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Auf einem Notebook ist die Startseite der deutschen Wikipedia vor einem Bücherregal zu sehen

10.10.2012 | Von:
Julia Neubarth
Christoph Neuberger

Die Wikipedisierung des Journalismus

Journalistische Recherche und Wissensvorsprung im Netz

Wissenschaftlicher Qualitätsvergleich

Die Qualität von Wikipedia-Artikeln war in der Vergangenheit auch immer wieder Gegenstand wissenschaftlicher Studien. Für besonderes Aufsehen sorgte die Veröffentlichung von Jim Giles in der renommierten Fachzeitschrift "Nature" vom 15. Dezember 2005. Zu einer Auswahl von hauptsächlich naturwissenschaftlichen Begriffen legte er jeweils die anonymisierten Einträge in der Wikipedia und der Onlineversion der Encyclopaedia Britannica unabhängigen Gutachtern vor. Die Studie zeigte hinsichtlich verschiedener Arten von Ungenauigkeiten zwischen den beiden Enzyklopädien keine großen Unterschiede. Nur in Bezug auf den Sprachstil fiel die Wikipedia gegenüber der herkömmlichen Enzyklopädie deutlich ab. Die Studie wurde nach Erscheinen kontrovers diskutiert, weil das offene Wikipedia-Prinzip dem herkömmlichen Redaktionsprinzip keineswegs unterlegen war. Aber auchandere wissenschaftliche Untersuchungen konnten die Befürchtungen der Wikipedia-Kritiker in Bezug auf die Qualität nicht bestätigen.

Meistens richtig, aber nicht immer

Im Großen und Ganzen scheint die Wikipedia also gut zu funktionieren – aber eben nicht immer: In der Vergangenheit kam es zu Fällen von Vandalismus, zu ideologischen Missionierungsversuchen, Verleumdungen oder Irrtümern. Für großes Aufsehen sorgte 2005 der "Seigenthaler-Skandal": Der renommierte amerikanische Journalist John Seigenthaler Sr. wurde in seiner Wikipedia-Biografie der Beteiligung an der Ermordung der Kennedy-Brüder beschuldigt. Als Folge dieses Skandals wurde mit fixen Versionen der Artikel, die nicht mehr ohne Genehmigung geändert werden dürfen, ein weiterer Kontrollmechanismus bei Wikipedia eingeführt.

Andere Irrtümer, die der Glaubwürdigkeit der Wikipedia schadeten, waren falsche Todesnachrichten. Diverse Prominente wie Senator Edward Kennedy oder die Schauspielerin Miley Cyrus wurden in der Wikipedia schon zu Lebzeiten für tot erklärt, einschließlich einer ausführlichen Schilderung ihres jeweiligen Ablebens. Auch hinsichtlich des Renommees der Autoren gab es schon peinliche Enthüllungen: Eine amerikanische Zeitung fand heraus, dass sich hinter einem Autor, der sich als Professor für Theologie ausgab, ein 24-jähriger Schulabbrecher verbarg. Mit Hilfe des Programms Wiki-Scanner wurde außerdem ermittelt, dass sich manche Änderung eines Artikels bis zu Scientology, Politikern und Unternehmen zurückverfolgt werden, die Wikipedia zu PR- oder Propagandazwecken missbrauchten.

Wikipedia als Nachrichtenangebot?

Ist die Wikipedia nicht nur eine Konkurrenz für Brockhaus & Co., sondern auch für den Journalismus selbst? Kann die Wikipedia auch mit dem Tagesgeschehen Schritt halten? Es gibt eine Reihe von Beispielen, die belegen, dass zumindest in Einzelfällen Nachrichtenereignisse schnell und profund in der Wikipedia aufbereitet wurden – so geschehen beim Tod des Popstars Michael Jackson: Nach dem Bekanntwerden des Todes wurde der Eintrag im Minutentakt ergänzt und verändert. Grundsätzlich sprechen aber die langwierigen Aushandlungsprozesse und das sperrige Textformat dagegen, dass die Wikipedia tatsächlich mit dem Journalismus mithalten kann: Während in Nachrichten das Wichtigste und Neueste am Anfang steht, sind Wikipedia-Artikel sachlich gegliedert. Oft steht das Aktuelle erst ganz am Ende. Bei kontroversen Themen kann sich das Entstehen eines Beitrags enorm verzögern. Der britische Medienforscher Gavin Stewart zeigte das am Beispiel des Ossetien-Krieges: Kurz nach Beginn der Gefechte zwischen Georgiern und Russen im Sommer 2008 forderte ein Wikipedia-Autor, für diese Auseinandersetzung einen eigenständigen Beitrag zum Ossetien-Krieg. Doch nachdem er angelegt war, begann ein Ringen unter den Autoren um die Deutungsmacht: Wie ist der Krieg zu interpretieren, welche Ereignisse sollten in den Vordergrund gestellt werden, und wer hat angefangen? Auch der Versuch, mit Wikinews die aktuelle Berichterstattung in ein separates Projekt auszulagern, läuft eher schleppend.

Satirische Darstellung des Zusammenhangs zwischen Journalismus und Wikipedia.Satirische Darstellung des Zusammenhangs zwischen Journalismus und Wikipedia. (© Wikimedia)
Nicht nur Journalisten informieren sich in der Wikipedia, sondern auch Wikipedia-Autoren in den Medien. Dieses Vorgehen birgt das Risiko eines zirkulären Zitierens – wie im bereits geschilderten Fall Guttenberg: Als der zusätzliche Vorname eingefügt worden war, wollten einige skeptische Wikipedia-Autoren einen Quellennachweis sehen. Als Referenz gab der Autor einfach den Spiegel Online-Artikel an, dessen Autor wiederum zuvor bei ihm abgeschrieben hatte. Die Kommunikationswissenschaftler Thomas Roessing und Nicole Podschuweit untersuchten dieses Phänomen in einer Studie zum Bundestagswahlkampf 2009. Sie verglichen die Berichterstattung verschiedener Leitmedien mit den wahlkampfrelevanten Wikipedia-Einträgen, zum Beispiel zu den Kanzlerkandidaten und den Parteien, um so das wechselseitige Einflussverhältnis beurteilen zu können. Ihre Studie ergab, dass derartige Zitationszyklen nur äußerst selten vorkommen.

Richtiger Umgang

Die Wikipedia ist heute aus den Redaktionen nicht mehr wegzudenken. Nicht immer werden Journalisten den Anforderungen im Umgang mit der Wikipedia gerecht. Dennoch scheint es sich bei den Verstößen eher um Einzelfälle zu handeln. Oft mag auch der zeitliche und ökonomische Druck, der auf den Redaktionen lastet, ein Übriges zu schlechter Recherche oder fehlender Gegenprüfung von Fakten beitragen. Dennoch sollte nicht ein Verzicht auf Wikipedia die Devise sein, sondern eine realistische Einschätzung der Chancen und Risiken der Internet-Enzyklopädie und ein reflektierter Umgang mit ihr. Grundsätzlich sollten Journalisten die Schwächen des Onlineangebots im Hinterkopf behalten. Es empfiehlt sich etwa, jeweils in der öffentlich zugänglichen Historie der einzelnen Artikel zu recherchieren. Dort ist oft erkennbar, welche Fakten umstritten sind, die noch einmal geprüft werden sollten. Die Wikipedisierung des Journalismus ist also nicht nur auf der Schadenseite zu verbuchen.


Genannte Studien:

  • Busemann, Katrin/Gscheidle, Christoph (2011): Web 2.0: Aktive Mitwirkung verbleibt auf niedrigem Niveau. Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie 2011. In: Media Perspektiven, H. 7-8, S. 360-369.
  • Machill, Marcel/Beiler, Markus/Zenker, Martin (2008): Journalistische Recherche im Internet. Bestandsaufnahme journalistischer Arbeitsweisen in Zeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Online. Unter Mitarbeit von Johannes R. Gerstner. Berlin: Vistas.
  • Messner, Marcus/South, Jeff (2011): Legitimizing Wikipedia. How US national newspapers frame and use the online encyclopedia in their coverage. In: Journalism Practice. 5. Jg., H. 2, S. 145-160.
  • Neuberger, Christoph/Nuernbergk, Christian/Rischke, Melanie (Hrsg.) (2009): Journalismus im Internet. Profession – Partizipation – Technisierung. Wiesbaden: VS.
  • Roessing, Thomas/Podschuweit, Nicole (2011): Wikipedia im Wahlkampf: Politiker, Journalisten und engagierte Wahlkämpfer. In: Schweitzer, Eva Johanna/Albrecht, Steffen (Hrsg.): Das Internet im Wahlkampf. Analysen zur Bundestagswahl 2009. Wiesbaden: VS, S. 297-314.
  • Stewart, Gavin (2011): 'I Can't believe a war started and Wikipedia sleeps': Making News with an Online Encyclopedia.' In: Charles, Alec/Stewart, Gavin (Hrsg.): The End of Journalism. News in the Twenty-First Century. Oxford u.a.: Peter Lang, S. 139-158.
  • Weischenberg, Siegfried/Malik, Maja/Scholl, Armin (2006): Die Souffleure der Mediengesellschaft. Report über die Journalisten in Deutschland. Konstanz: UVK.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-SA 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Julia Neubarth, Christoph Neuberger für bpb.de

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