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"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Bernd Faulenbach

Die Vertreibung der Deutschen aus den Gebieten jenseits von Oder und Neiße

IV.

In den sechziger Jahren schritt die Integration der Heimatvertriebenen - ungeachtet hier und da insbesondere im ländlichen Raum noch vorhandener Spannungen - weiter voran; sie partizipierten in ihrer großen Mehrheit an der wirtschaftlichen Aufwärtsentwicklung. Zwar hatten sie keine eigene parlamentarische Interessenvertretung mehr, doch kandidierten führende Vertriebenenfunktionäre auf sicheren Listenplätzen der CDU, der CSU und auch der SPD (so Wenzel Jacksch, Präsident der Vertriebenen 1964-1966, oder Herbert Hupka, der Vizepräsident des Bundes der Vertriebenen, der 1969 für die SPD in den Bundestag einzog und 1972 zur CDU übertrat), wobei insbesondere sozialpolitische Fragen die Brücke zur SPD bildeten. [31] Doch veränderte sich das politische Klima in den sechziger Jahren in einer Weise, die für die Vertriebenen zunehmend ungünstiger wurde. Das Agieren der Heimatvertriebenenfunktionäre fand verstärkt Kritik, sie galten nun häufig bereits als "Gestrige". Einer der Hintergründe war gewiss, dass sich das politische Koordinatensystem zunächst unmerklich, dann verstärkt nach links verschob und die linksliberale Presse an Einfluss gewann. Das Problem der Ostgebiete wurde zunehmend nunmehr als eine Angelegenheit der unmittelbar Betroffenen angesehen. In der öffentlichen Meinung erhoben sich Stimmen, welche die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze forderten. Die Evangelische Kirche Deutschlands (EKD) ging mit ihrer Denkschrift voran, auch die Sozialdemokratie - in der vorher schon vereinzelt, etwa von Carlo Schmid und Fritz Erler, in dieser Richtung plädiert worden war - forderte seit 1966 eine Respektierung der Grenze. Hinter dieser Forderung stand der Wunsch, mit dem Osten, namentlich mit Polen, zu einem Ausgleich zu kommen. Willy Brandt sprach auf dem Nürnberger Parteitag der SPD 1968 von einer "Anerkennung bzw. Respektierung" der Oder-Neiße-Linie bis zur friedensvertraglichen Regelung - eine Formel, die in eine mit großer Mehrheit verabschiedete Entschließung einging. [32] Diese Forderung passte in ein Konzept der Entspannungspolitik, war aber zugleich tief moralisch begründet.

In den sechziger Jahren rückte die NS-Zeit und in diesem Kontext die verbrecherische Politik gegenüber Polen und den Völkern der Sowjetunion, vor allem auch der Holocaust, in das Zentrum der politisch-kulturellen Diskussion. Es war die Zeit der großen NS-Prozesse, der Verjährungsdebatten des Bundestages und der in Literatur und Theater zunehmend intensiv behandelten NS-Zeit - erinnert sei an Peter Weiss' "Ermittlung", an Rolf Hochhuths "Stellvertreter". Auch die Zeithistorie beschäftigte sich inzwischen mit beträchtlichem Aufwand und bedeutsamen Ergebnissen mit der NS-Politik und ihren Verbrechen.

Fußnoten

31.
Von den 81 Abgeordneten, die sich im Bundestag 1965-1969 als "Heimatvertriebene" bezeichneten, gehörten 36 der CDU/CSU, 38 der SPD und 7 der FDP an (Heribert Knorr, Der parlamentarische Entscheidungsprozess während der Großen Koalition 1966 bis 1969. Struktur und Einfluss der Koalitionsfraktionen und ihr Verhältnis zur Regierung der Großen Koalition, Meisenheim am Glan 1975, S. 37).
32.
Vgl. Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (Hrsg.), Parteitag der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands vom 17. bis 21. März 1968 in Nürnberg. Protokoll der Verhandlungen, Bonn o. J., S. 11 und 996.
34.
Vgl. u. a. Heinz Nawratil, Vertreibungsverbrechen an Deutschen. Tatbestand, Motive, Bewältigung, München 1982; Wilfried Ahrens, Verbrechen an Deutschen. Dokumente der Vertreibung, Rosenheim 1983; vgl. auch H. Auerbach (Anm. 14), S. 226.
35.
Vgl. Winfried Schlau, Die Eingliederung in gesellschaftlicher Hinsicht, in: Hans Joachim von Merkatz (Hrsg.), Aus Trümmern werden Fundamente. Vertriebene-Flüchtlinge-Aussiedler - Drei Jahrzehnte Integration, Düsseldorf 1979, S. 151-162, insbes. S. 159 f. Vgl. ferner M. Schwartz (Anm. 4), S. 189.
36.
Richard von Weizsäcker, Reden und Interviews, Bd. I, 1. Juli 1984-30. Juni 1985, Bonn 1986, S. 12.