"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

27.4.2005 | Von:

Neubeginn: "Alltag" in Nachkriegsdeutschland

Die pure Freude am Überleben

25. August 1945. Einige der alten Hauptstrecken der Reichsbahn können wieder befahren werden. Über zerbombte und notdürftig wieder hergerichtete Gleiskörper, über Behelfsbrücken und durch zerstörte Bahnhöfe. Militärtransporte und Güterzüge sind unterwegs. Wer reisen muß, muß Güterzüge stürmen und hoffen, daß sie in die richtige Richtung fahren.

Halb Deutschland muß reisen: Ausgebombte, Flüchtlinge aus dem Osten, Vertriebene, entlassene Soldaten, befreite Häftlinge und die Millionen Fremdarbeiter, die im Krieg für die deutsche Rüstungsindustrie zwangsverpflichtet wurden. Und die Hamsterer, die auf dem Lande Lebensmittel erbettelten oder tauschten: Fotokamera gegen 20 Pfund Kartoffel.

Mein Zug fuhr von Würzburg nach Aschaffenburg, offene Waggons mit Steinkohle, oben drauf Hunderte von Mitreisenden. Ich hielt mich an der Rückwand des Waggons fest. Mit 16 Jahren war ich aus amerikanischer Gefangenschaft in Oberbayern entlassen worden. Nun wollte ich ins hundertfach zerbombte Gelsenkirchen zu Verwandten, dem vereinbarten Sammelplatz für die in alle Himmelsrichtungen versprengten Familienmitglieder. Auf abschüssiger Strecke durch den Spessart gewann der Zug an Fahrt. Die Lokomotive teilte dies durch kräftiges Rucken an die 42 Kohlewaggons mit. Ich verlor dabei den Halt, rutschte ab und sauste nach unten. Der nachfolgende Waggon krachte mir ins Kreuz. Der Schlag wurde aber durch den prallgefüllten Wehrmachtstornister abgefangen. Ich kippte dabei nach vorn weg und landete, den Wäschebeutel fest in der linken Hand, fast unbeschädigt zwischen den Gleisen. Schotter ramponierte etwas die Kniee. Der Zug brauste in ganzer Länge über mich weg und hielt überraschenderweise in einiger Entfernung. Mitreisende auf dem Tender der Lokomotive hatten den Lokomotivführer auf den Sturz aufmerksam gemacht. Sie kamen mit Decken, um die Leichenteile zu bergen. Ich erschien ihnen kopflos und schwer geschockt, aber mit Kopf und allem Zubehör. Ich erlebte ursprüngliche und selbstlose Freude von kohlestaubgeschwärzten Mitmenschen. Und das war nach sechs Kriegsjahren etwas wahrhaft Ungewöhnliches.

Die Geschichte hatte noch eine erfreuliche Pointe. Des Schocks wegen konnte ich nicht weiter. Ich versuchte, in Stockstadt am Main ein Quartier zu finden, und ich fand es bei einer Familie Bauer. Die waren gut durch den Krieg gekommen und hatten in den letzten Kriegstagen aus beschädigten Mainschiffen reichlich Lebensmittelkonserven, Mehl und andere Schätze bergen können. Mitten im Chaos des totalen Zusammenbruchs ein Paradies mit lauter freundlichen Menschen, reichlich und gut gedecktem Tisch und frischem Bettzeug. Das hält kein Schock aus. 14 Tage später begann das neue Abenteuer in Richtung Gelsenkirchen. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.