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Redaktion am 04.03.2015

Editorial: Digitale Didaktik

Digitale Technologien und Medien allein bewirken im Bildungskontext nichts. Zugleich bergen sie enorme Potenziale. Können diese nur mit einer neuen "digitalen Didaktik" ausgeschöpft werden? Wir wollen es genauer wissen und setzen Digitales und Didaktik – eng miteinander verwoben – auf unsere Agenda.

Digitale Didaktik (Kooperative Berlin) Lizenz: cc by-sa/3.0/de

Waghalsig, vielleicht missverständlich, dennoch gerechtfertigt

Die Werkstatt der bpb bewegt sich auf dünnem Eis, indem sie einen Schwerpunkt mit dem Titel "digitale Didaktik" versieht. Debattenbeiträge wie die von Jöran Muuß-Merholz auf pb21.de oder Christoph Pallaske auf seinem Blog "Historisch denken | Geschichte machen" zeigen: Die Begrifflichkeit ist umstritten, weil sie viele Fragen aufwirft und widersprüchliche Assoziationen auslöst. Weil der inflationär gebrauchte Zusatz "digital" mehr verschleiert als erklärt. Weil das "(D)igitale" der "Didaktik" vorangestellt wird. Weil "Didaktik" den Blick auf die Lehrenden statt auf die Lernenden lenkt. Oder weil mit digitalen Technologien und Medien ganz unterschiedliche Didaktikkonzepte verfolgt werden können – innovative und überholte. Wir verwenden die Begrifflichkeit dennoch. Damit wollen wir keine "digitale Didaktik" begründen. Oder behaupten, dass es eine solche gibt oder eben nicht – das darf der Leser, die Leserin entscheiden.

Warum dann der Titel "Digitale Didaktik"?

Gerade die Kontroversität, mit der über "digitale Didaktik" geschrieben und gesprochen wird, möchte die Werkstatt nutzen, um verschiedene Stimmen sichtbar zu machen, die uns in unserer Arbeit immer wieder begegnen: befürwortende und fordernde ebenso wie widersprechende und ablehnende. Wo Gegenwind existiert, entbrennen Diskussionen, entsteht Raum für Austausch und neue Ideen. Aber nicht nur das rechtfertigt den Titel. Typisch für die öffentliche Wahrnehmung digitaler Lehr- und Lernszenarien sind Schlagzeilen wie diese aus dem Hamburger Abendblatt von 2013: "Körber-Gymnasium ist Hamburgs erste Tablet-Schule". Bei solchen Betrachtungen – der Rede von "Tablet-Schulen", "Laptop-Klassen" oder "Smartphone-Projekten" – liegt der Fokus oft auf der reinen Hardware. Lehr- und Lernkonzepte werden meist nicht berücksichtigt. Solch einer Engführung sei der Begriff "digitale Didaktik" noch einmal entgegengehalten. Denn er kann auch Jene, die nur durch die Technikbrille blicken, daran erinnern: Da gibt es noch etwas – die Frage nach der Didaktik. Nicht nachgeordnet, sondern als Hauptbestandteil einer Begrifflichkeit.

Was wir uns und andere fragen

Zentrale Fragen des Werkstatt-Schwerpunkts "Digitale Didaktik" sind daher: Was verstehen wir denn nun genau unter dem Begriff? Wie sieht eine "digitale Didaktik" aus, die den Ansprüchen an zeitgemäßes Lehren und Lernen gerecht wird und die Potenziale digitaler Technologien und Medien umfassend einbezieht? Was passiert, wenn digitale Technologien und Medien doch "den Ton angeben", am Anfang eines Bildungskonzepts stehen und dieses maßgeblich beeinflussen? Wie konzipieren Bildungspraktiker/-innen, die täglich neue(ste) digitale Technologien und Medien einsetzen, ihre Lehr- und Lernsettings und welche konkreten Anforderungen formulieren sie an eine "digitale Didaktik"? Was wissen wir über "Mehrwerte" digitaler Lehr- und Lernsettings? Und wie positioniert sich die historisch-politische Bildung zur Frage einer "digitalen Didaktik"?

Antworten sucht die Werkstatt in Gesprächen mit Bildungspraktikerinnen und -praktikern sowie -expertinnen und -experten wie z.B. Herbert Jancke, Projektleiter "mobiles lernen-21" der Initiative n-21.de – Schulen in Niedersachsen oder in diesem "Tetralog" mit Lehrenden aus Bayern, Berlin, Hamburg und Sachsen. Darüber hinaus werfen wir einen Blick in die Niederlande und haken nach, wie Technologie und Didaktik an zwei so genannten "Tablet-Schulen" zusammen gedacht werden. Wir fragen Lernende, wie (digitale) Schulen zukünftig aussehen könnten und sollten, ob digitale Technologien und Medien hierbei überhaupt eine Rolle spielen und wie sich das didaktisch-methodische Setting verändern könnte. Wir schauen Bildnerinnen und Bildnern über die Schulter, wenn sie ein Lernsetting konzipieren und den Einsatz digitaler Technologien und Medien planen. Nicht zuletzt hakt werkstatt.bpb im "kleinen 3×3" (drei Fragen an drei Experten/Expertinnen) noch einmal bei (Fach-)Didaktikerinnen und Didaktikern nach: Inwiefern haben digitale Technologien und Medien einen Einfluss auf die (Weiter-) Entwicklung didaktischer Überlegungen und Konzepte? Und welche Ansätze einer "digitalen Didaktik" gibt es bereits?

Unsere Auswahl für das "Warm-up"

Die (übergeordnete) Frage nach dem Verhältnis von Bildung und Digitalisierung beschäftigt werkstatt.bpb.de seit Projektstart. Exemplarisch gibt es hier zum Warmmachen für kommende Diskussionen eine Auswahl an bereits veröffentlichten Beiträgen:

Von Mehrwert und Mehrarbeit Der Lehrer Richard Leinstein erläutert anhand seiner Erfahrungen am Platen-Gymnasium Ansbach, welche didaktischen Möglichkeiten interaktive Whiteboards bieten und wo sich Schwierigkeiten in der Umsetzung ergeben.

Neues Lernen mit Medien Im Interview am Rande der Bildungsmesse didacta 2013 spricht werkstatt.bpb.de mit Stefan Aufenanger, Professor für Erziehungswissenschaft und Medienpädagogik. Seine These: In deutschen Schulen kommen digitale Endgeräte auf Grundlage didaktischer Konzepte eher selten zum Einsatz.

Digitale Medien: Das Bildungswesen in Abwehrstellung? Im Gespräch mit Prof. Dr. Sven Kommer, "Keine Bildung ohne Medien", über die schleppende Kontroverse um digitale Medien in Schulen, den medialen Habitus Lehrender und die Medienkompetenzförderung in Deutschland und seinen Nachbarländern.

Historisch-geopolitisches Lernen mit Handy und Tablet Mediendidaktiker Ulf Kerber und Kulturwissenschaftler Christian Kleinhanß berichten in einem theoretischen und einem praktischen Teil über Stand und Möglichkeiten von mobile learning-Szenarien im Kontext der historisch-politischen Bildung.

Geschichtsdidaktik digital Mit den Fragen, ob es eine digitale Geschichtsdidaktik gibt und was sie denn beinhalten könnte, setzt sich Dr. Christoph Pallaske, Lehrbeauftragter für Geschichtsdidaktik am Historischen Institut der Universität zu Köln, auseinander.

Das (fach-)didaktische Grundproblem des digitalen-mobilen Lernens Jan Schönfeld, Studienrat für die Fächer Politik-Wirtschaft und Geschichte sowie Lehrbeauftragter bei der AGORA Politische Bildung, Leibniz Universität Hannover, setzt sich im Nachklang des SpeedLab "Mobiles Lernen – Unabhängig von Zeit und Raum?" mit der Entwicklung einer neuen, den digitalen Medien angepassten Didaktik auseinander.

"Neue Mehrwerte garantiert" Am Rande der didacta 2014 beantwortet der wissenschaftliche Leiter der Schweizer Projektschule Goldau, Prof. Dr. Beat Döbeli Honegger, Fragen zu digitalen Medien als Lernwerkzeugen, Anwendungsbeispielen für Grundschulen und historisch-politische Bildung sowie zur Bedeutung von Unterrichtssettings und Lehrperson.


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Kommentare anderer Nutzer

Frank Vohle | 24.08.2015 um 08:34 [Antworten]

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Ich begrüße ihren Vorstoß zur "Digitalen Didaktik" sehr! Der Begriff ist schön kompakt und regt zum Weiterdenken an.

Eine kleine Anmerkung: Die bisherigen Beispiele hängen alle am Kontext Schule.Ein Blick in Bereiche der nonformalen Bildung z.B. Sport, lohnt sich. Im Deutschen Olympischen Sportbund lehren und lernen viel Bildungsverantwortlich und TrainerInnen heute anders, eben mit digitalen Medien, siehe http://www.salto-dosb.de/.

Mit über 500.000 Ehrenämtlern ist der Sport sicher ein spezielles Feld der politischen Bildung, auch wenn man das Politische dem Sport nicht direkt ansieht :

Grüße! Frank Vohle

Apropos: Hier noch ein Tipp für open educational ressources im Zusammenhang zur "Digitalen Didaktik" http://gabi-reinmann.de/wp-content/uploads/2013/05/Studientext_DD_Sept2015.pdf

Nagelsmann | 09.12.2017 um 10:40 [Antworten]

Defekte Links

Ein guter Ansatz, nur leider sind die interessanten Links inzwischen defekt.


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