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4.11.2019 | Von:
Dr. Frank Wolff

Vom Mauerbau zum Mauerfall: 28 Jahre deutsch-deutscher Migrationsgeschichte

28 Jahre lang teilten die Berliner Mauer und weitere Grenzsperranlagen Deutschland. Daneben sollte ein repressives Verwaltungssystem die Abwanderung aus der DDR unterbinden. Der Reisewunsch war jedoch stärker als Mauern aus Beton und Papier – und brachte diese schließlich zu Fall. Ein Rückblick.

Grenzkontrollen an der Berliner Mauer 1962. Westdeutsche Autos passieren die Durchfahrt von Westberlin nach Ostberlin.Grenzkontrollen an der Berliner Mauer 1962. (© UPI/Süddeutsche Zeitung Photo)

Der Bau der Berliner Mauer durch die Führung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), der in der Nacht vom 12. auf den 13. August 1961 begann, war eine Maßnahme der Selbstrettung. Die DDR litt chronisch unter der Auswanderung ihrer Bürger_innen [1] und sah sich nicht imstande, diese auf andere Weise zu stoppen. Zwar wuchsen seit den frühen 1950er Jahren die Grenzbefestigungen an der innerdeutschen Grenze und ganze Regionen wurden per Gewalt und Umsiedlung zu militarisierten Grenzzonen. Doch die innerstädtische Grenze durch das in vier Besatzungszonen geteilte Berlin blieb die offene Wunde des SED-Staates[2]. Zugleich versuchte die Sowjetunion, die Lage in Berlin als Verhandlungsmasse für ihre Idee eines Friedensvertrags zwischen dem geteilten Deutschland und den Alliierten zu nutzen. 1958 stellte sie den Westmächten ein Ultimatum: West-Berlin sollte zu einer sogenannten "Freien Stadt" – einer selbstständigen und entmilitarisierten politischen Einheit – werden. Dies lehnten westliche politisch Verantwortliche und Medienvertreter ab, da es effektiv der Preisgabe West-Berlins an die DDR und damit die Sowjetunion gleichgekommen wäre. Sollten die Westmächte dem nicht zustimmen, kündigte die Sowjetunion an, einen einseitigen Friedensvertrag mit der DDR abzuschließen und ihr die Kontrolle über die Verbindungswege zwischen Westdeutschland und West-Berlin zu übergeben. Dadurch hätten die Westmächte ihr Zugangsrecht verloren, was ihre Präsenz in West-Berlin unmöglich gemacht und West-Berlin erneut politisch und ökonomisch isoliert hätte. [3] Doch diese Drohgebärden der Sowjetunion liefen ins Leere. Nachdem der neu gewählte US-Präsident John F. Kennedy im Juli 1961 in seiner Rede über die – aus amerikanischer Sicht – "Three Essentials" der Berlin-Politik der Alliierten (1. die Freiheit der West-Berliner Bürger_innen, 2. das Anwesenheitsrecht der Westmächte in West-Berlin sowie 3. deren freien Zugang nach Westberlin) die Lage der Ostberliner Bevölkerung unerwähnt ließ, gab der Parteichef der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) Nikita Chruschtschow im Sommer 1961 dem langen Drängen Walter Ulbrichts nach und willigte in die Abriegelung der innerstädtischen Grenze ein [4]. In einer akribisch vorbereiteten und streng geheim geplanten nächtlichen Kommandoaktion begann der Bau der "Mauer", die das bis dahin in Leben und Arbeit vernetzte Berlin zerschneiden sollte. Per Beton und Schießbefehl sollte sie jegliche ungenehmigte Mobilität zwischen Ost- und Westberlin und damit letztlich zwischen der DDR und der Bundesrepublik beenden.

Mauern aus Beton und Papier

Die Maßnahmen der Trennung gingen weit über die Fluchtverhinderung hinaus. Die Unterbindung des innerstädtisch grenzüberschreitenden Straßen- und Nahverkehrs beschnitt die Mobilität. Darüber hinausgehende Maßnahmen, wie die Unterbrechung des Telefonverkehrs zwischen den Teilstädten, zeigen jedoch, dass sämtliche Kontakte jenseits des auch immer stärker kontrollierten Postverkehrs zwischen den Teilstädten unterbunden werden sollten. Dazu gehörte, dass die SED auch die legale Mobilität in die Bundesrepublik und nach West-Berlin beendete:[5] Sie stornierte sämtliche bestehenden Reise- und Ausreisegenehmigungen sowie Visa. Auch die Reisegenehmigungen der Staatselite ins westliche Ausland wurden vorerst eingezogen und mussten neu beantragt werden. Als interne Kontrollmaßnahme zog das Ministerium des Innern die finale Prüfung sämtlicher Reiseanträge an sich. Der erste Stellvertreter des Ministers kontrollierte nun die Anträge und damit auch das Verhalten der vorgeschalteten Behörden bei den Räten der Kreise und Bezirke. Daraus resultierte ein restriktives und extrem arbeitsaufwendiges Prüfverfahren für jeden einzelnen Antrag. Auch die Einreise wurde neu geregelt.

Bundesbürger_innen durften zwar nach einem langwierigen Prüfverfahren punktuell in die DDR einreisen. West-Berliner Bürger_innen blieb dies nun jedoch verwehrt.[6] Kurzum: Durch militärische Gewalt an der Grenze und durch nachfolgende Verwaltungsmaßnahmen – die man auch als "Mauern aus Papier" verstehen kann – unterband die SED an einem internationalen Brennpunkt im Kalten Krieg schlagartig nahezu sämtliche Verbindungen der Bevölkerung.[7] Da sich die beiden Staaten auf deutschem Boden gegenseitig nicht anerkannten und über keine offiziellen gegenseitigen Kommunikationswege verfügten, waren die Betroffenen, darunter viele Familien, nun tatsächlich voneinander abgeschnitten. Immerhin hatten zu diesem Zeitpunkt ungefähr ein Drittel der Bundesbürger_innen und zwei Drittel der DDR-Bevölkerung enge Verwandte auf der anderen Seite des schnell wachsenden "Todesstreifens". Zwischen BRD und DDR sollte keine Migrationsgeschichte mehr geschrieben werden können. Doch es kam anders.

Bewegung findet dennoch statt

In den 28 Jahren zwischen Mauerbau und Mauerfall verließen ungefähr 787.000 DDR-Bürger_innen [8] den mit ungefähr 15 Millionen Einwohner_innen kleinen und zudem ständig schrumpfenden zweiten deutschen Staat und gingen nach Westdeutschland.[9] Viele mehr kämpften darum. Es entstand eine erklärungsbedürftige Massenmigration über die damals am besten gesicherte Grenze der Welt. Grob lässt sich diese Migrationsbewegung in drei idealtypische Hauptgruppen aufteilen:

Erstens nutzten ungefähr 187.000 Personen eine illegale Möglichkeit, in die Bundesrepublik zu entkommen. Sie überzogen zum Beispiel ein Reisevisum oder überschritten unerlaubt eine Grenze. Dies geschah seltener über die gesicherte "Mauer" in Richtung West-Berlin oder die Bundesrepublik, sondern häufiger während eines Auslandsurlaubs in einen Drittstaat. Die meisten dieser Ausreisen wurden im Jahr 1989 registriert, als 110.000 Personen auf diese Weise flohen.[10]

Zweitens wurden ungefähr 30.000 Personen über die Wege der "besonderen humanitären Bemühungen" der Bundesregierung gegen Devisenzahlung aus der Haft nach Westdeutschland entlassen, dem Volksmund nach "freigekauft".[11]

Drittens erkämpften sich ca. 570.000 Übersiedler_innen eine staatliche Ausreisegenehmigung – und zwar obwohl lange Zeit bereits der Antrag auf Ausreise als "rechtswidrig" galt.[12] Mit großer Beharrlichkeit überzeugten sie den sich kompromisslos gebenden Staat davon, dass es für ihn besser sei, sie gehen zu lassen.

Auch in umgekehrter Richtung fand Migration statt – allerdings in deutlich geringerem Ausmaß: In den 28 Jahren, in denen die Mauer stand, wanderten ca. 72.000 Personen aus Westdeutschland in die DDR ein, darunter einige Skandalfälle von bundesdeutschen Deserteuren, Agent_innen oder auch RAF-Terrorist_innen.[13] Solche Fälle zogen öffentliche Aufmerksamkeit an, blieben numerisch jedoch marginal. Die West-Ost-Wanderung geschah zumeist aus rein privaten Motiven, zum Beispiel zur Eheschließung oder weil gescheiterte Auswanderer_innen in ihre Heimat zurückkehrten.

Kämpfe um Ausreisegenehmigungen

Die Zahl der erfolgreich legal aus der DDR ausgereisten Menschen blieb weit hinter der Zahl jener zurück, die vehement um eine Ausreiseerlaubnis kämpften. Die Bemühungen um eine Ausreisegenehmigung gingen mit sozialem Ausschluss der Ausreisewilligen und mit teils drastischen Repressionen einher, die bis zur geheimdienstlichen Zerstörung von Ehen reichten und immer wieder in Haft führten.[14] Diese Ausreisewilligen lassen sich nicht abschließend beziffern, da das Ministerium des Innern und das Ministerium für Staatssicherheit die Registrierung von Ausreiseersuchen fortwährend änderte und entsprechende Statistiken vor allem mit politischem Interesse führte – je nachdem, ob die streng geheimen Daten der Staatsführung gegenüber signalisieren sollten, dass die Lage unter Kontrolle sei oder dass man Verstärkung brauchte. Das Verhältnis von genehmigten Ausreisen zur Zahl derjenigen, die um eine solche Erlaubnis ersuchten, lässt sich aber punktuell ablesen. So konnten sich im Jahr 1988 25.263 DDR-Bürger_innen das Recht auf Ausreise erstreiten, während weitere 155.905 Antragstellende darauf drängten.[15] Die Zahl der um eine Ausreiseerlaubnis Kämpfenden übertraf 1988 also die der Erfolgreichen um das Sechsfache und bildete einen massiven Unruheherd im immer fragiler werdenden SED-Staat. Die deutsch-deutsche Migrationsgeschichte besteht also nicht nur aus der Bewegungsgeschichte zwischen Ost und West, sondern zu einem ganz erheblichen Teil auch aus jenen, die um Bewegungsfreiheit kämpften. Sie war außerdem durch einen sich immer feiner verästelnden Repressionsapparat des SED-Staates einerseits und beständige westliche Aufnahmestrukturen andererseits bestimmt.

Fußnoten

1.
Das Statistische Jahrbuch der Bundesrepublik verzeichnet zwischen der Gründung der beiden deutschen Staaten 1949 und dem Bau der Berliner Mauer 1961 ungefähr 2,7 Millionen Auswanderungen aus der DDR in die Bundesrepublik und nach West-Berlin, jedoch auch ca. 487.000 Bewegungen in die Gegenrichtung, siehe Statistisches Jahrbuch der Bundesrepublik Deutschland (Stuttgart, Mainz: Kohlhammer, 1953-1962).
2.
Sagi Schaefer, States of Division: Border and Boundary Formation in Cold War Rural Germany (Oxford: Oxford University Press, 2014); Anke Geier, "Zwangsumsiedlungen als Teil der Grenzsicherungsmaßnahmen der DDR im Jahr 1952. Die Sicherung der kommunistischen Herrschaft im Grenzgebiet", in Vertreibungen im Kommunismus: Zwangsmigrationen als Instrument kommunistischer Politik, hg. von Landesbeauftragter des Freistaats Thüringen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag, 2019), 137–166.
3.
Gerhard Wettig, Chruschtschows Berlin-Krise 1958 bis 1963: Drohpolitik und Mauerbau (München: Oldenbourg, 2006).
4.
Hope Millard Harrison, Ulbrichts Mauer: wie die SED Moskaus Widerstand gegen den Mauerbau brach, Lizenzausg., Schriftenreihe / Bundeszentrale für Politische Bildung 1178 (Bonn: Bundeszentrale für Politische Bildung, 2011); Gerhard Wettig und Manfred Wilke, "Der lange Weg zur Berliner Mauer 1952/53 – 1958/59 – 1961", Gedenkstätte Berliner Mauer, 2015, 1–47.
5.
Frank Wolff, Die Mauergesellschaft: Kalter Krieg, Menschenrechte und die deutsch-deutsche Migration 1961-1989, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 2279 (Berlin: Suhrkamp, 2019), 115–161.
6.
Eckart Huhn, Die Passierscheinvereinbarungen des Berliner Senats mit der Regierung der DDR 1963 bis 1966: deutsch-deutsche Verhandlungen zur Überwindung der politischen Sprachlosigkeit und der Milderung menschlicher Härten als Folge des Mauerbaus (Ludwigsfelde: Ludwigsfelder Verl.-Haus, 2011).
7.
Thomas Lindenberger, "'Zonenrand', 'Sperrgebiet' und 'Westberlin' – Deutschland als Grenzregion des Kalten Krieges", in Teilung und Integration: die doppelte deutsche Nachkriegsgeschichte als wissenschaftliches und didaktisches Phänomen, hg. von Christoph Kleßmann und Peter Lautzas (Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verlag, 2006), 97–112.
8.
Wolff, Die Mauergesellschaft, 18-19.
9.
Für Jahresstatistiken siehe: Frank Wolff, "Deutsch-deutsche Migrationsverhältnisse: Strategien staatlicher Regulierung 1945-1989", in Handbuch Staat und Migration in Deutschland seit dem 17. Jahrhundert, hg. von Jochen Oltmer (Berlin, Boston: De Gruyter, 2016), 773–814.
10.
Eigene Berechnung nach BstU AdZ, 27895, 102.
11.
Angaben der Bundesregierung, nach: Jan Philipp Wölbern, Der Häftlingsfreikauf aus der DDR 1962/63 – 1989: Zwischen Menschenhandel und humanitären Aktionen (Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2014), 542.
12.
BStU AdZ, ZAIG 27895, 102.
13.
Für eine allgemeine Darstellung inkl. besonderer Fallbeispiele, siehe: Bernd Stöver, Zuflucht DDR: Spione und andere Übersiedler (München: Beck, 2009); zur Aufnahmepolitik der DDR: Tobias Wunschik, "Migrationspolitische Hypertrophien: Aufnahme und Überwachung von Zuwanderern aus der Bundesrepublik Deutschland in der DDR", IMIS-Beiträge 32 (2007): 33–60.
14.
Renate Hürtgen, Ausreise per Antrag: Der lange Weg nach drüben. Eine Studie über Herrschaft und Alltag in der DDR-Provinz (Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2014).
15.
BStU AdZ, ZAIG, 27895, 16-21.
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Autor: Dr. Frank Wolff für bpb.de
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