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Antisemitismus in Deutschland nach 1945 | Jüdisches Leben in Deutschland nach 1945 | bpb.de

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Antisemitismus in Deutschland nach 1945

Philipp Lenhard

/ 15 Minuten zu lesen

Nach dem Ende der NS-Herrschaft verschwanden antisemitische Einstellungen nicht einfach. Viele Menschen verdrängten die eigene Schuld oder wiesen sie von sich. Erst in den 1960er-Jahren begann in der Öffentlichkeit eine eingehendere Auseinandersetzung mit der belasteten Vergangenheit. Doch bis heute sind antisemitische Stereotype in verschiedensten Formen in der deutschen Gesellschaft verbreitet.

Die erst am 20. September 1959 von Bundeskanzler Adenauer eingeweihte neue Synagoge in Köln wurde in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember 1959 geschändet. Mit roter und schwarzer Farbe schmierten die Täter Hakenkreuze an den Eingang und schrieben "Juden raus" an die Hauswand. (© picture-alliance/dpa, UPI)

Zwar reicht die Geschichte der Feindschaft gegen Juden bis in die Antike zurück und war über Jahrhunderte vor allem christlich, seit dem 19. Jahrhundert dann verstärkt rassistisch geprägt, aber der Holocaust war auch in dieser Geschichte des Antisemitismus ein Einschnitt: Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten war erstmals die Vernichtung der europäischen Juden zum Staatszweck erklärt worden und bildete geradezu das Zentrum der nationalsozialistischen Weltanschauung. Das NS-Regime hatte dementsprechend alles daran gesetzt, antisemitische Propaganda zu verbreiten und die Bevölkerung damit zu indoktrinieren. Das erklärt, warum der Antisemitismus auch nach Kriegsende noch weit in der deutschen Bevölkerung verbreitet war.

QuellentextHauptformen des Antisemitismus

Antijudaismus: Wenn die religiöse Motivation der Judenfeindschaft betont werden soll, wird zumeist der Terminus "Antijudaismus" verwendet, obgleich dieser etwas missverständlich ist. Denn die religiöse Judenfeindschaft richtet sich nicht nur gegen den "Judaismus", also die jüdische Religion, sondern auch gegen Jüdinnen und Juden als Träger dieser Religion. Zudem haben sich schon in der Antike, aber auch im Mittelalter, religiöse und soziale Motive gemischt. Anders als der "Antisemitismus" argumentiert der "Antijudaismus" in der Regel aber nicht biologistisch. Grundsätzlich behauptet der Antijudaismus, dass Juden ihr Judentum durch Taufe oder Konversion ablegen könnten und dann keine Juden mehr seien. Es gibt verschiedene Ausprägungen des Antijudaismus, die wichtigsten sind der christliche und der islamische:

Christlich: Der christliche Antijudaismus verfügt über eine lange und weitverzweigte Tradition. Ursprünglich entwickelte er sich aus der religiösen Konkurrenz zwischen dem Judentum und dem aus diesem hervorgegangenen Christentum. Die Kirchenväter mussten sich vom Judentum abgrenzen und taten das häufig, indem sie das Judentum als "veraltet" oder "buchstabengläubig" herabsetzten. Schon in den Evangelien taucht aber auch das Bild der Juden als vermeintliche "Gottesmörder" auf, die am Tod Jesu schuld seien. Der Vorwurf des Gottesmordes war so gravierend, dass er über Jahrhunderte die Basis des christlichen Antijudaismus bildete. Seit dem Mittelalter wurde das Judentum verstärkt dämonisiert, der theologische Antijudaismus wurde durch Mythen und Legenden angereichert. Noch heute finden sich antijüdische Einstellungen in christlichen Gemeinden, zugleich sind tradierte Bilder auch in säkulare Formen der Judenfeindschaft eingegangen.

Islamisch: Wie im Christentum so existiert auch im Islam eine antijüdische Tradition, in der den Juden vor allem eine Manipulation der Schrift, aber auch Hinterlistigkeit nachgesagt wird. Aber auch Motive aus dem europäischen Antisemitismus wurden seit dem 19. Jahrhundert in der islamischen Welt übernommen und mit traditionellen Elementen verquickt. So ist das antisemitische Machwerk "Die Protokolle der Weisen von Zion" bis heute ein Bestseller in manchen arabischen Ländern.

Rassistischer Antisemitismus: Der Begriff "Antisemitismus" wurde im 19. Jh. mit Bezug auf zeitgenössische Rassetheorien erfunden, um die Feindschaft gegenüber Juden vermeintlich "wissenschaftlich" zu legitimieren. Der "rassistische Antisemitismus" grenzt sich häufig von religiös motivierter Judenfeindlichkeit ("Antijudaismus") ab und beruft sich auf vermeintlich unveränderliche "rassische" Eigenschaften aller Juden.

"Erlösungsantisemitismus": Der Terminus meint eine spezifische Spielart des rassistischen Antisemitismus, die vor allem für den Nationalsozialismus charakteristisch ist. Adolf Hitler und andere glaubten an einen endzeitlichen Kampf zwischen Juden und Ariern, von dem das Schicksal der Welt abhänge.

Sekundärer Antisemitismus: Der "sekundäre Antisemitismus" meint den Antisemitismus nach dem Holocaust, der zumeist mit Verdrängungs- und Abwehrmechanismen verknüpft ist. Typisch ist die Täter-Opfer-Umkehr, die Juden zu Tätern macht und damit ihre Verfolgung rechtfertigt.

Antikommunistischer Antisemitismus: Spätestens seit der Russischen Oktoberrevolution von 1917 wurde die kommunistische Bewegung von ihren Gegnern als vermeintlich "jüdisch" angefeindet. Die NS-Propaganda malte das Bild eines "Judeo-Bolschewismus" an die Wand und behauptete, Deutschland vor einer jüdisch-kommunistischen Verschwörung zu verteidigen. Auch nach 1945 wurden im Kontext des Kalten Krieges bisweilen Elemente des antikommunistischen Antisemitismus reaktiviert.

Antizionismus / Israelbezogener Antisemitismus: Der Zionismus ist eine im 19. Jahrhundert entstandene Bewegung, die das Judentum nicht vorwiegend als Religionsgemeinschaft, sondern als Nation versteht – auch in Reaktion auf Verfolgung und Ausgrenzung. Die Mehrheit der Zionisten strebte nach der Errichtung eines eigenen jüdischen Nationalstaates. Deshalb werden die Gegner des Zionismus, die das Verständnis des Judentums als Volk oder Nation ablehnen und sich gegen die Gründung eines jüdischen Staates aussprechen, Antizionisten genannt. Vor dem Holocaust waren in Deutschland nur wenige Jüdinnen und Juden zionistisch ausgerichtet. Nach dem Massenmord änderte sich dies, nicht zuletzt aufgrund der Bedeutung Israels als Zufluchtsstätte. Antizionismus ist also nicht immer antisemitisch – aber er ist es dann, wenn 1) ausschließlich den Juden das Recht auf einen eigenen Nationalstaat verwehrt werden soll, wenn 2) Juden dem Antisemitismus schutzlos ausgeliefert werden sollen und ihnen das Recht auf Selbstverteidigung abgesprochen wird, und wenn 3) der jüdische Staat mit Bildern und Begriffen aus der antisemitischen Tradition dämonisiert wird. In der Forschung hat sich seit einigen Jahren der Begriff des "israelbezogenen Antisemitismus" durchgesetzt, um ihn von bestimmten Varianten des (nicht-antisemitischen) Antizionismus abzugrenzen. Im Vordergrund steht dabei die Übertragung antisemitischer Bilder und Semantiken auf den Staat Israel.

Antikapitalistischer Antisemitismus: Seit dem Mittelalter wurden Jüdinnen und Juden mit dem Geldhandel identifiziert, da besonders in ländlichen Regionen der Geldverleih häufig von Juden betrieben wurde. Mit dem Aufstieg des Kapitalismus gerieten "die" Juden zunehmend als vermeintliche Personifikationen von Geld, Handel und Zins ins Visier. Wird der Kapitalismus nicht als Gesellschaftsform kritisiert, sondern als geheime Verschwörung jüdischer Kapitalisten, so handelt es sich um eine Form von antikapitalistisch konnotiertem Antisemitismus.

Antisemitische Verschwörungstheorien: Allen Verschwörungstheorien wohnt die Tendenz zu antisemitischem Denken inne – auch wenn nicht alle Warnungen vor vermeintlichen oder auch tatsächlichen Verschwörungen antisemitisch sind. Es muss hier sehr genau hingeschaut werden: Auf Protestdemonstrationen gegen die Maßnahmen zur Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie wurden 2020/21 vereinzelt "die Juden" für die Pandemie verantwortlich gemacht. Auch wurde wiederholt die Legende einer vermeintlichen jüdischen "Brunnenvergiftung", die in der mittelalterlichen Pestzeit entstanden war, auf die heutige Situation übertragen. Dies sind klassische Beispiele für antisemitische Verschwörungstheorien. Am bedeutsamsten ist die Vorstellung einer jüdischen Weltverschwörung oder einer geheimen jüdischen Weltregierung, die im Hintergrund alle Fäden ziehe.

Philipp Lenhard

Die unmittelbare Nachkriegszeit

Die große Mehrheit der insgesamt etwa 250.000 Juden, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit in Deutschland lebten, waren Überlebende aus Osteuropa. Die meisten von ihnen hatten alles verloren – Familienangehörige und Freunde, ihren Besitz und ihre Wohnstätte – und diejenigen, die aus den Lagern in ihre Heimatorte in Polen, Litauen oder der Ukraine zurückkehrten, sahen sich dort mit Feindseligkeit und Abwehr konfrontiert. Im Sommer 1946 kam es im polnischen Kielce zu einem antijüdischen Pogrom, dem über 40 Holocaust-Überlebende zum Opfer fielen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war den meisten klar, dass es in ihrer alten Heimat keine Zukunft für sie gab.

Zionistische Organisationen warben um die Überlebenden, um sie zur Einwanderung nach Palästina zu bewegen. Auf der Suche nach einer neuen Heimat begaben sich die meisten von ihnen in die amerikanische oder britische Besatzungszone in Süd- und Westdeutschland, um von dort aus weiter nach Palästina oder in die USA zu emigrieren. Viele hielten sich nur kurze Zeit in den eilig von den Besatzungsmächten eingerichteten DP-Camps auf, manche jedoch verharrten, zumeist unfreiwillig, mehrere Jahre in den Camps, die als abgetrennte Wohngebiete nicht selten in ehemaligen Kasernen und Arbeitslagern errichtet worden waren. Doch die Camps wurden rasch zu Orten lebendiger jüdischer Kultur, mit eigenen jüdischen Zeitungen, Theatern, Bibliotheken und Sportvereinen.

Auch wenn die DPs weitgehend isoliert von der nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaft lebten, kam es zu punktuellen Kontakten. So hatte sich etwa in der Münchner Möhlstraße in den ersten Nachkriegsjahren im Umfeld der großen Hilfsorganisationen eine weitverzweigte jüdische Infrastruktur mit Geschäften, einer Apotheke, einer Schule, einem Kindergarten und einem Krankenhaus herausgebildet. Die Beziehungen blieben jedoch spannungsgeladen. Vor allem Jiddisch sprechende, traditionell gekleidete Juden waren verbalen und gelegentlich auch körperlichen Angriffen ausgesetzt. Ähnliches galt für die Reaktionen auf die Forderungen nach Entschädigungen und Rückgabe "arisierten" Eigentums. Immer wieder meldeten sich Stimmen zu Wort, die den Juden in antisemitischer Manier Geldgier und Rachsucht vorwarfen.

Der Antisemitismus war also keineswegs mit dem Untergang des NS-Regimes verschwunden. Da es in den meisten deutschen Städten und Dörfern aber schlicht keine Jüdinnen und Juden mehr gab, richtete sich der Hass häufig auf das, was noch an das jüdische Leben vor 1933 erinnerte, nicht zuletzt gegen die über ganz Deutschland verteilten jüdischen Friedhöfe. Schon im Sommer 1945 wurden auf dem jüdischen Friedhof im bayerischen Diespeck mehrere Grabsteine umgeworfen, im November folgten Verwüstungen auf dem Friedhof im hessischen Alsbach, im Dezember schließlich auch in Osnabrück. Die gesamte Nachkriegszeit hindurch und bis in die Gegenwart hinein wurden (und werden) in Deutschland jüdische Grabsteine umgestoßen, beschmiert und zerstört. Alleine zwischen 1945 und 2000 gab es über tausend solcher Vorfälle in der Bundesrepublik, hinzu kommen über 200 Fälle in der DDR bis 1990. Nur selten wurden die Täter zur Rechenschaft gezogen. Stattdessen wurden die Vorfälle immer wieder bagatellisiert und als "Dumme-Jungen-Streiche" abgetan. Dabei ist die Zerstörung der Friedhöfe, wie die Philosophen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer schon 1947 schrieben, "keine Ausschreitung des Antisemitismus, sie ist er selbst." Die jüdischen Friedhöfe erinnerten an das einst blühende jüdische Leben in Deutschland – und an das Verbrechen, das all dem ein Ende gesetzt hatte.

Verdrängung und Schuldumkehr

Kaum jemand sprach im Nachkriegsdeutschland offen über die Verbrechen, die den Juden angetan worden waren. Stattdessen verdrängten viele die eigene Schuld und die von Verwandten, Freunden und Bekannten. Kam doch einmal die Rede auf das Schicksal der Jüdinnen und Juden, so wiegelten sie ab, wiesen alle Schuld von sich oder machten gar die Juden selbst für das Geschehene verantwortlich.

Aber auch eine andere Form des Umgangs mit dem Holocaust gehörte zur neuen Realität: der sogenannte Philosemitismus. So mancher, der wenige Jahre zuvor noch Hitler zugejubelt hatte, bekundete nun, "die Juden" und alles Jüdische zu lieben – wenn dies nicht zum Schein geschah, lag dem häufig eine unreflektierte Haltung zugrunde, die unter umgekehrten Vorzeichen Jüdinnen und Juden abermals nicht als Individuen, sondern als homogenes Kollektiv wahrnahm.

Die Mehrheit der Deutschen äußerte sich jedoch zu diesem frühen Zeitpunkt nicht philosemitisch, sondern stand den Juden nach wie vor negativ gegenüber. Als das Frankfurter Institut für Sozialforschung 1950 eine der ersten breit angelegten empirischen Studien durchführte, die das geistig-politische Klima in der jungen Bundesrepublik untersuchen sollte, war das Ergebnis ernüchternd: "Von den Sprechern zum Thema Antisemitismus verhielten sich 28 % nicht antisemitisch, 10 % betont projüdisch, 25 % bedingt antisemitisch und 37 % extrem antisemitisch", heißt es in der Zusammenfassung des Abschlussberichts. Gleichzeitig stellten die Forscher fest, dass die sogenannte Judenfrage offenbar ein so stark affektbesetztes Thema war, dass viele Befragte jegliche Äußerung dazu verweigerten.

Die von unterdrückten Hass- und Schuldgefühlen geprägte Haltung der meisten Nachkriegsdeutschen gegenüber Jüdinnen und Juden hat der israelische Psychoanalytiker Zvi Rex einst in dem sarkastischen Satz zusammengefasst: "Auschwitz werden uns die Deutschen niemals verzeihen!" Aus der deutschen Schuld speiste sich ein "sekundärer Antisemitismus", der die Juden gerade dafür hasste, dass ihre bloße Existenz die Deutschen immer wieder an die eigene Schuld erinnerte. Über Jüdinnen und Juden und Jüdisches zu sprechen war folglich in der frühen Bundesrepublik weitgehend tabuisiert und schambehaftet.

Antikommunismus und Antizionismus

Doch auch wenn die meisten Deutschen brüsk von sich gewiesen hätten, Antisemiten zu sein, oder sich sogar für ausgesprochen "projüdisch" hielten, war er noch immer weit verbreitet. Zu alten Stereotypen und Vorurteilen gesellten sich nun neue Bilder und Muster, die eher dem Typus des "sekundären Antisemitismus" entsprachen. Auf der politischen Ebene verband er sich mit den großen Ideologien der heraufziehenden Ost-West-Konfrontation. Während in Westdeutschland der Antikommunismus an das nationalsozialistische Feindbild des "jüdischen Bolschewismus" anknüpfen konnte, wurde in der DDR der gegen den jüdischen Staat Israel gerichtete Antizionismus staatstragend (mehr zum jüdischen Leben in der DDR siehe Kapitel Interner Link: "Jüdisches Leben in der DDR").

1952 wurde der nicht-jüdische Kommunist Paul Merker, ehemaliges Mitglied des Politbüros der SED, im Zuge einer stalinistischen Säuberungswelle verhaftet. Da Merker sich schon lange für Entschädigungszahlungen an jüdische Überlebende eingesetzt und zudem 1948 die Gründung Israels befürwortet hatte, verdächtigte die Partei ihn, Teil einer "zionistischen Verschwörung" zu sein. Ihm wurde vorgeworfen, als "zionistischer Agent" die "Ausplünderung Deutschlands" betrieben und der "Verschiebung von deutschem Volksvermögen" zugunsten amerikanischer und "jüdischer Monopolkapitalisten" Vorschub geleistet zu haben.

Die antizionistische Diktion knüpfte nahtlos an die nationalsozialistische Agitation an – dieses Mal allerdings im Namen von Klassenkampf und Weltrevolution. Auch zahlreiche Mitglieder der jüdischen Gemeinde wurden zionistischer Neigungen verdächtigt und verhört. Die antizionistische Stimmungsmache und das zunehmende Misstrauen des Staates gegenüber den jüdischen Bürgerinnen und Bürgern hatte eine Auswanderungswelle zur Folge, von der sich das jüdische Gemeindeleben in der DDR nicht mehr erholen sollte. Bis zur Wende blieb das von der Staatssicherheit überwachte organisierte jüdische Leben prekär und auf wenige Gemeinden begrenzt.

Zeitgleich führte die CDU in der Bundesrepublik eine antikommunistische Wahlkampagne gegen die SPD durch, in der sie auf die antisemitisch konnotierte Legende einer bolschewistischen Verschwörung zurückgriff. Das Wahlplakat "Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau" zur Bundestagswahl 1953 schürte Ängste vor einer drohenden Übernahme Deutschlands durch die Sowjetunion und erinnerte an die Propaganda der NS-Zeit gegen den "jüdischen Bolschewismus". Der Antikommunismus war grundlegender Bestandteil von Konrad Adenauers Politik der "Westbindung" und eng verknüpft mit westlichen Vorstellungen von Demokratie sowie mit der Leitidee der sozialen Marktwirtschaft. Dennoch überlebten in ihm Versatzstücke der nationalsozialistischen Ideologie, schon allein deshalb, weil der Großteil der politischen Akteure im "Dritten Reich" sozialisiert worden war und die NS-Propaganda von klein auf verinnerlicht hatte.

Verschiedene Formen neueren Antisemitismus

Neuer Rechtsextremismus

Wie in der DDR wurde auch in der Bundesrepublik Antisemitismus immer wieder mit dem Mantel des Schweigens bedeckt, weil er das Bild des demokratisch geläuterten Deutschlands störte. Als aber Ende der 1950er-Jahre die Zahl antisemitischer Vorfälle massiv anstieg, war kaum noch zu leugnen, dass sich alte und neue Anhänger der NS-Ideologie wieder formierten. In der Weihnachtsnacht 1959 wurde die kurz zuvor wiedereröffnete Kölner Synagoge von zwei Mitgliedern der rechtsextremen Deutschen Reichspartei mit Hakenkreuzen und der Parole "Juden raus!" beschmiert. Die bundesweit aufsehenerregende Tat wurde zur Initialzündung für eine sich über das ganze Land ergießende "Schmierwelle". Anders als noch zehn Jahre zuvor war nun allerdings die öffentliche Empörung groß. Zahlreiche Initiativen gegen Antisemitismus wurden ins Leben gerufen, vor allem im Bildungssektor, und die "Vergangenheitsbewältigung" wurde erstmals auf eine breite zivilgesellschaftliche Grundlage gestellt. Dazu trug auch die juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen bei. Als Adolf Eichmann, einem der Hauptverantwortlichen des Holocaust, 1961 in Jerusalem der Prozess gemacht wurde, berichteten Funk und Fernsehen täglich und konfrontierten die deutsche Öffentlichkeit mit ihrer Vergangenheit. Dies wiederholte sich ab 1963 im Zuge der Frankfurter Auschwitz-Prozesse. Immer mehr Deutschen, insbesondere aus der jüngeren Generation, wurde bewusst, dass sie sich dieser Vergangenheit stellen mussten.

Israelfeindschaft in der bundesdeutschen Linken

Auf dem Höhepunkt der vergangenheitspolitischen Wende sorgte 1967 der Sechs-Tage-Krieg, den Israel gegen seine feindlichen arabischen Nachbarstaaten erfolgreich für sich entschied, besonders im linken und linksliberalen Milieu für Verwirrung. Hatten viele aus diesem politischen Spektrum bislang eine eher proisraelische Haltung eingenommen, weil der in seiner Anfangszeit sozialistisch geprägte jüdische Staat vor allem als Antwort auf den Holocaust wahrgenommen wurde, so kippte nun die Stimmung. Während rechte und konservative Medien, allen voran die Springer-Presse, Israels "Blitzkrieg" feierten, fand sich die Linke plötzlich auf Seiten arabischer Freischärler wieder. Angefeuert durch die entsprechende Propaganda aus dem Ostblock erschien Israel vielen Linken nun als imperialistischer Aggressor, gegen den sich berechtigter arabischer Widerstand rege. Unübersehbar war die Wahrnehmung des Konflikts in beiden politischen Lagern von der Vergangenheitsbewältigung überformt. Rechte wie Linke setzten Israel nun mit NS-Deutschland und die Palästinenser mit dem antifaschistischen Widerstand gleich, nur fiel die Bewertung gegensätzlich aus. Beide Sichtweisen hatten mit dem realen Konflikt wenig zu tun, sondern spiegelten vielmehr das Verhältnis der Deutschen zu ihrer eigenen Vergangenheit wider.

Besonders in der radikalen Linken überschritt die Gegnerschaft zu Israel in den folgenden Jahren immer wieder die Grenze zum offenen Antisemitismus. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1969, dem Jahrestag der Novemberpogrome, deponierte die linksradikale Gruppe "Tupamaros Westberlin" eine (glücklicherweise defekte) Bombe im jüdischen Gemeindehaus. In ihrem Bekennerschreiben behauptete die Gruppe, "daß die Kristallnacht von 1938 heute tagtäglich von den Zionisten in den besetzten Gebieten, in den Flüchtlingslagern und in den israelischen Gefängnissen wiederholt" werde. Nicht nur vollzogen die Attentäter damit eine Täter-Opfer-Umkehr, der zufolge die Opfer des Holocaust nun zu Tätern geworden seien, sondern sie setzten auch das Judentum mit Israel und dem Zionismus gleich. Aus ihrer Sicht ging man gegen den "zionistischen Imperialismus" vor, wenn man Jüdinnen und Juden in Deutschland angriff.

Palästinensischer und linker Terrorismus

In den 1970er-Jahren kam es zu einer Welle palästinensischen Terrors in Westdeutschland. Im Februar 1970 griffen arabische Terroristen auf dem Flughafen in München-Riem die Crew und Fluggäste einer israelischen Maschine an und töteten dabei einen Passagier. Einige Tage später starben bei einem Brandanschlag auf das Altenheim der Israelitischen Kultusgemeinde in München sieben Bewohnerinnen und Bewohner. Bis heute ist nicht geklärt, wer genau hinter dem Anschlag steckte, aber ein Zusammenhang mit dem gegen Israel gerichteten Terrorismus kann nicht ausgeschlossen werden. Dieser zeigte sich 1972 abermals bei den Olympischen Spielen in München, als die palästinensische Gruppe "Schwarzer September" im Zuge einer Geiselnahme elf israelische Sportler sowie einen Sicherheitsbeamten ermordete. Deutsche Neonazis hatten die arabischen Terroristen zuvor unter anderem bei der Beschaffung von Fluchtfahrzeugen und gefälschten Pässen unterstützt, die linke RAF-Terroristin Ulrike Meinhof wiederum lobte die Geiselnahme als revolutionäre Tat.

Ganz in diesem Geist beteiligten sich linke Aktivisten der "Revolutionären Zellen" 1976 an der Entführung einer Air France-Maschine, die von Tel Aviv nach Paris fliegen sollte. Gemeinsam mit Gesinnungsgenossen der palästinensischen Volksfront zur Befreiung Palästinas (Popular Front for the Liberation of Palestine, PFLP) entführten die Terroristen Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann die Maschine ins ugandische Entebbe, wo die beiden Deutschen gezielt die jüdischen (oder für jüdisch gehaltenen) von den nicht-jüdischen Passagieren trennten, um Gefangene aus israelischen Gefängnissen freizupressen. Nach einer Woche befreite eine israelische Spezialeinheit die festgehaltenen Passagiere und tötete die Geiselnehmer. Teile der deutschen Linken distanzierten sich von der "Selektion" jüdischer Passagiere und es kam erstmals zu Debatten über einen genuin linken Antisemitismus. Dennoch wurde der Antisemitismus seitens der Linken weiterhin vorwiegend als rechtes Problem wahrgenommen.

Rechtsextremer Terror

Dieser Eindruck verstärkte sich durch eine Reihe rechtsextremer Anschläge auf Jüdinnen und Juden und jüdische Einrichtungen in den 1980er-Jahren. Der wegen versuchten Mordes einsitzende deutsche Neonazi Ekkehard Weil floh 1979 aus der Haftanstalt und verübte eine Serie von Anschlägen auf jüdische Geschäfte und Privathäuser in Österreich, darunter die Wohnung des Holocaust-Überlebenden Simon Wiesenthal, der erfolgreich untergetauchte NS-Täter aufspürte und vor Gericht brachte. Im Dezember 1980 ermordete ein Mitglied der rechtsterroristischen "Wehrsportgruppe Hoffmann" in Erlangen den Rabbiner und Gemeindevorsitzenden Shlomo Levin und dessen Lebensgefährtin Frida Poeschke.

Auch in der DDR gab es neonazistische Strukturen. Das Regime spielte solche Fälle in der Regel herunter und bestritt, dass es rechtsradikale Gewalt im "antifaschistischen Staat" gab. Erst nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten 1990 wurde das Phänomen des Neonazismus in seiner ganzen Tragweite deutlich. Neben den rassistischen und ausländerfeindlichen Pogromen von Hoyerswerda 1991 und Rostock-Lichtenhagen 1992 kam es auch zu einer Reihe von Brandanschlägen, so in Mölln 1992 und Solingen 1993. Auch die Lübecker Synagoge war in den Jahren 1994 und 1995 zweimal Ziel eines Brandanschlags. Zahlreiche weitere Sprengstoffanschläge und antisemitische Attacken gipfelten im Jahr 2000 in einem Terroranschlag in Düsseldorf-Wehrhahn, der sich gegen jüdische Flüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion richtete. Auch wenn der Attentäter bis heute nicht zweifelsfrei ermittelt werden konnte, deuten zahlreiche Indizien auf eine rechtsextreme Täterschaft hin. 2003 wurde ein von der neonazistischen Vereinigung "Kameradschaft Süd" geplanter Sprengstoffanschlag auf die Grundsteinlegung der neuen Münchner Hauptsynagoge gerade noch vereitelt.

Antisemitisch motivierte Straftaten in Deutschland (© Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat, "Übersicht Hasskriminalität: Entwicklung der Fallzahlen 2001 – 2020", 2021)

Islamistischer Terrorismus

Spätestens seit der Jahrtausendwende rückte eine weitere Gefahr vermehrt in den Vordergrund, nämlich der mit dem Islamismus verbundene Antisemitismus unter Musliminnen und Muslimen. Als die Anschläge islamistischer Terroristen auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 mit dem westlichen "War on Terror" unter Führung der USA beantwortet wurden, gelang es islamistischen Predigern, diesen als imperialistischen Kreuzzug gegen den Islam darzustellen. Diesem Narrativ zufolge waren die Muslime Opfer westlicher Diskriminierung, Demütigung und Aggression und mussten sich schon aus reiner Notwehr oder wenigstens aus Solidarität dem "Heiligen Krieg" anschließen oder ihn zumindest unterstützen. Solche Argumente radikalisierten auch in Deutschland manche junge Musliminnen und Muslimen, von denen einige dann tatsächlich in das terroristische Milieu abrutschten. Allerdings stellten gewaltbereite Islamisten damals wie heute lediglich eine kleine Minderheit in den muslimischen Gemeinschaften Deutschlands dar.

QuellentextDialog zwischen Juden und Muslimen

Herr Schuster, der Zentralrat der Juden hat das Dialogprojekt "Schalom Aleikum" 2019 gestartet. Mit welchen Erwartungen?

Wir haben im Juni 2019 mit dem Ziel angefangen, einen Austausch zwischen Juden und Muslimen bundesweit zu initiieren, nicht zuletzt um Antisemitismus vorzubeugen oder abzubauen. Die hebräisch-arabische Wortkreation "Schalom Aleikum" für unser Projekt, die für die vertrauensvolle Begrüßung: "Friede sei mit Dir" steht, gibt die Intentionen des Zentralrats der Juden bei diesem Vorhaben wieder. Es geht um eine bewusste, ehrliche Annäherung.

Warum sind muslimische Verbände nicht beteiligt?

Wir streben einen Dialog auf Augenhöhe an. Diese war wirklich bei jeder der 13 großen und kleineren Veranstaltungen von "Schalom Aleikum" gewährleistet. Das Rezept war scheinbar einfach – wir haben die Funktionärsebene verlassen und uns dorthin begeben, wo der Austausch möglich ist, nämlich in die Zivilgesellschaft. Paritätische Begegnungen von jüdischen und muslimischen Frauen, Jungunternehmern, Familien, Lehrern, Senioren und Influencern haben gezeigt – so geht die Augenhöhe.

Inwieweit ist das Projekt auch eine Antwort auf Anfeindungen von rechts, die Juden und Muslime als Minderheiten in Deutschland gleichermaßen treffen?

Der Rechtsextremismus hat sowohl Juden als auch Muslime zum Angriffsziel. Das ist auch die Wahrnehmung beider Gruppen, was sich mit Zahlen untermauern lässt. Unser Projektteam hat in Kooperation mit dem Forschungsinstitut Forsa eine nicht repräsentative Umfrage unter jüdischen, muslimischen und christlichen Multiplikatoren durchgeführt. Wir haben mehr als 200 Personen befragt. Am häufigsten (52 Prozent) wurden Rechtsnationale- und radikale als gleichermaßen Juden und Muslimen gegenüber ablehnend wahrgenommen. Diese Gemeinsamkeit gibt es also, dennoch gibt es in der gesellschaftlichen Stellung von Juden und Muslimen Unterschiede, die wir im Projekt nicht verwischen möchten.

Welche meinen Sie?

[…] Antisemitismus darf man nicht mit dem antimuslimischen Rassismus gleichsetzen. Beide Diskriminierungsformen sind aufs Schärfste zu verurteilen. […] Parallelen gibt es immer, doch bei einer Gleichsetzung verharmlosen wir die unterschiedlichen Diskriminierungsformen, tun den konkreten Menschen Unrecht und geben einer völlig unnötigen Opferkonkurrenz einen unnötig großen öffentlichen Raum.

Wie ist es denn generell um die Verständigung zwischen Juden und Muslimen bestellt?

[…] Wir haben es mit sehr unterschiedlichen Communities zu tun. Es gibt vieles, was uns verbindet. Das war zum Beispiel in der Beschneidungsdebatte zu spüren. Doch der Dauerkonflikt im Nahen Osten trägt nicht gerade zu einem entspannten Verhältnis zwischen Juden und Muslimen in Deutschland bei. Von nicht wenigen Muslimen, zumal den Geflüchteten der letzten Jahre, wird das Existenzrecht Israels massiv in Frage gestellt. Das ist für uns ein absolutes No-Go.

Der Zentralrat warnt seit längerem vor wachsendem Antisemitismus in Deutschland. Welche Rolle spielen dabei muslimische Communities?

Leider eine nicht ganz kleine. Wir registrieren zwar einen Generationswechsel in den muslimischen Gemeinden und Verbänden. Uns erreichen immer wieder einzelne Akteure, die konkrete Schritte für die Bekämpfung von Antisemitismus in ihrer Gemeinschaft unternehmen. Doch es gibt da noch sehr viel zu tun […].

Hierbei handelt es sich um eine gesamtgesellschaftliche Agenda. Am allerwichtigsten ist Bildung. Hier muss sowohl in den Schulen als auch in den Integrationskursen viel stärker aufgeklärt werden. Zugleich müssen wir die Muslime stärken, die sich aktiv gegen Antisemitismus einsetzen. Sie brauchen Rückhalt gegenüber ihren eigenen Leuten.

"Schalom Aleikum" wurde im Juni 2019 gestartet, um Juden und Muslime an einen Tisch zu bekommen. Dazu werden bundesweit Talkrunden und Treffen organisiert. Mehr Infos finden Sie auf Externer Link: www.schalom-aleikum.de

"Wir streben einen Dialog auf Augenhöhe an". Josef Schuster, seit 2014 Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, im Interview mit Nadja Erb, in: Frankfurter Rundschau vom 18./19. Januar 2020

Israelbezogener Antisemitismus

Obwohl der islamistische sowie der neonazistische Terrorismus nach wie vor große Bedrohungen für Jüdinnen und Juden in Deutschland darstellen, ging antisemitische Gewalt in den vergangenen beiden Jahrzehnten weniger von organisierten Terrorzellen als vielmehr von mehr oder weniger spontan handelnden Einzeltätern aus. Allerdings radikalisierten diese sich häufig über die Sozialen Netzwerke und inszenierten ihre Verbrechen bewusst für ein gleichgesinntes Publikum im World Wide Web, das die Täter ermutigte und Beifall spendete.

Während antisemitische Gewalt von rechts in einer weitgehend ungebrochenen ideologischen Tradition des Nationalsozialismus steht, hat Antisemitismus unter Musliminnen und Muslimen komplexere Wurzeln: Versatzstücke islamistischer Ideologie, Verschwörungstheorien, tradierte Feindbilder und das beschriebene Opfernarrativ vereinen sich vielfach zu einem sogenannten israelbezogenen Antisemitismus. In diesem Weltbild ist Israel der ultimative Feind. Nicht selten wird der Hass auf Israel und die Juden sogar als Ausdruck der Zugehörigkeit zur muslimischen, türkischen oder arabischen Gemeinschaft angesehen. In einer vereinfachenden, aber sinnstiftenden Sicht wird muslimische Solidarität als Kampf gegen Israel interpretiert und die Jüdinnen und Juden in Deutschland werden dabei als Repräsentanten Israels wahrgenommen.

In den vergangenen Jahren häuften sich antisemitische Vorfälle, wenn es im Nahen Osten zu Krieg zwischen Israel und der terroristischen Organisation Hamas kam. Schon zu Beginn der zweiten Intifada warfen im Oktober 2000 zwei arabischstämmige Männer Molotowcocktails auf die Düsseldorfer Synagoge, wenige Tage später beteiligte sich einer der Täter an einem Angriff auf die Essener Synagoge. Aus einer antiisraelischen Demonstration heraus griffen damals 250 Teilnehmende das Gotteshaus mit Steinen und Schreckschusspistolen an. Auf die Berliner Synagoge am Fraenkelufer wurde im April 2002 ebenfalls ein Brandanschlag verübt. Auch auf offener Straße kam es seit der Jahrtausendwende immer wieder zu Übergriffen auf Juden, die aufgrund einer Kippa oder eines Davidstern-Anhängers als solche zu erkennen waren. Im Mai 2021 wurden in Deutschland im Zusammenhang mit den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und der terroristischen Organisation Hamas immer wieder Juden, jüdische Einrichtungen, so die Synagogen in Bonn, Mannheim und Ulm, und Holocaust-Mahnmale attackiert. Vor der Synagoge in Gelsenkirchen versammelten sich rund 180 Demonstrierende, von denen einige antisemitische Sprechchöre anstimmten.

Anders als organisierte Terrorzellen ließ und lässt sich der eher spontane "Straßenantisemitismus" von den Sicherheitsbehörden kaum präventiv überwachen. Umso wichtiger ist die Abschreckung durch konsequente strafrechtliche Verfolgung. Aber auch in diesem Punkt kam es immer wieder zu fragwürdigen Ergebnissen. Am bekanntesten ist ein Vorfall aus dem Jahr 2014, als drei Palästinenser, die tagsüber an einer Demonstration gegen den Gazakrieg teilgenommen hatten, nachts Molotowcocktails auf die Bergische Synagoge in Wuppertal warfen. Die Täter wurden wenig später gefasst, kamen aber mit Bewährungsstrafen davon, weil das Gericht keine antisemitischen Motive für die Tat erkennen wollte – sie hätten schließlich aus Kritik an Israels Politik gehandelt. Das Gericht hatte damit offiziell erklärt, dass es nicht per se antisemitisch sei, Brandanschläge auf Synagogen zu verüben. Ein fatales Signal.

Antisemitismus der Mitte

Solche Urteile werfen die Frage auf, wie verbreitet der "israelbezogene Antisemitismus" in der Mitte der Gesellschaft war und ist. Er ist offenbar kein Problem, das sich nur in muslimischen Gemeinschaften finden lässt. Empirische Umfragen, wie die Studie des Expertenkreises Antisemitismus im Auftrag des Bundesinnenministeriums, haben gezeigt, dass antiisraelische Einstellungen in der Bevölkerung weite Verbreitung finden und sich oft mit antisemitischen Ressentiments verbinden. Israel wird etwa als jüdischem Staat besondere Rachsucht, Rücksichtslosigkeit und Machtgier unterstellt. Auch Motive des "sekundären Antisemitismus" und der Täter-Opfer-Umkehr verknüpfen sich häufig mit als "Israelkritik" getarntem Antisemitismus. Seit Jahren ist die Frage, wo die Grenze zwischen legitimer Kritik an der israelischen Politik und antisemitischen Denkmustern verläuft, Gegenstand heftiger Debatten. Dabei kommt ein Grundzug des Antisemitismus nach dem Holocaust zum Tragen, der den gesamten in diesem Artikel behandelten Zeitraum betrifft: Abgesehen von überzeugten Nationalsozialisten bekennt sich niemand mehr offen zum Antisemitismus. Festzustellen, ob eine Aussage oder eine Tat antisemitisch ist, bedarf deshalb in den meisten Fällen der Interpretation.

QuellentextZunahme antisemitischer Gewalt im Zuge das Nahostkonflikts

[…] Als sich der Konflikt im Nahen Osten Anfang Mai [2021] zuspitzte, waren auch Jüdinnen und Juden in Deutschland alarmiert. Würde sich der Hass von dort auch hierzulande entladen? Bald nahmen antisemitische Attacken auf den Straßen zu. […] Wie erleben […] [Betroffene] diese Hasswelle? Was erwarten sie von der Mehrheitsgesellschaft? […]

Laura Cazés, 31, lebt in Frankfurt am Main und arbeitet als Leiterin für Kommunikation und Digitalisierung bei der Zentralen Wohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST)

"Als die aktuelle Eskalation in Israel/Palästina losging, kam in mir ein bekanntes Unbehagen auf. Davon erzählten mir auch jüdische Freund:innen. Wir dachten an die antisemitische Hasswelle, die sich zuletzt rund um den Gaza-Krieg 2014 entladen hat, und wussten: Es geht wieder los.

Ich fragte mich, ob das von der Gesellschaft endlich als Antisemitismus benannt werden würde. Würde man verstehen, in welcher Form diese sich entladende Aggression direkt auf unser Leben als deutsche Jüd:innen auswirkt? Leider haben sich viele Sorgen bisher bestätigt. Ich bekomme viele Zuschriften, gerade von jungen Jüdinnen und Juden, die auch auf Social Media die Wucht dieser Eskalation abbekommen: "Ich bekomme bald einen Nervenzusammenbruch", schreiben sie. Oder: "Ich will mein Instagram-Konto löschen, aber schaue dann doch wieder rein." Viele können nachts nicht mehr schlafen.

Jüdische Menschen haben Angst. Die Belastung ist unglaublich spürbar – und das nimmt mich sehr mit. Und das betrifft uns alle, egal wie wir uns politisch positionieren: wir alle werden adressiert, wir alle bekommen den Antisemitismus zu spüren. Uns allen schlägt sehr viel Hass und Aggressivität entgegen. Gerade in den sozialen Medien wird der Konflikt in Israel und Palästina sehr verkürzt dargestellt. Postkoloniale Theorien und viele antirassistische Aktivist:innen verstehen Israel leider als den mächtigsten Staat, als Unterdrücker, und die überdimensionierte Vorstellung allein schon ist antisemitisch.

Nach 2014 haben gerade junge Jüdinnen und Juden sich in Bündnissen organisiert: intersektional, in muslimisch-jüdischen Allianzen.

Leider drohen die genau an diesem Punkt aufzubrechen. Es reicht nicht "Wir sind gegen Antisemitismus" zu sagen und dann Aufrufe der Boykottbewegung gegen Israel zu teilen. Dann sind das nur Lippenbekenntnisse. Und dabei können wir eine inklusive Gesellschaft nur zusammen gestalten, gerade angesichts rechtsextremer Kontinuitäten, Hanau und Halle.

Heute gibt es zwar viele jüdische Safe Spaces, jüdische Austauschräume. Das hilft. Doch die Anspannung wird bleiben. Antisemitische Weltbilder sind so festgesetzt, auch wenn sie dann länger nicht ausbrechen. Und Jüdinnen und Juden müssen sich fragen: Was macht es mit uns, wenn diese Aggressivität wieder auf uns einschlägt? Merken andere überhaupt, wie unsicher wir uns fühlen?"

Protokoll: Kevin Cˇulina

Anton Tsirin, 33, Schauspieler, Präsident von Makkabi Deutschland Jugend, im Vorstand bei Kibbuz e. V. und Jugendreferent des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden Westfalen-Lippe

"Ich arbeite gerade in einem Projekt, das sich "Youde" nennt. Letzte Woche haben wir dafür gedreht, ein Experiment: Mit Kippa lief ich durch die Straßen und hielt in der Hand ein Schild. Darauf stand: "Ich bin ein Jude. Was wolltest du schon immer fragen oder sagen?" Jemand sagte zu mir, es sei eine Provokation, dass ich eine Kippa trage. Was provoziert da? Die Kippa? Dass ich Jude bin?

Es wird immer wieder abgeraten, in der Öffentlichkeit eine Kippa zu tragen. Als ich etwa 20 Jahre alt war, habe ich noch aus Prinzip gesagt: Ich ziehe die Kippa an. Ich fand, dass Juden zu sehr zurückgezogen leben. Es bringt nichts, sich zu verstecken, dachte ich, wir müssen uns zeigen, und dass es normal ist in Deutschland ein Jude zu sein.

Heute würde ich mich nicht mehr alleine mit Kippa auf die Straße trauen. Ich hätte jetzt Angst. Denn die Wahrscheinlichkeit ist hoch, Gewalt zu erleben. Und ich möchte nicht, dass meine Familie sich um mich Sorgen macht.

Als die ersten antisemitischen Demonstrationen stattfanden, fühlte ich mich verantwortlich, etwas zu tun. Es überforderte mich auch. Ich sehe, dass in den sozialen Medien viele falsche Berichte und Videos über den Nahostkonflikt verbreitet werden. Viele Menschen teilen das, ohne wirklich Ahnung zu haben. Das ist ein Problem. Ich habe lange und viel überlegt, wie man diese Menschen erreicht. Aber da läuft man oft gegen eine Wand.

Es gab mehrere muslimische Gruppen, die sich solidarisch gezeigt haben. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Wir leben alle zusammen in Deutschland. Wir alle sind nicht dafür verantwortlich, was dort passiert, sondern was hier passiert. Und wir müssen alle zusammen für unseren gegenseitigen Frieden einstehen.

Es wird wieder ruhiger werden in Deutschland. Was bleibt, ist die Unsicherheit. Ich weiß nicht, ob ich als Jude meine Kinder mal unter diesen Voraussetzungen hier aufziehen will.

Meine letzte Hoffnung ist, dass Menschen, die auch für ein friedliches Zusammenleben sind, öfter ihre Stimme erheben. Und, neben Juden, mehr andere Leute auf Demos gegen Antisemitismus auftauchen oder gar mitorganisieren."

Protokoll: Erica Zingher

Erica Zingher / Kevin Cˇulina, "Die Angst wird bleiben", in: taz vom 25. Mai 2021

Verschwörungstheorien unter "Querdenkern"

Das gilt auch für die neueste Erscheinungsform des Antisemitismus, die sich bei den sogenannten Querdenker-Demonstrationen während der Coronavirus-Pandemie finden ließ. Zahlreiche auf solchen Demonstrationen vertretene Verschwörungserzählungen beinhalten klassische antisemitische Bilder und Stereotype. Beispielsweise knüpfen manche Querdenker, die in der Impfkampagne gegen das Coronavirus eine geheime Verschwörung zur Schädigung der Volksgesundheit vermuten, an die antisemitische Legende der Brunnenvergiftung an.

Dennoch sah sich der größte Teil der Querdenker selbst nicht als antisemitisch. Eine Studie des Sozialwissenschaftlers Oliver Nachtwey ergab, dass ein Großteil der Teilnehmenden eher einen alternativen und bildungsbürgerlichen Hintergrund hatte und nicht etwa aus dem rechten oder gar rechtsextremen Spektrum kam.

Wie nicht zuletzt der 2019 verübte Anschlag auf die in der Synagoge in Halle versammelten Jüdinnen und Juden zeigt, ist die Geschichte des Antisemitismus in Deutschland leider alles andere als abgeschlossen. Auch in Zukunft, so steht zu befürchten, werden judenfeindliche Ressentiments, antijüdische Denkmuster und antisemitische Gewalttaten zur Realität des Lebens in Deutschland gehören. Seit 1945 bildeten sich verschiedene Formen des offenen oder versteckten Antisemitismus heraus, die sich in allen Teilen der Gesellschaft wiederfinden. Während sich die Zustimmung zu antisemitischen Aussagen seit den 1950er-Jahren weitgehend konstant auf einem hohen Niveau hielt, kam antijüdische Gewalt zumeist von den extremistischen Rändern der Gesellschaft und verlief wellenförmig. Ohne die stillschweigende Billigung oder Ignoranz weiter Teile der Bevölkerung allerdings wäre diese Gewalt nicht möglich. Umso wichtiger ist es, schon im privaten Raum antijüdische Äußerungen zurückzuweisen und in der Bildungsarbeit über die Geschichte des Antisemitismus aufzuklären.

Dr. Philipp Lenhard ist Akademischer Rat a. Z. am Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er forscht vorwiegend zur modernen jüdischen Geschichte, aber auch zur Geschichte des Antisemitismus. Philipp Lenhard ist Autor der Monografien "Volk oder Religion? Zur Entstehung moderner jüdischer Ethnizität in Frankreich und Deutschland, 1782–1848" (2014) und "Friedrich Pollock – Die graue Eminenz der Frankfurter Schule" (2019).