Eindruck vom Hackathon, Entwicklung von Prototypen

Vom Silicon Valley in die Schule?

Collaboration Tools, Coworking Spaces und Design Thinking Labore – omnipräsente Begriffe aus digital geprägten Arbeitsumgebungen. Doch welche Ideen stehen dahinter und welche dieser Methoden sind auch im Schulkontext anwendbar?

Vom Silicon Valley in die Schule?Lassen sich Methoden aus dem Silicon Valley auf die schulische Bildung übertragen? Ideenfindung mit Hilfe von Design-Thinking-Methoden. (Fotografin: Kristina Malis)

Der schulischen Bildungsarbeit sind viele Grenzen gesetzt: räumlich durch den Ort und die Architektur der Lernumgebung, zeitlich durch die Organisation und Struktur des Schulalltags. Hinzu kommen systemische und institutionelle Grenzen in der Ausbildung von Lehrenden und beim Zugang von Kindern und Jugendlichen zu bestimmten Schulformen. Nicht zuletzt gelangen auch Lehrende an persönliche Grenzen, die bestenfalls zu einer Reflexion der eigenen Position, Rolle und Haltung führen können.

Grenzen schränken ein, fordern aber auch dazu heraus, sie zu hinterfragen, zu öffnen und Strukturen neu zu denken. Wie können in der Schule Arbeitsprozesse effektiver organisiert werden? Lohnt sich gar ein Blick in die Wirtschaft und kann die Adaption von Unternehmensstrategien sinnvoll sein? Fragen, die auf der Tagung Beyond Limits. Offene Grenzen in Schule und LehrerInnenbildung im März 2018 in Köln diskutiert wurden.

Die Professorin für Personal- und Organisationspsychologie Sabine Remdisch leitet das Institut für Performance Management an der Leuphana Universität Lüneburg und beschäftigt sich hauptsächlich mit dem "Führen und Arbeiten in der digitalen Welt". In ihrer Keynote sprach sie über die Arbeitsweise des H-STAR Institute der Universität Stanford im Silicon Valley, wo sie derzeit als Gastwissenschaftlerin forscht. Dabei formulierte sie zentrale Thesen zu Veränderungen der Arbeitswelt und Anforderungen an Führungskräfte.

Wir haben fünf herausgegriffen, die für Bildungskontexte besonders interessant sein können:

1. Von der Digitalisierung zur Innovation

Digitalisierung sei ein unpräzise verwendeter Begriff, da er sowohl zur Beschreibung technischer Entwicklungen als auch für Auswirkungen auf gesellschaftliche Prozesse genutzt werde. "Im Silicon Valley spricht niemand von Digitalisierung, sondern von Innovation", sagt Remdisch. Es gehe primär um das Erfinden und Entwickeln neuer Ideen, Projekte und Konzepte mit und durch verschiedene Technik(en). Es brauche letztlich den Mut, Innovationen zu wagen und Grenzen im Kopf zu überwinden.

2. Vom Ich zum Wir – Netzwerke lösen Hierarchien ab

In Tech- und IT-Firmen bemesse sich Macht vor allem über den Einfluss in sozialen Netzwerken. Teamwork sei die essenzielle Arbeitsform, denn gute Ideen ließen sich nur gemeinsam entwickeln und ausgestalten. Kollaborationswerkzeuge (Collaboration Tools), also Methoden und Programme zur gemeinsamen Bearbeitung etwa von Dokumenten, könnten bei der Ideenfindung helfen und würden zudem suggerieren, dass alle Ideen gleichermaßen wertvoll seien. Ähnlich der "Schwarmintelligenz" in sozialen Netzwerken seien es die Ideen und Ergebnisse von Gruppenprozessen, die für dynamisches und innovatives Arbeiten als wertvoll erachtet würden.

3. Coworking Spaces – Führen auf Distanz

Ein heller, offener Raum, ausgestattet mit mehreren Schaukeln, Sitzecken und Laptops: Auch architektonisch spiegle sich die Flexibilität der Arbeitswelt Remdisch zufolge heute in aktuellen Arbeitsumgebungen wider. Mitarbeitende aus verschiedenen Projekten, Initiativen oder Unternehmen würden hier an einem Ort zusammengebracht. Aufgrund dieser Coworking Spaces müssten Führungskräfte laut Remdisch lernen, die eigenen Mitarbeitenden neu an sich zu binden – trotz räumlicher Distanz.

4. Empowerment statt Kontrolle

Nichts laufe ohne Partizipation. Mitarbeitende wollen mitmachen, mitgestalten und sich aktiv in Arbeitsprozesse und -ideen einbringen. Hierfür müssten Freiräume geschaffen, Mitarbeitende befragt und ernstgenommen werden. Ihnen müsse das Vertrauen entgegengebracht werden, dass sie selbstständig arbeiten können.

5. Instant Feedback

Mitarbeitende fordern vermehrt Feedback. Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber müssten darauf reagieren und mehr Gelegenheiten für diese Rückmeldungen schaffen. Viele Unternehmen arbeiten im Silicon Valley laut Remdisch mit der sogenannten Instant-Feedback-Methode: In regelmäßigen Intervallen, beispielsweise wöchentlich, bewerten sowohl die Mitarbeitenden als auch die Führungskräfte den Verlauf der vergangenen Woche oder ein spezifisches Projekt mit farblich ausgestalteten Smilies. So könne auf einen Blick die Zufriedenheit abgelesen und je nach Stimmungsbild ein vertiefendes Feedback angeschlossen werden.

(Über-)tragbarkeit für die Bildung?

Viele der Teilnehmenden diskutierten Remdischs Thesen im Anschluss an ihre Keynote offen und bewerten die Entwicklungen insbesondere auch auf ihre Anwendbarkeit für die Schule kritisch. Nach Meinung vieler Anwesenden sollten all diese Arbeitskonzepte gerade auch in Hinblick auf ihre zugrundeliegende Optimierungslogik vorsichtig betrachtet werden. Sei es als Lehrkraft beispielsweise wünschenswert, für die Schülerinnen und Schüler oder ihre Eltern auch außerhalb des Unterrichts stets via WhatsApp erreichbar und dauerhaft ansprechbar zu sein? Welche persönlichen Belastungen bergen diese Flexibilität und ein "Führen auf Distanz"?

Dennoch bestand zwischen vielen Teilnehmenden Einigkeit darüber, dass sich aus den Thesen auch chancenreiche Methoden und Ansätze für die Schule ableiten ließen: Partizipationsmöglichkeiten für Schülerinnen und Schüler zu schaffen sowie die Unterstützung und Forcierung von Gruppenarbeit seien zwar keine grundlegend neuen Ideen, dennoch sei der Weg hin zu einer "Kultur des Teilens" an den meisten Schulen noch weit. Auch gemeinsame klassenübergreifende Begegnungsräume, Lernatmosphären und Arbeitsmethoden könnten im schulischen Kontext gewinnbringend sein. Hier könnten im Gegensatz zum Instant Feedback ausführliche Rückmeldungen zu persönlichen Entwicklungen förderlich sein. Nicht zuletzt seien es die Rollenverständnisse und Rahmenbedingungen, die Strukturen verändern könnten.

Aber wie genau kann das gelingen? Auf der Tagung setzten sich die Teilnehmenden kreativ mit dieser Herausforderung auseinander. In einem Design-Thinking-Format entwickelten sie Prototypen zur Zukunft des Lernens und Lehrens. So entstand unter anderem die Idee eines von Schülerinnen und Schülern selbstorganisierten Barcamps, das einmal im Jahr stattfinden und selbstbestimmtes Lernen sowie Peer-to-Peer-Learning fördern könne. Auch wurde der Prototyp "I learn" entwickelt, ein individuelles Lerncoaching mit Tablets, begleitet von Mentorinnen und Mentoren. Für die Lehrenden, aber auch für andere Erwachsene, die an einer Schule tätig sind, konzipierten einige Teilnehmende schließlich ein Lehrer- und Lehrerinnencafé, das – ähnlich der Coworking Spaces im Sillicon Valley – durch eine gemütliche Einrichtung und kollaborative Arbeitsplätze eine einladende Atmosphäre für Austausch und Teamwork schaffen soll.

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Hintergrundinformationen zur Entstehung des Textes

Der Beitrag entstand anlässlich der Tagung Beyond Limits. Offene Grenzen in Schule und LehrerInnenbildung, die am 22. und 23. März 2018 an der Universität zu Köln stattfand und vom Zentrum für LehrerInnenbildung der Universität zu Köln (ZfL), der Stiftung der Deutschen Wirtschaft (sdw) und der Robert Bosch Stiftung veranstaltet wurde. Nach einer Keynote erarbeiteten die Teilnehmenden in Workshops verschiedene Themenfelder, um Grenzen in Bildungskontexten neu zu denken und zu diskutieren.


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