"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Bernd Faulenbach

Die Vertreibung der Deutschen aus den Gebieten jenseits von Oder und Neiße

I.

In der frühen Nachkriegszeit, in der die unter dem Begriff "Vertreibung" zusammengefassten Ereignisreihen teilweise noch liefen, stand für die Deutschen in den verschiedenen Zonen die Bewältigung elementarster Probleme im Vordergrund, zu denen auch die Aufnahme von Millionen von Flüchtlingen und Vertriebenen gehörte. Angesichts der gravierenden Wohnungsnot und der Ernährungsschwierigkeiten stellte die Unterbringung dieser Gruppe die Alliierten und die deutschen Verwaltungen vor riesige Probleme, die z.T. auch zu Spannungen mit der einheimischen, häufig ausgebombten oder der evakuierten Bevölkerung führten. Die Vertriebenen waren keineswegs überwiegend willkommen.

Manches spricht dabei für die von Hans Georg Lehmann aufgestellte These, dass aufgrund einer vergleichsweise rigorosen Politik der Sowjets und der SED in den ersten Nachkriegsjahren die "Aufnahme und Lebensbedingungen der Vertriebenen in der Sowjetzone" im Vergleich mit den Westzonen wohl "noch am besten" abschnitten. [3] Es gab in der SBZ/DDR zeitweilig gegenüber den Westzonen und der Bundesrepublik einen Vorsprung hinsichtlich materieller und sozialer Integrationshilfen. Erst das vom Bundestag 1952 verabschiedete Lastenausgleichsgesetz veränderte die Situation grundlegend; es führte "zu jenem massiven bundesrepublikanischen Vorsprung in der vertriebenenbezogenen Sozial- und Entschädigungspolitik, den die DDR seither weder konzeptionell noch materiell wieder einholen konnte" [4]. Die Lastenausgleichspolitik wurde zum Symbol einer zunehmend erfolgreichen Integrationspolitik, deren Hintergrund der wirtschaftliche Aufschwung war; sie ist nicht nur als politischer, sondern auch als gesamtgesellschaftlicher Prozess zu werten.

Zunächst hatten die Vertriebenen Mühe, ihre Anliegen in der Öffentlichkeit zu artikulieren. Früh entstanden Zusammenschlüsse, die vor allem als Suchdienste arbeiteten, doch verboten die Alliierten 1946 Koalitionen von Vertriebenen - ein Verbot, das schrittweise gelockert und 1948 in den Westzonen aufgehoben wurde. [5] Die Vertriebenen organisierten sich in Landesverbänden, die sich schon 1949 zu einem Zentralverband der vertriebenen Deutschen vereinigten. Auch wurden nach Aufhebung des Koalitionsverbots Landsmannschaften gegründet, welche sich vor allem die Pflege des kulturellen Erbes zum Ziele setzten und sich partiell zu einer Art "Ersatzheimat" entwickelten. Landsmannschaften und Zentralverband rivalisierten miteinander, 1957 verschmolzen sie schließlich.

Verboten waren durch die Alliierten zunächst auch parlamentarische Interessenvertretungen, doch versuchten die großen Volksparteien, sich auch um die Anliegen der Vertriebenen zu kümmern; zweifellos trug dies zur politischen Integration bei. Gleichwohl wurde 1950 in Schleswig-Holstein eine Vertriebenenpartei gegründet - der Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) -, der bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein immerhin 23,5 Prozent der Stimmen erhielt. [6] 1953 zog diese Partei (GB/BHE) mit einem Stimmenergebnis von 5,7 Prozent bei den Bundestagswahlen in den Bundestag ein. Die Partei trat sogar in die zweite Regierung Adenauer ein, in der sie zwei Minister - unter diesen mit Theodor Oberländer auch den Vertriebenenminister - stellte. Allerdings ging die Partei 1955 in die Opposition; Meinungsverschiedenheiten über das Saarstatut hatten zu einer Spaltung der Partei geführt, 1957 scheiterte sie bei den Bundestagswahlen an der Fünf-Prozent-Hürde.

Bei den Wahlen zu den Landtagen und zum Bundestag waren die Vertriebenen während der fünfziger Jahre - nicht nur wegen der Existenz des BHE - eine umworbene Gruppe. Alle Parteien - mit Ausnahme der KPD - forderten von einem Friedensvertrag die Wiederherstellung Deutschlands in den Grenzen von 1937. Auch Konrad Adenauer, der erste Bundeskanzler, vertrat nachdrücklich diese Forderung, obgleich er sich klar darüber war, dass die Gebiete jenseits von Oder und Neiße für die Deutschen verloren waren und er mit dieser Forderung auf den Widerstand der Hohen Kommissare stoßen musste. [7] Maßgebliche Persönlichkeiten der Bundestagsparteien sprachen auf Treffen der Heimatvertriebenen und unterstützten das Recht der Vertriebenen auf Heimat. "Dreigeteilt - niemals" war die Parole eines bekannten Plakates des Kuratoriums "Unteilbares Deutschland".

Kennzeichnend für die fünfziger Jahre waren auf der einen Seite beachtliche Bemühungen um die gesellschaftliche Integration der Vertriebenen, die offensichtlich selbst davon ausgingen, dass mit einer Rückkehr in die verlorenen Gebiete auf absehbare Zeit nicht zu rechnen war; auf der anderen Seite gab es die Unterstützung der Rechte der Vertriebenen und ihrer Forderungen, die eine Verurteilung des Unrechts der Vertreibung selbstverständlich einschloss. Man mag in dieser doppelten Politik einen Mangel an Konsequenz sehen, gleichwohl kann man fragen, ob sie nicht doch zur Integration der Vertriebenen und zur Paralysierung des Heimatvertriebenenproblems beitrug.

Allerdings war dieser Politik doch auch die Förderung von Illusionen bei den Heimatvertriebenen immanent. Diese hatten bemerkenswerterweise in einer Charta, die 1950 in Stuttgart verkündet wurde und Forderungen nach sozialer und wirtschaftlicher Gleichstellung sowie politischer Vertretung der Vertriebenen enthielt, ausdrücklich auf Rache und Vergeltung verzichtet und versprochen, "jedes Beginnen mit allen Kräften zu unterstützen, das auf die Schaffung eines geeinten Europas gerichtet ist, in dem die Völker ohne Furcht und Zwang leben können" [8]. Gleichwohl hatten die Forderungen der Vertriebenen selbstverständlich die Revision der faktisch bestehenden Grenzen zum Ziel, weshalb sie in der Propaganda des Ostens als "Revanchisten" bezeichnet wurden.

Anders als die Bundesrepublik Deutschland erkannte die DDR 1950 im Görlitzer Vertrag die Oder-Neiße-Grenze an. In der SBZ/DDR war der Begriff "Vertriebene" frühzeitig durch den der "Übersiedler" substituiert worden, später wurde auch dieser tabuisiert und das Problem der Vertriebenen offiziell ignoriert. Wilhelm Pieck, der erste Präsident der DDR, erklärte im Oktober 1950 in seiner geteilten Heimatstadt Guben: "Wir haben unsere engere Heimat verloren, aber wir haben die große Heimat des Friedens, die Heimat eines demokratischen friedliebenden Deutschlands gewonnen." [9] Die Beurteilung der Frage der Ost-Grenze, der Vertriebenenproblematik und der Vertreibung insgesamt unterschied fortan die beiden deutschen Staaten. Dies führte dazu, dass der Fragenkomplex in der Ära des Kalten Krieges instrumentalisiert wurde. In der Bundesrepublik wurde die Vertreibung eine wichtige Komponente in der antikommunistischen Propaganda.


Fußnoten

3.
Hans-Georg Lehmann, Der Oder-Neiße-Konflikt, München 1979, S. 63.
4.
Michael Schwartz, Vertreibung und Vergangenheitspolitik. Ein Versuch über geteilte deutsche Nachkriegsidentitäten, in: Deutschland Archiv, 30 (1997), S. 177-195, hier S. 179.
5.
Vgl. Hermann Weiss, Die Organisationen der Vertriebenen und ihre Presse, in: Wolfgang Benz (Hrsg.), Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. Ursachen, Ereignisse, Folgen, Frankfurt/M. 1985, S. 193-208; Alfred-Maurice de Zayas, Vertriebene, in: Werner Weidenfeld/Karl-Rudolf Korte (Hrsg.), Handwörterbuch der deutschen Einheit, Frankfurt/M. 1992, S. 732-741, hier S. 736.
6.
Zum BHE vgl. Franz Neumann, Der Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten 1950-1960, Meisenheim am Glan 1968.
7.
Vgl. Josef Foschepoth, Potsdam und danach. Die Westmächte, Adenauer und die Vertriebenen, in: W. Benz (Anm. 5), S. 70-90, hier insbes. S. 86 ff.
8.
A. M. de Zayas (Anm. 5), S. 737. Vgl. ferner Karl Dietrich Erdmann, Die Zeit der Weltkriege (Gebhardt, Handbuch der Deutschen Geschichte, Bd. IV), Stuttgart 1976, S. 681.
9.
Wilhelm Pieck, Reden und Aufsätze. Auswahl aus den Jahren 1908 bis 1950, Bd. 2, Berlin 1954, S. 555.