"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

27.4.2005 | Von:

Neubeginn: "Alltag" in Nachkriegsdeutschland

Darf es ein Viertelpfund mehr sein?

Not macht erfinderisch. Nie galt die Volksweisheit mehr als 1945. Aus Stahlhelmen wurden Siebe und Töpfe, aus Gasmaskenbüchsen Gießkannen, aus Eierhandgranaten Kinderspielzeug. Nur beim Hungern versagte die Phantasie, weil der Magen Handfestes verlangte. Und trotzdem ...

... "legen Sie beim Zubettgehen die Hände auf den Magen, dann haben sie das Gefühl, als wäre was drin." Zigaretten waren Hilfsmittel gegen Kohldampf. Kohl, Steckrüben und Kartoffelschalen waren Grundnahrungsmittel – so es sie überhaupt gab. Die ersten wiedererscheinenden Tageszeitungen veröffentlichten Kochrezepte für eine Quasi-Mehl-Suppe aus Erbsen, Grünkern oder Mais. Die Brennessel kam zu hohen Ehren als Spinatersatz (in manchen Feinschmeckerlokalen ist das bis heute geblieben, zumindest als Suppe), Baumrinde, fein gemahlen, half Mehl zu "verlängern", Eicheln wurden gebrannt zum Kaffee-Ersatz, Eichelmehl und gebackene Kartoffelschalen retteten die Illusion von Eßbarem. Aber auch sonst galt Bio-Kultur: Für das Waschen wurden Kastanien empfohlen, zum Färben von schwarzen oder blauen Sachen Efeublätter, Kartoffelschalen oder Ochsengalle, für das Färben von Kleidern rote Rüben, Birkenlaub, Sauerampfer oder die äußere Schale reifer Walnüsse oder Eichenrinde. Die Farbechtheit war damit nicht zu garantieren, der nächste Regen entfärbte wieder radikal.

Über die fast leeren Regale der Fleischereien trösteten sich die in Schlangen nach ihrer knappen Ration anstehenden Nachkriegsdeutschen mit dem treffenden Witz hinweg: "Frieden ist erst, wenn der Fleischermeister wieder sagt... darf es ein Viertelpfund mehr sein?"