Basilius-Kathedrale

17.2.2014 | Von:
Stefan Troebst

Analyse: Vom "Vaterländischen Krieg 1812" zum "Großen Vaterländischen Krieg 1941–1945"

Siegesmythen als Fundament staatlicher Geschichtspolitik in der Sowjetunion, der Russländischen Föderation, der Ukraine und Belarus

…und der "Große Vaterländische Krieg"

Die bereits am Tag nach dem Angriff NS-Deutschlands auf die Sowjetunion in einer in der Parteizeitung "Prawda" veröffentlichten Rede getroffene Sprachregelung vom "Großen Vaterländischen Krieg" ("Welikaja Otetschestwennaja Wojna") war in mehrfacher Hinsicht ein Geniestreich von Stalins Chefpropagandisten Jemeljan Jaroslawskij . Jaroslawskij, damals Vorsitzender der "Gesellschaft der Gottlosen", also des sowjetischen Atheistenverbandes, knüpfte damit zum einen an den "Vaterländischen Krieg" gegen Napoleon an, stellte aber zum anderen durch das Adjektiv "welikaja" implizit die Sowjetunion über das Zarenreich und damit Stalin über Alexander I. Unterschwellig unterstrich er damit den russischen Charakter der Sowjetunion und gab zugleich den Startschuss zur Propagierung des neuen Konzepts eines "Sowjetpatriotismus", der bald durch eine "allslavische" Komponente sowie durch eine propagandistische Instrumentalisierung der zuvor repressierten Russischen Orthodoxen Kirche ergänzt wurde. In Stalins berühmter Rede am 7. November 1941 zum 24. Jahrestag der Oktoberrevolution vor Soldaten der Roten Armee auf dem Roten Platz in Moskau hörte sich die neue Linie wie folgt an: "Möge Euch in diesem Krieg das heldenmütige Vorbild eurer großen Vorfahren beseelen – das Vorbild Alexander Newskijs, Dmitrij Donskojs, Kusma Minins, Dmitrij Poscharskijs, Alexander Suworows, Michail Kutusows. Möge Euch das siegreiche Banner des großen Lenin Kraft verleihen!" (Stalin, I.: Rede bei der Parade der Roten Armee am 7.11.1941 auf dem Roten Platz in Moskau, in: Stalin, I.: O Welikoj Otetschestwennoj Wojne Sowetskogo Sojusa. Moskau 1943, S. 34–37, hier S. 37). Die Kontinuitätslinie von 1242 und 1380 über 1612 und 1812 zu 1917 und 1941 war damit gezogen.

Was Jaroslawskij bei seiner Prägung der Formel vom "Großen Vaterländischen Krieg" Ende Juni 1941 nicht ahnen konnte, war der Umstand, dass das zweite Adjektiv "vaterländisch" – und nicht, wie zu erwarten gewesen wäre, "sowjetisch" – den russländischen, ukrainischen und belarussischen Nachfolgestaaten der Sowjetunion die reibungslose Weiternutzung der sowjetischen Formel vom "Großen Vaterländischen Krieg" auch in post-kommunistischer Zeit ermöglichen würde. Zwar war mit "Vaterland" ursprünglich die UdSSR gemeint, aber da diese eben nicht beim Namen genannt wurde, konnte nach 1991 problemlos ein "Vaterlandstransfer" zum neuen Russland und sogar zur neuen Ukraine und zum neuen Belarus hergestellt werden. Und die seit der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches am 8. bzw. 9. Mai 1945 in Berlin-Karlshorst dem dreiteiligen Standardbegriff angehängten Jahreszahlen "1941–1945" ermöglichten es der Russländischen Föderation, der Ukraine und Belarus wie zur Zeit der Sowjetunion die Ausblendung der Anfangsphase des Zweiten Weltkriegs vom 1. September 1939 bis zum 22. Juni 1941. In das jetzt auch russländische Narrativ vom heldenhaften Kampf der Völker der Sowjetunion gegen den nationalsozialistischen "Drang nach Osten" mussten folglich der Hitler-Stalin- bzw. Molotow-Ribbentrop-Pakt samt Geheimen Zusatzprotokoll über die Aufteilung Ostmitteleuropas, der Einmarsch der Roten Armee in Polen, der Deutsch-sowjetische Grenz- und Freundschaftsvertrag, die zwischen Berlin und Moskau koordinierte deutsch-sowjetische Okkupation Polens samt Kooperation von Wehrmacht und Roter Armee sowie Gestapo und NKWD, die gewaltsame Einverleibung Estlands, Lettlands, Litauens, Ostpolens, der Bukovina und Bessarabiens in die UdSSR, die Lieferung kriegswichtiger Rohstoffe aus der Sowjetunion ins "Dritte Reich" und andere sperriger Tatbestände nicht eingepasst werden. In der Geschichtspolitik der Ukraine hingegen wurde vor allem unter dem Präsidenten Leonid Kutschma für die Annexion Südostpolens durch die UdSSR bei Angliederung an die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik im Herbst 1939 der Terminus "Goldener September" geprägt. Und unter dem belarussischen Präsidenten Lukaschenka wurde ernsthaft erwogen, den 17. September, an dem 1939 die Rote Armee in Polen einfiel, zum staatlichen Feiertag "der Wiedervereinigung der belarussischen Lande" zu proklamieren. Gemeint war natürlich der gewaltsame Anschluss Nordost-Polens an die Weißrussische Sozialistische Sowjetrepublik.

Russländische Erinnerung

Geschichtspolitik in Zarenreich, Sowjetunion und Russländischer Föderation gleicht der Echternacher Springprozession: Nach jedem Regimewandel – und dazu rechne ich auch die innersowjetischen Brüche von 1929, 1953 und 1985 – wurden zuvor ausrangierte Erinnerungsorte reaktiviert sowie bisher gültige abgeschaltet. Frithjof Benjamin Schenk hat in seinem fulminanten Buch über Alexander Newskij als "Erinnerungsfigur im russischen kulturellen Gedächtnis" die "Entthronung" dieses Nationalhelden durch die Bolschewiki sowie seine umgehende "Rehabilitierung" durch Stalin beschrieben, und Jutta Scherrer hat ihre 2005 vorgenommene und mit "Siegesmythos versus Vergangenheitsaufarbeitung" überschriebene Analyse sowjetischer wie post-sowjetischer Geschichtspolitik mit folgendem skeptischem Fazit beendet: "Rußland [gemeint ist die heutige Russländische Föderation – S. T.] hat sich in erstaunlich kurzer Zeit von dem Mythos der "Großen Sozialistischen Oktoberrevolution" befreit. Wird es sich jemals von dem Mythos des Großen Vaterländischen Krieges, der heroischen Heldentat des Siegs befreien können oder wollen?" (Scherrer: Sowjetunion/Rußland…, S. 655 – s. die Lesetipps).


Opposition activists carry the Ukrainian national flag during an action of protest against the current regime in Kiev, Ukraine, Saturday, May 18, 2013. (AP Photo/Efrem Lukatsky)
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