fall von Elsass-Lothringen. Reiner Tisch wird gemacht werden". Der Begriff "ethnische Säuberung" existierte damals noch nicht, aber er war gemeint.
Flucht und VertreibungFlucht und Vertreibung


Quellentext

Vertreibung aus dem Sudetenland

Ich wohnte mit meinen drei Kindern in Freiwaldau, Ostsudetenland. [...] Am 26. Juli 1945 kamen plötzlich drei bewaffnete tschechische Soldaten und ein Polizist in meine Wohnung, und ich mußte dieselbe binnen einer halben Stunde verlassen. Ich durfte gar nichts mitnehmen. Wir wurden auf einen Sammelplatz getrieben und wußten nicht, was mit uns geschehen wird. [...] Unter starker Bewachung mußten wir auf dem Sammelplatz viele Stunden warten, gegen Abend wurden wir unter gräßlichen Beschimpfungen und Peitschenschlägen aus dem Heimatort fortgeführt.

Nach sechsstündigem Fußmarsch mußten wir im Freien übernachten und wurden dann eine Woche lang in einem primitiven Lager, einem Kalkwerk, festgehalten. Verpflegung gab es keine, und wir mußten mit dem wenigen, was wir uns an Essen mitgenommen hatten, auskommen. Es wurde uns immer noch nicht gesagt, was mit uns geschehen soll, bis wir am 2. August 1945 zum Bahnhof mußten und auf offenen Kohlenwagen und Loren verladen wurden. Vor Abfahrt des Transportes bekamen wir pro Eisenbahnwagen 1 Brot. Während der Fahrt regnete es in Strömen, und wir wurden bis auf die Haut naß, abgesehen davon, daß wir dabei Todesangst ausstehen mußten. Die Kinder wurden krank, und ich wußte mir vor Verzweiflung bald keinen Rat. Nach zwei Tagen wurden wir in Tetschen ausgeladen. Wir waren hungrig und erschöpft und mußten in diesem Zustand den Weg bis zur Reichsgrenze zu Fuß antreten. Wir wurden mit Peitschenhieben und Schreckschüssen immer wieder angetrieben, und viele sind am Wege liegen geblieben. [...] Beim zweiten Schlagbaum wurden unsere Ausweise von russischem Militär geprüft, und dann waren wir für den weiteren Weg auf uns selbst gestellt. [...] Wir wurden von einem Ort zum anderen gewiesen, bis wir endlich am 22. August 1945 eine Unterkunft zugeteilt erhielten.
Mein Mann wurde im Juni 1946 als Schwerkriegsbeschädigter aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, und wir müssen hier, da wir vollständig mittellos sind, in großer Not und Sorge unser Leben fristen. Die in der Heimat zurückgelassenen Sparguthaben und andere Vermögenswerte betragen 112.000,- RM. Ich und mein Mann waren in der Heimat nicht politisch tätig, und die menschenunwürdige Ausweisung, durch die wir zu Bettlern gemacht worden sind, ist ein himmelschreiendes Unrecht. Wir sehnen uns in unsere geliebte Heimat zurück und hoffen, daß uns das geraubte Menschenrecht wiedergegeben wird.

Wolfgang Benz (Hg.), Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. Ursachen, Ereignisse, Folgen, Frankfurt a. M. 1995, S. 138f.

Auszug aus:
Informationen zur politischen Bildung (Heft 259) - Kriegsziele der Alliierten