"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

15.4.2005 | Von:
Manfred Görtemaker

Der Beginn der Bipolarität

Anglo-Amerikanische Allianz

Mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 änderte sich diese Lage von Grund auf. Nachdem deutsche Truppen im September 1939 Polen und im Frühjahr und Sommer 1940 Dänemark, Norwegen, die Niederlande, Belgien und schließlich Frankreich überrannt hatten, drohte jetzt bei einem deutschen Erfolg gegen Rußland die völlige nationalsozialistische Herrschaft über den europäischen Kontinent. Im amerikanischen Außenministerium rechnete man mit einem Zusammenbruch der Sowjetunion innerhalb von drei Monaten. Schließlich war die sowjetische Armee in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre weitreichenden "Säuberungen" unterworfen worden und hatte 1939/40 nur mit Mühe das kleine Finnland bezwingen können.

Der britische Premierminister Winston Churchill, der im Falle der sowjetischen Niederlage eine deutsche Invasion der britischen Inseln befürchtete, sagte Stalin deshalb noch am Tag des deutschen Angriffs die englische Unterstützung gegen Hitler zu. Präsident Roosevelt, dessen Abneigung gegen den sowjetischen Kommunismus bisher ebenso groß gewesen war wie gegen den deutschen Nationalsozialismus, gab seine Hilfszusage nur eine Woche später. Er hatte Großbritannien trotz aller Widerstände in der amerikanischen Öffentlichkeit und im Kongreß gegen einen unmittelbaren Kriegseintritt der USA bereits seit 1939 mit Waffen und anderen Hilfsgütern versorgt. Am 11. März 1941 setzte Roosevelt im Kongreß ein Leih-Pacht-Gesetz (lend-lease) zur Ausweitung der Unterstützung durch, um die USA, wie er zur Begründung erklärte, zum "Zeughaus der Demokratie" zu machen. Dabei wollte er auch die UdSSR in ihrem Kampf gegen Hitler-Deutschland unterstützen.

Die Zusammenarbeit mit der Sowjetunion war allerdings weder für Roosevelt noch für Churchill eine Selbstverständlichkeit. Zwar war die Allianz unter machtpolitischen Gesichtspunkten - als sogenannte "Anti-Hitler-Koalition" - zu rechtfertigen. Dennoch blieb sie ein künstliches, "unnatürliches" Bündnis, das zur anglo-amerikanischen Übereinstimmung, die aus der Gemeinsamkeit der demokratischen Werte herrührte, in einem bemerkenswerten Kontrast stand.

Um den Gegensatz auch nach außen deutlich zu machen und zugleich die amerikanisch-britische Solidarität zu betonen, trafen Roosevelt und Churchill im Sommer 1941 vor der Küste Neufundlands an Bord der Schiffe "Augusta" und "Prince of Wales" zusammen. Hier verabschiedeten sie am 14. August die Atlantik-Charta, die unter Rückgriff auf Woodrow Wilson britisch-amerikanische Grundsätze für eine internationale Staatenordnung verkündete: Selbstbestimmungsrecht der Völker und freie Wahl der Regierungsform, Ablehnung territorialer Annexionen, Gewaltverzicht und weltweite wirtschaftliche Zusammenarbeit ohne Handelsschranken.