"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

11.4.2005 | Von:
Ute Frevert

Der jüngste Erinnerungsboom in der Kritik

Die Rückkehr der Opfererinnerung: Flucht, Vertreibung, Bombenkrieg

Eine simple und simplifizierende Antwort ließ nicht auf sich warten: In einer Zeit, in der alle litten, fiel das Leid der anderen nicht besonders auf. Und außerdem habe man ja auch die Deutschen nach 1945 nicht gerade mit Samthandschuhen angefasst. Man denke nur an das Leid der deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion und an das Schicksal deutscher Zwangsarbeiter, die 1945 für mehrere Jahre nach Sibirien, in den Ural oder ins Donezk-Becken verschleppt worden waren. Solche Entlastungsargumente, die man aus der unmittelbaren Nachkriegszeit zur Genüge kannte, tauchen vermehrt in den jüngsten Erinnerungsdebatten auf. Wenn man sich die Initiativen und Diskussionen der vergangenen Jahre anschaut, kann man geradezu von einer Rückkehr, javon einem Rückschlag der deutschen Opfererinnerung sprechen.

Den Anfang machte Günter Grass' Novelle "Im Krebsgang". Der über alle politischen Zweifel erhabene Autor und Literaturnobelpreisträger setzte der Schiffskatastrophe um die "Wilhelm Gustloff" Ende Januar 1945 - das mit Flüchtlingen aus den Ostgebieten überfüllte ehemalige "Kraft-durch-Freude"-Kreuzfahrtschiff wurde von einem sowjetischen U-Boot versenkt - ein literarisches Denkmal, verbunden mit einer scharfen Selbstanklage, das Thema des deutschen Leides bislang ausgespart und "rechtsgestrickten" Kreisen überantwortet zu haben. Kurz darauf folgte Jörg Friedrichs Buch "Der Brand", das sich mit dem Luftkrieg gegen Deutschland beschäftigte und ein eindringliches Bild der hunderttausendfachen Bombenopfer zeichnete.[9] Das umfängliche Opus erlebte einen immensen Verkaufserfolg; Lesereisen führten seinen Autor in viele Städte, und ein mitfühlendes Publikum war ihm gewiss. Das dritte Beispiel ist die gerade anlaufende Debatte um ein Berliner Zentrum gegen Vertreibungen. Hier geht es darum, der deutschen Vertreibungsopfer bzw. Flüchtlinge zu gedenken und an ihre Leidensgeschichte nach 1945 zu erinnern.

Die erwähnten Bücher und Initiativen argumentieren explizit oder implizit damit, dass die von ihnen thematisierten Leidenserfahrungen in der bisherigen Diskussion um den Nationalsozialismus und seine Folgen unterbelichtet oder gar gänzlich ausgespart worden seien. Deshalb sei es höchste Zeit, auch sie zur Sprache zu bringen, um ein komplexes Panorama jener Jahre zu entwerfen und den Opfern Gerechtigkeit, sprich Empathie, Erinnerung und Anerkennung, widerfahren zu lassen.

Doch diese Argumentation ist nicht stimmig. Das beginnt mit der Behauptung, es gebe eine Erinnerungslücke, die zu füllen sei. Dass Bombenkrieg, Flucht und Vertreibung bis dato keine Rolle in der deutsch-deutschen Erinnerungsgeschichte gespielt hätten, ist eine Legende, die dadurch nicht wahrer wird, dass sie ständig wiederholt und nachgebetet wird. In der DDR prangten an vielen Gebäuden mit Bombenschäden Gedenktafeln, welche die "angloamerikanischen Terrorbomber" namhaft machten und ihr kulturelles Zerstörungswerk anprangerten. Noch in den letzten Jahren des sozialistischen Staates schrieb der DDR-Historiker Olaf Groehler ein umfangreiches Buch über den "Bombenkrieg gegen Deutschland", das 1991 im angesehenen Akademie-Verlag erschien.

In der Bundesrepublik gab es eine Fülle lokal- und regionalgeschichtlicher Dokumentationen, Bildbände und Forschungsarbeiten, die sich mit den Flächenbombardements der Alliierten und den angerichteten Schäden beschäftigten. Freiburg, Hannover, Bremen, München, Münster, Aachen, Darmstadt, Celle, Bonn, Braunschweig und viele andere Städte samt Talsperren und Eisenbahnviadukte wurden als Angriffsziele der Bomberflotten ausführlich gewürdigt - nicht zu vergessen Berlin und selbstverständlich Dresden, das "deutsche Hiroshima".[10] Auch in den zahlreichen Oralhistory-Texten, die über die Kriegs- und Nachkriegszeit veröffentlicht wurden, spielte die Erfahrung des Bombenkrieges eine immense Rolle. Selbst die Belletristik hat sie, anders als es W. G. Sebald noch 1997 beklagte, nicht ausgeblendet, sondern ihr einige beeindruckende Werke gewidmet.

Ähnlich steht es mit dem Thema Flucht und Vertreibung. Bereits unmittelbar nach der Staatsgründung gab die Bundesregierung eine Forschungsarbeit in Auftrag, die das Leid der aus Ostmitteleuropa vertriebenen Deutschen dokumentieren und festhalten sollte. Als Weißbuch und Argumentationshilfe für zukünftige Friedensverhandlungen gedacht, erschien das fast ausschließlich auf Zeitzeugenberichten fußende mehrbändige Kompendium in den fünfziger und frühen sechziger Jahren; 1984 legte der Deutsche Taschenbuchverlag einen Nachdruck vor.[11] Darüber hinaus hielt die wirkungsvolle Öffentlichkeitsarbeit der Vertriebenenverbände und ihrer politischen, vorwiegend konservativen Freunde das Problem wach. In den bisweilen mit Gift und Galle geführten Kontroversen um die Neue Ostpolitik der späten sechziger und der siebziger Jahre besetzte es einen ebenso prominenten Platz wie in Familienerzählungen, Literatur und Film. Nicht zuletzt die Versenkung des Flüchtlingsschiffs "Wilhelm Gustloff" erlebte mehrfach mediale Bearbeitungen, lange bevor Guido Knopp das Thema für das ZDF entdeckte und quotenstark unters Fernsehvolk brachte.

Allerdings führte die außergewöhnlich rasche gesellschaftliche Integration der Flüchtlinge dazu, dass ihre leidvollen Erfahrungen zunehmend in den Hintergrund rückten und von den Erfolgsstories der Gegenwart überdeckt wurden. Das traf nicht nur auf diejenigen zu, die als Kinder, Jugendliche oder junge Erwachsene ihre Heimat hatten verlassen müssen, sondern schloss die ältere Generation mit ein. Von den politischen Schaukämpfen der Vertriebenenfunktionäre und ihren revisionistischen Neigungen fühlten sich nur noch wenige vertreten. Selbst wenn sie die "alte Heimat" nicht vergaßen und die Reiseerleichterungen seit den siebziger Jahren zu Besuchen nutzten, waren sie doch längst in der "neuen Heimat" angekommen.

Mit der Öffnung des Eisernen Vorhangs nach 1989 schien dieses Kapitel der eigenen Biographie auf wundersam versöhnliche Weise abgeschlossen: Die Reisen nach Osten wurden noch häufiger und intensiver, zugleich gestalteten sich die Begegnungen vor Ort offener, reflexiver und respektvoller. Nichts bezeugt die wechselseitige mentale Abrüstung deutlicher als die Tatsache, dass man zu Wroclaw wieder Breslau sagen kann, ohne automatisch als Revanchist beschimpft zu werden und ohne dass Einheimische den Verdacht hegen, hier sei eine neue Landnahme am Werk. In der Stadt gibt es Platz für viele Erinnerungen - auch für die der Deutschen und an die Deutschen.


Fußnoten

9.
Vgl. Günter Grass, Im Krebsgang, Göttingen 2002; Jörg Friedrich, Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940 - 1945, München 2002.
10.
So der reißerische Untertitel eines Buches von Alexander McKee (Dresden 1945, Wien 1983).
11.
Vgl. Mathias Beer, Im Spannungsfeld von Politik und Zeitgeschichte. Das Großforschungsprojekt "Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa", in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 46 (1998), S. 345 - 389; ders., "Ein der wissenschaftlichen Forschung sich aufdrängender historischer Zusammenhang", in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 51 (2003) 1, S. 59 - 64.