"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Bernd Faulenbach

Die Vertreibung der Deutschen aus den Gebieten jenseits von Oder und Neiße

III.

Die deutsche Geschichtswissenschaft hat - so urteilte Hellmuth Auerbach 1985 retrospektiv [14] - früh damit begonnen, das Thema Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten zu erforschen. Seit Mitte der fünfziger Jahre erschienen Bücher, die sich mit dem Schicksal der Vertriebenen befassten und die versuchten, die historischen Hintergründe auszuleuchten und die Ereignisse historisch einzuordnen. Von grundlegender Bedeutung war und ist dabei die Dokumentation und Darstellung der Vertreibung aus den Ostgebieten, zu der bereits in den frühen Nachkriegsjahren Vorarbeiten begannen und die schon kurz nach Gründung der Bundesrepublik als wissenschaftliches Großprojekt in Angriff genommen wurde. [15] 1951 berief der Bundesminister für Vertriebene, Hans Lukaschek, eine wissenschaftliche Kommission, die den Auftrag erhielt, die Vertreibung umfassend zu dokumentieren, wobei das Motiv leitend war, Materialien zur Abstützung der deutschen Position bei künftigen Friedensverhandlungen zusammenzutragen. [16]

Die Kommission bestand aus angesehenen "führenden" Historikern. Geleitet wurde sie von Theodor Schieder; ihr gehörten außerdem an Peter Rassow, Rudolf Laun und Hans Rothfels sowie Adolf Distelkamp vom Bundesarchiv, nach einiger Zeit kam als weiteres Mitglied Werner Conze hinzu. Mitglieder des wissenschaftlichen Arbeitskreises waren u.a. Hans Booms, der spätere Direktor des Bundesarchivs; Martin Broszat, der spätere Direktor des Institutes für Zeitgeschichte, und Hans Ulrich Wehler, seit Ende der sechziger Jahre einer der führenden deutschen Sozialhistoriker. Unterstützt wurde die Kommission vom Statistischen Bundesamt, dem Johann-Gottfried-Herder-Institut in Marburg, der Arbeitsgemeinschaft für Osteuropaforschung in Göttingen und vom Münchener Institut für Zeitgeschichte. Alles in allem ein für die damalige Zeit sehr großes wissenschaftliches Unternehmen, welches das besondere Interesse an dem Forschungsgegenstand erkennen lässt.

Für die Historiker trat das ursprüngliche politische Motiv bald in den Hintergrund, woraus Gegensätze zum Auftraggeber erwuchsen. Leitend für die Herausgeber war - wie sie in der Einleitung betonten - "die Sorge, Geschehnisse von der furchtbaren Größe der Massenaustreibung könnten in Vergessenheit fallen, die abschreckenden und aufrüttelnden Erfahrungen aus dieser europäischen Katastrophe könnten für die Staatsmänner und Politiker verloren gehen" [17]. Die an dem Projekt beteiligten Wissenschaftler - so betonen die Herausgeber weiter - fühlten sich bei der Erarbeitung der Dokumentation nur an das Ethos der wissenschaftlichen Forschung gebunden.

Darüber hinaus seien sie dem "politischen Grundsatz" des Verzichts auf Rache und Gewalt verpflichtet, wie er in der Charta der Heimatvertriebenen niedergelegt sei: Die Herausgeber "wollen mit der von ihnen betreuten Veröffentlichung nicht dem Willen Vorschub leisten, der diesem Verzicht entgegensteht, nicht Empfindungen auslösen, die selbstquälerisch im eigenen Leid wühlen". Es folgt der bedeutsame Satz: "Dazu sind sie (die Herausgeber) sich zu sehr des deutschen Anteils an den Verhängnissen der letzten beiden Jahrzehnte bewusst." [18] Keine Frage, die Herausgeber waren sich der deutschen Schuld bewusst, was im Hinblick auf den Leiter des Projektes, Theodor Schieder, der - wie wir heute wissen - an der Konzipierung von Umsiedlungsaktionen großen Stils, die sich schließlich im Generalplan Ost verdichteten, beteiligt war, und auf Werner Conze, der zur bevölkerungswissenschaftlichen Fundierung der NS-Politik beitrug, durchaus auch eine persönliche Komponente besaß; wobei wir bislang nicht so recht wissen, ob sie sich auch persönlich für mitverantwortlich hielten. [19] Jedenfalls wurde eine Reihe der beteiligten Wissenschaftler, indem sie das Geschehen vor dem Hintergrund der europäischen Geschichte zu betrachten begannen, "buchstäblich von der eigenen Vergangenheit eingeholt" [20]. Die Herausgeber drückten ihre Hoffnung aus, "dass durch die Arbeit die Einsicht gestärkt wird, dass sich Ereignisse wie die Vertreibung nicht wiederholen dürfen, wenn Europa noch eine Hoffnung haben soll. Sie hoffen auf eine Neuordnung der Völkerbeziehungen in dem Raume, der zuletzt ein Inferno der Völker geworden war" - eine Hoffnung, die etwas abstrakt klingt, doch gerade die Erfahrungen der Vergangenheit zum Ausgang haben soll: "Nicht aus einem Vorbeisehen an der jüngsten Vergangenheit, sondern nur aus der verantwortungsbewussten Auseinandersetzung mit ihr kann eine neue moralische Kraft geboren werden, um die Spannungen zwischen den Völkern des östlichen Mitteleuropas, ganz Europa zu überwinden, damit das unsagbare Leid unserer Generation nicht ganz sinnlos bleibt." [21] Themen der fünf umfangreichen Bände (darunter mehrere Doppelbände) sind die Evakuierungsvorgänge, Flucht- und Kriegsereignisse, die Zerstörung der Lebensgrundlagen der Bevölkerung, die Austreibung der Bevölkerung. Die Bände über die südosteuropäischen Staaten beziehen sich auf die Geschichte der Deutschen in diesen Gebieten, ihre Schicksal während des Krieges, Umsiedlungen, Zwangsrekrutierungen zur SS, Auswirkungen der russischen Besetzung, Verschleppung zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion, Enteignungen, Internierungen und Ausweisungen.

Basis des Unternehmens war eine systematische Befragungs- und Sammelaktion unter den Vertriebenen, durch die eine große Fülle dokumentarischen Materials zusammengetragen wurde: zum überwiegenden Teil Erlebnisberichte, dann Befragungsprotokolle, private Briefe, Tagebücher, auch amtliche Schriftstücke. Die Sichtung, Beurteilung und Verarbeitung des Materials sowie die Zusammenstellung für die Edition warf vielfältige methodische Probleme auf, die insbesondere Martin Broszat und Theodor Schieder in methodologischen Beiträgen zu klären versuchten. [22] Das Forscher-Team unterwarf die Masse neuartiger "subjektiver" Quellen einem Verfahren der "Authentifizierung" und "Verifizierung" d.h., die Historiker stellten Vergleiche zwischen den Quellen an und prüften die Plausibilität, die Aussagefähigkeit der Dokumente. Bei der Auswahl bemühten sich die Historiker, ein möglichst repräsentatives Bild zu liefern, d.h. alle Regionen, Bevölkerungsgruppen, Vorgänge - etwa auch die Lager - und Schicksale zu berücksichtigen. Die nicht in die Edition aufgenommenen Dokumente - etwa 10 000 Erlebnisberichte und weitere Materialien - werden im Bundesarchiv aufbewahrt.

Die nüchterne, sorgfältige Analyse der Dokumente führte - ähnliche Probleme gab es auch bei anderen Opfergruppen der jüngsten Geschichte - zu erheblichen Spannungen zwischen den Vertriebenen und Vertriebenenfunktionären auf der einen Seite sowie den Historikern und Archivaren auf der anderen Seite. Hans Rothfels stellte zu den massiven Angriffen von Organen und Organisationen der Vertriebenen - zu denen der Vorwurf gehörte, die Dokumentation sei "in wesentlichen Punkten nach dem Geschmack der Vertreiber ausgefallen" - u.a. fest: "Bei aller Bereitschaft des Historikers, von 'Zeitzeugenberichten' zu lernen, kann ein Zensurrecht der Beteiligten nicht wohl anerkannt werden." [23] "Eine reine Erlebnishistorie" - so schrieb Theodor Schieder in seinem methodologischen Aufsatz - wäre "keine wissenschaftliche Historie" mehr. [24] In der Tat waren die Wissenschaftler - wie die Einleitungen zu den Bänden zeigen - sehr um eine behutsame Einordnung der Einzelvorgänge bemüht; zweifellos ist das Unternehmen eine beachtliche Leistung. Zur Gesamteinordnung wurde die Frage aufgeworfen, ob die Vorgänge vorrangig als Schlussakt des Krieges, in dem die Vernichtung ganzer Völker beabsichtigt war (wobei sich der deutsche Anteil wahrlich präziser hätte kennzeichnen lassen), oder im Kontext der seit dem 19. Jahrhundert geführten Nationalitätenkämpfe in der östlichen Völkermischzone Europas zu sehen sei. [25] Bis in die Gegenwart bildet dieses Werk, dessen Ergebnisband damals wohl aus politischen Gründen nicht mehr erschien, die wichtigste Grundlage für die Erforschung des Erlebens und Erleidens - also auch der subjektiven Ebene - der Vertreibung. Keine Frage, dass die Lektüre noch heute erschüttert. So bedeutsam das Werk war, zu seiner Popularisierung wurde von offizieller Seite nicht viel getan. In den achtziger Jahren erschien eine Taschenbuchausgabe. Allerdings nutzten einige Autoren das Werk als Steinbruch, wobei sie nicht selten besonders grausame Geschehnisse auswählten. [26] Eine Ergänzung der Dokumentation bildet der vom Statistischen Bundesamt herausgegebene Band "Die deutschen Vertreibungsverluste 1939/50" [27].

Gemessen an diesem umfangreichen Dokumentationswerk war der übrige wissenschaftliche Ertrag in den fünfziger und sechziger Jahren eher sekundär. Eine Reihe bemerkenswerter, auch für den Historiker aufschlussreicher Tagebücher und Berichte erschien, auch wurden chronikartige Zusammenstellungen des Kriegsgeschehens mehr publizistischen als wissenschaftlichen Charakters veröffentlicht, die das Kriegsgeschehen mit seinen Auswirkungen auf die Bevölkerung im Osten zum Thema hatten. [28]

Erwähnenswert ist, dass in der deutschen Zeithistorie fast gleichzeitig mit der Vertreibung bereits die nationalsozialistische Polenpolitik in den Blick kam, was zweifellos zwingend war, denn die NS-Politik plante ihrerseits gewaltige Umsiedlungsaktionen und führte sie mit brutalen Mitteln durch. Schon 1961 erschien Martin Broszats Arbeit über die "Nationalsozialistische Polenpolitik 1939-1945", [29] andere Arbeiten folgten in den sechziger Jahren. Auch unternahm die Zeithistorie beachtliche Anstrengungen, um die Frage der Verantwortlichkeit der Täter zu klären. Gleichwohl ist zu konstatieren, dass die deutsche Zeithistorie die Erforschung des Holocaust - anders als die der Vertreibung - aus der Sicht der Opfer zunächst kaum versuchte. [30] Eine Bedeutung für die Bewältigung von Flucht und Vertreibung hatte die moderne Literatur, in der nicht nur die Ereignisse am Ende des Krieges, sondern auch die Erinnerung an die verlorene Welt zum Thema gemacht wurden. Hingewiesen sei hier auf die Werke von Günter Grass, Siegfried Lenz, Arno Surminski, Christine Brückner und anderen, in denen Flucht, Vertreibung, die alte und neue Heimat im Spiegel menschlicher Schicksale dargestellt und damit auch ein Stück weit "bewältigt" wurden.


Fußnoten

14.
Vgl. Hellmuth Auerbach, Literatur zum Thema. Ein kritischer Überblick, in: W. Benz (Anm. 5), S. 219-231, hier S. 219.
15.
Vgl. Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ostmitteleuropa. In Verbindung mit Adolf Distelkamp, Rudolf Laun, Peter Rassow, Hans Rothfels (und ab Bd. I/3 auch Werner Conze) bearbeitet von Theodor Schieder, hrsg. vom Bundesministerium für Vertriebene, 1954-1963; nachgedruckt München 1984. Hier wird nach der Originalausgabe zitiert.
16.
Zur Entstehung des Projektes siehe Mathias Beer, Im Spannungsfeld von Politik und Zeitgeschichte. Das Großforschungsprojekt Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 46 (1998), S. 345-389.
17.
Dokumentation, Vorwort zu Bd. I (Anm. 15), S. I-VII, hier S. I.
18.
Ebd., S. VI f.
19.
Vgl. Götz Aly, Macht, Geist, Wahn. Kontinuitäten deutschen Denkens, Berlin 1997; ders./Susanne Heim, Vordenker der Vernichtung. Auschwitz und die deutschen Pläne für eine neue europäische Ordnung, Hamburg 1991; Angelika Ebbinghaus/Karl-Heinz Roth, Vorläufer des 'Generalplans Ost'. Eine Dokumentation über Theodor Schieders Polendenkschrift vom 7. Oktober 1939, in: 1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, (1992) 1, S. 62-95. Vgl. auch Peter Schöttler (Hrsg.), Geschichte als Legitimationswissenschaft, Frankfurt/M. 1997; ders., Schuld der Historiker, in: Die Zeit, Nr. 14, 1997, S. 15.
20.
M. Beer (Anm. 16), S. 389.
21.
Dokumentation, Vorwort zu Bd. I (Anm. 15), S. VII.
22.
Vgl. Martin Broszat, Massendokumentation als Methode zeitgeschichtlicher Forschung, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 2 (1954), S. 202-213; Theodor Schieder, Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten als wissenschaftliches Problem, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 8 (1960), S. 1-16.
23.
Hans Rothfels in seiner Vorbemerkung des Herausgebers zum Aufsatz von Theodor Schieder, ebd., S. 1.
24.
Ebd., S. 2.
25.
Vgl. Dokumentation (Anm. 15), Bd. I, Vorwort, S. 1.
26.
Vgl. Edgar Günther Lass, Die Flucht. Ostpreußen 1944/45, Bad Nauheim 1964.
27.
Die deutschen Vertreibungsverluste. Bevölkerungsbilanzen für die deutschen Vertreibungsgebiete 1939/50, hrsg. vom Statistischen Bundesamt Wiesbaden, Stuttgart 1958.
28.
Exemplarisch für die Tagebücher: Hans Graf Lehndorff, Ostpreußisches Tagebuch. Aufzeichnungen eines Arztes aus den Jahren 1945-1947, München 1961; Taschenbuchausgabe München 1967. Zur Darstellung der Kriegsgeschehnisse siehe Jürgen Thorwald, Es begann an der Weichsel, Stuttgart 1950; ders., Das Ende an der Elbe, Stuttgart 1950; Kurt Dieckert/Horst Grossmann, Der Kampf um Ostpreußen. Ein authentischer Dokumentationsbericht, München 1960; Hans von Ahlfen, Der Kampf um Schlesien. Ein authentischer Dokumentationsbericht, München 1961; Erich Murawski, Die Eroberung Pommerns durch die Rote Armee, Boppard am Rhein 1969.
29.
Vgl. Martin Broszat, Nationalsozialistische Polenpolitik 1939-1945, Stuttgart 1961.
30.
Vgl. Konrad Kwiet, Die NS-Zeit in der westdeutschen Forschung 1945-1961, in: Ernst Schulin (Hrsg.), Deutsche Geschichtswissenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg (1945-1965), München 1989, S. 181-198.