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Kulturelite im Blick der Stasi

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Neuauflage "(Ost)Deutschlands Weg" Ostdeutsche Frakturen Geschichtspolitik von oben? Anpassungsprozess der ostdeutschen Landwirtschaft Daniela Dahn: TAMTAM und TABU Wege, die wir gingen „Der Ort, aus dem ich komme, heißt Dunkeldeutschland” Unternehmerischer Habitus von Ostdeutschen Teuer erkauftes Alltagswissen Trotz allem im Zeitplan Revolution ohne souveränen historischen Träger Mehr Frauenrechte und Parität Lange Geschichte der „Wende“ Eine Generation nach der ersten freien Volkskammerwahl Unter ostdeutschen Dächern Die de Maizières: Arbeit für die Einheit Schulzeit während der „Wende” Deutschland – Namibia Im Gespräch: Bahr und Ensikat Gorbatschows Friedliche Revolution "Der Schlüssel lag bei uns" "Vereinigungsbedingte Inventur" "Es gab kein Drehbuch" "Mensch sein, Mensch bleiben" Antrag auf Staatsferne Alt im Westen - Neu im Osten Die Deutsche Zweiheit „Ein echtes Arbeitsparlament“ Corona zeigt gesellschaftliche Schwächen Widersprüchliche Vereinigungsbilanz Schule der Demokratie Warten auf das Abschlusszeugnis Brief an meine Enkel Putins Dienstausweis im Stasi-Archiv Preis der Einheit Glücksstunde mit Makeln Emotional aufgeladenes Parlament Geht alle Macht vom Volke aus? Deutschland einig Vaterland 2:2 gegen den Bundestag "Nicht förderungswürdig" Demokratie offen halten Standpunkte bewahren - trotz Brüchen Die ostdeutsche Erfahrung Kaum Posten für den Osten Braune Wurzeln Wer beherrscht den Osten „Nicht mehr mitspielen zu dürfen, ist hart.“ Ein Ost-West-Dialog in Briefen Stadtumbau Ost Ostdeutschland bei der Regierungsbildung 2017 Die neue Zweiklassengesellschaft DDR-Eishockey im Wiedervereinigungsprozess Die SPD (West) und die deutsche Einheit Die Runden Tische 1989/90 in der DDR Die Wandlung der VdgB zum Bauernverband 1990 Transatlantische Medienperspektiven auf die Treuhandanstalt Transformation ostdeutscher Genossenschaftsbanken Demografische Entwicklung in Deutschland seit 1990 Parteien und Parteienwettbewerb in West- und Ostdeutschland Hertha BSC und der 1. FC Union vor und nach 1990 25 Jahre nach der Wiedervereinigung Ostdeutsches Industriedesign im Transformationsprozess Wende und Vereinigung im deutschen Radsport Wende und Vereinigung im deutschen Radsport (II) Kuratorium für einen demokratisch verfassten Bund deutscher Länder Europäische Union als Voraussetzung für deutschen Gesamtstaat Welche Zukunft braucht Deutschlands Zukunftszentrum? Ein Plädoyer. Erinnern, Gedenken, Aufarbeiten Wenn Gedenkreden verklingen Zeitenwenden Geschichtsklitterungen „Hat Putin Kinder?“, fragt meine Tochter Wolf Biermann über Putin: Am ersten Tag des Dritten Weltkrieges Der Philosoph hinter Putin „Putin verwandelt alles in Scheiße“ Das Verhängnis des Imperiums in den Köpfen Ilse Spittmann-Rühle ist gestorben Was bedeutet die Liquidierung von Teilen Memorials? 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Kulturelite im Blick der Stasi Die Nachwehen der Biermann-Ausbürgerung im Spiegel der ZAIG-Berichte des Jahres 1977

Henrik Bispinck

/ 23 Minuten zu lesen

Zahlreiche Künstler und Intellektuelle in der DDR protestierten gegen die Biermann-Ausbürgerung im November 1976. Sie gerieten unter den Druck des SED-Regimes, und viele von ihnen verließen die DDR. Die Stasi beobachtete die Unterzeichner der Protesterklärung in dieser Zeit intensiv – auch nach ihrer Ausreise in die Bundesrepublik.

Die Aufarbeitung der DDR-Geschichte hat viele Facetten. Eine davon ist es, Unterlagen, die für das Verständnis von Funktionsweise und Wirkung der SED-Diktatur und ihres wichtigsten Herrschaftsinstruments, des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), von Bedeutung sind, der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Bei der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) erfolgt dies durch die Erschließung von Akten, ihre Herausgabe an Betroffene, Wissenschaftler und Journalisten, die Publikation von Forschungsergebnissen – und nicht zuletzt die wissenschaftliche Edition von Quellen, die für die Geschichte des MfS und der DDR zentral sind: Seit 2009 gibt die Forschungsabteilung des BStU die Berichte der Zentralen Auswertungs- und Informationsgruppe (ZAIG) des MfS heraus, die von Mitte 1953 bis Ende 1989 unmittelbar an die Partei- und Staatsführung geliefert wurden. Diese befassen sich mit den unterschiedlichsten Themen und vermitteln auf diese Weise einen Eindruck von dem besonderen "Blick der Stasi" auf die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR.

Wolf Biermann bei seinem legendären Konzert am 14. November 1976 in Köln. (© picture-alliance/AP)

Auch die ZAIG-Berichte des Jahres 1977 decken ein breites Spektrum ab, das von Republikfluchten, Grenzverletzungen und Asylanträgen über oppositionelle Aktivitäten und kirchenpolitische Ereignisse bis hin zu Unfällen in Volkseigenen Betrieben und Klagen der Bevölkerung über Versorgungsprobleme reicht. Doch dominiert ein Thema diesen Jahrgang in quantitativer wie qualitativer Hinsicht: die Folgen der Ausbürgerung von Wolf Biermann. Dem Liedermacher war im November 1976 nach einem Konzert in Köln, bei dem er auch Kritik an den Zuständen in der DDR geübt hatte, wegen "grober Verletzung der staatsbürgerlichen Pflichten" die Staatsbürgerschaft der DDR aberkannt worden. Auf Initiative von Stephan Hermlin wandte sich daraufhin eine Gruppe von Schriftstellern mit einer Protesterklärung an die Öffentlichkeit, die – nachdem das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" sie nicht veröffentlicht hatte – über westliche Nachrichtenagenturen verbreitet wurde. Der Erklärung schlossen sich zahlreiche weitere Künstler und Intellektuelle an.

Stephan Hermlin, Aufnahme von 1989 (© picture-alliance/AP, Elke Bruhn-Hoffmann)

Die Berichte der ZAIG zu den Folgen dieser Ereignisse gehören – neben den bereits vor längerer Zeit publizierten Dokumenten zu den Auseinandersetzungen im Schriftstellerverband, auf die noch einzugehen sein wird – zu den aufschlussreichsten Dokumenten zu dieser Affäre. Zugleich verdeutlichen sie die außerordentlich hohe Bedeutung, die auch das MfS diesem Thema beimaß. In einem Jahr, in dem die wirtschaftlichen Probleme der DDR sich zuspitzten und in dem das MfS erheblichen Unmut in der Bevölkerung über die angespannte Versorgungslage registrierte, befasste sich jeder zehnte der für die Partei- und Staatsführung verfassten Inlandsberichte der ZAIG unmittelbar mit den Folgen der Biermann-Ausbürgerung und den Ausreisebestrebungen der Petitionisten; nimmt man die übrigen Berichte hinzu, die sich mit Schriftstellern und Künstlern im Allgemeinen beschäftigen, war es sogar jeder fünfte.

Manfred Krug und Armin Mueller-Stahl

Besonders intensiv befasste sich das MfS zum einen mit denjenigen Unterzeichnern der Protesterklärung, die in der Bevölkerung bekannt und beliebt waren, zum anderen mit Intellektuellen, die auch in der Bundesrepublik und im westlichen Ausland ein hohes Ansehen genossen. Zur ersten Kategorie gehörten zweifellos die miteinander befreundeten Schauspieler

Manfred Krug und Armin Mueller-Stahl in dem Fernsehfilm "Die Verschworenen" (DDR 1971) (© Bundesarchiv, Bild 183-K0911-030; ADN-ZB/DFF)

Manfred Krug und Armin Mueller-Stahl. Krug war bekannt durch Filme wie "Fünf Patronenhülsen" und "Beschreibung eines Sommers" und außerdem als Sänger populär. Mueller-Stahl galt als einer der renommiertesten Film- und Theaterschauspieler der DDR. Bei ihm kam – aus Sicht des MfS – erschwerend hinzu, dass er in der erfolgreichen Fernsehserie "Das unsichtbare Visier" ausgerechnet den charmanten Stasi-Spion Achim Detjen verkörperte, der beim DDR-Fernsehpublikum zum "absolute[n] Sympathieträger" avanciert war.

Allein mit Manfred Krug befassen sich sieben Informationen: Anfang 1977 absolvierte Krug eine Konzerttournee durch die DDR. Die Termine waren bereits im Sommer des Vorjahres vereinbart, doch von den ursprünglich vorgesehenen 15 Konzerten nach dem Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung neun ersatzlos gestrichen worden. Zudem waren bei einigen Auftritten die Karten kontingentweise an Betriebskollektive oder Gruppen der Freien Deutschen Jugend (FDJ) vergeben und die vorderen Reihen mit Staats- und Parteifunktionären besetzt worden, die sich demonstrativ jeglichen Beifalls enthielten. Akribisch notierte die ZAIG die Bemerkungen Krugs, mit denen er auf dieses Publikum anspielte. So äußerte dieser unter anderem, bei seinen Konzerten seien "Menschen anwesend, die sich überhaupt nicht für seine Musik interessieren, sondern aus beruflichen oder dienstlichen Gründen anwesend sein müssten", und forderte das Publikum auf, "trotz geschenkter Karten" Beifall zu klatschen. Zwei bei einem Konzert in der ersten Reihe sitzende Funktionäre sprach er direkt an: "Es muss doch direkt anstrengend sein, den ganzen Abend so dazusitzen mit einer langen Fresse und nicht eine Hand zu rühren. Das muss doch direkt wehtun. Sie dürfen das nicht so auffällig machen, das ärgert uns doch hier oben bloß." Zugleich ist dem Bericht zu entnehmen, dass Krug in dieser Zeit, in der er die Folgen seiner Unterschrift unter die Protesterklärung zu spüren bekam, sich aber noch nicht zur Ausreise aus der DDR entschlossen hatte, offenbar um Deeskalation bemüht war: So heißt es etwa, Krug sei vor und nach den Konzerten "zurückhaltend" aufgetreten und bestrebt gewesen, "öffentlichkeitswirksame und offene provokatorische Äußerungen und Handlungen zu vermeiden." Während einer polizeilichen Vernehmung nach einer handgreiflichen Auseinandersetzung in einem Hotel – der Künstler hatte den Ehemann der Hotelleiterin wegen dessen Anspielung auf angebliche "Schweizer Konten" Krugs ins Gesicht geschlagen – habe er sich "sachlich und korrekt" verhalten und zugegeben, nicht richtig reagiert zu haben.

Manfred Krug bei seiner Ankunft in West-Berlin nach Passieren des Grenzübergangs Bornholmer Straße auf der Berliner Bösebrücke, 20. Juni 1977 (© picture-alliance, Konrad Giehr/dpa)

Wenige Monate nach dem Ende der Tournee, am 19. April 1977, stellte Manfred Krug einen Antrag auf Ausreise aus der DDR. Er begründete dies mit den Repressalien, denen er sich wegen der Weigerung, seine Unterschrift unter die Petition zurückzuziehen, ausgesetzt sah: Geplante Filmprojekte wurden auf Eis gelegt, eine vorbereitete Schallplatte sollte nicht veröffentlicht werden, Angebote für Filme und Konzerte blieben aus. Auch brachte er seine Verbitterung über die erwähnten Vorgänge bei seiner Tournee zum Ausdruck: Es habe bei einigen Terminen "Gruppen von Zuhörern" gegeben, "die während des ganzen Konzerts finstere Minen vorführten und keine Hand rührten, eine Art von verabredeter Feindseligkeit, die einem Bühnenkünstler die Arbeit unmöglich macht, die ihn kaputtmacht". Zudem beklagte Krug eine zunehmende gesellschaftliche Isolierung: Erste Bekannte verzichteten auf Besuche, bei der Auszahlung der "Jahresendprämie" hätten nur noch wenige Kollegen gewagt, ihm die Hand zu geben, und manche Eltern verböten ihren Kindern, mit seinen Kindern zu spielen.

Für die ZAIG war der Ausreiseantrag Anlass für einen 19-seitigen Bericht über den Schauspieler. Die Information ist typisch für viele Berichte über ausreisewillige oder bereits ausgereiste Künstler, zahlreiche wiederkehrende Topoi sind hier zu finden. Da ist zunächst die Diskreditierung der Persönlichkeit zu nennen, die schon bei der Herkunft beginnt: Krugs Familie wird als "bürgerlich" beschrieben, es wird darauf hingewiesen, dass sein Vater "Mitglied der Nazipartei" gewesen sei. Die Erwähnung der "bürgerlichen" Herkunft – Krugs Vater war Ingenieur – hatte besondere Brisanz, da Krug selbst ursprünglich Stahlarbeiter war und sein Lebensweg geradezu als Musterbeispiel für die Möglichkeit galt, in der DDR auch als "Proletarier" eine künstlerische Karriere zu verfolgen. Darüber hinaus werden Krugs schon früh sichtbare "Undiszipliniertheit", seine angebliche Geltungssucht und seine "Überheblichkeit im Auftreten gegenüber gesellschaftlichen und staatlichen Stellen" betont. Hinzu kommt der Vorwurf der Doppelzüngigkeit: Er habe sich "nach außen den Anschein eines loyalen Bürgers" gegeben, während er im "internen Kreis […] wiederholt seine ablehnende Haltung zur Kulturpolitik von Partei und Regierung zum Ausdruck" gebracht habe. Vor allem aber hebt der Bericht auf die angeblich vorrangig materiellen Interessen Krugs ab: Krug habe "ständig hohe Einkünfte", die zu den "Spitzengagen der DDR" zählten; er prahle damit, Millionär zu sein und "die Gagen zu bekommen, die er fordere". Der Vorwurf der Überheblichkeit und Prahlerei wird auch in Bezug auf seine Beteiligung an der Unterschriftenaktion für Biermann erhoben: Krug habe sich damit gebrüstet, während einer Aussprache, in der ein Politbüro-Mitglied ihm zur Zurücknahme seiner Unterschrift bewegen wollte, "'standhaft und stark' geblieben zu sein und 'Rückgrat bewiesen' zu haben."

Armin Mueller-Stahl musste nach der Unterzeichnung der Protesterklärung gegen die Biermann-Ausbürgerung ähnliche Erfahrungen machen wie Krug. Seine berufliche Isolierung in dieser Zeit beschreibt er im Rückblick so: "Über Jahre hinweg hatte bei mir pausenlos das Telefon geklingelt. Nun plötzlich: Totenstille. Ich war beruflich von einem Tag zum anderen kaltgestellt." Auch er spielte daher mit dem Gedanken, die DDR zu verlassen. Seine Charakterisierung in den ZAIG-Berichten weist Parallelen zu der Krugs auf. Auch Mueller-Stahl wird Geltungssucht unterstellt: Mehrfach heißt es, er hielte sich für einen "ganz großen Schauspieler", dem "Zugeständnisse und größere Freiheiten", vor allem Reisemöglichkeiten, gewährt werden müssten. Zudem sei in seinem persönlichen Umfeld geäußert worden, er sehe sich "immer stärker in der Rolle eines Märtyrers und gefalle sich darin" – unter anderem wurde er mit der Bemerkung zitiert, er habe "lieber eine 'verbogene Biographie statt eines verbogenen Rückgrats'". Stark abgehoben wird auf Mueller-Stahls angebliche Beeinflussung durch andere Personen: Er stehe insbesondere unter dem "negativen Einfluss" von Krug, demgegenüber er nach eigenen Angaben "große Achtung und Dankbarkeit" empfand, da er dazu beigetragen habe, sein Selbstvertrauen im Umgang mit Vertretern der Staats- und Parteiführung zu stärken. Auch sein Schwager Ulf Reiher, Intendant des Landestheaters Halle, würde ihn "negativ" beeinflussen, und seine Ehefrau habe sich über "unerwünschte Besucher und Anrufer" beklagt, "die sich gegenseitig bemitleiden und aufputschen". Im Gegensatz zu Krug spielen angebliche materielle Interessen in den Berichten über Mueller-Stahl kaum eine Rolle. Zwar weist die ZAIG auf den Wert seiner Immobilien hin und informiert über die – geplante und vollzogene – Transferierung von Vermögen und Wertgegenständen (Antiquitäten) in die Bundesrepublik, doch ging es hierbei offenkundig in erster Linie darum, auszuloten, wie ernst seine Ausreiseabsichten waren und welche konkreten Vorbereitungen hierfür er bereits getroffen hatte. Denn Mueller-Stahl rang lange mit seiner Entscheidung, die DDR zu verlassen; in den ZAIG-Berichten heißt es, er sei "schwankend und unsicher", ob er seinen Ausreiseantrag abgeben solle. Partei- und Kulturfunktionäre bemühten sich in vielen Gesprächen darum, ihn in der DDR zu halten, hatten damit aber nur vorübergehend Erfolg: Im Jahr 1980 verließ auch Mueller-Stahl die DDR in Richtung Westen.

Die anhand von Krug und Mueller-Stahl exemplifizierten Zuschreibungen – insbesondere die Geltungssucht und die materiellen Interessen – finden sich auch bei anderen Unterzeichnern der Protesterklärung wieder. So wird in einem umfangreichen Dossier über den Schriftsteller Stefan Heym erwähnt, dieser würde immer wieder betonen, dass er "einer der ganz wenigen Schriftsteller der DDR sei, die in der ganzen Welt gelesen werden". Der Hinweis auf seine "bürgerliche" Herkunft fehlt auch bei ihm ebenso wenig wie beim Theaterregisseur Adolf Dresen, bei diesem noch zugespitzt durch die Formulierung, er stamme aus einer "religiösen kleinbürgerlichen Familie". Über die Musiker Kurt Demmler und Reinhard Lakomy heißt es, sie würden "ungerechtfertigt hohe Einnahmen" erzielen, wobei der Vergleich zu Opernsängern bemüht wird, die ungleich weniger verdienten. Verbunden sind diese Zuschreibungen häufig mit dem Hinweis auf Auszeichnungen und Privilegien, die die betreffenden Personen erhalten hätten, womit ihnen indirekt "Undankbarkeit" gegenüber dem sozialistischen Staat zum Vorwurf gemacht wird. Bei Dresen werden seine staatlichen Auszeichnungen und die Zuweisung einer großzügigen Wohnung erwähnt. Im Anhang zum Dossier über Heym sind die ihm verliehenen Auszeichnungen sowie seine häufigen genehmigten Reisen in die Bundesrepublik und ins westliche Ausland aufgelistet.

Spaltung der DDR-Intellektuellen

Die Biermann-Ausbürgerung hatte die literarisch-künstlerische Intelligenz in zwei Lager gespalten. Das "sonst immer so einheitliche Feld der DDR-Kunstschaffenden", so Werner Mittenzwei, "war plötzlich aufgerissen zwischen Unterzeichnern und Gegenunterzeichnern." Im Schriftstellerverband kam es zu erbitterten Auseinandersetzungen, und auch im privaten und halböffentlichen Raum ging man einander aus dem Weg.

Das MfS vollzog in seiner Berichterstattung diese Spaltung mit. Es zog eine klare Trennlinie zwischen "progressiven" und "negativen" Kräften – schon in den Überschriften der entsprechenden ZAIG-Berichte. Mehrere Informationen befassen sich mit Klagen "progressiver" Künstler über die Privilegien "negativer Kulturschaffender". So kritisierten unter anderen die Schriftsteller

Eva Strittmatter im Gespräch mit Kurt David und Willi Meinck (l.) am Rande des VIII. Schriftstellerkongresses der DDR im Palast der Republik, 30. Mai 1978 (© Bundesarchiv, Bild 183-T0530-0423; Gabriele Senft/ADN-ZB)

Eva und Erwin Strittmatter, Wolfgang Kohlhaase und Günter Görlich die umfangreiche Reisetätigkeit "von als negativ bekannten Kunst- und Kulturschaffenden" in nichtsozialistische Staaten. Dadurch werde im Ausland ein "falsches bzw. verzerrtes Bild über die DDR-Literatur verbreitet". Zudem werde durch die "bevorzugte Genehmigung von Reisen in nichtsozialistische Staaten und andere 'Privilegien'" die "negative politische Grundposition […] dieser Kräfte praktisch noch 'begünstigt'". Während sie selbst sich an die Reiseordnung halten und den Reiseantrag drei Monate im Voraus beim Schriftstellerverband vorlegen müssten, könnten es sich zum Beispiel Günter Kunert oder Volker Braun erlauben, tags vor der Abreise nach West-Berlin oder Westdeutschland Kurt Hager, Mitglied des Politbüros und oberster Kulturfunktionär der DDR, anzurufen und würden trotzdem noch rechtzeitig ihr Visum erhalten. Ohnehin könnten viele "progressive" Schriftsteller schon deshalb keine Auslandsreisen unternehmen, weil ihre Bücher in westlichen Staaten nicht verlegt würden und sie daher nicht über die nötigen Devisen verfügten.

Die ZAIG beließ es hier nicht bei der Zusammenstellung der kritischen Äußerungen, sondern gab sogar konkrete Handlungsempfehlungen: Die Reisetätigkeit in nichtsozialistische Staaten solle "im kulturellen Bereich straffer organisiert", die "existierenden staatlichen Normative und Richtlinien" konsequent angewendet werden. Maßstab für Reisen in nichtsozialistische Staaten müsse die "sozialistische Nationalkultur der DDR" sein, die von den gegenwärtig hauptsächlich ins westliche Ausland reisenden Schriftstellern nicht repräsentiert werde. Stattdessen sollten fortan "in erster Linie klassenbewusste, parteiverbundene, progressive Kulturschaffende" berücksichtigt werden.

Hintergrund der Kritik der "progressiven" Schriftsteller an der angeblichen Bevorzugung ihrer "negativen" Kollegen war vermutlich nicht nur Neid auf deren Erfolg und ihre Reise-"Privilegien", sondern auch die Tatsache, dass sie selbst sich durch ihre Zustimmungserklärungen zur Biermann-Ausbürgerung und die offensiv geführten Auseinandersetzungen im Schriftstellerverband ebenfalls exponiert hatten. Nun erwarteten sie von der Regierung, die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen. Deutlich wird dieser Zusammenhang in einem Bericht, in dem es um die Vorbereitung des VIII. Schriftstellerkongresses der DDR geht, der für Mai 1978 geplant war.

VIII. Schriftstellerkongress der DDR: Verabschiedung der scheidenden Vorsitzenden Anna Seghers durch Staats- und Parteichef Erich Honecker. Im Hintergrund Seghers' Nachfolger Hermann Kant, rechts mit Honeckers Blumenstrauß Erwin Strittmatter. 29. Mai 1978 (© Bundesarchiv, Bild 183-T0529-0027; Peter Koard/ADN-ZB)

Auf Kritik stieß hierbei die Ankündigung der SED, die Auseinandersetzungen im Berliner Schriftstellerverband im Zusammenhang mit der Biermann-Ausbürgerung auf dem Kongress nicht zu thematisieren. Die ZAIG berichtete, diese Absicht finde "kein Verständnis und führe bei progressiven Kräften unter den Schriftstellern zu Resignation und Verärgerung". Zudem würde mit einer Aussparung dieser Konflikte "die mühevolle und aufwendige Arbeit der Genossen, die sich mit den feindlich-negativen Kräften auseinandersetzten", disqualifiziert. Die "progressiven" Schriftsteller fühlten sich "zurückgesetzt" und "allein gelassen", nachdem sie sich im Zusammenhang mit den Protesten gegen die Biermann-Ausbürgerung im Sinne der DDR-Kulturpolitik engagiert hätten – jetzt sei "ihre Meinung nicht mehr gefragt". Sie hätten den Eindruck, dass die Parteiführung überwiegend mit "solchen Schriftstellern diskutiert (und ihnen sogar 'Vorteile' zugesteht), die nicht mit der Politik der DDR konform gehen". Hier zeigt sich, dass es neben den "Privilegien" auch der unmittelbare Draht einiger Petitionisten zur SED-Führung war, der für Missgunst sorgte. Gisela Steineckert äußerte in diesem Zusammenhang: "Ich glaube, man muss unbedingt erst ein 'Ding drehen', damit die Parteiführung auf einen aufmerksam wird und man nicht als parteiverbundener Genosse gegenüber den 'Unterzeichnern' benachteiligt ist." Knapper brachte diesen Eindruck der Slogan: "Mit wem der Westen nicht spricht, mit dem unterhält sich Hager nicht", auf den Punkt, der von einigen Schriftstellern verbreitet wurde.

Die Parteiführung reagierte auf diese Meldung offenbar prompt. Zwei Wochen später berichtete die ZAIG über ein Gespräch Kurt Hagers mit einigen "progressiven" Schriftstellern, in dem er diesen zusicherte, dass auf dem Schriftstellerkongress "eine offene und parteiliche Auseinandersetzung mit negativen Auffassungen" möglich sein werde. Zudem stellte er den Schriftstellern für Anfang 1978 ein Gespräch mit Staats- und Parteichef Erich Honecker in Aussicht. Befriedigt wurde festgestellt, die beteiligten Schriftsteller hätten das Treffen mit Hager "außerordentlich positiv gewertet". Ihre grundsätzliche Skepsis und ein gewisses Misstrauen, ob die angekündigte Diskussion tatsächlich geführt werden würde, blieb aber bestehen.

Die Konfliktlinien verliefen indes nicht nur zwischen den Unterzeichnern und den staatsnahen Schriftstellern. Auch innerhalb des Kreises der Unterzeichner kam es zu Misshelligkeiten, die freilich von der Parteiführung gezielt befördert wurden: So hatte die Berliner SED-Bezirksleitung die Strategie vorgegeben, die Petitionisten "nicht als Gruppe [zu] behandeln", sondern zu "differenzieren" und zu versuchen, "einige wieder an uns heranzuführen". Nach dem Prinzip "teile und herrsche" praktizierte die Partei ein "feingestaffelte[s] System von Privilegien und Sanktionen", das von Verhaftung über Hausarrest und Parteiausschluss bis zur "strengen Rüge" reichte und das einigen die Ausreise aus der DDR ermöglichte, sie anderen aber verwehrte. Auch die zahlreichen Operativen Vorgänge, die die Staatssicherheit nach der Biermann-Ausbürgerung neu angelegt hatte, waren "zunehmend individuell" auf die Künstler und Schriftsteller zugeschnitten.

Auseinandersetzungen unter den Petitionisten gab es vor allem – aber nicht ausschließlich – zwischen denjenigen, die sich entschlossen hatten, in den Westen zu gehen, und denjenigen, die (zunächst) in der DDR blieben. Manfred Krug war zwar nicht der erste der Unterzeichner, der die DDR verließ, doch stellte sein Weggang aufgrund seiner Prominenz einen Einschnitt dar und wirkte vorbildhaft für andere. Günter Kunert notiert über die Atmosphäre auf Krugs Abschiedsfeier: "Man wird neidisch. Der hat's geschafft! Der hat's hinter sich! […] Und: Wer wird der nächste sein? Krug wirkt wie ein Schleusenwärter, der zum Abfließen bringt, was sich aufgestaut hat. Von diesem Abend an verstärkt sich die Exodusbereitschaft." Der Regisseur

Der Regisseur Frank Beyer (l.) wird am 9. März 1984 vom stellvertretenden DDR-Kulturminister Horst Pohnert mit dem Heinrich-Greif-Preis ausgezeichnet (© Bundesarchiv, Bild 183-1984-0309-035; Heinz Hirndorf/ADN-ZB)

Frank Beyer, der mehrere Filme mit Manfred Krug gedreht hatte, war einem ZAIG-Bericht zufolge verärgert über dessen Ausreise, weil er anderen Filmschaffenden damit schade und die Aufführung bereits gedrehter Filme gefährde – darunter die seines eigenen, gerade fertig gestellten Streifens "Das Versteck". Für Missgunst sorgte bei einigen zudem die Tatsache, dass Krug seine umfangreiche Antiquitäten- und Oldtimersammlung und sogar seine Haushälterin mitnehmen konnte. Ohne Krugs Namen zu nennen kommentierte Volker Braun diesen Vorgang in seinem "Arbeitsbuch" folgendermaßen: "ausreiseanträge unmutiger künstler werden beinahe freudig entgegengenommen, die kisten ins haus geliefert oder gegebenenfalls der tieflader, auf wunsch auch die haushälterin freigegeben." Armin Mueller-Stahl, der ebenfalls erwog, die DDR zu verlassen, musste sich von Frank Beyer vorhalten lassen, er handele "als 'Abklatsch' von Krug" – ein Vorwurf, der Mueller-Stahl dem Stasi-Bericht zufolge "in gewisser Weise beeindruckt" hatte. Weniger beeindruckt war Mueller-Stahl dagegen von Stefan Heyms Rat, in der DDR zu bleiben. Der Schauspieler habe dazu geäußert, "Heym sei für ihn kein Maßstab, da dieser reisen könne, wohin er wolle". Auch hier zeigt sich, wie die individuell unterschiedliche Vergabe von Privilegien eine einheitliche Haltung der Petitionisten erschwerte, wobei die Frage der Reisemöglichkeiten eine besonders wichtige Rolle spielte.

Einflussnahmen aus dem Westen

Großen Raum nimmt in der Berichterstattung der ZAIG der – angebliche oder tatsächliche – Einfluss von Personen aus der Bundesrepublik ein. Ausführlich wird berichtet über Besuche von Günter Grass bei Unterzeichnern der Biermann-Petition in Ost-Berlin, die er aufgefordert habe, "aktiv für eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR einzutreten". Dabei habe Grass "offen Thesen im Sinne des Sozialdemokratismus" vertreten. Ebenfalls in den Fokus geriet

Hannes Schwenger, Vorsitzender des Verbandes deutscher Schriftsteller in der IG Druck und Papier Berlin, bei der Vorstellung des "Schutzkomitees für Freiheit und Sozialismus" am 10. Dezember 1976 in West-Berlin (© picture-alliance, Konrad Giehr/dpa)

Hannes Schwenger, der Vorsitzende des nach der Biermann-Ausbürgerung gegründeten "Schutzkomitees Freiheit und Sozialismus", das sich für Schriftsteller in der DDR einsetzte, die aus politischen Gründen verfolgt und bedrängt wurden. Schwenger hatte Kontakt zu Sarah Kirsch aufgenommen, um sich über die Situation der Unterzeichner der Protesterklärung zu informieren.

Besonders intensiv beobachtet wurden westdeutsche Journalisten, darunter die DDR-Korrespondenten des "Spiegel" bzw. des ZDF, Ulrich Schwarz und Dirk Sager. Dabei ging es darum, ihre Verbindungen zu "feindlich-negativen" Kräften aufzudecken – im Falle von Schwarz vor allem Personen aus dem persönlichen Umfeld von Wolf Biermann wie Eva-Maria Hagen und Sibylle Havemann, die sich bereits in der Bundesrepublik befanden, sowie der unter Hausarrest stehende Robert Havemann. Akribisch notiert wurden auch alle persönlichen und telefonischen Kontakte des Korrespondenten der "Westfälischen Rundschau", Peter Nöldechen, zu Schriftstellern und Dissidenten, darunter Jurek Becker, Stefan Heym und ebenfalls Robert Havemann. Verbunden war dies mit dem Versuch, die Aktivitäten der Journalisten als "Einmischung in die inneren Angelegenheiten" der DDR und als Überschreitung der ihnen dort gewährten Arbeitsmöglichkeiten zu kriminalisieren. Entsprechende Nachweise – Schwarz hatte als eine Art Kurier zwischen Biermann und seiner noch in Ost-Berlin wohnenden Ehefrau fungiert – hätten es der DDR-Regierung ermöglicht, den Journalisten auszuweisen. Derartige Konsequenzen blieben allerdings aus; der erwähnte Bericht war vom MfS gar nicht erst an die SED-Führung weitergeleitet worden.

Die Berichterstatter konnten sich viele Vorgänge, die die kritischen Schriftsteller betrafen, offenbar gar nicht anders als vom "Westen" zentral und strategisch gesteuert vorstellen. Das führte mitunter zur Konstruktion von absurden Zusammenhängen: Als Reiner Kunze im Januar 1977 von der Stadt Salzburg der Georg-Trakl-Preis für Lyrik verliehen wurde, unterstellte das MfS, westdeutsche Kontaktpartner Kunzes wie die Münchner Ärztin Annemarie Doelderlein und der Redakteur des Hessischen Rundfunks Karl Corino hätten diese Entscheidung betrieben. Corino habe sogar versucht, über den Sekretär von Bundeskanzler Bruno Kreisky Einfluss auf die österreichische Regierung zu nehmen. Tatsächlich hatten weder Doelderlein noch Corino etwas mit der Preisverleihung zu tun – Corino war davon vielmehr "überrascht wie die gesamte Öffentlichkeit", wie er im Rückblick mitteilte. Dem westdeutschen Literaturkritiker und Publizisten Jürgen P. Wallmann (der auch für das "Deutschland Archiv" schrieb) wurde unterstellt, er bestärke Kunze durch "umfangreiche persönliche, postalische und telefonische Kontakte […] systematisch in seiner feindlich-negativen Entwicklung und literarischen Tätigkeit" und nutze "jede publizistische Gelegenheit" ihn in "westlichen Massenmedien und Literaturzeitschriften […] als 'Systemkritiker der DDR, der es verstanden hat zu überleben', zu glorifizieren, massenpolitisch aufzuwerten und als angeblichen Repräsentanten der 'wirklichen, aber unterdrückten' Literatur der DDR darzustellen." Auch gingen die Berichterstatter davon aus, dass die Dotierung des Georg-Büchner-Preis nur deshalb von 10.000 auf 20.000 DM erhöht worden war, weil dieser im Jahr 1977 an Reiner Kunze verliehen wurde.

Beobachtung im Westen

Die ZAIG berichtete auch nach deren Übersiedlung in den Westen über die Künstler und Intellektuellen, über ihre private und berufliche Situation sowie über ihre Beziehungen untereinander. Besonders interessant ist ein 29-seitiges Dossier vom Oktober 1977 "über die Situation und soziale Lage ehemaliger Kulturschaffender der DDR, die in die BRD, nach Westberlin und andere kapitalistische Staaten übergesiedelt sind". Die Information stellt die Anpassungsschwierigkeiten und materiellen Probleme der Übersiedler in den Vordergrund. Fast alle kämen mit den "vorgefundenen kapitalistischen kommerziellen Gepflogenheiten" im Showgeschäft nicht zurecht und hätten Schwierigkeiten, sich eine materielle Existenz aufzubauen.

So wird über Eva-Maria Hagen berichtet, sie habe außer "gelegentlichen Auftritten mit Biermann […] keine anderen Erwerbsmöglichkeiten", über den Musiker

Klaus Jentzsch bei einem Konzert der Klaus-Renft-Combo 1975 in Leipzig (© picture-alliance, Peter Langer/dpa-ZB)

Klaus Jentzsch ("Renft") heißt es, er lebe in "bescheidenen Verhältnissen" und habe es noch nicht geschafft, eine neue Band aufzubauen. Die Sängerin Christiane Wunder-Ufholz lebe in West-Berlin in einer "Kleinst-Altbauwohnung" und beziehe Arbeitslosenunterstützung, und auch die Schriftsteller Sarah Kirsch und Bernd Jentzsch sowie der Komponist Tilo Medek hätten es bisher nicht geschafft, sich eine gesicherte Existenz aufzubauen. Als Kronzeugen für diese Lage wurden vor allem Berichte der westdeutschen Presse sowie Äußerungen von ebenfalls ausgereisten Künstler-Kollegen herangezogen. Im Hinblick auf die Ursachen für diese Probleme verweist der Bericht auf die "Bedingungen der kommerzialisierten Unterhaltungsbranche" in der Bundesrepublik, "fehlende[] Beziehungen" sowie auf unterschiedliche Geschmäcker in Ost und West. Beispielsweise werde in der bundesdeutschen Presse diskutiert, ob Sarah Kirschs literarischer Stil im Westen überhaupt gefragt sei.

Eberhard Cohrs im Programm des Berliner Friedrichstadtpalastes "Er macht det schon", 1968 (© Bundesarchiv, Bild 183-G0309-0017-001; Klaus Franke/ADN-ZB)

Große Schwierigkeiten, im Showgeschäft der Bundesrepublik Fuß zu fassen, hatte der Komiker Eberhard Cohrs. Er hatte sich zwar nicht dem Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung angeschlossen, war aber im Februar 1977 von einem Gastspielaufenthalt in West-Berlin nicht zurückgekehrt, auch deshalb, weil ihm aufgrund seiner zunehmend kritischen Witze in der DDR ein "Mentor" zur Seite gestellt werden sollte, der seine Texte schrieb bzw. kontrollierte. Cohrs westdeutsches Fernsehdebüt in der Rudi-Carrell-Show "Am laufenden Band" wurde in der Presse als "peinigend" und "schlicht eine Katastrophe" verrissen, auch eine Tour durch Kleinstadtbühnen war wenig erfolgreich. Der ZAIG-Bericht resümierte, Cohrs habe sich in Westdeutschland "als Komiker nicht profilieren" können und daher "bisher keine gesicherte Perspektive".

Auch auf sozialpsychologische Schwierigkeiten bei der Eingewöhnung der Übersiedler in der Bundesrepublik geht der Bericht ein. Die Ehefrau von Wolf Biermann, Christine, wird mit den Worten zitiert, sie könne "mit der 'Kälte in den zwischenmenschlichen Beziehungen', der 'Selbstsucht'" in der westdeutschen Gesellschaft "nur schwer fertig werden" und habe "zunehmend 'Sehnsucht' nach ihrem in der DDR lebenden Vater sowie nach ihrem ehemaligen Umgangs- und Bekanntenkreis". Thomas Brasch und Katharina Thalbach fühlten sich dem Bericht zufolge "nach eigenen Äußerungen nach ihrer Ausreise nach Westberlin dort wie 'Fremdlinge'",

Thomas Brasch und Katharina Thalbach nach ihrer Ausreise aus der DDR bei der Ankunft auf dem Stuttgarter Flughafen, 14. Dezember 1976 (© picture-alliance, Dick)

und die Kinder von Manfred Krug hätten "noch keine Beziehung und Bindung zu ihrer Umwelt gefunden".

Denjenigen Übersiedlern, um deren finanzielle und soziale Lage es besser bestellt war, wird im Gegenzug die Verfolgung vorrangig materieller Interessen und opportunistische Anpassungsfähigkeit unterstellt. Im Zentrum steht dabei Wolf Biermann selbst. Dieser habe sich zum "Sprachrohr der reaktionärsten Kräfte der BRD" gemacht, weshalb er in linken Kreisen der Bundesrepublik zunehmend auf Ablehnung stieße. Zudem stünde seine "immer deutlicher hervortretende[] Tendenz zur Kommerzialisierung" im Widerspruch zu seiner Selbstbezeichnung als "Kommunist". Seine Zustimmung für Auftritte mache er "grundsätzlich von der Höhe des Honorars abhängig". Manfred Krug unterstellte der Bericht ähnliche Absichten: Krug sei "eifrig bemüht, sich umfassende Kenntnisse über kommerzielle Praktiken im Unterhaltungsgewerbe der BRD anzueignen, um für sich die bestmöglichen Vertragsabschlüsse zu erzielen". Zudem habe er Rollenangebote bisher abgelehnt, "offensichtlich in dem Bestreben, damit Gagenangebote in die Höhe zu treiben". Der Schriftsteller Thomas Brasch wiederum habe es "bisher am besten verstanden […,] für seine finanziell-materielle Sicherstellung zu sorgen und sich ein Image als ernsthafter, produktiver Künstler zu schaffen", nicht zuletzt aufgrund seines "sicheren Umgang[s] mit in der DDR 'verpönten' westlichen Techniken und Stilmitteln" – ein kaum verhohlener Vorwurf des künstlerischen Opportunismus.

Die unterschiedlichen (Integrations-)Erfolge führten immer wieder zu Konflikten und Meinungsverschiedenheiten. Der Bericht enthält zahlreiche Äußerungen der Übersiedler übereinander, die von einer zunehmenden Entfremdung zeugen. So habe Sarah Kirsch in einem "internen Gespräch" über Thomas Brasch geäußert, "sie kenne ihn nicht wieder, sein ganzes Auftreten und Verhalten sei stark arriviert. Seine Wohnung sei hervorragend eingerichtet und alles zeuge von Geld und Besitz." Ein aus der DDR ausgereister Musiker kritisierte

Wolf Biermann und Nina Hagen in Rom, 13. Dezember 1976 (© picture-alliance/AP)

Nina und Eva-Maria Hagen, die "dämlich quatschen" würden über ihre "angeblich erlangte Freiheit" und keinerlei Ambitionen zeigten, eine Arbeit aufzunehmen. "Von derartigen 'Idioten und Typen'", so heißt es weiter, "würden er und Manfred Krug sich distanzieren." Weiter heißt es, Wolf Biermann sei Manfred Krug gegenüber kurz nach dessen Umzug "arrogant, belehrend und anmaßend aufgetreten" und habe – in Anbetracht von Krugs improvisierter Wohnsituation – geäußert: "Ihr habt in der DDR lange genug wie die Fürsten gelebt, nun könnt Ihr mal sehen, wie es den einfachen Menschen geht." Umgekehrt kritisierte Krug Biermanns Verhalten, das "widersprüchlich" sei und nicht mit dem Inhalt seiner Lieder übereinstimme. Auch zwischen Wolf Biermann, Gerulf Pannach, Christian Kunert und Jürgen Fuchs kam es im Vorfeld eines gemeinsamen Konzertes in West-Berlin zum Streit. So hatte Pannach kritisiert, dass Biermann im Westen Lieder über die DDR singe, "die 'zwar in der DDR wegen ihrer politischen Brisanz wichtig gewesen, jetzt im Westen […] jedoch ohne Bedeutung'" seien, "da sie von der Mehrheit der Zuhörer nicht verstanden würden."

Christian Kunert, Gerulf Pannach, Wolf Biermann und Jürgen Fuchs nach der Abschiebung Kunerts, Pannachs und Fuchs' nach West-Berlin, Ende August 1977 (© picture-alliance, dpa)

Kunert kritisierte die Einstellung Biermanns "als zu kommerziell gedacht"; es sei nicht richtig, sich als "Moralapostel" hinzustellen und Lieder über die DDR zu singen, "die nur eine kleine linke Elite versteht". Biermann reagierte darauf verärgert: "er lebe schon ein Jahr in der BRD, und er [Kunert] habe das das 'System' bis jetzt noch nicht kennengelernt; Pannach, Kunert und Fuchs sollten erst eine Weile in Westberlin oder in der BRD leben, und dann würden sie ihre Meinung auch ändern."

Schlussbetrachtung

Die Berichte bestätigen damit scheinbar sowohl die düsteren Prophezeiungen gegenüber den ausgereisten Künstlern – soziale und berufliche Anpassungsschwierigkeiten im Westen – als auch die negativen Vorurteile: Die Übersiedler seien in erster Linie von materiellen Motiven getrieben und ließen sich durch die westdeutsche Politik und die Medien gegen die DDR vereinnahmen. Auch die Kennzeichnung der westdeutschen Gesellschaft entspricht der der DDR-Propaganda: Soziale Kälte in zwischenmenschlichen Beziehungen, Egoismus, Konkurrenzdenken und Materialismus werden hervorgehoben. Ebenso vorurteilsbeladen fallen die Charakterisierungen der Unterzeichner der Protesterklärung in den übrigen Berichten aus: Fast sämtlich werden sie als egoistisch und von sich selbst eingenommen gekennzeichnet, als arrogant, materialistisch und als leicht zu beeinflussen.

Zudem hebt die ZAIG den Einfluss des Westens besonders hervor. Zahlreich sind die Berichte über Journalisten, Schriftsteller, Verlagsmitarbeiter und Literaturkritiker aus der Bundesrepublik, die die DDR-Kulturschaffenden angeblich in ihrer "negativen" Haltung bestärkten oder sie – nach der Übersiedlung – als Sprachrohr für Propaganda gegen die DDR benutzten. Hier zeigt sich das für nicht wenige ZAIG-Informationen typische Bestreben der Staatssicherheit, der Erwartungshaltung der Adressaten entgegenzukommen – was freilich dadurch erleichtert wurde, dass SED und MfS die gleiche ideologische Brille aufhatten.

Auf der anderen Seite wirkte die ZAIG-Berichterstattung immer wieder auch als Korrektiv der SED-Politik. Dies wird etwa deutlich im Zusammenhang mit den Klagen der "progressiven" Schriftsteller über ihre geringe Beachtung durch die Partei – wenig später wurden sie zu einem Gespräch mit Kurt Hager eingeladen. Auch legte das MfS der Parteiführung indirekt nahe, die Genehmigungspraxis für Westreisen kritischer Künstler und Literaten restriktiver zu handhaben. Dieser Vorschlag kam nicht nur den Wünschen der "progressiven Kulturschaffenden" entgegen, sondern entsprach auch dem grundsätzlichen Sicherheitsdenken der Geheimpolizei, demzufolge Westkontakte von DDR-Bürgern, die als politisch unzuverlässig galten, möglichst unterbunden werden sollten.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Zum Quellenwert der ZAIG-Berichte vgl. Daniela Münkel, Vorwort 1961, in: Dies. (Bearb.), Die DDR im Blick der Stasi 1961. Die geheimen Berichte an die SED-Führung, Göttingen 2011, S. 7–11. Vgl. auch die beiden anderen erschienenen Bände: Siegfried Suckut (Hg.), Die DDR im Blick der Stasi 1976, u. Frank Joestel (Bearb.), Die DDR im Blick der Stasi 1988, Göttingen 2009f. Alle drei Bände stehen inzwischen auch online in Form einer Datenbank zur Verfügung, die eine jahrgangsübergreifende Volltextrecherche ermöglicht: Externer Link: www.ddr-im-blick.de [9.10.2012]. Zu Geschichte und Funktion der ZAIG vgl. Roger Engelmann/Frank Joestel, Die Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe, Berlin 2009.

  2. Vgl. Henrik Bispinck (Bearb.), Die DDR im Blick der Stasi 1977. Die geheimen Berichte an die SED-Führung, Göttingen 2012.

  3. Wortlaut der Erklärung und Liste der Unterzeichner, dok.: Roland Berbig u.a. (Hg.), In Sachen Biermann. Protokolle, Berichte und Briefe zu den Folgen einer Ausbürgerung, Berlin 1994, S. 70f. Vgl. auch Robert Grünbaum, Wolf Biermann 1976. Die Ausbürgerung und ihre Folgen, Erfurt 2006, sowie zahlreiche Berichte und die Einleitung in: Suckut (Anm. 1).

  4. Dok.: Berbig u.a. (Anm. 3).

  5. Vgl. dazu Bispinck, Einleitung, in: ders., DDR (Anm. 2), S. 12–59, hier 27–31.

  6. Nicht berücksichtigt sind bei dieser Zählung die rein statistischen Berichte: In den insgesamt 332 Inlandsberichten des Jahres 1977 sind 52 wöchentliche Aufstellungen über die Einnahmen aus dem gesetzlichen Mindestumtausch sowie 22 Statistiken zu Besuchsreisen aus der Bundesrepublik und West-Berlin enthalten. Vgl. zu den verschiedenen Berichtstypen Bispinck, Einleitung (Anm. 5), S. 41–46.

  7. Vgl. Gabriele Michel, Armin Mueller-Stahl. Die Biographie, Berlin 2012, S. 105.

  8. Vgl. Berndt Schulz, Manfred Krug. Porträt des Sängers und Schauspielers, Bergisch-Gladbach 1989, S. 65; Manfred Krug, Abgehauen. Ein Mitschnitt und ein Tagebuch, 3. Aufl., Düsseldorf 1996, S. 123. In der entsprechenden ZAIG-Information ist hingegen von 24 Konzertterminen die Rede: Information 100/77 v. 16.2.1977, in: Bispinck, DDR (Anm. 2). Im Folgenden werden Berichte aus diesem Band nur mit Nummer und Datum zitiert.

  9. Vgl. hierzu und zum Folgenden Information 100/77 v. 16.2.1977.

  10. Vgl. zum Folgenden den Ausreiseantrag von Manfred Krug v. 16.4.1977. Anlage zur Information 257/77 v. 22.4.1977, mit leicht abweichenden Formulierungen auch dok.: Krug (Anm. 8), S. 122–125.

  11. Information 257/77 v. 22.4.1977.

  12. Zit.: Michel (Anm. 7), S. 111.

  13. Hierzu und zum Folgenden: Information 338/77 v. 23.5.1977. Siehe auch die Informationen 395/77 v. 10.6.1977 u. 421/77 v. 27.6.1977.

  14. Information 304/77, o.D. (Mai 1977).

  15. Vgl. Information 32/77 v. 14.1.1977.

  16. Vgl. Bericht K 3/10 v. 8.1.1977.

  17. Vgl. Information 32/77 v. 14.1.1977.

  18. Anlage zur Information 304/77, o.D. (Mai 1977).

  19. Werner Mittenzwei, Die Intellektuellen. Literatur und Politik in Ostdeutschland 1945–2000, Leipzig 2001, S. 294.

  20. Vgl. Bericht K 3/15 v. 8.8.1977.

  21. Vgl. Information 700/77 v. 8.11.1977.

  22. Vgl. Bericht K 3/15 v. 8.8.1977.

  23. Hierzu und zum Folgenden vgl. ebd.

  24. Vgl. Information 700/77 v. 8.11.1977. Die folgenden Zitate ebd.

  25. Vgl. Information 728/77 v. 22.11.1977.

  26. Bericht des Zweiten Sekretärs der SED-Bezirksleitung Berlin über die Fortsetzung der Parteiversammlung, 26.11.1976. In: Berbig u.a. (Anm. 3), S. 200–205, hier 204.

  27. Vgl. hierzu und zum Folgenden Joachim Walther, Sicherungsbereich Literatur. Schriftsteller und Staatssicherheit in der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1996, S. 91.

  28. Günter Kunert, Erwachsenenspiele. Erinnerungen. München 1997, S. 407.

  29. Vgl. Information 395/77 v. 10.6.1977.

  30. Volker Braun, Werktage 1. Arbeitsbuch 1977–1989, Frankfurt a. M. 2009, S. 83 (Eintrag v. 27.8.1977).

  31. Vgl. hierzu und zum Folgenden Information 395/77 v. 10.6.1977.

  32. Vgl. Information 339/77, o.D. (Mai 1977). Zu Grass siehe auch Information 729/77 v. 22.11.1977 sowie Kai Schlüter, Günter Grass im Visier. Die Stasi-Akte, Berlin 2010.

  33. Vgl. dazu Hannes Schwenger (Red.), Das Schutzkomitee Freiheit und Sozialismus in Selbstzeugnissen, Dokumenten, Briefen und im Zerrspiegel der MfS-Akten, Berlin 1995.

  34. Vgl. Information 339/77, o.D. (Mai 1977).

  35. Vgl. Information 74/77 v. 2.2.1977. Zur Beobachtung von Schwarz durch das MfS vgl. Christian Chmel, Die DDR-Berichterstattung bundesdeutscher Massenmedien und die Reaktionen der SED. Berlin 2009, S. 336–344.

  36. Vgl. Bericht K 3/11, o.D. (Jan. 1977).

  37. Vgl. Information 71/77 v. 29.1.1977. Zu Corino siehe auch Information 337/77, o.D. (Mai 1977).

  38. Schriftl. Auskünfte v. Karl Corino u. Annemarie Doelderlein v. 9.1. bzw. 28.1.2012.

  39. Information Nr. 329/77, o.D. (Mai 1977). Vgl. u.a. Jürgen P. Wallmann, Innere Souveränität, in: DA 10 (1977), S. 230f, u. ders., Die Haaresbreite sensibler Wege, ebd., S. 1250–1252.

  40. Vgl. Information 636/77 v. 19.10.1977.

  41. Vgl. Information 636/77 v. 19.10.1977. Die folgenden Zitate ebd.

  42. Vgl. Dagmar Cohrs, Mensch Cohrs! Das Leben hat keinen Plan, es geschieht, Berlin 2008, S. 46–64. Zu Cohrs' Flucht siehe Information 110/77 v. 21.2.1977 u. 125/77 v. 3.3.1977.

  43. Hans-Joachim Noack, Über die Einsichten eines Clown. Die traurige Geschichte des Eberhard Cohrs, in: Frankfurter Rundschau v. 26.7.1977.

  44. Hierzu und zum Folgenden Information 636/77 v. 19.10.1977.

  45. Bericht K 3/23 v. 4.11.1977. Die folgenden Zitate ebd.

Dr. phil., Historiker, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Bildung und Forschung beim Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen.