Entzünden des Chanukka-Leuchters 2016 auf dem Stuttgarter Schlossplatz.

8.10.2021 | Von:
Hanno Loewy

Jüdische Präsenz auf Bühne, Leinwand und Bildschirm

Welche Rolle spielen jüdische Figuren in der deutschen Nachkriegsgesellschaft, gespalten und wiedervereinigt, in der Vorstellungswelt von Theater, Film und Fernsehen? Welches Bild von Jüdinnen und Juden entstand aus den Wünschen des Publikums und welche Funktion kam ihnen in den Debatten um ein deutsches Selbstverständnis nach dem Holocaust zu?

Als einer der wenigen deutschsprachigen Regisseure verstand es der Schweizer Dani Levy, die Widersprüche des gegenwärtigen jüdischen Lebens auf die Leinwand
zu bringen, so in seinem Film von 2004 "Alles auf Zucker".Als einer der wenigen deutschsprachigen Regisseure verstand es der Schweizer Dani Levy, die Widersprüche des gegenwärtigen jüdischen Lebens auf die Leinwand zu bringen, so in seinem Film von 2004 "Alles auf Zucker". (© picture-alliance, kpa )

Shylock und Nathan: Wiedergutmachung auf der Bühne

Theater
Am 7. September 1945 betrat Nathan der Weise nach zwölfjähriger Verbannung von deutschen Bühnen wieder die Szene. Fritz Wisten inszenierte Lessings Klassiker am Deutschen Theater in Berlin-Mitte, mit Paul Wegener als Nathan. Das "humanistische Bekenntnis" zur Toleranz, Lessings Stück über den gerade einem mörderischen Pogrom entkommenen jüdischen Weisen, sollte die Tradition der Aufklärung wieder in ihr Recht setzen – und zur deutsch-jüdischen Verständigung beitragen. Zugleich enthielt Nathans Gleichnis, nach allem, was geschehen und getan worden war, eine tröstliche Versöhnungsbotschaft.
Im Januar 1946 folgte die deutsche Uraufführung von Friedrich Wolfs (1888–1953) antifaschistischem Drama "Professor Mamlock" am Berliner Hebbel-Theater im amerikanisch besetzten Teil Berlins. Geschrieben 1933, am Beginn und unter Eindruck der antisemitischen Verfolgung in NS-Deutschland, setzte Wolfs Stück, auf Druck der kommunistischen Partei mehrfach umgeschrieben und politisch ausgerichtet, den Ton für manches spätere DDR-Drama, in dem bürgerliche Juden mit dem Leben dafür zahlen, die Gefahr eines faschistischen Kapitalismus nicht rechtzeitig erkannt zu haben – als Exempel, einer die DDR legitimierenden neuen deutschen Nationalliteratur.

Es dauerte nicht lange, da wurde auch das klassische Gegenstück zu Lessings Nathan wieder auf die Bühne geholt: Shakespeares Shylock im "Kaufmann von Venedig". Die Darstellung des Charakters Shylock vertraute man nun insbesondere Juden an, zum Beispiel Ernst Deutsch (1890–1969), der 1951 unter großer öffentlicher Aufmerksamkeit nach Berlin zurückgekehrt war, oder Fritz Kortner (1892–1970), die dem schwierigen Stoff eine andere Wendung geben sollten. Die Fantasie über "jüdische Rache" für erlittenes Unrecht und die selbstquälerische Beziehung zum antisemitischen Stereotyp, das Shylock sich trotzig zu eigen macht, hatten nach 1945 einen anderen Resonanzboden als zuvor. Die Shylock-Figur ließ die wenigen Juden an den deutschen Bühnen seitdem nicht los, wie zum Beispiel die Theaterregisseure Peter Zadek oder George Tabori. Taboris Shylock an den Münchner Kammerspielen 1978 sollte mit dem Stoff ernüchtert aufs Ganze gehen. Sein Shylock unternahm nichts, um aus dem Panzer des Stereotyps, der Wahrnehmung durch die anderen auszubrechen, sondern richtete sich in ihm ein, als einzigem psychischem Schutz. Ein derart schonungslos fatalistischer jüdischer Umgang mit Antisemitismus und Vorurteil war 1950 noch kaum denkbar.

De facto blieben die Jüdinnen und Juden, ermordet, geflohen oder in wenigen Ausnahmefällen zurückgekehrt, für das deutsche Theater der Nachkriegszeit abstrakt, Verkörperung eines radikal Anderen. Oder: als bloße Projektionsfläche für das ganz Eigene. Als unbestimmte Chiffre eines universellen Leidens, in dem sich auch die Deutschen wiederfinden durften.

Film
Das gilt auch für die Mehrzahl der wenigen deutschen Filme, die sich nach 1945 einer jüdischen Perspektive auf die Jahre 1933–1945 annahmen. Und die zumeist an den Kinokassen versagten, jedenfalls dann, wenn sie dennoch versuchten, einen konkreten Standpunkt zu beziehen.

Der Film "Der Ruf" (1949) des ungarischen Filmregisseurs Josef von Báky, in dem Fritz Kortner, der Verfasser des Drehbuchs, selbst die Hauptrolle als Rückkehrer aus dem Exil übernahm, endet desillusioniert mit der bitteren Erfahrung des Nachlebens des Nationalsozialismus und mit dem Tod des Protagonisten. Eugen Yorks "Morituri" (1948), produziert von Arthur Brauner (1918–2019), gab sich hingegen große Mühe, das Publikum anzusprechen, jüdische Charaktere an das Bild von Kriegsversehrten anzunähern, "gute Deutsche" zu präsentieren und den Gedanken an "Rache" demonstrativ abzuweisen. Doch niemand wollte den Film sehen.

Anders erging es dem Schriftsteller Carl Zuckmayer mit seinem Drama "Des Teufels General" (uraufgeführt 1946). Wie in anderen Produkten einer moralischen Wiederaufbauliteratur erweist sich die jüdische Gestalt als rhetorische Figur, an der sich die Integrität des Protagonisten entscheidet: so auch für den Fliegergeneral Harras, der einem jüdischen Arzt das Leben rettet. Zuckmayer, der Emigrant, machte den Deutschen ein Identifikationsangebot, das sie nicht ablehnen mochten. So wurde das Stück alleine in den ersten drei Jahren mehr als 3200 Mal aufgeführt, 1948/49 alleine an 53 Bühnen. Der Fliegergeneral, in den Nationalsozialismus "tragisch verstrickt" (also "unschuldig schuldig" geworden, wie es so viele deutsche Fiktionen über die NS-Zeit bis heute nahelegen), nimmt sich am Ende selbst das Leben. "Sie reden wie ein Jude" bemerkt die Nationalsozialistin Pützchen irgendwann spitz und Harras gibt zurück: "Bin ich auch – honoris causa".

Mehr jüdisches "Leben", gar jüdische Gegenwart wird es im deutschen Kino vorerst nicht geben. Und auch dann werden sie Randfiguren eines "deutschen Schicksals" bleiben und im Schatten des Holocaust stehen. So zum Beispiel in Fritz Umgelters Fernsehserie "Am grünen Strand der Spreee", die 1960 ein Massenpublikum vor den Bildschirm bannte. In der ersten Folge schon darf ein deutscher Soldat sich 1941 in Russland in eine junge Jüdin verlieben und Zeuge einer Massenerschießung werden. Damals ein Tabubruch für die westdeutsche Öffentlichkeit, auch wenn das noch lange gepflegte Bild vom Gegensatz zwischen SS und der sauberen Wehrmacht nicht in Frage gestellt wurde.

Anne Frank und Nackt unter Wölfen: Systemkonkurrenz und Holocaust

Anne Frank
Eine Ausnahme blieb in den 1950er-Jahren die Gestalt der Anne Frank. Im Oktober 1956 eroberte die Dramatisierung ihres Tagebuches in Deutschland die Bühnen (und drei Jahre später George Stevens US-amerikanischer Spielfilm "The Diary of Anne Frank" die Kinos).

In nur zwei Jahren kam es in beiden deutschen Staaten sowie in Österreich und der Schweiz zu fast 3500 Aufführungen. Zum ersten Mal stand in einem populären Theaterstück ein Holocaust-Opfer im Zentrum. "Kaum ein west- oder ostdeutsches Theater", so schrieb der Publizist Gert Kalow in der FAZ, "das dieses Memento nicht ankündigte oder schon im Programm führte: ein Element Wiedervereinigung, geistige Wiedervereinigung" und holte weit aus, um die gesamtdeutsch nationale Katharsis zu feiern, die von diesem dreizehnjährigen Mädchen ausginge – das trotz allem noch an das Gute im Menschen glaubt wie ihre pathetische Schlusszeile im Stück lautet. "Niemand, auch der alte Kämpfer des Antifaschismus nicht, auch, so hoffen wir, so glauben wir, der einstige Nationalsozialist nicht, schaut in diesen Spiegel hasslos ertragenen, abgründigen Leides ohne Erschütterung."

Die Aufführungen des Stückes verwandelten sich in Gedenkveranstaltungen, die Zuschauer wurden gebeten, auf Beifall zu verzichten (und damit freilich auch auf jede etwaige Äußerung von Missfallen). Und sie lösten Pilgerfahrten von tausenden von Schülerinnen und Schülern nach Bergen-Belsen aus, wo Anne Frank unter grauenhaften Umständen gestorben war. Umstände, die im Theaterstück nicht zur Sprache kamen.

Nackt unter Wölfen
Ganz anders setzte Bruno Apitz‘ Roman "Nackt unter Wölfen" (1958) und schließlich auch dessen Verfilmung durch Frank Beyer 1963 im Auftrag des DDR-Filmstudios DEFA ein jüdisches Kind im KZ in Szene. Statt mit der heranwachsenden Tagebuchschreiberin letztlich das bürgerliche Individuum zu feiern, das auch angesichts der drohenden Vernichtung an das Gute im Menschen glaubt, steht hier das rettende Kollektiv der Widerstandskämpfer im Mittelpunkt, dessen Humanismus auch im kompromisslosen Kampf mit den Nazis nicht zerbricht. Selbst wenn das hilflose Kind eine Gefahr für die Widerstandsorganisation darstellt, so hebt es doch zugleich deren Moral.

In den 1960er-Jahren werden nun die westdeutschen Bühnen gleichfalls Ort politischer Auseinandersetzung, im Medium des Dokumentartheaters. Auch hier bleiben Jüdinnen und Juden Randfiguren oder werden zur Chiffre in einer Auseinandersetzung um gesellschaftliche Kontinuitäten. "Das Wort ‚Jude’ fällt nicht ein einziges Mal, sondern es wird nur von den Verfolgten geredet", wunderte sich der deutsch-amerikanische Journalist Kurt Grossmann in der Zeitschrift Aufbau über Peter Weiss’ (1916–1982) Auschwitz-Oratorium "Die Ermittlung" (1965).

Immerhin, als der Intendant und Theaterregisseur Erwin Piscator das Stück am 19. Oktober 1965 auf die Westberliner Freie Volksbühne brachte (im Rahmen einer synchronen Uraufführung an 15 Theatern), sah er sich dennoch dazu veranlasst, Besucher auf einem Handzettel mit Fragebogen zu ermahnen: "Bitte verlassen Sie die Aufführung nicht; versuchen Sie, durchzuhalten ...". Wer dennoch ging, wurde höflich gefragt: "Gehen Sie fort, ... weil Sie dagegen sind, dass man jüdische Probleme auf der Bühne verhandelt?" Wenn Peter Weiss alles vermeiden wollte, was Auschwitz als "Jüdisches Schicksal" hätte erscheinen lassen, stand dahinter auch ein durchaus berechtigtes Misstrauen gegen die verbreitete Wahrnehmung von Auschwitz als "jüdisches Problem", wie sie nicht zuletzt der westdeutsche Literaturbetrieb der Gruppe 47 und seine Gefolgschaft pflegten.

Jüdische Gegenwart oder deutsche Phantasien?

In den 1960er-Jahren hatte eine kritische Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus und mit Auschwitz den Schwerpunkt der politischen Agenda gebildet. Greifbar wurde dies nicht zuletzt in der großen öffentlichen Wirkung der Frankfurter Auschwitz-Prozesse und in den politischen Konflikten, die sich rund um das Jahr 1968 aufluden.

Dagegen standen die 1980er-Jahre nach dem als kathartisch empfundenen Fernsehereignis "Holocaust" im Zeichen ganz anderer Debatten. Jüdische Gegenwart in Deutschland war bis dahin in Kino oder Fernsehen allenfalls aufgeblitzt, wie zum Beispiel 1961 in Helmut Käutners Spielfilm "Schwarzer Kies", in dem ein jüdischer Bordellbesitzer sich von einem deutschen Bauern als "Saujud" beschimpfen lassen musste. Dies freilich nur bei der Premiere. Nach einer heftigen Kontroverse wurden die entsprechenden Szenen herausgeschnitten. Schon 1976 war Rainer Werner Fassbinders Theaterstück "Der Müll, die Stadt und der Tod" als Spielfilm unter dem Titel "Schatten der Engel" (Regie Daniel Schmid) in die Kinos gekommen. Klaus Löwitsch spielte darin eine Rolle als "der reiche Jude", eine Bezeichnung, die er sich freilich selbst in Reaktion auf antisemitische Stereotype verlieh.

War der Film damals noch weitgehend unbeachtet geblieben, so sorgte 1985 die geplante Uraufführung des Theaterstücks in Frankfurt am Main für einen Skandal. Und für ein Ereignis, das als "Coming Out" der bis dahin eher unauffällig und mit zwiespältigen Gefühlen in Frankfurt lebenden jüdischen Gemeinde gewertet wurde. Fassbinder hatte, wenn auch zeitverzögert, in ein Wespennest gestochen und mehrere Tabus zugleich verletzt. Ohne warnende Zeigefinger und ostentative Distanzierung, dafür aber in melodramatischer Überzeichnung hatte er antisemitische Stereotype auf die Bühne gebracht: eine Stadt, in der alte Nazis und Holocaust-Überlebende miteinander Geschäfte machen und die Spekulation blüht. Zusätzlich stand die Phantasie jüdischer Rache für die Shoah im Raum.

Fassbinder, der 1982 verstorben war, geriet nun posthum selbst unter Antisemitismus-Verdacht. Gemeinsam protestierten junge wie alte Angehörige der Jüdischen Gemeinde auf der Bühne erfolgreich gegen die Aufführung – unter dem Beifall eines überwiegend konservativen Publikums, dessen neu entdeckte Liebe zu den Juden kaum jemand hinterfragte. Erst recht nicht, als im Zeichen der Wiedervereinigung seit Ende des 1980er-Jahre das Interesse an "jüdischen Themen" und an "jüdischer Gegenwart" auch das Unterhaltungsprogramm erreichte. Zur ersehnten Normalität gehörte auch die "Renaissance" jüdischer Gemeinden in Deutschland, selbst wenn deren Realität heute nicht zuletzt von russischer Vergangenheit und einer demonstrativen Verbundenheit zu Israel geprägt ist, gegen die erst langsam Angehörige einer jüngeren Generation – und Emigranten aus Israel – differenziertere Akzente setzen.

Erinnerung und Vergessen in der Lindenstraße: Juden im Fernsehen

Der Wiedereintritt jüdischer Gegenwart in die deutsche Populärkultur begann eher unbeholfen. Im September 1990 betrat ein Auschwitz-Überlebender den deutschen Serien-Alltag. Enrico Pavarotti, der Pizza-Bäcker in der deutschen Musterwelt der Lindenstraße, offenbarte in Folge 248 sein lang gehütetes Geheimnis: die Auschwitz-Nummer unter der Ledermanschette um seinen Arm. Valerie Zenker ist es, die junge Serienheldin mit dem Sinn für alle Probleme dieser Welt, die einige Folgen lang ihr "deutsches Bildungserlebnis" hat, nächtelang Bücher wie "Der gelbe Stern" studiert und auf dem jüdischen Friedhof einem freundlichen alten Juden begegnet, der ihr in einer Synagoge die Grundlagen der Erinnerungskultur erklärt. Sie kämpft mit Enricos trotzigem Schweigen und ungläubig mit der erschütternden Erkenntnis: "Opa war ein Nazi?" Schließlich versucht sie, ihre Solidarität mit den Opfern zum Ausdruck zu bringen, indem sie sich den Kopf kahl rasiert. Doch ein Besuch in einer KZ-Gedenkstätte lässt sie erahnen, dass das auch nichts hilft. Und so wird die Geschichte erst einmal wieder ad Acta gelegt.

Erst in Folge 1301 betritt wieder eine Jüdin als Jüdin die Lindenstraße. Frau Rosenberg aus Amerika ist auf der Suche nach den Spuren ihrer Kindheit und landet bei Mutter Beimer im Wohnzimmer, bei Kaffee und Kuchen. Ein Kindertransport hatte ihr damals das Leben gerettet. Der Rest der Familie wurde vernichtet und ihr Haus in der Kastanienstraße um die Ecke "arisiert". Nun gehört es einem eiskalten Geschäftsmann aus der Lindenstraßen-Welt. Mutter Beimer hingegen möchte dafür sorgen, dass an Frau Rosenbergs "Mischpoche" (Jiddeln müssen in der Lindenstraße sogar bürgerliche Münchner Juden aus Amerika) wenigstens mit Stolpersteinen vor ihrem alten Haus erinnert wird – was in München von Stadt und jüdischer Gemeinde anders als in vielen anderen Städten bislang abgelehnt wird. Wenige Folgen später steht der 25-jährige Geburtstag der "Lindenstraße" an. Bis dahin müssen alle Widersprüche aus der Welt geschaffen sein. Und wie in einer Komödie üblich, ist es schließlich ein Hochzeitsfest, auf dem sich alle versöhnen. Die Steine werden verlegt, der eiskalte Geschäftsmann bezahlt sie und ist gerührt. Der "linke" Klausi heuert als Pressesprecher "der Konservativen" an und bekommt seine "Iffi", Valerie Zenkers Schwester, zur Frau. Frau Rosenberg bleibt abwesend, irgendwie ist für sie bei dieser Versöhnungsparty kein Platz.

Auch Enrico, der Pizza-Bäcker, ist nicht dabei. Doch dessen Fehlen hat mit einer besonderen Vergesslichkeit zu tun. Schon in Folge 556 war er auf eigensinnige Weise im Lindenstraßen-Krankenhaus zu Tode gekommen. Da war seine jüdische Herkunft und sein Überleben in Auschwitz den Autoren der Serie irgendwie abhandengekommen. Seit Wochen im Koma liegend, wurde Enrico stattdessen als Exempel für das Thema Euthanasie verhandelt, und von seiner liebenden Gattin und seinem Lieblingskellner durch Abschalten der lebenserhaltenden Geräte von seinen Leiden erlöst. Nicht ohne vorher ein Kruzifix neben ihn zu stellen.

So wie in der Lindenstraße sind Juden vor allem ein Anlass für deutsche Jubiläen und Versöhnungen. In Spielfilmen wie "Aimee und Jaguar" oder den "Comedian Harmonists", in Staatsakten, wie der Eröffnung des Jüdischen Museums Berlin im September 2001, deren Gästeliste von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als Gründungsversammlung der Berliner Republik gefeiert und veröffentlicht wurde. Stand die Eröffnung des Jüdischen Museums in Frankfurt am Main am 9. November 1988 noch im Zeichen einer gerade durchgesetzten Gedenkroutine, so markierte die Eröffnung des Berliner Museums freilich auch den unerwarteten Einbruch einer ganz neuen politischen Konstellation. An dem Tag, an dem das Museum seine Pforten schließlich am dritten Eröffnungstag endlich dem allgemeinen Publikum öffnen sollte, flogen in New York zwei entführte Flugzeuge in das World Trade Center.

Quellentext

Gründung jüdischer Museen nach 1945

[…] Die Vielzahl der Bau- und Erweiterungsprojekte von Jüdischen Museen in Deutschland deutet auf einen tiefgreifenden Wandel in deren Aufgabe und Bedeutung hin. Um diesen zu verstehen, muss man sich die partikulare Gründungsgeschichte von deutschsprachigen jüdischen Museen nach dem Holocaust vergegenwärtigen.
Im Unterschied zu anderen west- oder südeuropäischen Ländern basierten die Gründungen dieser Museen zumeist nicht auf der Initiative lokaler jüdischer Gemeinden, die vor dem Fall der Berliner Mauer ohnehin nur wenige Mitglieder hatten. Ihnen lag auch nicht der Wunsch zugrunde, eine größere Sammlung an jüdischen Kunst- oder Zeremonialobjekten öffentlich zu präsentieren.
Die Museumsgründungen waren vielmehr Bestandteil jener Erinnerungskultur, die nach der Ausstrahlung der Fernsehserie "Holocaust" (1979) zum gesellschaftlichen Konsens der Bundesrepublik Deutschland wurde. […] Die Eröffnung des ersten Jüdischen Museums der Bundesrepublik Deutschland [in Frankfurt/M.] erfolgte dann am 50. Jahrestag der Reichspogromnacht, dem 9. November 1988 durch Helmut Kohl.
Während der Beschluss zur Gründung des Frankfurter Jüdischen Museums von der Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden mit Max Horkheimer, Robert Weltsch, Georg Salzberger und anderen namhaften Persönlichkeiten jahrzehntelang vorbereitet wurde, nahmen sich andernorts eher lokale Bürgerinitiativen der Aufgabe an, Zeugnisse der deutsch-jüdischen Geschichte zu bewahren. Der Wunsch dieser Initiative, die gesammelten Zeugnisse an einem öffentlichen Ort zu zeigen, fand häufig zunächst kein Gehör.
Dies verdeutlicht unter anderem auch der wohl bedeutsamste öffentliche Konflikt um den Umgang mit jüdischem Kulturgut in der Bundesrepublik Deutschland, der 1987 am Frankfurter Börneplatz ausgetragen wurde. [...]. Die öffentlichen Auseinandersetzungen endeten mit der Entscheidung der Stadt Frankfurt, einen Teil der freigelegten Fundamente im Erdgeschoss des neuen Gebäudes zu bewahren. Diese Mauerreste bilden heute den Kern des Museums Judengasse, das 1992 als Dependance des Jüdischen Museums eingerichtet wurde.
Während Gründungsdirektor Georg Heuberger vor allem das Ziel verfolgte, "den Blick für die Besonderheiten jüdischen Lebens und jüdischer Religion zu öffnen", konzentrierte sich das Museumsprogramm unter der Leitung seines Nachfolgers Raphael Gross auf die jüdische Zeitgeschichte und das problematische Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden in der Bundesrepublik Deutschland. […]
Mit den sogenannten Kontingentflüchtlingen wanderten nach 1989 über 200.000 Juden aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland ein. Die jüdischen Gemeinden in Deutschland wurden zu der am schnellsten wachsenden jüdischen Gemeinschaft Europas. Die jüdischen Museen hingegen, die mehrheitlich in demselben Zeitraum ihre Arbeit aufnahmen, sahen ihre Aufgabe vor allem darin, Zeugnisse des deutschen Judentums zu sammeln und Kulturgüter aus einer Zeit zu bewahren, die unwiederbringlich vergangen war.
Dies führte zu der paradoxen Situation, dass jüdische Museen in Deutschland bedeutend engere Verbindungen zu Gedenkstätten unterhielten, als zu der zeitgenössischen nicht deutschsprachigen jüdischen Kultur. Der Erneuerungsprozess vieler jüdischer Museen ist auch als eine Reaktion auf diese Situation, ja als eine Neugestaltung des Verhältnisses zwischen jüdischen Museen und jüdischem Leben in Deutschland zu verstehen. […]
Da jüdische Geschichte und Gegenwart stets von Flucht und Migration geprägt war und ist, kommt jüdischen Museen heute eine Bedeutung zu, die weit über ihr Themenfeld hinausreicht. Jüdische Museen in Deutschland sind nicht nur dazu prädestiniert, sich zu Orten zu entwickeln, an denen Migration exemplarisch thematisiert und reflektiert wird. Sie können auch eine besondere Rolle bei der gesellschaftlichen Integration von Muslimen spielen.
Um dies zu gewährleisten, haben die Jüdischen Museen in Berlin und Frankfurt in den vergangenen Jahren mehrere Bildungsprogramme initiiert, die Gemeinsamkeiten von Judentum und Islam in den Blick nehmen oder Diskriminierungserfahrungen von Menschen mit Migrationshintergrund thematisieren und im Hinblick auf Antisemitismus reflektieren. Diese und andere Programme schlagen nicht nur eine Brücke in die Gegenwart jüdischen Lebens. Mit ihnen erweisen sich jüdische Museen auch als eine Plattform der Reflexion über Geschichte und Kultur in der deutschen Einwanderungsgesellschaft.

Mirjam Wenzel, "Schlechtes Gewissen oder Brücke in die Gegenwart?", in: Kippa, Koscher, Klezmer? Dossier "Judentum und Kultur", Beilage zu Politik & Kultur, Berlin 2016, S. 56 f.

Alltag und Ironie. Selten gesehen

Bis heute tun sich das deutsche Kino und das Fernsehen schwer, komplexe jüdische Figuren zu erfinden, vorhandenen Stereotypen mit Ironie zu begegnen und ohne eine demonstrative pädagogische Absicht auszukommen. Erste Versuche gab es zwar schon in den 1980er-Jahren, als in der Serie "Levin und Gutman" eine religiöse und eine weltlich orientierte jüdische Familie ihren Auftritt im Vorabendprogramm hatten. Zu erwähnen ist auch Towje Kleiner, der als Maximilian Glanz in "Der ganz normale Wahnsinn" Münchner und jüdischen Humor vereinen sollte. Allerdings wurde solchen Ansätzen keine größere Aufmerksamkeit zuteil.

Der Schweizer Dani Levy gehört zu den ersten, der die realen Widersprüche jüdischen Lebens in Deutschland auf die Kinoleinwand brachte. Zunächst mit seinem Film "Meschugge" (1998), dann in "Alles auf Zucker" (2004). Dort versucht der arbeitslose Ex-DDR-Sportreporter Jakob Zuckermann (alias Jaeckie Zucker, gespielt von Henry Hübchen) mit der Hilfe seiner nicht-jüdischen Ehefrau Marlene (Hannelore Elsner) eine Erbschaft anzutreten. Doch dafür muss sich der "ungläubige" zunächst in einen "gläubigen Juden" verwandeln. Levi vereint Slapstick und so manches liebevoll demontierte Stereotyp in die flotteste Reise durch jüdische Gegenwart, die das deutsche Nachkriegskino bisher zustande gebracht hat. Immerhin gibt es jetzt auch eine jüdische Tatort-Kommissarin, Nina Rubin (Meret Becker), die 2015 die Berliner Mordkommission verstärkt hat – und nun nach 15 Folgen wieder aussteigen will.

Seitdem sich immer mehr junge Israelis, darunter auch Filmschaffende, in Deutschland und nicht zuletzt in Berlin niederlassen, hat sich die kulturelle Landschaft jedenfalls aufs Neue verändert. Deutsch-israelische Koproduktionen sind inzwischen eine Selbstverständlichkeit. Und Filme wie Yael Reuvenys "Schnee von gestern" (2013), "Herbe Mischung" von Dror Zahavi (2015) oder "Back to the Fatherland" von Kat Rohrer und Gil Levanon (2017) nehmen nun auch israelische Geschichtsmythen und politische Realitäten kritisch aufs Korn. Es bleibt abzuwarten, wie sich – jenseits der aktuellen Tabus und Sprachhemmnisse in der Welt der politischen Nachrichten – Bühne, Film und Fernsehen dem eigentlichen Minenfeld der Gegenwart zuwenden werden: der wachsenden Verquickung zwischen den innerjüdischen Konflikten, zwischen Diaspora und Israel – den europäischen Konflikten um die Realitäten der Einwanderung und Migration.

Quellentext

"Einmal Jude, immer Jude? Meine Entscheidung"

[…] Daniel Donskoy moderiert seit einiger Zeit die Late-Night-Show "Freitag Nacht Jews". […] Bittet man Donskoy, seinen Lebenslauf kurz zu skizzieren, lacht er. "Kurz?"
Geboren 1990 in Moskau als Daniil Vadimovich Donskoy. Mit seinen Eltern kommt er im selben Jahr als jüdischer Kontingentflüchtling nach Berlin. Flüchtlingsunterkunft, dann Platte in Hönow bei Marzahn-Hellersdorf. Umzug nach Israel mit elf Jahren, im Jahr darauf wieder nach Berlin. Zwei Jahre lang besucht er die jüdische Schule, mit 14 geht es zurück nach Israel. Mit 16 beginnt er zu modeln, macht ein Einserabitur, geht wieder nach Berlin. Mit 21 zieht er nach London und besucht eine Schauspielschule. "Seitdem arbeite ich."
Arbeiten, das heißt: Er macht Musik, veröffentlichte bisher aber nur einzelne Songs. Er spielt den Rechtsmediziner im Göttinger "Tatort", gab einen Geiger im Kinofilm "Crescendo" und den Reitlehrer und Lover von Prinzessin Diana in "The Crown". Sein bislang größter Erfolg ist die Hauptrolle in der RTL-Serie "Sankt Maik" […].
[Jetzt moderiert er] eine Late Night Show, in der Jüdinnen und Juden über alles Mögliche reden. Die unterschiedliche Art, Feiertage zu zelebrieren. Das Für und Wider von jüdischen Schulen. Ob es so etwas wie typisch jüdische Erziehung gibt. Und, ja, auch über die Trias Holocaust, Antisemitismus, Israel-Palästina-Konflikt.
[…] Er kocht, redet mit den Gästen über Vorurteile gegenüber Jüdinnen und Juden, streitet sich und lacht mit ihnen, er oszilliert zwischen laut und leise, Provokation und Zurückhaltung, Politik und Emotion. Zu Gast sind so unterschiedliche Leute wie die Schriftstellerin Mirna Funk, der Lyriker und Antisemitismusexperte Max Czollek, der arabische Israeli Ahmad Mansour oder die queere angehende Rabbinerin Helene Braun, mit der Donskoy auch das "Über-den-Holocaust-zu-sprechen-Spiel" spielt. Sie schaffen es fünf Minuten, dann erzählt Braun von ihrer Familie, deutschen Juden, Holocaustüberlebenden.
Am Anfang jeder Folge hält Donskoy einen kurzen Monolog, in dem er eine These aufstellt. "Einmal Jude, immer Jude" ist die erste. Damit bringt Donskoy direkt das Dilemma zur Sprache, das über der Sendung, über ihm selbst und über diesem Text liegt: Sobald man das Anderssein markiert, wird es zur bestimmenden Kategorie. Warum steckt er sich jetzt selbst in diese Schublade? "Meine Eltern fanden es ganz schlimm", sagt Donskoy. "Du bist doch frei davon!", hätten sie gesagt. "Warum machst du das?" Seine Antwort: "Weil ich es kann."
[…] Max Czollek schrieb einmal, dass man als Jude immer eine Rolle im deutschen Gedächtnistheater spiele. Donskoy ist da anderer Meinung: "Das stimmt nicht. Nur wenn du entscheidest mitzuspielen. Einmal Jude, immer Jude? Ja, aber es war meine Entscheidung." Er versteht das alles auch als Experiment. Wenn es die Leute nicht hinkriegen würden, ihn losgelöst vom Judentum zu sehen, wenn er fortan nur noch der jüdische Musiker, der jüdische Schauspieler sein sollte, dann hätten die Leute die Show nicht verstanden. Es klingt so, als hätte er das Scheitern des Experiments schon eingepreist.
Seit der Talkshow ist er also Daniel Donskoy, Jude. Dabei hat sich seine jüdische Identität ursprünglich aus negativen Erfahrungen herausgebildet. "Meine Familie ist so religiös wie ’ne Currywurst", sagt Donskoy, aber in der Grundschule habe sich ein Kind nicht neben ihn setzen wollen, eben weil er jüdisch ist. Das Judentum, sagt Donskoy, sei für ihn keine Religion, keine Ethnie, sondern, zumindest in Deutschland, eine Schicksalsgemeinschaft.
Nach dem Vorfall in der Grundschule schickten seine Mutter und ihr Mann, ein Deutschisraeli und Sohn von Holocaustüberlebenden, ihn auf die jüdische Schule. Im Nachhinein sieht Donskoy das kritisch. Klar, so eine Schule ist ein Safe Space, man ist sicher vor Anfeindungen. Andererseits grenzt man sich ab von der Außenwelt, das Anderssein wird erst recht betont.
Auf Instagram wird er seit dem Start seiner Show als "scheiss judenkopf" beschimpft. […] Manchmal erstattet er Anzeige, seine Adresse hat er im Melderegister zur Sicherheit sperren lassen.
Je länger man sich als Nichtjude mit Donskoy unterhält, desto klarer wird einem, wie wichtig seine Sendung ist und wie sehr man selbst es nötig hätte, das Wort Jude im eigenen Kopf vielschichtiger zu besetzen als mit den üblichen Themen. […]

Xaver von Cranach, "Der Überflieger", in: DER SPIEGEL Nr. 31 vom 31. Juli 2021