"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

27.4.2005 | Von:

Neubeginn: "Alltag" in Nachkriegsdeutschland

Fringsen hieß der neue Sport

In der Zeit, in der es nichts mehr gab, entstanden im August 1945 vielerorts "Tauschzentralen" und "Schwarze Märkte", auf denen fast alles zu haben war: "Tausche graues Kleid gegen ein Bügeleisen, einen kleinen Herd gegen Herrenschuhe der Größe 41, ein guterhaltenes Sofa gegen einen Kinderwagen."

Die "Kompensationsgeschäfte" halfen beim Überleben. Für 320 Reichsmark war ein Pfund Butter zu haben. Ein halbes Pfund blieb für den eigenen Verbrauch. Mit der anderen Hälfte wurde gehandelt. Ein halbes Pfund Butter gegen 50 Zigaretten. Zehn Zigaretten für den eigenen Verbrauch, 40 Zigaretten brachten eine Flasche Schnaps und eine Flasche Wein. Der Wein war für den Eigenbedarf, mit dem Schnaps ging es aufs Land. Ein Bauer war bereit, dafür zwei Pfund Butter einzutauschen, Kapital für den neuen Ringtausch zu eigenen Gunsten.

Weniger als 1.500 Kalorien pro Person (je nach Zone: bei Amerikanern und Engländern mehr, bei Franzosen und Sowjets weniger) wurden auf Lebensmittelkarten zugestanden – nur: Offiziell gab es anfangs oft so gut wie gar nichts. Man mußte sich selber helfen. "Illegale Beschaffung von Lebensmitteln und Heizmaterial", sagte die Polizei dazu, Selbsthilfe die bedrängten Bürger, die Steigstrecken der Reichsbahn mit Schmierseife einrieben, damit die Kohlen- und Güterzüge langsam genug fuhren, um aufspringen und abladen zu können. "Fringsen" hieß ein Jahr später dieser Sport, weil der Kölner Oberhirte Josef Kardinal Frings das illegale Tun segnete: "Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise durch seine Arbeit oder durch bitten nicht erlangen kann."