"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Bernd Faulenbach

Die Vertreibung der Deutschen aus den Gebieten jenseits von Oder und Neiße

V.

Seit den siebziger Jahren wurde die Integration der Vertriebenen in die westdeutsche Gesellschaft zu einem Thema der sozialgeschichtlichen und sozialwissenschaftlichen Forschung. Die Vertriebenenfrage wurde zu einem Teilaspekt der Geschichte der Gesellschaft der Bundesrepublik. Zu diesem Themenkomplex wurden eine Reihe von Studien vorgelegt, so z.B. von Marion Frantzioch und Helga Grebing mit ihrem Team. [37] Die unter dem Begriff "Vertreibung" zusammengefassten Vorgänge fanden demgegenüber in der zeithistorischen Forschung nur verhältnismäßig geringes Interesse, insbesondere wenn man andere, demgegenüber ungemein intensiv behandelte Themen-komplexe der Geschichte des Dritten Reiches vergleichend heranzieht. Dieses Defizit wurde von verschiedenen Beobachtern kritisiert und bedarf tatsächlich der Erklärung.

Andreas Hillgruber konstatierte 1986, dass die "Katastrophe des deutschen Ostens" zu den Forschungsfeldern gehöre, auf denen es einen Stillstand gebe oder die Forschung gar nicht in Gang gekommen sei. [38] Zu den Ursachen dieses Befundes stellte Hillgruber keine Überlegungen an; dies hatte aber schon wenig vorher Alfred Heuß getan.

1984 veröffentlichte der angesehene Althistoriker Alfred Heuß ein Buch mit dem Titel "Versagen und Verhängnis" und dem bezeichnenden Untertitel "Vom Ruin deutscher Geschichte und ihres Verständnisses", in dem er über den Verfall geschichtlichen Bewusstseins in Deutschland Klage führte. [39] Charakteristisch schien dabei für ihn der Umgang mit der Katastrophe des deutschen Ostens. Siebenhundert Jahre deutscher Geschichte seien damals annulliert worden, "so ziemlich die einzig bleibende Leistung, in der sich das gesamte deutsche Volk in den siebenhundert Jahren seit Ausgang des Mittelalters verkörperte. Damit fanden deutsche Volksstämme, ohne die das Bild Deutschlands ein halbes Jahrtausend hindurch unvorstellbar war, ihren Untergang". Auch Städte wie Königsberg, Danzig, Breslau, Stettin hätten ihren Untergang gefunden, ohne die der kulturelle und soziale Hintergrund der deutschen Geschichte unvollständig wäre. [40]

Der historische Bildungsstand in Deutschland sei derart heruntergekommen, dass sich kaum jemand klar mache, was mit der Vertreibung der Deutschen wirklich geschah: "die Dezimierung der Substanz des deutschen Volkes, bei der es nicht nur um eine Unsumme grausamer Einzelschicksale geht, sondern um einen nicht regenerierbaren Verlust, um ein Phänomen also, das man in Analogie zu Genozid mit der Bezeichnung 'Phylozyd' (Stammestötung) belegen müsste, denn es gibt von nun an keine Schlesier, Pommern, Ostpreußen, Sudetendeutsche usw. mehr. Ihre Sprache bzw. Dialekte, wichtige Bestandteile des deutschen Sprachkörpers, haben aufgehört zu existieren und müssen in 'historisch' gewordenen Wörterbüchern (sofern es welche gibt) nachgeschlagen werden." Das Wissen aber um die Kultur des Ostens gehöre "zum Wissen von uns selbst", und ebenso sollte dazu auch die Erkenntnis gehören, dass sich hierin Hitlers Verbrechensprinzipien gegen die Deutschen selbst kehrten". [41] Heuß sparte nicht mit einer kritischen Beurteilung der angelsächsischen Mächte, ihrer Politik der "Bevölkerungsverschiebungen", insbesondere der Ermöglichung bzw. Hinnahme der Vertreibungspraxis. Bei seiner Kritik stützte er sich auf die Veröffentlichungen des amerikanischen Völkerrechtlers Alfred-Maurice de Zayas, der 1977 ein auch in Deutschland beachtetes Buch mit dem Titel "Die Anglo-Amerikaner und die Vertreibung der Deutschen" publiziert hatte. [42]

Dass die Vertreibung von der Zeithistorie völlig ignoriert wurde, ist indes nicht ganz zutreffend. Wie bereits gesagt, wurde die große Dokumentation erneut aufgelegt. Auch brachte z.B. Wolfgang Benz 1985 ein Taschenbuch mit dem Titel "Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. Ursachen, Ereignisse, Folgen" heraus, in dem die Vorgeschichte - u.a. auch der Generalplan Ost - dargestellt, die politischen Hintergründe beleuchtet, einige Erlebnisberichte abgedruckt und die Auseinandersetzung mit dem Thema bis in die Gegenwart thematisiert wurde. [43] Auch fanden in der Historiographie die außenpolitischen Entscheidungsprozesse während des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit ein gewisses Interesse. Gleichwohl wird man einräumen müssen, dass alles in allem das Thema kein bevorzugter Gegenstand der Zeithistorie und der Publizistik in den achtziger Jahren war.

1986 veröffentlichte Andreas Hillgruber einen schmalen Band "Zweierlei Untergang. Die Zerschlagung des Deutschen Reiches und das Ende des europäischen Judentums", das einer der Auslöser von Jürgen Habermas' Attacke auf "revisionistische" Historiker war, durch die der sog. "Historikerstreit" initiiert wurde. [44] In dieser Schrift, die aus zwei Studien - "Der Zusammenbruch im Osten 1944/45" und "Der geschichtliche Ort der Judenvernichtung" - besteht, vertrat Hillgruber die Ansicht, dass "der Mord an den Juden im Machtbereich des nationalsozialistischen Deutschland in den Jahren 1941 bis 1944 und die unmittelbar folgende Vertreibung der Deutschen aus Ostmitteleuropa und die Zertrümmerung des preußisch-deutschen Reiches 1944/45" zusammengehören; gleichwohl hätten sie unterschiedliche Vorgeschichten: Der Mord an den Juden sei ausschließlich eine Konsequenz aus der radikalen Rassendoktrin gewesen, die mit Hitler zur Staatsideologie wurde. Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten und die Zerschlagung des Deutschen Reiches hingegen seien "nicht nur eine Antwort auf die - während des Krieges noch gar nicht in vollem Maße bekannt gewordenen - Verbrechen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft" gewesen, sondern sie hätten schon vorher "erwogenen Zielen der gegnerischen Großmächte, die während des Krieges zum Durchbruch gelangten", entsprochen. [45] Den Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Politik der Bevölkerungsverschiebung und den dabei angewandten Mitteln erwähnte Hillgruber nicht. Hillgruber verteidigte nachdrücklich den deutschen Verteidigungskampf im Osten, obgleich er den Krieg sicherlich verlängert und damit das Morden in den Vernichtungslagern fortgesetzt habe.

Hillgrubers Thesen wurden im Historikerstreit von der Mehrzahl der Historiker und Publizisten abgelehnt. [46] Man wertete sie als eine Verteidigung nationalsozialistischer Politik und als eine Relativierung des Holocaust. Tatsächlich sind sie überaus anfechtbar und riskant, doch hat die sehr scharfe Kritik an Hillgruber wohl auch den Tatbestand zur Voraussetzung, dass der Holocaust seit den sechziger Jahren im deutschen Geschichtsbewusstsein zunehmend in den Mittelpunkt der Geschichte der NS-Zeit gerückt ist und als einzigartig und unvergleichlich qualifiziert wird, während die Vertreibung gleichzeitig immer mehr aus dem kollektiven Bewusstsein verdrängt und lediglich als Sache der Betroffenen angesehen worden war.

Sicherlich spielten bei der zunehmenden Ausblendung der Vertreibung im kollektiven Bewusstsein politische Neuorientierungen in der deutschen politischen Öffentlichkeit eine gewisse Rolle. Die deutsche Öffentlichkeit wollte ganz überwiegend den Ausgleich mit Polen und den anderen osteuropäischen Völkern. 1972 bis 1976 hatte sich eine deutsch-polnische Kommission auf gemeinsame Empfehlungen für Schulbücher der Geschichte und Geographie geeinigt, welche die jüngste Geschichte durchaus nicht ausklammerten und sowohl die nationalsozialistische Besatzungspolitik charakterisierten als auch die "territorialen Veränderungen" und "Bevölkerungsverschiebungen" am Ende des Zweiten Weltkrieges benannten, die einzelnen Phasen unterschieden und auch die Integrationsleistung der deutschen Gesellschaft der Nachkriegszeit würdigten - in Formulierungen, die beiden Seiten akzeptabel schienen, freilich bei den Vertriebenen auf Widerstand stießen.[47] Zwischen westdeutschen und polnischen Historikern bildeten sich erste Kommunikationsstrukturen heraus.

Einige andere Momente spielten bei dem Zurücktreten der Erinnerung an die Vertreibung eine nicht unwichtige Rolle:

  • Nationale Kategorien verblassten im westdeutschen historisch-politischen Bewusstsein.
  • Es trat eine gewisse, westlich orientierte Territorialisierung des Geschichtsbewusstseins ein, dessen Raumbild den Osten nicht eigentlich mehr umfasste.
  • Die Erkenntnis von der Einzigartigkeit des Holocaust und der anderen NS-Verbrechen ließ anderes Unrecht, andere Verbrechen verblassen.
  • In Veröffentlichungen über die Vertreibung hatte eine gewisse Aufrechnungsmentalität eine Rolle gespielt, die zu Recht deutlich kritisiert wurde. Auf diese Weise galt das Thema generell als nationalistisch affiziert, was dazu beitrug, dass es von der jüngeren Generation der Historiker seit den sechziger Jahren kaum - allenfalls am Rande von Nationalismus-Forschungen - aufgegriffen wurde. [48] Dies könnte sich in der Gegenwart ändern.

Fußnoten

37.
Vgl. Marion Frantzioch, Die Vertriebenen. Hemmnisse und Wege der Integration, Berlin 1987; Rainer Schulze/Doris von der Brelie-Lewien/Helga Grebing (Hrsg.), Flüchtlinge und Vertriebene in der westdeutschen Nachkriegsgeschichte. Bilanzierung der Forschung und Perspektiven für die künftige Forschungsarbeit, Hildesheim 1987; Paul Erker, Revolution des Dorfes. Ländliche Bevölkerung zwischen Flüchtlingsstrom und landwirtschaftlichem Strukturwandel, in: Martin Broszat u. a. (Hrsg.), Von Stalingrad zur Währungsreform, München 1988, S. 367-425. Vgl. auch Michael Schwartz, Integration von Flüchtlingen im Nachkriegsdeutschland. Ein Forschungskolloquium des Institutes für Zeitgeschichte, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 44 (1996), S. 629-631; Sylvia Schraut/Thomas Grosser (Hrsg.), Die Flüchtlingsfrage in der Nachkriegsgesellschaft, Mannheim 1996. Siehe ferner H. J. von Merkatz (Anm. 35).
38.
Andreas Hillgruber, Zweierlei Untergang. Die Zerschlagung des Deutschen Reiches und das Ende des europäischen Judentums, Berlin 1986, S. 12 f.
39.
Vgl. Alfred Heuß, Versagen und Verhängnis. Vom Ruin deutscher Geschichte und ihres Verständnisses, Berlin 1984.
40.
Vgl. ebd., S. 142.
41.
Ebd., S. 208 f.
42.
Vgl. Alfred-Maurice de Zayas, Die Anglo-Amerikaner und die Vertreibung der Deutschen. 7., erw. Aufl., Berlin 1988.
43.
Vgl. W. Benz (Anm. 5).
44.
Vgl. A. Hillgruber (Anm. 38). Zum Historikerstreit siehe "Historikerstreit". Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung, München - Zürich 1987; Bernd Faulenbach, Die Bedeutung der NS-Vergangenheit für die Bundesrepublik. Zur politischen Dimension des "Historikerstreits", in: ders./Klaus Bölling, Geschichtsbewusstsein und historisch-politische Bildung in der Bundesrepublik, Düsseldorf 1988, S. 9-38.
45.
A. Hillgruber (Anm. 38), S. 9.
46.
Vgl. "Historikerstreit" (Anm. 44).
47.
Vgl. Empfehlungen für die Schulbücher der Geschichte und Geographie in der Bundesrepublik Deutschland und der Volksrepublik Polen, Schriftenreihe des Georg-Eckert- Institutes für internationale Schulbuchforschung, Bd. 22/XV., erweiterte Neuaufl. Braunschweig 1995; Wolfgang Jacobmeyer (Hrsg.), Die deutsch-polnischen Schulbuchempfehlungen in der öffentlichen Diskussion der Bundesrepublik Deutschland. Eine Dokumentation, Braunschweig 1979. Stellungnahmen aus dem Umfeld der Vertriebenen insbesondere in: Materialien zu deutsch-polnischen Schulbuchempfehlungen. Eine Dokumentation kritischer Stellungnahmen, Bonn 1980.
48.
Helga Grebing hat die Frage aufgeworfen, ob nicht das Nichtakzeptieren der Leidensgeschichte der Vertriebenen "ein weiteres Kapitel der Unfähigkeit der Deutschen (sei), Trauerarbeit zu leisten: wie gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus nun auch gegenüber den Opfern seiner Folgen", in: R. Schulze/D. v. d. Brelie-Lewien/H. Grebing (Anm. 37), S. 2.