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"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

23.3.2007 | Von:
Saul Friedländer

Eine integrierte Geschichte des Holocaust

Erzählung und Interpretation

Es mag ungewöhnlich sein, bei der Erörterung eines historischen Projekts, bei dem per Definition alle Aufmerksamkeit der Begriffsbildung und Interpretation gelten sollte, Problemen der Erzählung Raum zu geben. Tatsächlich aber haben diese Probleme mein Unternehmen beinahe zum Scheitern gebracht. Wir haben es mit Ereignissen zu tun, die sich in Deutschland, in sämtlichen besetzten Ländern und Satellitenstaaten Europas und darüber hinaus abgespielt haben. Wir haben es mit Institutionen und individuellen Stimmen, mit Ideologien und religiösen Traditionen zu tun. Keine allgemeine Geschichte des Holocaust kann der Interaktion dieser Vielfalt von Elementen gerecht werden, wenn sie sie nach Art eines Lehrbuchs isoliert nebeneinander darstellt. Wenn man das Schicksal einzelner Juden, hauptsächlich Verfasser von Tagebüchern, verfolgt, also eine Zeitspanne darstellt, die sich vom Kriegsbeginn in den meisten Fällen bis zu ihrem Lebensende erstreckt, wird eine chronologische Entfaltung des Gesamtprozesses unvermeidlich.

Plötzliche Schnitte in der Erzählung, gefolgt von abrupten Perspektivwechseln, sind Verfahrensweisen, die im Film, aber kaum in der Geschichtsschreibung üblich sind. Ich habe mich jedoch entschlossen, diese Methoden in meiner Arbeit zu verwenden, weil sie die einzig mögliche Lösung für ein anders nicht zu lösendes Dilemma darstellen. Mein Projekt erzwang überdies eine teilweise Rückkehr zur Chronik, aber, darauf hat der Historiker Dan Diner hingewiesen, nicht zu einer Form, die der Begriffsbildung vorausgegangen wäre; die Chronik blieb die einzige Zuflucht, nachdem ich andere Interpretationsrahmen ausprobiert und für unzulänglich befunden hatte. Allerdings schließt eine derartige Form der chronologisch berichtenden Darstellung parteiische Interpretationen nicht aus, und ebenso wenig können Annahmen über den allgemeinen historischen Kontext des Holocaust - etwa die Krise des Liberalismus in Europa - oder, pointierter, allgemeine Thesen über den historischen Ort der Vernichtung der Juden im breiten Spektrum der Zielsetzungen der Nazis ausgeschlossen werden.

Dieser Punkt führt mich zum Hauptproblem der Interpretation: zur zentralen Stellung des Holocaust in der Geschichte des Nationalsozialismus. Die Verfechter des Historisierungskonzepts betonten, die Verbrechen der Nazis seien zunächst deswegen in den Mittelpunkt der Geschichte des Dritten Reiches gerückt, um den Erfordernissen der Kriegsverbrecherprozesse zu genügen. Später seien, derselben Argumentation zufolge, die Konzentration auf die verbrecherische Dimension des Dritten Reiches und seine Schwarzweißdarstellung für eine volkspädagogische Geschichtsschreibung unabdingbar geworden; außerdem sei diese Schwerpunktsetzung das Ergebnis der mythischen Erinnerung der Überlebenden. Aus dieser Sicht war 40 Jahre nach Kriegsende die Zeit reif, die verbrecherische Politik des Regimes in einen umfassenderen und differenzierteren Kontext zu stellen, in dem die Juden nicht mehr notwendigerweise im Mittelpunkt standen. Im Sinne dieses historischen Trends war die Verfolgung und Vernichtung der Juden Europas nur ein sekundärer Aspekt von Maßnahmen, mit denen ganz andere Ziele verfolgt wurden, etwa die Herstellung eines neuen wirtschaftlichen und demographischen Gleichgewichts im besetzten Europa durch die Ermordung überschüssiger Bevölkerungsteile, die Neuverteilung und Dezimierung von Bevölkerungsgruppen zur Erleichterung der deutschen Kolonisierung im Osten oder, wie kürzlich ausgeführt, die systematische Ausplünderung der Juden Europas, um das Führen des Krieges zu ermöglichen, ohne die deutsche Gesellschaft allzu sehr zu belasten, oder, genauer gesagt, um die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ziele von Hitlers Volksstaat nicht zu gefährden. Eine Reihe dieser Interpretationen, insbesondere die letztgenannte, haben in Deutschland ein großes Echo gefunden.

Ein derartiger Ansatz kann jedoch keine Antwort auf grundlegende Fragen geben: Warum entschloss sich Hitler, die Juden zu vernichten, während er sie aller Besitztümer beraubte? Warum entschied er persönlich im Herbst 1943, die Deportation der Juden Dänemarks und Roms zu forcieren, obgleich beide Operationen mit großen Risiken behaftet waren (es bestand die Möglichkeit, dass es in Dänemark zu Unruhen kommen und dass der Papst öffentlich Protest einlegen würde) und ihr "Nutzen" gleich Null war? Warum schlug Himmler die wiederholten Bitten der Wehrmacht ab, jüdische Facharbeiter von der Vernichtung auszunehmen? Die sekundäre Funktion, die der antijüdischen Politik zugeschrieben wird, passt auch nicht zu scheinbar marginalen, aber bezeichnenden anderen Vorgängen: der Reichsführer SS verlangte persönlich von Finnlands Ministerpräsidenten, sein Land möge seine 30 bis 40 ausländischen Juden an die Deutschen ausliefern; im Juli 1944 wurden die kleinen, verarmten sephardischen jüdischen Gemeinden auf den Ägäischen Inseln deportiert; noch wenige Tage vor der Befreiung von Paris wurden Hunderte von jüdischen Kindern festgenommen und aus Frankreich nach Auschwitz abtransportiert.

Der einzige Ansatz, der mir in einer integrierten Geschichte des Holocaust möglich erscheint, muss die Behandlung der Juden unmittelbar ins Zentrum der Weltanschauung des Regimes und seiner Strategien rücken. "Im großen und ganzen kann man sagen", notierte Goebbels Ende April 1944 nach einem langen Gespräch mit Hitler, "dass eine langfristige Politik in diesem Krieg nur möglich ist, wenn man von der Judenfrage ausgeht." Diese Wahnvorstellung wurde von Hitlers engsten Mitarbeitern, von Dienststellen der Partei und des Staates, von Beamten und Technokraten auf allen Ebenen des Systems sowie von bedeutenden Teilen der Bevölkerung begeistert unterstützt und umgesetzt. Die "Logik", die hinter dieser judenfeindlichen Leidenschaft stand, wurde von der Propaganda ständig wiederholt. Wie Jeffrey Herf gezeigt hat, zeichnete diese Propaganda ein immer bedrohlicheres Bild "des Juden" als tödlichen und unbarmherzigen Feind des Reiches, der zu dessen Vernichtung entschlossen war. So entschied sich Hitler im Rahmen eben dieser halluzinatorischen Logik, als das Reich an beiden Fronten, im Osten wie im Westen, kämpfen musste, ohne dass Hoffnung auf einen raschen Sieg bestand und als erste Andeutungen der Niederlage erkennbar wurden, für die sofortige Vernichtung. Sonst würden, so sah er es, die Juden ebenso wie 1917/1918 Deutschland und das neue Europa von innen heraus zerstören. Als sich die militärische Lage zuspitzte, wurde die Vernichtung bis zum Äußersten beschleunigt.