Eindruck vom Hackathon, Entwicklung von Prototypen

Stefanie Quade am 31.01.2017

Blended Learning in der Praxis

Auf die richtige Mischung aus Online und Präsenz kommt es an

Blended Learning steht für ein didaktisches Konzept, das Online- und Präsenzanteile von Unterricht kombiniert. Gastautorin Stefanie Quade, selbst Lehrende an Hochschulen der Medien- und Wirtschaftswissenschaften, liefert Praxis-Einblicke zum Thema. In ihrem Artikel zeigt sie Vor- und Nachteile von Blended Learning auf, liefert Handreichungen für den Unterrichtsaufbau und berichtet aus eigener Erfahrung.


Blended Learning in der Praxis.Blended Learning meint unter anderem die Kombination von virtuellen und nicht-virtuellen Lernsettings und Methoden. (Wokandapix / Pixabay / bearbeitet / Lizenz CC0)

Die Digitalisierung des Bildungssektors kommt nicht erst, sie ist bereits da und wir als Lehrende befinden uns mittendrin. Für Lehrende stellen sich viele Fragen: Womit soll ich anfangen? Muss ich mir alles neu erarbeiten und meine bewährten Unterrichtsmaterialien und Methoden über Bord werfen? Wie kombiniere ich die technischen Möglichkeiten mit didaktisch und pädagogisch geeigneten Wegen, die zur jeweiligen Zielgruppe und den Lernzielen passen? Das Konzept des Blended Learning ermöglicht die Verknüpfung von Online-Lernen und Präsenzunterricht – gut didaktisiert und durchgeführt – zu einem stimmigen Gesamtkonzept.

Was ist Blended Learning?

Blended Learning wird auch integriertes, hybrides Lernen genannt. Das Portal e-teaching.org fasst dies als "Lehrszenarien, die nicht ausschließlich face-to-face oder online stattfinden, (...) also als Kombination von virtuellen und nicht-virtuellen Lernsettings und Methoden" zusammen. In dieser Beschreibung fehlt jedoch ein entscheidender Punkt: Erst mit der richtigen Didaktisierung entsteht der eigentliche Mehrwert von Blended Learning.

Aufbau eines Blended Learning-Kurses

Beim Blended Learning-Konzept starte ich daher mit einem auf die Lernenden ausgerichteten Ansatz (angelehnt an Human Centered Design): Wie auch beim Design Thinking werden alle Lösungen aus der Nutzerperspektive gedacht. Ich versuche also zunächst einmal etwas über meine Zielgruppe, die Studierenden, zu erfahren und ihre Bedürfnisse einzugrenzen. Je nach Hochschule berücksichtige ich außerdem die technischen Gegebenheiten (z.B. Lernmanagementsysteme wie Moodle) und die organisatorischen Rahmenbedingungen (z.B. Präsenztermine an bestimmten Tagen, Raumausstattung, Prüfungsvorgaben). Dann erstelle ich ein Lehrveranstaltungskonzept mit Kursinhalten, Literaturhinweisen und übergreifenden Lernzielen. Letztere werden später mit Blick auf die Sessions, also die Lerneinheiten, weiter verfeinert.

Graphik 1 - Blended LearningAbb. 1 Lernerzentrierte Kurs-Gestaltung im Blended Learning. (Quade / eigene Darstellung / angelehnt an: IDEO Design Kit / Lizenz CC-BY-SA 4.0)

Wie sieht Blended Learning konkret aus?

An der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR Berlin) beispielsweise gibt es seit Oktober 2016 den Bachelor Business Blended, der zu 50% online und zu 50% als Präsenzunterricht stattfindet. Konkret bedeutet dies für die derzeit rund 35 Studierenden, dass sie zu einer Blockwoche und etwa jede zweite Woche zwei Tage zum Präsenzunterricht in die Hochschule kommen. In der Zwischenzeit lernen sie flexibel und ortsunabhängig online. Mit dem Pilotprojekt "BlendIT", finanziert durch die Berliner Qualitätsoffensive für Lehre, haben wir an der HWR Berlin erstmalig einen Business Administration-Studiengang in ein Blended Learning-Format umgesetzt – das Projekt startete im Wintersemester 2016/17. Hierbei haben wir den Lehrenden im BlendIT-Team technische Möglichkeiten zur Produktion ihres Online-Contents aufgezeigt, ihnen im Lernmanagementsystem Moodle eine Art Schablone beziehungsweise Muster-Kursstruktur an die Hand gegeben und Beratung zur didaktischen Verzahnung angeboten. Die Ausgestaltung der einzelnen Kurse erfolgt jedoch ganz im Sinne der Freiheit der Lehre durch alle Lehrenden individuell.

Als konkretes Beispiel möchte ich hier einen meiner Kurse vorstellen: An der Hochschule der Medien in Stuttgart habe ich mit Prof. Dr. Okke Schlüter die Innovationsmethode Design Thinking für die Medienbranche adaptiert und als Blended Learning-Konzept in einem interdisziplinären Kurs im Mediapublishing umgesetzt. Der Kurs wurde mit zweimal zwei Präsenz-Workshop-Tagen, zwölf wöchentlich stattfindenden Online-Terminen und einer virtuellen Abschlusspräsentation durchgeführt. In den Onlinephasen haben die Studierenden wöchentlich neuen Input erhalten, zum Beispiel in Form von Videos und Online-Aufgaben, um ihren Medienprototypen Stück für Stück zu erweitern. Die Ergebnisse wurden von allen Teams in der virtuellen Lernumgebung verlinkt. Die Teams erhielten entweder im Peer-Review oder durch mich als Dozentin Feedback. Die Lehre erfolgte hier asynchron und zeitlich flexibel, jedoch mit festen Deadlines zur Aufgabenabgabe und klaren Portfolio-Prüfungsvorgaben. Das Lehrkonzept wurde mittlerweile für den Einsatz in Medienunternehmen erweitert (DesignAgility).

Graphik 2 - Blended LearningAbb. 2 Blended Learning-Kursstruktur (Quade / eigene Darstellung / Hochschule der Medien Stuttgart / Lizenz CC-BY-SA 4.0)

Vor- und Nachteile von Blended Learning

Studierende profitieren beim Blended Learning von der ausgewogenen Kombination aus Online-Lernen und den anwendungsorientierten Veranstaltungen an der Hochschule. Sie können ihre Lernaktivitäten flexibel und individuell gestalten und selbstständig in ihrem eigenen Tempo arbeiten. Im Vergleich zu reinen Online-Kursen, wie beispielswiese bei den Massive Open Online Course (MOOCs), ist das Blended-Format aktivierend: Videos und interaktive Inhalte werden kombiniert mit analogen Interaktionen zwischen Lernenden und Lehrenden – etwa Mentoring, personalisiertes Feedback und direkte Bewertungen. Diese Aspekte wurden durch ein qualitatives Feedback des ersten Semesters des Blended Learning-Studiengangs an der HWR Berlin bestätigt. Gleichzeitig erfordert Blended Learning von den Studierenden ein höheres Maß an Selbstdisziplin und Zeitmanagement als ein reines Präsenzstudium. Der Arbeitsaufwand wird häufig als sehr hoch empfunden und die virtuelle Organisation im Team fällt vielen schwerer als die direkte Diskussion im Klassenraum. Auch für die Lehrenden ist die Kommunikation in der Online-Lernumgebung zu Beginn oftmals eine Hürde. Blended Learning erfordert also eine gute Moderation auch in die virtuelle Lernumgebung hinein, denn die didaktische Verzahnung und Kommunikation zwischen den Online-Phasen und der Präsenz-Lehrveranstaltung ist ein wichtiger Erfolgsfaktor für die Umsetzung. Zudem ist der Aufwand zur Erstellung der Online-Module unter der Berücksichtigung der rechtlichen Rahmenbedingungen (vgl. aktuelle Diskussion VG Wort) für den Lehrenden nicht zu unterschätzen. Die entsprechende Regelung einer leistungsgerechten Vergütung und Anerkennung lässt viele Lehrende noch zurückhaltend reagieren. Die Nachhaltigkeit und Verankerung mit bestehenden Lehrkonzepten ist ein weiterer Diskussionspunkt.

Ausblick und Fazit: Das Beste aus zwei Welten

Ich selbst habe Blended Learning und auch reine virtuelle Lehrveranstaltungen in 3D-Umgebungen bereits an verschiedenen Hochschulen unterrichtet. Auf dem eLerner-Blog der HWR Berlin habe ich zehn zentrale Punkte als Plädoyer für Blended Learning verfasst, das die Empfehlung gibt: Einfach einmal ausprobieren. Sie müssen nicht alles Bewährte über den Haufen werfen. Drehen Sie an einem kleinen Rädchen und starten Sie mit dem ersten Schritt. Sie müssen das Rad noch nicht einmal neu erfinden, es gibt bereits viele gute Videos auf YouTube und freie Lehr- und Lernmaterialien, die Sie zusätzlich verwenden können. Tauschen Sie sich mit Kolleginnen und Kollegen aus und erstellen Sie gemeinsam Online-Inhalte, die Sie zusammen verwenden können, um den Aufwand zu verteilen.

Kompetenzen wie Kreativität, Kollaboration und kritisches Denken sind in der Arbeitswelt 4.0 erforderlich, um die Herausforderungen der Zukunft vernetzt, digital und flexibel zu lösen. Mit Blended Learning haben Sie die Möglichkeit, diese Kompetenzen des 21. Jahrhunderts zu adressieren. Meiner Meinung nach erhalten die Studierenden mit Blended Learning das Beste aus zwei Welten: Die Kombination aus Online-Lernen und anwendungsorientierter Lehre an der Hochschule erhöht durch modernes E-Learning und Social Learning die digitale Kompetenz für die aktuelle Arbeitswelt (vgl. Zukunft der Arbeit BMBF, Digital Workforce Accenture). Den Grad der Umstellung können dabei alle Lehrenden selbst bestimmen. Wir leben in einer digitalen Welt, von daher ist es keine Frage mehr, ob Digitales in der Lehre Anwendung findet, sondern nur wie.


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Kommentare anderer Nutzer

Bildungsbibel | 15.02.2017 um 22:46 [Antworten]

E-Learning - Ein Zusatz, kein Ersatz

Das E-Learning sollte ein Zusatz für den traditionellen Unterricht sein, diesen aber nie versuchen zu ersetzen. Ein Dozent, Lehrer oder Professor kann wesentlich besser auf die Individualität eines Schülers oder Studenten eingehen, sofern sie didaktisch und vor allem menschlich kompetent genug sind. Gerade der Zusatz, den die Digitalisierung für das Lernen bietet ist natürlich enorm. Gerade wenn ich an die vielen Lehrvideos in Youtube denke oder die Kurzanleitungen, welcher dieser Dienst bietet. Effizient dabei ist es auch eine Kompetenz durch die reine praktische Erfahrung zu erwerben, ohne mich dafür durch Massen von Büchern zu wälzen. Jedoch denke ich, dass ein Lehrer, welcher auf die Lernfähigkeit seiner Schüler eingehen kann ein besser Lehrer ist als alle digitalen Produkte des E-Learning.

Viele Grüße

Michael


 

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