30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Koffer

21.2.2017 | Von:
Anna Flack
Vera Hanewinkel
Viktoria Latz

Globale Flüchtlingskrise hält weiter an

Auch wenn derzeit wieder weniger Schutzsuchende nach Deutschland kommen – die weltweite Flüchtlingskrise hält weiter an. Vor allem der Krieg in Syrien trägt weiterhin zum weltweiten Fluchtgeschehen bei.

Flüchtlinge im Niemandsland zwischen Ungarn und Serbien im Mai 2016.Flüchtlinge im Niemandsland zwischen Ungarn und Serbien im Mai 2016. (© picture-alliance, pixsell)

Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) sind weltweit etwa 65,3 Millionen Menschen auf der Flucht. 21,3 Millionen davon gelten als internationale Flüchtlinge, weil sie außerhalb ihres Herkunftslandes Schutz gesucht haben. Dabei trägt insbesondere der Krieg in Syrien zum weltweiten Fluchtgeschehen bei. Laut UNHCR lebten Ende 2016 ca. 4,8 Millionen syrische Flüchtlinge allein in Syriens Nachbarländern, vor allem in der Türkei (2,8 Millionen), Libanon (eine Million) und Jordanien (655.000). Seit Beginn des Krieges 2011 im Zuge des "Arabischen Frühlings" bis Oktober 2016 haben 884.461 Syrer einen Asylantrag in einem europäischen Land gestellt, allen voran in Deutschland und Schweden. Syrien ist damit das weltweite Hauptherkunftsland von Flüchtlingen, vor Afghanistan (2,7 Millionen) und Somalia (1,1 Millionen).

In den letzten Monaten des Jahres 2016 spitzte sich die Situation in Syrien noch einmal zu. Symbolisch dafür steht der Kampf um die Stadt Aleppo. Die erschreckende Bilanz des Krieges zum Jahresende 2016: Mehr als die Hälfte aller Syrer ist auf der Flucht – 54 Prozent der vor dem Krieg etwa 22 Millionen Menschen umfassenden Bevölkerung. Der Großteil davon (55 Prozent, 6,8 Millionen Personen) flieht innerhalb Syriens vor der Gewalt, 39 Prozent haben in den Nachbarländern Schutz gesucht, vier Prozent in der Europäischen Union. Mehr als die Hälfte der Geflüchteten sind Kinder. Um den Flüchtlingsschutz für die syrische Bevölkerung zu gewährleisten, veranschlagte UNHCR 2016 eine Summe von rund 4,5 Milliarden US-Dollar, von denen zum Jahresende allerdings noch knapp zwei Milliarden US-Dollar fehlten. Somit bleibt der Flüchtlingsschutz weiterhin unterfinanziert.

Deutschland – Zahl der Asylsuchenden rückläufig

Nachdem im Jahr 2015 in der Bundesrepublik Deutschland eine Rekordzahl an neu eingereisten Asylsuchenden registriert worden war, entspannte sich die Situation im Laufe des Jahres 2016 deutlich. Wurden 2015 noch 890.000 Asylsuchende bei der Einreise nach Deutschland registriert, so waren es 2016 noch rund 321.000 Personen[1]. Hintergrund war zum einen die bis März vollzogene Schließung der sogenannten "Balkanroute", über die 2015 die meisten Schutzsuchenden nach Mittel- und Nordeuropa gelangt waren. Zum anderen führte ein im März geschlossenes Abkommen mit der Türkei über die Rückführung irregulär in die Europäische Union eingereister Menschen zu einem Rückgang der Asylsuchendenzahl.

Insgesamt gingen 2016 745.545 Asylanträge (Erst- und Folgeanträge) in Deutschland ein. In dieser Zahl spiegelt sich allerdings auch der Bearbeitungsrückstau bei den Asylverfahren wider. Viele der Anträge, die das zuständige Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) erfasste, wurden von Personen gestellt, die bereits 2015 nach Deutschland eingereist waren, aber erst 2016 einen offiziellen Asylantrag bei der Bundesbehörde stellen konnten. Die Fluchtzuwanderung im Jahr 2016 nach Deutschland wird durch die Zahl der Asylanträge somit nicht gut abgebildet, da die Zahl neu eingereister Schutzsuchender deutlich darunter lag.

Nicht zuletzt aufgrund des hohen Bearbeitungsrückstaus geriet das BAMF in die Kritik. Im September 2015 erfolgte ein Wechsel an der Spitze der Behörde. Der neue Leiter Franz-Jürgen Weise, gleichzeitig Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit, wurde mit dem Umbau des Bundesamtes beauftragt. Die Einführung des sogenannten integrierten Flüchtlingsmanagements und eine erhebliche Aufstockung des Personals – von 3.000 auf mehr als 7.600 Stellen – sollten bis Ende 2016 zur Verkürzung der Asylverfahren und zu einem Abbau der Zahl anhängiger Verfahren führen. Dennoch lagen Ende 2016 noch 434.000 Asylanträge beim BAMF, über die noch nicht entschieden worden war. Die Bearbeitung eines Asylantrags dauerte 2016 zwischen durchschnittlich 6 und 7,3 Monaten und damit deutlich länger als im Koalitionsvertrag von 2013 vorgesehen[2]. Er legte fest, dass Asylverfahren nach spätestens drei Monaten abgeschlossen sein sollten. Die weitere Beschleunigung der Asylverfahren sowie die Gestaltung der gesellschaftlichen Integration der langfristig in Deutschland verbleibenden Flüchtlinge werden zwei der zentralen Aufgaben von Jutta Cordt sein, die im Februar 2017 die Leitung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge übernimmt.

Herkunftsländer von Asylsuchenden

Wie schon in den beiden Vorjahren war Syrien auch 2016 das Hauptherkunftsland von Asylbewerbern in Deutschland. Insgesamt registrierte das BAMF 266.000 Erstanträge syrischer Staatsangehöriger. Viele Asylanträge wurden auch von Menschen aus den kriegs- und krisengeschüttelten Ländern Afghanistan (127.000 Erstanträge) und Irak (96.000) gestellt. Stark rückläufig war hingegen die Zahl der Asylbewerber aus den Westbalkanländern, die 2014 und 2015 zu sicheren Herkunftsstaaten erklärt worden waren. Dadurch gibt es für Asylbewerber aus diesen Ländern kaum Perspektiven auf eine Anerkennung als Flüchtling in Deutschland. So ging beispielsweise die Zahl der von Albanern gestellten Asylanträge zurück – von 53.800 (2015) auf 14.900 (2016). Angestiegen ist dagegen die Arbeitsmigration aus den Westbalkanstaaten nach Deutschland. Mit dem am 23. Oktober 2015 in Kraft getretenen Asylpaket I (Asylverfahrensbeschleunigungsgesetz) erhielten Bürger der Westbalkanstaaten die Möglichkeit, zwischen 2016 und 2020 über die deutschen Auslandsvertretungen in ihren Herkunftsländern eine Arbeitserlaubnis zu beantragen. Diese soll ihnen einen legalen Aufenthalt in Deutschland ermöglichen und eine Alternative zum – in den meisten Fällen aussichtslosen – Asylgesuch schaffen. Voraussetzung für die Erteilung einer Arbeitserlaubnis ist ein konkretes Jobangebot aus Deutschland und eine bestandene Vorrangprüfung. Zudem dürfen die Antragsteller in den vorherigen zwei Jahren keine Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz bezogen haben. Nach Recherchen der Wochenzeitung DIE ZEIT hat die Bundesagentur für Arbeit zwischen Januar und November 2016 rund 50.000 Arbeitserlaubnisse an Albaner, Bosnier, Serben, Montenegriner, Mazedonier und Kosovaren erteilt – rund dreimal so viele wie im Vorjahr (2015: 16.500 Erlaubnisse). Ein Visum hätten bis Ende Oktober dagegen nicht einmal die Hälfte, lediglich 21.000 Personen, beantragt – 14.400 mit positivem Bescheid.

Fußnoten

1.
Die Zahl bezieht sich auf die Registrierungen neu einreisender Asylsuchender im sogenannten EASY-System. Sie beinhaltet aber mögliche Doppel- oder Fehlerfassungen unter anderem aufgrund einer fehlenden Erfassung der persönlichen Daten. 2015 wurden beispielsweise rund 1,1 Millionen Zugänge im EASY-System erfasst. Im September 2016 gab Bundesinnenminister Thomas de Maizière bekannt, dass 2015 tatsächlich nur rund 890.000 Asylsuchende nach Deutschland gekommen seien.
2.
Quellen: 1. Quartal 2016: http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/18/084/1808450.pdf; 2. Quartal 2016:http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/094/1809415.pdf; 3. Quartal 2016: http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/105/1810575.pdf
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Anna Flack, Vera Hanewinkel, Viktoria Latz für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und der Autoren/-innen teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Kurzdossiers

Länderprofile

Länderprofile Migration: Daten - Geschichte - Politik

Ein Länderprofil enthält Informationen über Zuwanderung, Flucht und Asyl sowie Integration in einem bestimmten Land. Diese Informationen bestehen aus: Daten und Statistiken, Geschichtlichen Entwicklungen, Rechtlichen und politischen Maßnahmen, Aktuellen Debatten in den Ländern.

Mehr lesen

Infografiken

Zahlen zu Asyl in Deutschland

Wie viele Menschen suchen in Deutschland Asyl? Woher kommen sie? Wie viele Asylanträge sind erfolgreich? Und wie viele Menschen werden abgeschoben? Wir stellen die wichtigsten Zahlen zum Thema Asyl und Flucht monatlich aktualisiert in einfachen Infografiken dar.

Mehr lesen