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30.6.2021 | Von:
Manuela Bojadžijev
Alexander Harder

Sozialer Zusammenhalt und das Gefühl, fremd im eigenen Land zu sein

Fremd im eigenen Land – so fühlen sich manche Deutsche mit Migrationshintergrund, die immer noch als "Ausländer" betrachtet werden. Fremd im eigenen Land – das beklagen aber auch Rechtspopulist*innen mit Blick auf eben jene Migrant*innen und ihre Nachkommen. Ist diese Parole das Symptom einer Krise des gesellschaftlichen Zusammenhalts?

Klingelschilder am Eingang zu einem Wohnhochhaus.Kategorien von Herkunft und Kultur, von „fremd“ und „eigen“ kommen immer wieder zum Tragen, um gesellschaftliche Konflikte zu erklären (© picture-alliance/dpa, Oliver Berg)

"Dies ist nicht meine Welt, in der nur die Hautfarbe und Herkunft zählt | der Wahn von Überfremdung politischen Wert erhält”, rappten Advanced Chemistry Anfang der 1990er Jahre in ihrem Song "Fremd im Eigenen Land”. Trotz einem "grünen Pass mit ‘nem goldenen Adler drauf” gehörten Erfahrungen von sprachlicher, institutionalisierter und praktischer Gewalt zum Alltag, so protokollierten die Künstler. Ihr Song erschien im November 1992 nach einer Serie von rechtsextremen Ausschreitungen und Anschlägen, von denen die in Hoyerswerda, MP3-Icon Rostock-Lichtenhagen und Mölln nur die Bekanntesten waren, Solingen sollte da noch folgen. 2020 ist der Pass vieler, die Opfer von rassistischer Gewalt werden, zwar nicht mehr grün [1], doch rassistische Gewalt bleibt in der "Migrationsgesellschaft Deutschland" eine erschreckende Alltäglichkeit: der Mord an Walter Lübke im Juni 2019, die rechtsterroristischen Anschläge im Oktober 2019 in Halle und im Februar 2020 in Hanau; NSU 2.0 und preppende SEK-Beamte, die sich im Privatkeller auf "Tag X” vorbereiten. Es gibt viele Menschen in der Gesellschaft, die denen, die "fremd" scheinen, die eine imaginäre völkisch-nationale Einheit vermeintlich unterlaufen, die sich für Schutzbedürftige einsetzen oder am Dönerimbiss oder in der Shisha-Bar ihren Alltag leben, weiterhin mit Ablehnung begegnen.

Wie als Gegenstück zur Willkommenskultur des Sommers 2015, formiert sich eine "Ablehnungskultur": Ihre Anhänger*innen wenden sich vor allem gegen Migration, aber auch gegen sexuelle und geschlechtliche Vielfalt, gegen demokratische Prozesse, Institutionen der Rechtsprechung, zivilgesellschaftliche Akteure oder öffentliche Medien. Dabei sehen sie sich als vermeintlich bedrohte Mehrheit und beanspruchen selbst, "fremd im eigenen Land" zu sein. Wie kommt dieses Selbstverständnis einer der nationalen Mehrheit zugerechneten Personengruppe zustande, die sich selbst minorisiert? Und: Ist die Parole des "Fremd im Eigenen Land" das Symptom einer Krise des gesellschaftlichen Zusammenhalts, über den aktuell so viel diskutiert wird?[2]

Gespaltene Gesellschaft und exklusiver Zusammenhalt

Das Bild, welches gegenwärtig wohl am häufigsten mit den Entwicklungen rechter Bewegungen verknüpft wird, ist das einer "gespaltenen Gesellschaft". Große Risse scheinen sich durch den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu ziehen, und die Gesellschaft in zwei gegensätzliche Lager zu teilen: mal heißt es "Globalisierungsgewinner" gegen "Globalisierungsverlierer" [3], mal "Anywheres" gegen "Somewheres" [4], oder "Kosmopoliten" gegen "Kommunitaristen" [5]. In der Wissenschaft, aber auch in Feuilletons oder Talkshows werden die Grenzen, entlang denen die Gesellschaft gespalten sei, hitzig debattiert. Dabei lassen sich, vereinfacht gesagt, zwei Erklärungsansätze ausmachen: Mal werden Verteilungskonflikte und sich verschlechternde Lebensbedingungen als Ursachen benannt, vermehrt jedoch werden Konflikte um Werte und Lebensvorstellungen identifiziert, welche den Zusammenhalt zu zerreißen scheinen.[6]

Solche Ansätze versuchen, das Erstarken eines Rechtspopulismus zu erklären, der einen vermeintlich reinen "Volkswillen" gegen "politische Eliten" in Stellung bringt;[7] oder das Entstehen "exkludierende[r] Solidaritäten" [8], zum Beispiel von sich vom sozialen Abstieg bedroht sehenden Männern oder von so genannten Modernisierungsverlieren, die ihre eigene soziale Stellung durch die Ablehnung und Herabsetzung anderer zu sichern versuchen. Die Soziologin Arlie R. Hochschild beschreibt in ihrem Buch "Fremd im Eigenen Land" (2017), wie sich Anhänger*innen der US-amerikanischen Tea-Party-Bewegung in einer Warteschlange für materielle und soziale Anerkennung stehen sehen – während sie meinen zu beobachten, wie Migrant*innen und Schwarze sich "vordrängeln". Sie würden dabei die Vorstellung von einem sesshaften "Wir" pflegen, das von einer vermeintlich mobilen und kulturell heterogenen Bevölkerung bedroht sei. In Deutschland bieten die Pegida-Protestbewegungen oder die Alternative für Deutschland (AfD) ähnlichen Stimmen Gehör: Sie stellen sich als "fremd im Eigenen Land" [9] dar und entwerfen eine ausschließende Idee von sozialem Zusammenhalt, die sich etwa gegen Migration richtet, um "unsere gewohnten sozialstaatlichen Errungenschaften", oder die "deutsche Leitkultur" zu schützen, wie es im Parteiprogramm zu lesen ist.

Ablehnung jenseits der Spaltung

Bricht sich hier eine neue gesellschaftliche Spaltung Bahn, oder ist eine doch weiter verbreitete latente Ablehnung von Migration zu festzustellen? Beispielsweise geben mehr als die Hälfte der Befragten der Leipziger Autoritarismus-Studie an, sich von "Überfremdung” bedroht zu fühlen.[10] So besehen scheint es also weder ein Randphänomen noch besonders neu zu sein – in Teilen muss womöglich von einer "Kultur der Ablehnung" die Rede sein. Sie zeigt sich nicht allein in der AfD, an patriotischen Stammtischen oder in den klandestinen Machenschaften rechter Gewalttäter. Sie ist gesellschaftlich weit verbreitet und lässt sich auch an Orten finden, in denen Mobilität und Nicht-Sesshaftigkeit zu einem gewissen Grad alltäglich geworden sind. Zwar hat sich die Vorstellung, eine einladende Migrationsgesellschaft zu sein, durch die Flüchtlingsbewegungen des Jahres 2015 in Deutschland sicherlich verstärkt, doch ihre Willkommensbereitschaft kennt ein Maß. Während man in eher als kosmopolitisch beschriebenen Milieus die Vielfalt der eigene(n) Kulture(n) für selbstverständlich und die eigene Gesellschaft für offen hält, werden diese Eigenschaften den Kulturen der "Anderen", der "Fremden" wiederum häufig abgesprochen. Sie werden als dogmatisch, als rückwärtsgewandt und unvereinbar mit hiesigen Traditionen betrachtet.

Der französische Philosoph Étienne Balibar bezeichnet die Behauptung einer vermeintlichen "Unaufhebbarkeit kultureller Differenzen", die hier Ausdruck findet, als "Neo-Rassismus.[11] Den vermeintlich "fremden" Figuren, wie der muslimischen Frau oder dem Geflüchteten werden dabei ausgewählte Beispiele des vermeintlich "Eigenen" gegenübergesetzt: der urbane schwule Mann, die emanzipierte europäische Frau, aber auch die ausgewählte migrantische Erfolgsfigur. Anders als bei Hochschild wird hier ein imaginäres "Wir" aus vermeintlich fortschrittlichen, mobilen Kosmopolit*innen gegen ein "Die" aus vermeintlich kulturell Rückschrittlichen, zur Demokratie Unfähigen, der Geschlechtergerechtigkeit feindlich Gegenüberstehenden etc. gestellt. Trotz tiefgreifender Unterschiede finden wir allerdings in beiden Fällen Versionen von "Fremd im eigenen Land": Im einen Fall wird das "Eigene" als unterdrückt und zu kurz gekommen inszeniert, im anderen Fall wird es als überlegen und erstrebenswert zelebriert – in beiden Fällen gilt es als bedroht und in beiden Fällen wird eine imaginäre Gemeinschaft gezeichnet, in der das, was als fremd gilt bzw. als solches konstruiert wird, niemals dazu gehört und in der Form der Migration immer zu einer Ausnahme erklärt wird.

Ablehnungskultur und Alltag

Wenn nun gegenwärtige kulturelle oder wirtschaftliche Spaltungen nicht zur Erklärung für die Attraktivität von Rechtspopulismus und Ablehnungskultur ausreichen, stellt sich die Frage, wie Kategorien von Herkunft und Kultur, von "fremd" und "eigen" immer wieder zum Tragen kommen und zur Bearbeitung gesellschaftlicher Konflikte herangezogen werden. Im Kontext der Corona-Pandemie zeigt sich dies in teils erstaunlichen Kombinationen: Migrant*innen aus Südosteuropa werden für die Epidemie verantwortlich gemacht [12], das Virus wird kurzerhand zu einem "chinesischen" erklärt [13] und auf Demonstrationen von selbsternannten "Querdenker*innen" verbinden sich klassische rechte Akteure mit Esoteriker*innen und antisemitischen Verschwörungsanhänger*innen. Mit einer Analyse von "Ablehnungskultur" wird der Fokus auf eine Untersuchung der Alltagskulturen gelegt, in denen solche Orientierungen verankert sein dürften. Unter Alltag lassen sich die vermeintliche Natürlichkeit des Alltagsverstands begreifen, also das auf Lebens- und Alltagserfahrung beruhende Urteilsvermögen unseres Verstandes, das z.B. einordnet, wer als "fremd" gilt und wer nicht; ebenso lassen sich damit aber auch nationale und europäische Gesetzeslagen (z.B. des Aufenthaltsrechts und der Grenzpolitik) analysieren, die unseren Alltagsverstand prägen. Im Alltag ordnen sich letztlich die Ein- und Ausschlüsse sozialer Räume (von Nachbarschaften bis zu Sozialen Medien), in denen wir uns bewegen, und zeigen sich die ökonomischen Bedingungen und Anforderungen, die das Soziale stratifizieren. Hier reproduzieren und legitimieren sich die spezifischen Praktiken exklusiven sozialen Zusammenhalts – in den Ausländerbehörden und Betriebskantinen, in Coffeeshops und Kleingartensiedlungen, in Facebook-Gruppen und Telegramm-Kanälen.

Bei der Analyse von Ablehnungskultur ist die Frage, warum "Hautfarbe und Herkunft" zur Interpretation gesellschaftlicher Herausforderungen herangezogen werden, nicht selbstverständlich, sondern erklärungsbedürftig. Denn in der Bezugnahme auf das "eigene Land" kann es sich zeigen, dass die Frage des sozialen Zusammenhalts über eine exklusive Vorstellung von Nation gedacht und beantwortet wird – und im Umkehrschluss Migration zu etwas Besonderem und "Fremden" erst gemacht wird. Die nicht immer nur rechtspopulistische Parole "Fremd im eigenen Land" ist also nicht allein Symptom der Krise des sozialen Zusammenhalts, sondern gesellschaftlich viel tiefer verankert. Wenn Advanced Chemistry in den 1990ern rappten: "Kein Ausländer / und doch ein Fremder", wollen wir das nicht als vereinfachte Forderung nach Vielfalt in der nationalen Einheit verstehen, sondern als Hinweis auf ein grundsätzliches Problem solcher Einheit: Insofern als sich in ihr Rassismus als gesellschaftliche Realität in den materiellen Bedingungen des eigenen Lebens und Alltags fortschreiben kann, in Ausschlüssen und Zugängen zu Ressourcen, Rechten, Räumen. Nicht bei der Haltung zu den Fremden oder zu deren oder unserer Vielfalt liegen die Stellschrauben, um eine Krise des sozialen Zusammenhalts zu bearbeiten. Es sind die materiellen Bedingungen und Solidarbeziehungen der Gesellschaft, die grundsätzlicher Überarbeitung bedürfen.[14] Die Vielfalt kommt von selbst. Sie ist schon da.

Dieser Artikel ist Teil des Kurzdossiers Zuwanderung, Flucht und Asyl: Aktuelle Themen

Fußnoten

1.
Bis 1988 war der Reisepass der Bundesrepublik Deutschland dunkelgrün, seitdem ist er bordeauxviolett.
2.
Siehe z.B. die aktuellen Beschäftigungen mit dem sozialen Zusammenhalt in der Pandemie (u.a. https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2020/august/gesellschaftlicher-zusammenhalt-verbessert-sich-in-der-corona-krise; Zugriff: 18.12.2020).
3.
Ingeborg Breuer (2019). Die alten Konfliktlinien gelten nicht mehr. Deutschlandfunk, 28. März, https://www.deutschlandfunk.de/ungleichheit-in-deutschland-die-alten-konfliktlinien-gelten.1148.de.html?dram:article_id=444526 (Zugriff: 18.12.2020).
4.
Goodhart, David (2017). The Road to Somewhere: The Populist Revolt and the Future of Politics. C. Hurst & Co. Goodhart beschreibt die Spaltung der Gesellschaft in zwei Lager: diejenigen, die ihre Identität, nicht an Orten, sondern etwa an ihren Erfolgen mit Blick auf Bildung und Karrieren festmachen (sogenannte "Anywheres"), und diejenigen, die ihre Identität an Orten und sie umgebenden Menschen festmachen und bei denen sich aufgrund von hoher Einwanderung und schnellem sozialen Wandel ein Verlustgefühl einstellt ("Somewheres").
5.
De Wilde, P., Koopmans, R., Merkel, W., Strijbis, O., & Zürn, M. (Hg.) (2019). The Struggle Over Borders: Cosmopolitanism and Communitarianism. Cambridge: Cambridge University Press.
6.
Wietschorke, J. (2020). Kulturelle Spaltung als Narrativ. Zur Politik und Poetik des Cultural Cleavage. In S. Eggmann & K. J. Kuhn (Hg.), Die einfachen Leute des Populismus—Erzählungen, Bilder, Motive. Schweizerisches Archiv für Volkskunde.
7.
Mudde, C. (2004). The Populist Zeitgeist. Government and Opposition, 39(4), 541–563.
8.
Siehe, u.a. Flecker, J., Altreiter, C., & Schindler, S. (2018). Erfolg des Rechtspopulismus durch exkludierende Solidarität? Das Beispiel Österreich. In K. Becker, K. Dörre, & P. Reif-Spirek (Hg.), Arbeiterbewegung von rechts? (S. 245–255). Campus.
9.
Gauland zitiert NPD-Slogan: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-06/afp-alexander-gauland-zitat-npd-neonazi-band (Zugriff: 21.12.2020).
10.
Siehe Decker et al. (2020). Autoritäre Dynamiken. Alte Ressentiments – neue Radikalität. Psychosozial Verlag.
11.
Balibar, Étienne (1990). Rasse, Klasse, Nation. Ambivalente Identitäten. Argument. S. 28.
12.
https://www.sueddeutsche.de/politik/kurz-migranten-suendenboecke-1.5136476 (Zugriff: 21.12.2020).
13.
https://www.bpb.de/apuz/antirassismus-2020/316771/antiasiatischer-rassismus-in-deutschland , für einen Überblick siehe https://www.korientation.de/corona-rassismus-medien/ (Zugriff: 21.12.2020).
14.
Ideen hierfür bietet etwa die aus Angehörigen Berliner Universitäten bestehende Projektgruppe "Transforming Solidarities": https://transformingsolidarities.net/ (Zugriff: 21.12.2020).
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Manuela Bojadžijev, Alexander Harder für bpb.de

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