Entzünden des Chanukka-Leuchters 2016 auf dem Stuttgarter Schlossplatz.

8.10.2021 | Von:
Markus Nesselrodt

Neuanfänge

Nach 1945 kehrte das jüdische Leben langsam nach Deutschland zurück: In DP-Camps bildeten sich erste Selbstverwaltungsstrukturen mit Bildungs- und Freizeitangeboten. Für viele Jüdinnen und Juden war Deutschland nur eine Zwischenstation etwa auf dem Weg in das 1948 gegründete Israel, andere blieben und gründeten neue Gemeinden.

Schwerer Neuanfang in Deutschland: Am 20. März 1946 weihen die wenigen verbliebenen Mitglieder der einst großen jüdischen Gemeinde von Frankfurt/M. mit Vertretern der Militärregierung und der deutschen Regierung am Börneplatz eine Gedenktafel für die dort am 9. November 1938 zerstörte Synagoge ein.Schwerer Neuanfang in Deutschland: Am 20. März 1946 weihen die wenigen verbliebenen Mitglieder der einst großen jüdischen Gemeinde von Frankfurt/M. mit Vertretern der Militärregierung und der deutschen Regierung am Börneplatz eine Gedenktafel für die dort am 9. November 1938 zerstörte Synagoge ein. (© picture-alliance/dpa)

Der deutsche Völkermord an den europäischen Jüdinnen und Juden markiert einen dramatischen Bruch in der Geschichte der Juden in Deutschland. Hunderttausende von ihnen waren in die Emigration getrieben oder in den Ghettos und Konzentrationslagern der Deutschen im besetzten Osteuropa ermordet worden. Nur eine kleine Minderheit konnte der Vernichtung entkommen. Dass es nach dem Holocaust überhaupt noch einmal eine größere Zahl jüdischer Gemeinden im "Land der Täter" geben würde, war in den ersten Jahren nach Kriegsende nicht abzusehen. Nach der Besetzung durch die Alliierten entwickelte sich Deutschland zum wichtigsten Drehkreuz für die sogenannten Displaced Persons (DPs). In den ersten Nachkriegsjahren wurden wichtige Weichen für einen Neuanfang jüdischen Lebens in Deutschland gestellt.

Displaced Persons (DPs)
Bereits während des Krieges waren Schätzungen der Alliierten von Millionen Menschen ausgegangen, die aus ihrer Heimat verschleppt und vertrieben worden waren. Um den Häftlingen der Konzentrationslager, den zur Zwangsarbeit Verschleppten sowie den Kriegsgefangenen nach dem angestrebten Sieg über das nationalsozialistische Deutschland helfen zu können, wurde im November 1943 die United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) gegründet. Sie erhielt den Auftrag, sich gemeinsam mit dem Alliierten Oberkommando um die Displaced Persons im zerstörten Nachkriegseuropa zu kümmern. Die als DPs klassifizierten Menschen sollten zunächst in sogenannten Assembly Centers (Sammelzentren) in nationalen Gruppen entlang ihrer Staatsangehörigkeit zusammengefasst und dort mit allem Lebensnotwendigen versorgt werden. Anschließend war geplant, sie in ihre Heimatländer zurückzubringen (sie zu "repatriieren"). Juden wurden dabei zunächst nicht in eigenen, ausschließlich jüdischen DP-Camps untergebracht, sondern in denen ihrer bisherigen Herkunftsländer.

Im Frühjahr 1945 trafen die Alliierten bei ihrer Besetzung des Deutschen Reichs auf etwa 8 Millionen DPs, die in großer Mehrheit aus der Sowjetunion stammten, gefolgt von polnischen, jugoslawischen und anderen zumeist osteuropäischen Staatsangehörigen. Ihre Repatriierung schritt nach der Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 rasch voran. Bis zum Jahresende 1945 waren bereits rund 7 Millionen Menschen in ihre Heimatländer zurückgebracht worden.

Bis 1947 verfolgte die UNRRA das Ziel, so viele DPs wie möglich in ihre Heimat zurückzubringen. Allerdings weigerten sich zehntausende polnische, baltische und jugoslawische DPs aus Angst vor einer Verfolgung durch die neuen kommunistischen Behörden zurückzukehren und blieben vorerst in den westlichen Besatzungszonen, während die sowjetischen Besatzer aus allen vier Besatzungszonen sämtliche ihrer Staatsangehörigen repatriierten, ohne diese nach ihren Wünschen zu befragen.

Befreiung und Selbstorganisation jüdischer DPs
Die Befreiung der Jüdinnen und Juden aus deutschen Lagern war ein Prozess, der über einen Zeitraum von mehreren Wochen verlief. Den alliierten Befreiern bot sich vielerorts das gleiche Bild völlig entkräfteter, kranker und traumatisierter Menschen, die zu schwach waren, um sich über das Kriegsende freuen zu können. Allein in den ersten Wochen nach dem Ende der NS-Herrschaft verstarben zehntausende von ihnen an den Folgen ihrer Lagerhaft. Befreiung war demnach keineswegs immer gleichbedeutend mit Überleben. Die etwa 50.000 bis 70.000 Überlebenden wurden in den drei westlichen Besatzungszonen zunächst gemeinsam mit nicht-jüdischen DPs in ehemaligen Zwangsarbeits-, Kriegsgefangenen- oder Konzentrationslagern untergebracht. Zuweilen wurden auch ehemalige Wehrmachtskasernen, Klöster, Krankenhäuser und Wohnsiedlungen in Sammelzentren umgewandelt.

Lager für Displaced Persons im besetzten DeutschlandLager für Displaced Persons im besetzten Deutschland (© Quelle: Angelika Königseder, Juliane Wetzel: Lebensmut im Wartesaal. Frankfurt/Main 1994)
Erst nach zahlreichen Protesten jüdischer DP-Vertreter und dem Bericht des Juristen Earl G. Harrison an den US-amerikanischen Präsidenten Harry S. Truman erfolgte, zumindest in der US-amerikanischen Zone, ab Spätsommer 1945 die Einrichtung separater DP-Lager für jüdische Überlebende. Hinter dem Protest stand einerseits die Empörung über das erzwungene Zusammenleben mit Antisemiten und NS-Kollaborateuren, andererseits aber auch der Wunsch nach einer neuen national-jüdischen Gemeinschaft. Der sichtbarste Ausdruck dieses Bestrebens war die Selbstbezeichnung der jüdischen DP-Gemeinschaft als She’erit Hapletah, hebräisch für "der gerettete Rest".

Das wichtigste Sprachrohr der jüdischen DPs bildeten die Zentralkomitees der befreiten Juden in der amerikanischen sowie in der britischen Zone, die beide im Sommer 1945 entstanden waren. Die Zentralkomitees vertraten die Interessen der einzelnen jüdischen DP-Lager, die ihrerseits über selbstorganisierte Verwaltungen verfügten. Dieses hohe Maß an Selbstorganisation war auch ein Ergebnis alliierter Politik, die allen DPs zugestand, den Alltag innerhalb der Lager weitgehend eigenständig zu gestalten. In den jüdischen DP-Lagern kümmerten sich die Verwaltungen mit Hilfe amerikanisch-jüdischer Hilfsorganisationen wie dem Joint Distribution Committee (Joint) zunächst um die materielle Versorgung mit Lebensmitteln, Kleidung und Medizin, aber auch um Bildungs- und Freizeitangebote. Der Aufenthalt im "Wartesaal" sollte nach Ansicht führender DP-Aktivisten wie etwa dem Präsidenten des Zentralkomitees der befreiten Juden in der US-Zone, Zalman Grinberg, so sinnvoll wie möglich auf das zukünftige Leben vorbereiten. Die Transitlager wurden auf diese Weise zu Orten der kulturellen, religiösen und politischen Selbstvergewisserung. Das sichtbarste Zeichen dafür, dass das jüdische Volk eine Zukunft nach dem Holocaust hatte, bildeten jüdische Kinder. Tatsächlich wurden in der unmittelbaren Nachkriegszeit nirgendwo auf der Welt so viele Kinder geboren wie in den Lagern für jüdische Displaced Persons in Deutschland.

Alliierte Besatzungspolitik und Flucht aus Osteuropa
Die Politik der amerikanischen und britischen Besatzungsmächte gegenüber den befreiten Jüdinnen und Juden wies deutliche Unterschiede auf. Die Briten gewährten ihnen in ihrer Besatzungszone keinen Status als eigene DP-Gruppe, sondern betrachteten sie lediglich als Staatsangehörige ihres Herkunftslandes. Ein Grund für diese Haltung lag in der britischen Palästinapolitik. Die britische Regierung wollte eine massenhafte Zuwanderung jüdischer Personen nach Palästina verhindern und war daher an einer niedrigen Zahl jüdischer DPs in ihrer Besatzungszone interessiert. Zionistische Gruppierungen wie die Jewish Agency aus Palästina oder die Fluchthilfeorganisation Bricha beabsichtigten dagegen, die Einreiseschranken nach Palästina einzureißen, indem sie die Zahl jüdischer DPs in der britischen Zone erhöhten.

Tatsächlich gelangten jüdische Überlebende trotz der restriktiven britischen DP-Politik in das "jüdische DP-Camp Bergen-Belsen", das nahe dem ehemaligen KZ in Kasernengebäuden auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Bergen-Hohne entstanden war und mit rund 12.000 Bewohnerinnen und Bewohnern das größte jüdische DP-Lager in ganz Deutschland war. Weitere 7000 Jüdinnen und Juden lebten in kleineren DP-Lagern oder in den Städten der britischen Zone.
Ganz anders sah die Lage in der amerikanischen Zone aus. Seit der Einrichtung separater jüdischer DP-Lager hatten sich hier, vor allem in Bayern und Hessen, die größten Sammlungszentren entwickeln können. Während die Zahl der nicht-jüdischen DPs durch deren fortwährende Repatriierung schnell sank, nahm die Zahl der jüdischen Bevölkerung in der US-Zone stetig zu. Grund war die Ankunft von über 100.000 jüdischen Flüchtlingen, die zwischen 1945 und 1947 ihre Heimat östlich von Oder und Neiße verließen. Viele flohen aus Angst vor neuer antisemitischer Gewalt, andere, weil sie das dortige kommunistische System ablehnten, und wieder andere suchten nach einem Weg, ein neues Leben in Palästina zu beginnen.

Die Ankunft der von den amerikanischen Besatzungsbehörden schnell als DPs anerkannten Flüchtlinge veränderte die Zusammensetzung der jüdischen DP-Gesellschaft radikal. Die Zahl jüdischer DPs in der amerikanischen Zone stieg von 10.000 (1945) auf 16.000 im September 1947. Aus einer Gruppe von KZ-Überlebenden war ein Kollektiv von Menschen geworden, die auf sehr unterschiedliche Weise dem Holocaust entkommen waren. So überlebte die Mehrheit der polnisch-jüdischen Flüchtlinge die Kriegszeit im unbesetzten Landesinneren der Sowjetunion. Sie hatten dem Zugriff der Deutschen entkommen können und deshalb andere Erfahrungen des Überlebenskampfes gemacht als diejenigen, die die deutsche Besatzungszeit im östlichen Europa erlebt hatten. Trotz unterschiedlicher Kriegserfahrungen sprach sich die große Mehrheit der jüdischen DPs dafür aus, ein neues Leben außerhalb Europas zu beginnen.

Zukunftspläne
Die meisten jüdischen DPs betrachteten Deutschland als eine ungeliebte, aber notwendige Zwischenstation auf dem Weg in die neue Heimat außerhalb des europäischen Kontinents. Dabei lassen sich grob zwei Migrationsrichtungen unterscheiden: Palästina und Nordamerika. Zionistisch orientierte DPs waren vor die Wahl gestellt, entweder auf illegalem Wege nach Palästina zu gelangen oder bis zur Entstehung des jüdischen Staates abzuwarten. Nach der Staatsgründung Israels am 14. Mai 1948 nahm die Zahl der Jüdinnen und Juden in Deutschland rapide ab. Zwischen April und September 1948 reduzierte sie sich von 165.000 auf nur noch 30.000. Insgesamt wanderten rund 75.000 jüdische DPs nach Palästina bzw. Israel aus.

Viele jüdische DPs waren jedoch keine Zionisten (= strebten also nicht nach einem jüdischen Nationalstaat) oder suchten angesichts der angespannten politischen Lage in Palästina nach anderen Auswanderungszielen. Bei der Suche nach einem Aufnahmeland erhielten die jüdischen DPs Unterstützung von der International Refugee Organisation (IRO), die im Sommer 1947 von der UNRRA die Zuständigkeit für die DPs übernommen hatte.

Die Ausreise aus Deutschland wurde jedoch immer wieder durch restriktive Einwanderungsgesetze in den Vereinigten Staaten, Kanada und Australien behindert. Wer aus Sicht der Behörden zu alt, zu schwach oder zu krank war, dem wurde das ersehnte Visum verwehrt. Während die USA zum größten Aufnahmeland für etwa 100.000 jüdische DPs wurden, entschieden sich viele für die Übersiedlung in Länder Südamerikas, nach Kanada oder Australien. Durch die kontinuierliche Auswanderung sank die Zahl der jüdischen DP-Lager von 65 (Ende 1946) auf 53 (Juni 1948) und schließlich auf 17 (1949). Die verbliebenen jüdischen DPs zogen 1952 in ein Lager im bayerischen Föhrenwald, das bis 1957 existierte. Schätzungsweise 12.000 bis 15.000 jüdische DPs hielten sich zu diesem Zeitpunkt noch in der Bundesrepublik auf. Der junge westdeutsche Staat war seit 1951 mit der Obhut über die DPs betraut. Durch das "Gesetz über die Rechtsstellung heimatloser Ausländer im Bundesgebiet (HAuslG)" vom 25. April 1951 waren aus den DPs Staatenlose geworden, die jedoch den Deutschen in fast allen Belangen rechtlich gleichgestellt wurden.

Deutsche Juden oder Juden in Deutschland?

Der in Deutschland geborene und nach dem Krieg in England lebende Rabbiner Leo Baeck befand 1945, das Zeitalter der deutschen Juden sei für immer vorüber. Eine irgendwie geartete Kontinuität, ein Anknüpfen an die deutsch-jüdische Geschichte vor 1933, erschien aus seiner Perspektive schlicht unmöglich zu sein. Dennoch gab es überlebende deutsche Jüdinnen und Juden, die sich mit dem Gedanken an einen Neuanfang in ihrem Heimatland befassten. Von etwa 500.000 Juden, die 1933 in Deutschland gelebt hatten, konnten circa 315.000 auswandern. Zwischen 165.000 bis 180.000 deutsche Jüdinnen und Juden wurden im Holocaust ermordet. Etwa 15.000 als Juden verfolgte Deutsche überlebten im Deutschen Reich. Sie hatten in sogenannten Mischehen mit einem nicht-jüdischen Partner oder untergetaucht im Versteck der Deportation entkommen können. Hinzu kamen 9000 KZ-Überlebende, die aus Polen und der Tschechoslowakei nach Deutschland zurückkehrten. Bis zum Beginn der 1960er-Jahre sollten zudem etwa 6000 deutsche Juden aus dem Exil zurückkehren.

Die etwa 20.000 Personen umfassende Gruppe der Jüdinnen und Juden in Deutschland wies sehr unterschiedliche Auffassungen von jüdischer Religion, Tradition und Zukunft auf. Weitgehend einig waren sie sich jedoch in dem Bestreben, das jüdische Gemeindeleben möglichst schnell wiederaufzunehmen. Dazu galt es zunächst, das von den Nationalsozialisten geraubte Gemeindeeigentum wiederzuerlangen. Gleichzeitig mussten Synagogen und Rabbiner gefunden werden, um Gottesdienste durchführen zu können. Eine große Hürde stellten nicht nur die deutschen Behörden dar, sondern auch unterschiedliche Auslegungen des Judentums. Das Spektrum umfasste orthodox-konservative Auffassungen bis hin zu liberalen Positionen, wobei die Zahl der Gemeinden bei weitem nicht die Dimension der Vorkriegszeit erreichte. Allen Hindernissen zum Trotz hatten sich bis 1948 bereits 100 jüdische Gemeinden mit 6000 bis 8000 Mitgliedern in ganz Deutschland neu gegründet, die Hälfte davon in der britischen Zone, ein Viertel in der amerikanischen. Die größten Gemeinden befanden sich in Frankfurt am Main, München, Berlin, Hamburg und Köln. Ein erster Schritt auf dem Weg zum Neuanfang schien gemacht.

Verhältnis zu den Displaced Persons
Die osteuropäisch-jüdischen DPs betrachteten sich nicht als Teil der deutschen Juden. Für die große Mehrheit war Deutschland eine verhasste Zwischenstation auf dem Weg in eine neue Heimat und keineswegs ein Ort, an dem sie Wurzeln schlagen wollten. Nur eine verschwindend kleine Minderheit von etwa fünf Prozent ließ sich dauerhaft in der Bundesrepublik nieder. Drei Jahre nach Kriegsende betrug das Zahlenverhältnis von deutschen Jüdinnen und Juden und jüdischen DPs in den Westzonen etwa 50 zu 50, wobei es starke regionale Unterschiede gab. In Bayern, Hessen und Württemberg stellten die DPs zwischen 80 und 90 Prozent der Gemeindemitglieder, in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen betrug ihr Anteil dagegen nur zwischen 15 und 25 Prozent. Vielerorts entstanden zwei jüdische Gemeinden, eine deutsche und eine osteuropäische.

In den ersten Nachkriegsjahren schienen unterschiedliche religiöse, sprachliche und kulturelle Traditionen das Zusammengehen in Einheitsgemeinden noch zu verhindern. In der britischen Besatzungszone förderte die Ablehnung eines Sonderstatus als jüdische DPs jedoch paradoxerweise in vielen nordwestlichen Gemeinden die engere Zusammenarbeit zwischen deutschen und osteuropäischen Überlebenden.

Im Kontrast dazu lebten die jüdischen DPs in der amerikanischen Besatzungszone mit wenigen Ausnahmen in DP-Lagern und suchten nur selten Kontakt zu deutschen Jüdinnen und Juden. Dies änderte sich nur langsam und nicht ohne Konflikte, doch letztlich sollte sich der Beitritt von etwa 6000 ehemaligen DPs zu den westdeutschen Gemeinden bis zum Ende der 1960er-Jahre als wichtiger Impuls für das Fortbestehen jüdischen Lebens erweisen. Weil die osteuropäischen Zugewanderten in der Regel jünger waren als die deutschen Jüdinnen und Juden, stammten die meisten, nach 1945 in Deutschland geborenen jüdischen Kinder aus den Familien ehemaliger DPs.

Quellentext

Leben in München nach dem Holocaust

Sie hat die erste Buchhandlung für jüdische Themen in Deutschland gegründet. Rachel Salamander, 71, hat mit der "Literaturhandlung" einen Ort der Auseinandersetzung zwischen Juden und Deutschen geschaffen. […] Für ihre Verdienste wurde Salamander gerade mit dem Heinrich-Heine-Preis ausgezeichnet. […]
Sie haben über Ihre Kindheit mal gesagt: "Ich war arm wie eine Kirchenmaus." Können Sie uns den Lebensalltag in den DP-Lagern beschreiben?
Wenn schon: Synagogenmaus. Nun: Die Überlebenden in den Lagern waren diejenigen, die den Krematorien entkommen waren. Menschen, die alles verloren hatten, oft hatten sie nicht einmal Ausweispapiere. Wir lebten in Wehrmachtskasernen, hatten bestenfalls ein Zimmer und einen Waschraum. Unvergesslich, wie kalt, wie ungemütlich es in meiner Kindheit war. Zu essen gab es wenig. Dafür war das menschliche Zusammenleben intakt. Diese Erfahrung hat mich durch mein ganzes Leben getragen.
Wie meinen Sie das?
Wir Kinder waren die geballte Hoffnung unserer Eltern. Wenn es etwas gab, dann für uns. Es wurde viel getrauert und geweint, aber: Wir fühlten uns geliebt und geborgen. Wir hatten eine klare Orientierung: draußen die Feinde, die Deutschen. Drinnen wir, aus der Zeit gefallen, wie in einem osteuropäischen Schtetl lebend. Was mit uns einmal passieren sollte, stand in den Sternen. Die Retter, die Amerikaner, die dreimal im Jahr ins Lager kamen und von ihren Lastwagen aus Päckchen in die Kindermenge warfen.
Sie sind 1956 nach München gekommen, in eine Sozialwohnung.
Wir waren zu dritt, mein Vater, mein Bruder und ich. Meine Mutter war sehr früh verstorben, 1953. Wir haben von Sozialfürsorge gelebt. Manchmal hatte mein Vater nur zwei D-Mark pro Woche in der Tasche. 1956 brachte der Briefträger zu Weihnachten von der "Aktion Advent" des Münchner Merkur 50 DM. Den Abschnitt der Zahlungsanweisung besitze ich noch heute. 50 DM waren für uns eine ungeheure Summe.
Hat Ihr Vater Geld verdient?
Nein. Er war dem Holocaust entkommen, weil er vor Einmarsch der deutschen Wehrmacht aus seiner Heimatstadt Lemberg flüchten konnte. Er hat sich spontan auf die sowjetische Seite geschlagen, wurde dort als vermeintlicher Spion festgesetzt und geriet in die Maschinerie des Gulag. Im eiskalten Winter wurde er bis zur Brust im Wasser stehend zu Bauarbeiten am Wolgakanal gezwungen. Die Verletzungen aus dieser Zeit haben seine Arbeitsfähigkeit nach dem Krieg schwer beeinträchtigt. Nach dem Tod meiner Mutter war er ein gebrochener Mann.
Sie haben die Familie damals mit ernährt.
Ich habe gearbeitet, seit ich 14 Jahre alt war, auf der Post Briefe gestempelt und im Kaufhaus Klamotten verkauft. Nach einer kaufmännischen Ausbildung auf der Handelsschule konnte ich während des Studiums in der Buchhaltung einer Münchner Firma mein Geld verdienen.
Wenn man so aufwächst, welches Verhältnis hat man zu Wohlstand?
Jedenfalls kein naives.
Und Sicherheit?
Mit Geld lebt sich’s leichter, aber es ist nicht die Erfüllung des Lebens. Es kommt darauf an, in Würde zu leben. […]
Sie haben in München mit 18 anderen jüdischen Familien in einem Haus gelebt. In der "Hauptstadt der Bewegung". Wie fühlte sich das an?
"Hauptstadt der Bewegung" ist ein Klischee der Nazis. Ich bin froh, dass sich mein Vater nach Verlassen des DP-Lagers Föhrenwald für München-Neuhausen entschieden hat. Ein Viertel, das meine Heimat wurde. Unser Zuhause war 15 Minuten vom Hauptbahnhof entfernt. Dass der Fluchtgedanke ihn zu dieser Entscheidung veranlasste, hat er mir viel später erzählt.
Sie waren im Feindesland.
Na ja. In der Schule wussten alle, dass ich Jüdin bin. In den ersten Wochen haben mein Bruder und ich in der Pause nur geweint, so fremd kamen wir uns vor. An eine blöde Äußerung erinnere ich mich besonders.
Erzählen Sie.
Als ich endlich die deutsche Sprache gelernt hatte – Jiddisch war ja meine Muttersprache – gelang mir eine gute Schularbeit. Die Klassenbeste bemerkte nur: "Für eine Jüdin gar nicht schlecht." Nach dem Unterricht habe ich ihr am Schultor aufgelauert und sie mit meiner Schultasche verdroschen. Von Hannah Arendt stammt der Satz: Man muss sich immer für das verteidigen, wofür man angegriffen wird.
Sie haben nach der Schule Germanistik studiert. Was hat Ihr Vater dazu gesagt?
Er wollte, dass ich Sekretärin werde, um schneller Geld zu verdienen. Er war Handwerker, mit Germanistik wusste er nicht viel anzufangen. Bücher spielten für ihn über die liturgischen Dinge hinaus keine große Rolle.
Wie kamen Sie zu den Büchern?
Unser Nachbar, Herr Lew, hat immer gesagt: Kind, du musst lesen! Als ich zwölf wurde, hat er mir den ersten Roman geschenkt: "Effi Briest". Durch die Romane kam ich zum Germanistikstudium. In meiner Community ist das nicht gerade auf Begeisterung gestoßen. Germanistik klang den Leuten zu germanisch. Dass Literatur vor den Nazis bestanden hatte und Gott sei Dank auch danach, war nicht relevant. […]

"Lesen ist systemrelevant". Rachel Salamander im Interview mit Lea Hampel und Jan Schmidbauer, in: Süddeutsche Zeitung vom 17. Juli 2020

Juden in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ)
In der sowjetischen Besatzungszone etablierte sich nach Kriegsende ebenfalls wieder ein organisiertes jüdisches Leben. Doch auch in Erfurt, Leipzig oder Dresden, den ehemals größten ostdeutschen Gemeinden, hatte nur eine kleine Minderheit von einigen tausend Personen den Holocaust überlebt. Nur wenige von ihnen schlossen sich in den kommenden Jahren einer Gemeinde an. Die Sowjetunion hatte eine unverzügliche Rückführung ihrer Staatsangehörigen angestrebt und daher keine DP-Lager in ihrem Herrschaftsbereich eingerichtet. Die meisten osteuropäisch-jüdischen Flüchtlinge wiederum lehnten eine Zukunft in einem kommunistischen Staat ab. Deshalb konnten sich die kleinen ostdeutschen Gemeinden nicht durch den Zuzug jüdischer Sowjetbürger oder osteuropäischer Jüdinnen und Juden vergrößern. Die Entscheidung für eine Zukunft in der SBZ (seit Oktober 1949 DDR) geriet demnach schnell zu einer politischen Frage. Die Utopie einer sozialistischen Gesellschaft sprach nicht wenige jüdische Überlebende und Rückkehrer an. Allerdings verstanden sie sich vorrangig als Kommunisten und weniger als Juden.

Die größte jüdische Gemeinde befand sich in Ost-Berlin, wo über 2500 Jüdinnen und Juden registriert waren. Bis 1952 funktionierte die Einheitsgemeinde in der geteilten Stadt. Die beiden Vorsitzenden der West- bzw. Ost-Berliner Gemeinden, Heinz Galinski und Julius Meyer, kooperierten so gut es ging über die Sektorengrenzen hinweg. Doch schnell sollte sich zeigen, dass die Jüdinnen und Juden in der SBZ unabhängig von ihrer Gemeindezugehörigkeit in besonderem Maße in die Konfliktlinien des heraufziehenden Kalten Krieges gerieten.

Die Sowjetunion hatte nach dem Krieg zunächst das zionistische Projekt eines jüdischen Staates in Palästina unterstützt, in der Hoffnung damit einen künftigen Verbündeten im Nahen Osten zu gewinnen. Aus diesem Grund befürwortete die Moskau auch die Entscheidung der Vereinten Nationen über die Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat im November 1947. Nach der Staatsgründung Israels und dessen zunehmender West-Orientierung entzog die Sowjetunion dem jüdischen Staat jedoch ihre Unterstützung. Ende der 1940er-Jahre löste Josef Stalin eine antisemitische Welle aus, die sich gegen jüdische Sowjetbürgerinnen und -bürger sowie ihre nicht-jüdischen Sympathisanten richtete und deren Folgen auch in der SBZ/DDR zu spüren waren. Hunderte flohen in die Westzonen, sodass die ohnehin kleinen ostdeutschen Gemeinden weiter an Mitgliedern verloren.

Fazit
Die Wahrnehmung Deutschlands als "Land der Täter", "blutgetränkte" oder "verfluchte Erde" war nach dem Krieg unter jüdischen Überlebenden weit verbreitet. Fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust hatten sich vielen Hindernissen zum Trotz wieder jüdische Gemeinden in allen Teilen Deutschlands etabliert. Das Leben in Deutschland bedeutete zugleich, die Gegenwart von Kriegsverbrechern und ihren Helfern aushalten zu müssen. Doch auch in den relativ geschützten Räumen der Gemeinden gab es Probleme. Von Beginn an hatten die Gemeinden mit der Überalterung ihrer Mitglieder, den Konflikten infolge unterschiedlicher Glaubensauslegungen und nicht zuletzt mit der schwachen Bindung vieler Überlebender zum Judentum zu kämpfen. Ihre heterogene Zusammensetzung führte zu einem veränderten Selbstverständnis. Die Ära der deutschen Jüdinnen und Juden schien – so Leo Baeck – vorüber zu sein. Jetzt begann die Zeit der Jüdinnen und Juden in Deutschland.