Opposition activists carry the Ukrainian national flag during an action of protest against the current regime in Kiev, Ukraine, Saturday, May 18, 2013. (AP Photo/Efrem Lukatsky)
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9.10.2012 | Von:
Nicole Gallina

Analyse: Politik als Business – das ukrainische Modell

In der Ukraine bedeutet Politik vor allem Geschäftemachen – Macht dient dem Selbstzweck. Um den politischen und geschäftlichen Erfolg zu sichern, werden Allianzen geschmiedet. Ein wichtiger Faktor ist dabei die regionale Verbundenheit.
Shakhtar Donetsk's president and Ukraine multimillionaire Rinat Akhmetov celebrates after winning the Ukrainian Premier League soccer match against Dynamo Kiev at Donbass-Arena stadium in Donetsck, Ukraine, Wednesday, May 5, 2010.Der Multimilliardär Rinat Achmetow ist der reichste Mann in der Ukraine. Sein Vermögen hat er vor allem mit Stahl und Energie gemacht. Außerdem ist er Präsident des Fußballclubs Schachtar Donezk. (© AP)

Einleitung

Vor allem Präsidenten der Ukraine wissen, wie man Geschäfte tätigt. Leonid Kutschma hat es von 1995 bis 2005 vorgemacht: Seine Heimatregion Dnipropetrowsk avancierte zu einem Pfeiler des politischen Machtsystems. Dementsprechende Netzwerke kamen ihm und den Business-Vertretern in dieser Region allgemein zugute. In der Regierungsperiode nach der Orangen Revolution von 2004 bis 2010 lösten sich Politik und Wirtschaft vordergründig voneinander, aber der Machtantritt von Wiktor Janukowytsch 2010 verdeutlichte ziemlich schnell, dass die unter Kutschma Mächtigen weiterhin im Spiel blieben und sich so viel nicht geändert hatte. Bei diesen Personen handelt es sich insbesondere um die politischen und wirtschaftlichen Akteure aus der Donezker Region, der wichtigsten Wirtschaftsregion des Landes. Da der neue Präsident ebenfalls aus dieser Region kommt, eröffneten sich mit seinem Machtantritt viele Möglichkeiten, Politik mit Wirtschaft zu verknüpfen. Schon bald nach der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 formierten sich hauptsächlich in Donezk handfeste Interessen, im wahrsten Sinne des Wortes. Aus den unschönen Auseinandersetzungen um wirtschaftliche und politische Macht gingen einige Akteure hervor, die noch heute eine zentrale Rolle spielen. Der heutige Präsident der Ukraine Janukowytsch gehört dazu, Rinat Achmetow, der reichste Mann der Ukraine und Osteuropas (sein Vermögen, das er vor allem mit Stahl und Energie gemacht hat, wird im Korrespondent Rating 2011 auf 25,6 Mrd. US-Dollar geschätzt; seine Passion ist der Fußballclub Schachtar Donezk), sowie einige weitere Personen, die seit den 1990er Jahren eng mit diesen beiden Männern verbunden sind. Ein Blick auf die jährliche Liste des ukrainischen Magazins Korrespondent der einflussreichsten Menschen in der Ukraine, unter ihnen vor allem Geschäftsleute, gibt aber auch Aufschluss darüber, dass diese Konstellation sehr volatil war. Nur einige wenige Wirtschaftsbosse und ihre Unternehmen haben es geschafft, kontinuierlich Einfluss auszuüben. Die unter anderem im Stahlbereich agierende EastOne des Schwiegersohns des Ex-Präsidenten Kutschma, das Großunternehmen von Rinat Achmetow (Energie, Kohle, Eisenerz, Stahl und Banken) oder die Süßwarenunternehmen um Petro Poroschenko, einem damaligen Verbündeten von Wiktor Juschtschenko, sind einige Beispiele. Die Privat-Gruppe, ein wichtiger Player im Bankensektor mit Energie und Stahl-Interessen, hat sich zum größten Teil aus allen Händeln herausgehalten, nicht immer zu ihrem Vorteil. Wer nicht oder am falschen Spiel teilnimmt, ist schnell ausgeschieden. Unter jedem Präsidenten fanden Verdrängungsprozesse statt. War die Privat-Gruppe bis 2010 recht gut aufgestellt, so bangt sie nun um ihren Einfluss – das gleiche galt für EastOne nach dem Machtverlust von Leonid Kutschma.




Die Macht der regionalen Interessen

Kutschma und der demokratische Nachfolgepräsident Wiktor Juschtschenko mussten auf einflussreiche regionale Wirtschaftsakteure Rücksicht nehmen, ob sie wollten oder nicht, namentlich auf solche aus der Donezker Region. Als Gegengewicht setzten sie auf ausgewählte Partner aus Wirtschaftskreisen außerhalb der Donezker Region: Kutschma beispielsweise auf seinen Schwiegersohn Pintschuk, Wiktor Juschtschenko auf Petro Poroschenko. Beide, Leonid Kutschma und Wiktor Juschtschenko, waren den Wünschen und Vorstellungen aus Donezk zwar eher abgeneigt, mussten aber während ihrer Amtszeit Wiktor Janukowytsch als Ministerpräsidenten und damit die politischen und ökonomischen Ansprüche der Donezker Akteure akzeptieren. Das hatte auch den Vorteil, dass die politische Ebene nicht vollständig von einer Interessengruppe dominiert wurde. Zudem war der Einfluss der Wirtschaftsclans nach außen nicht so offensichtlich wie gegenwärtig. Während der Präsidentschaft von Juschtschenko gab es zudem Versuche, allzu unverschämte Akteure in die Schranken zu weisen. Zum Beispiel wurde Borys Kolesnikow wegen versuchter Erpressung verhaftet. Ein Mann, der seit Ende der 1990er Jahre eine wichtige Rolle in der Regionalpolitik von Donezk gespielt hatte. Man konnte ihm allerdings nichts nachweisen und er hat heute Schlüsselpositionen in der Politik inne (man munkelt, er sei die rechte Hand von Rinat Achmetow). Eine der skrupellosesten und korruptesten Personen unter Kutschma, der Präsident des staatlichen Energieunternehmens Naftohas, Ihor Bakaj, flüchtete sich freiwillig in die russische Staatsangehörigkeit. Er war der einzige Vertreter des höchst korrupten Gassektors, der auf diese Weise ein indirektes Schuldeingeständnis ablieferte. Ein Erfolg Juschtschenkos war, dass die unvorteilhafte Privatisierung des größten Stahlunternehmens an Kutschmas Schwiegersohn und Rinat Achmetow storniert wurde. Ihre Freundschaft gewann der damalige Präsident Juschtschenko dadurch nicht. Unter Präsident Janukowytsch ist seit 2010 der Einfluss der Geschäftsleute aus Donezk auf die Politik immer sichtbarer geworden: Die wichtigste Wirtschaftsregion und die stärksten Politiker konnten ihren Einfluss auf nationaler Ebene materialisieren. Politik und Wirtschaft sind praktisch verschmolzen – das war vorher nicht der Fall. Ermöglicht wurde dies insbesondere durch die Machtübernahme der Donezker Partei der Regionen. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass es sich um eine Einheitspartei handelt, die stark von den mächtigsten Geschäftsmännern, den Oligarchen, beeinflusst wird. Diese Partei, die Anfang der 2000er Jahre gegründet wurde, integriert die wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Interessen der Donezker Region und einiger Alliierter, zum Beispiel der wichtigen Gasakteure.

Politiker vs. Geschäftsleute?

Die alten politischen Füchse haben es zudem verstanden, ihre Positionen zu verteidigen, und bilden einen wichtigen Pfeiler der gegenwärtigen Mehrheitspartei. Seit der Präsidentschaft von Leonid Kutschma sicherten sich vormals etablierte sowjetische ökonomische und politische Akteure ihr Mitspracherecht auf der obersten politischen Ebene. Vorneweg Ministerpräsident Mykola Asarow, ein gebürtiger Russe, aber auch Bildungsminister Dmytro Tabatschnyk. In der gegenwärtigen Regierung Asarow haben alte Bekannte aus der Kutschma-Regierungszeit wichtige Positionen inne. Das zeugt davon, dass der Einfluss der alten Garde heute nicht zu unterschätzen ist. Eine Gemeinsamkeit dieser Herren ist ihre Bereit­schaft zu großem Entgegenkommen gegenüber Russland. Diese Eigenschaft wird von der Business-Fraktion in der Partei der Regionen nicht besonders goutiert. Es kann nicht im Interesse der wichtigsten Geschäftsleute liegen, ihre Unternehmen mit russischen zusammenzulegen oder von diesen dominieren zu lassen – das bedeutet vor allem weniger Gewinne. Die Privat-Gruppe musste in dieser Hinsicht einige negative Lehren aus ihrem russischen Engagement ziehen. Unter den Geschäftsleuten sind nicht wenige, die Wert auf die ukrainische Unabhängigkeit und einen eigenen Nationalstaat legen, im Gegensatz zu der sowjetischen Fraktion, die, so scheint es häufig, noch von der Überlegenheit des sowjetischen (=russischen) Gesellschaftsmodells überzeugt ist. In der Zweckgemeinschaft aus Politikern und Geschäftsleuten kommt es durchaus zu Überschneidungen. Es gibt Geschäftsleute, die politisch tätig sind und Politiker, die Geschäfte machen. In der Regel haben die Politiker aber keinen wesentlichen Anteil an den Wirtschaftsimperien der Oligarchen. Die Oligarchen sind zumeist junge Geschäftsmänner und stellen eine echte Herausforderung für die Regierungsgarde dar, trotz der vordergründigen Geschlossenheit und der gemeinsamen politischen Plattform der Partei der Regionen. Auf beiden Seiten besteht aber kein Interesse daran, Konflikte öffentlich auszutragen. Diese Männer sind im Schnitt um die 40 Jahre alt – viele Regierungsmitglieder sind hingegen dem Pensionsalter nahe. Die Jungen bringen neuen Wind in festgefahrene Strukturen, sie sind ökonomisch sehr erfolgreich, generieren viel Kapital, aus legalen und weniger legalen Geschäften. Ihre Geschäfte sind bisher nicht sehr vorteilhaft für die Gesamtentwicklung des Landes gewesen, jedoch haben sie einige Branchen auf Weltniveau gebracht, die Stahlindustrie etwa oder die Produktion von Düngemitteln. Politischer und wirtschaftlicher Einfluss entwickeln sich sehr dynamisch. Regional einflussreiche Wirtschaftsbosse oder Politiker müssen nicht zwingend eine nationale Präsenz anstreben – ein Beispiel ist der Charkiwer Oligarch Oleksandr Jaroslawskij, der seinen Aktionsradius eingeschränkt hat. Die Beweggründe hierfür sind nur den regionalen Oligarchen selbst bekannt. Ins Auge fällt aber die Entschlossenheit der Donezker Akteure, von Anfang an nicht nur die regionale Wirtschaft und Politik, sondern auch die nationale Wirtschaft und Politik zu dominieren.

Schwache Opposition gegen das Businessmodell Ukraine

Anfang der 2000er Jahre formierte sich eine politische Opposition gegen Kutschma, zu der auch Julija Tymoschenko gehörte. Im Folgenden avancierte sie zur wichtigsten Vertreterin der Opposition. Sie ist es bisher geblieben, auch wenn sie in einem Schauprozess zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde und ihre Handlungsmöglichkeiten nun eingeschränkt sind. Jedoch muss man hier innehalten: Tymoschenko gehört (oder gehörte) durchaus zur integrierten politischen Garde. Sie bekleidete während der Präsidentschaft von Leonid Kutschma höchste Staatsämter und war überdies in der höchst korrupten Energiebranche aktiv, unter anderem als Vorsitzende der Vereinigten Energiesysteme der Ukraine, einer privaten und lukrativen Energiefirma, außerdem war sie von 1999 bis 2001 stellvertretende Ministerpräsidentin für den Energiebereich. Ihre politischen Verbündeten aus dieser Zeit sind in Ungnade gefallen oder wurden verhaftet. Obwohl Tymoschenko aus dem gleichen Gebiet wie der alte Präsident Kutschma stammt (Dnipropetrowsk), ging sie keine engen Allianzen mit Kutschma-Verbündeten ein. Mangelnde strategische Allianzen, Verwicklungen in die Energiebranche und die offene Feindschaft mit Donezk wurden ihr langfristig zum Verhängnis. Um die Position von Julija Tymoschenko besser zu verstehen, ist ein kurzer Rückblick nötig. Sie ist eine klassische Einzelkämpferin, auch ihre oppositionelle politische Allianz mit Wiktor Juschtschenko im Winter 2004 war kurzlebig. Damals brachten Bürgerproteste das autokratische Regime von Leonid Kutschma zu Fall. Tymoschenko hatte im Verlauf der Proteste für mehr Demokratie im Winter 2004 die Führung der Protestbewegung immer mehr an sich gezogen und trieb das Land auf eine offene Konfrontation mit der alten Garde zu. Nicht viel hat gefehlt und es wäre zu einer blutigen Auseinandersetzung gekommen. Wiktor Juschtschenko, der offizielle Oppositionsführer, wurde bei der Wahlwiederholung neuer Präsident der Ukraine. Im Januar 2005 setzte er Tymoschenko als Ministerpräsidentin ein. Schlecht für die alte und neue Macht-Garde. Wiktor Janukowytsch, von Kutschma als Nachfolger ausgewählt, mit seinem Vehikel, der Partei der Regionen, waren aus dem Rennen. Dies war ein Rückschlag für alle politischen Pläne der alten Eliten und für die Wirtschaftsbosse aus Donezk, die sich durch einen der ihren als Präsident mehr Einfluss versprochen hatten. Immerhin aber war Wiktor Juschtschenko Präsident geworden, ein Mann mit dem die politischen Herausforderer um Janukowytsch sprechen konnten, im Gegensatz zur starrköpfigen Julija Tymoschenko. Juschtschenko konsultierte regelmäßig wichtige Vertreter der heutigen politischen und ökonomischen Garde und versuchte, eine längerfristige Kooperation anzubahnen. Die verbohrte Opposition und offene Feindschaft, die Tymoschenko dem politischen Gegner entgegenbrachte, war ihm fremd. Er verstand sich als Mittler zwischen den alten und neuen Eliten, wovon auch seine Zeit als Ministerpräsident von 1999 bis 2001 geprägt war. Aber trotzdem: Das Verhältnis zwischen Kutschma und Juschtschenko war sehr ambivalent. Im Jahr 2001 entließ Kutschma Juschtschenko aus dem Amt des Ministerpräsidenten (er war zu erfolgreich) und im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen 2004 ließ Kutschma angeblich ein Dioxinattentat auf ihn verüben. Die Aufzeichnungen der Verhandlungen mit Kutschma und seiner Entourage während der Orangen Revolution sind noch aussagekräftiger: Kutschma wünscht Juschtschenko zur Hölle, dann trinkt er mit ihm auf Brüderschaft und sie handeln gemeinsam die Machtübergabe aus, worauf sie sich gemeinsam betrinken. Juschtschenko sah sich im Folgenden einer konfrontativ auftretenden Tymoschenko gegenüber, die ihm Steine in den Weg legte, wo es nur ging. Auf der anderen Seite standen die geschlossenen Donezker bereit, die Schmach der Niederlage und der Nichtwahl von Wiktor Janukowytsch zum Präsidenten wettzumachen. Sie näherten sich an und im Sommer 2006 ging Juschtschenko eine Koalition mit der Partei der Regionen ein, Wiktor Janukowytsch wurde Ministerpräsident. Die Herausforderer hatten einen Teilsieg errungen. Was machte Tymoschenko? Einen großen Fehler. Sie wollte mit potenziellen demokratischen Mitstreitern nicht kooperieren. Das wurde schon 2001 klar, als ein gemeinsamer Oppositionsblock von Tymoschenko und Juschtschenko scheiterte, weil die beiden ihre Vorstellungen von einem politischen Wandel auf keinen gemeinsamen Nenner brachten. Ein weiteres interessantes Ereignis ist die kurzfristige Verhaftung Tymoschenkos im selben Jahr – am Ende ihrer Amtszeit als stellvertretende Ministerin für den Energiebereich, während der sie versucht hatte, einige wichtige Player im Gasgeschäft zu entmachten. Eine erste Warnung der Machtgarde. Seitdem hat sie versucht, den Energiesektor aus dem Würgegriff individueller Interessen zu befreien. Das unverhoffte Amt der Ministerpräsidentin von 2007 bis 2010 kam ihr entgegen. So konnte sie ihre Linie bis zum Ende der Orangen Periode 2010 durchziehen – jedoch ohne Erfolg. Auch wenn ihre Bemühungen zum großen Teil ohne Wirkung blieben, so war es doch ein sehr gewagter Vorgang, sich ohne Absicherung in das Haifischbecken Energiebranche zu wagen. Sie hatte es mit Milliardären zu tun, mit engen Verbindungen zu russischen Entscheidungsträgern und kriminellen Strukturen. Diese spielen in einer ganz anderen Liga: Unwahrscheinlich, dass sie diesen Affront auf sich sitzen lassen würden.

Die Situation seit dem Machtantritt Janukowytschs

In den Präsidentschaftswahlen 2010 erhielt Wiktor Janukowytsch 49 %, Julija Tymoschenko 46 % der Stimmen. Janukowytsch gewann in einigen Regionen im Osten des Landes mehr als 90 % der Stimmen. Tymoschenkos Proteste gegen die Fälschung der Wahlen blieben ohne Folgen. Janukowytsch wurde Präsident und er sah die Zeit gekommen, die Alleingänge von Tymoschenko zu stoppen. Im Mai 2010 eröffnete die Staatsanwaltschaft eine Reihe von Verfahren gegen sie. Der unvorteilhafte Gasvertrag mit Russland von 2009 wurde ihr zum Verhängnis. Im Oktober 2011 verurteilte sie ein regimefreundliches Gericht zu sieben Jahren Haft und einige Getreue, darunter einer der wichtigsten demokratischen Politiker, Jurij Luzenko, erhielten vergleichbare Gefängnisstrafen. Auch den Mord an einem Donezker Geschäftsmann Ende der 1990er Jahre soll sie verantworten. Unklar ist, ob sein Tod auf das Konto von Rinat Achmetow und seinen Leuten, Vertretern von Gasinteressen oder auf das des ehemaligen Ministerpräsidenten Pawlo Lasarenko und seiner Verbündeten Tymoschenko geht. Klar ist, dass es um viel Geld ging. Das Fazit dieser Auseinandersetzungen ist: Donezk et al. haben die bedeutendsten politischen Akteure und Geschäftsleute in ihr Machtsystem integriert. Es bleibt die wenig demokratische Kommunistische Partei, deren Macht nicht unterschätzt werden sollte – zu oft hat sie das Zünglein an der Waage gespielt und auch verstanden, die jeweilige Regierungsgarde auszuspielen. Es sind nicht viele demokratische Konkurrenten in Freiheit übrig geblieben: Die Opposition unternimmt im Vorfeld der Parlamentswahlen 2012 Einigungsversuche, ist aber geschwächt. Der Prozess gegen Tymoschenko und seine Medialisierung im Westen verdrängen andere Themen von der Bildfläche: Die Verdrängungs- und Konzentrationsprozesse in den großen Wirtschaftsbereichen werden nicht zur Kenntnis genommen. Rinat Achmetow konnte so in den letzten Monaten einige wichtige Transaktionen realisieren und Konkurrenten entscheidend schwächen. Die Akteure im Gasbusiness haben neue Unternehmen gegründet, vom Westen zum großen Teil unbemerkt. Präsident Wiktor Janukowytsch versucht sich, der allzu offensichtlichen Dominanz der Geschäftsleute zu entziehen. In letzter Zeit sind Stimmen laut geworden, die behaupten, dass er immer mehr auf seinen Sohn und Alliierte im Finanzbereich, dazu auf den Chef der Steuerverwaltung setze. Verteidigungsminister Dmytro Salamatin und der Chef des Geheimdienstes Ihor Kalinin sind alte Freunde mit Beziehungen zu Russland – ob sich Präsident Janukowytsch von Wladimir Putin hat beraten lassen? Da ukrainische Oligarchen den Ball niedrig gehalten haben, was die politische Repräsentation angeht, wird ihr politischer Einfluss leicht unterschätzt. Ohne seine zwei wichtigsten Finanzgeber Dmytro Firtasch (Gas-Tycoon) und Rinat Achmetow ist es schwer vorstellbar, dass der Präsident seine Machtposition innerhalb des Donezk-Konglomerates halten kann. Eine hohe Vertreterin der Partei der Regionen bringt es auf den Punkt: Bei den wichtigsten Entscheidungen im Land wird vorher ein "Mann konsultiert, der Fußball liebt." Es scheint, dass die Oligarchen an dem Punkt angelangt sind, an dem sie immer sein wollten: Die wichtigsten politischen Institutionen werden von egoistischen und Geschäftsinteressen dominiert, Gerichte und Staatsanwaltschaft sind zum großen Teil abhängig von diesen. Einige investigative Medien prangern regelmäßig Verfehlungen der politischen Garde und unlauteres Geschäftsgebaren an; Folgen hat dies meist nicht. Jedoch finden im Land immer noch halbwegs demokratische Wahlen statt: Die Partei der Regionen kann als Resultat der Wahlen an Einfluss verlieren, und die Geschäftsmänner werden zusätzliche Wege finden müssen, ihrem Business nachzugehen. (2013 erscheint von der Autorin ein Buch zu diesem Thema)
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