Eindruck vom Hackathon, Entwicklung von Prototypen

Meinung: Bildung ist ein öffentliches Gut und kein Geschäftsmodell

Bildung ist ein öffentliches Gut und kein GeschäftsmodellWie viel Einfluss darf die (Digital-)Wirtschaft auf den Bildungssektor nehmen? ( Alexis_Fotos / bearbeitet / Pixabay / Lizenz CC0 )

Bildung ist ein öffentliches Gut und kein GeschäftsmodellMarina Schmerr ( privat / bearbeitet / CC BY-SA 4.0 )
Schulen werden zunehmend zum Spielfeld für private und wirtschaftliche Interessen. Die Digitalisierung schulischer Bildung kann dabei durchaus als Einfallstor gesehen werden. Große Konzerne bieten ihre Hard- und Software längst im Paket mit Fortbildungen, Unterrichtskonzepten und Lernplattformen an. Die öffentlichen Diskussionen über die schulische Ausstattung, über die curriculare Verankerung (Fach Informatik versus Querschnittsaufgabe Medienbildung) oder auch über Tools wie Open Educational Resources (OER) und Massive Open Online Courses (MOOCs) stehen indessen oft unter dem Einfluss von Stiftungen, IT-Interessenverbänden oder der Unternehmerseite.

Allein was die Ausstattung betrifft sind Schulen bereits jetzt ein Milliardenmarkt. Vor allem die beiden großen Anbieter Microsoft und Apple ringen um die Marktführung an Schulen, indem sie vergünstigte Hardware, Fortbildungen für Lehrkräfte sowie einschlägige Produkte und Programme anbieten. Derjenige, der den Fuß in die Tür bekommt, gewinnt die Kundschaft von morgen. Beide Konzerne haben die Lehrkräfte noch auf andere Weise als "Multiplikatorinnen und Multiplikatoren" im Visier.[1] Microsoft zeichnet zum Beispiel sogenannte "Expert Educators" aus und lädt jährlich zum "Microsoft in Education Global Forum" nach Barcelona ein. Apple bietet neuerdings das kostenlose Weiterbildungsprogramm "Apple Teacher" im Netz an und ermuntert zudem weltweit Lehrkräfte, sich zu "Apple Distinguished Educators" ausbilden zu lassen, um anschließend als Botschafterinnen und Botschafter für den Konzern den Einsatz von Apple-Produkten in ihren Schulen zu promoten oder auf Kongressen Werbung zu machen. Dass Schulungen dieser Art schon mal in noblen Hotels im Ausland stattfinden, gerät mittlerweile in den kritischen Blick von Fachleuten, die darin einen Verstoß gegen das Neutralitätsgebot der Schule, das Beamtenrecht oder Antikorruptionsrichtlinien sehen.[2]

Fragwürdig werden schulische Kooperationen oder "Lernpartnerschaften" mit Unternehmen – auch jenseits der Digitalindustrie – wenn Gegenleistungen seitens der Schule "erbracht" werden. Das geschieht bereits dann, wenn eine Schule Tablets anschafft und sich auf die Angebote im zugehörigen App-Store verpflichtet. Auch wurden Fälle von Werbebannern an Schulen bekannt oder Versuche, die Daten von Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften "abzugreifen".[3]

In den letzten Jahren konnte zudem ein großer Anstieg kostenloser Unterrichtsmaterialien von privaten Anbietern im Netz verzeichnet werden. 16 der 20 umsatzstärksten deutschen Unternehmen sind an der Produktion von Unterrichtsmaterialien beteiligt.[4] Viele Unternehmen betreiben Werbung, Public Relations, Green- oder Whitewashing, indem sie über ihre Online-Materialien die Lernenden subtil zu beeinflussen oder als künftige Konsumentinnen und Konsumenten zu erreichen versuchen.

Wenn man die Kultusministerien darauf hinweist, wie stark die lobbyistische Einflussnahme und wie fraglich die Qualität der Materialien geworden ist, erntet man von vielen ein Schulterzucken oder den Verweis auf die Schulautonomie verbunden mit dem optimistischen Credo, die Schulen "machten das schon". Öffentliche Verantwortung – Fehlanzeige. Die Forderung der Gewerkschaften nach einer öffentlich finanzierten Prüf- oder Monitoringstelle fand kein Gehör. Erst kürzlich ist indessen ein Versuch in Hessen – offenbar auf Druck der Unternehmerlobby – gescheitert, Werbung schulgesetzlich einzuschränken.[5] Wenigstens wollen die Kultusministerkonferenz (KMK) und das Bundesbildungsministerium (BMBF) beim Thema Open Educational Resources (OER) nicht untätig sein.[6]

Schulen sollten sich – auch wenn sie dem Dilemma, sich für einen Anbieter entscheiden zu müssen, kaum entkommen können – die kommerziellen Dimensionen klar machen und versuchen, in ihren Entscheidungen dennoch möglichst frei zu bleiben. Oder auch überlegen, ob sie mit mehreren Anbietern oder auch mit Linux und anderen Open-Source-Programmen arbeiten. Bestenfalls wird die kommerzielle Zwickmühle in jeder Schule offen kommuniziert und diskutiert, ggf. auch im Unterricht, wo Schülerinnen und Schüler sich mit den ökonomischen und kommerziellen Dimensionen der Digitalwelt auseinandersetzen könnten. Die Unabhängigkeit von Schulen wäre außerdem dann weniger gefährdet, wenn die öffentlichen Etats für Medienfortbildungen, für die IT-Ausstattung an Schulen und für Lehr- und Lernmittel aufgestockt würden.

So fordert die GEW in ihrem jüngsten Beschluss[7] mehr öffentliche Verantwortung und Mittel für die digitale Ausstattung von Bildungseinrichtungen. Die Gewerkschaft setzt sich weiterhin für Richtlinien für Public Private Partnerships und Lernpartnerschaften ein, um den öffentlichen Bildungsauftrag, die pädagogische Autonomie und das Neutralitätsgebot von Schulen zu schützen.

Zentral für die GEW sind zudem der Schutz der Daten von Lernenden und Lehrenden sowie die Rechtssicherheit bei der Nutzung digitaler Medien im Unterricht. Bezogen auf Open Educational Resources (OER) und (digitale) Unterrichtmaterialien privater Anbieter fordert die GEW ein Mindestmaß an öffentlicher Verantwortung für Qualität und Transparenz. Für die Qualität der bereitgestellten Inhalte sind Prüfkriterien sowie Orientierungshilfen für Schulen und Lehrkräfte zu entwickeln. Dazu gehört nicht zuletzt, die Einflussnahme von Privatwirtschaft und Lobbyisten zu begrenzen. Bildung ist ein öffentliches Gut und kein Geschäftsmodell.

Weiterführender Link: GEW – Medienbildung

Gegenposition - Ohne digitale Bildung werden persönliche Karrierechancen verspielt


Ohne digitale Bildung werden persönliche Karrierechancen verspieltWie viel Einfluss darf die (Digital-)Wirtschaft auf den Bildungssektor nehmen? ( Averdiek / bearbeitet / Pixabay / Lizenz CC0 )

Prof. Dr. Tobias Kollmann ist für mehr wirtschaftliches Engagement im Bildungsbereich.

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