Eindruck vom Hackathon, Entwicklung von Prototypen


"Wichtig ist, das Gesehene und Gehörte aktiv zu verwerten"

Wie gelingt es, Kindern einen verantwortungsvollen Medienkonsum beizubringen? Kristin Langer von der Initiative "SCHAU HIN! Was dein Kind mit Medien macht" über die Vorbildfunktion von Eltern in der Medienerziehung und darüber, wie Familien digitale Medien sinnvoll in ihren Alltag integrieren können.

Ein Junge sitzt draußen auf einer Treppe und starrt auf sein Smartphone.Stundenlanges Spielen: Wenn Eltern ihren Umgang mit Medien nicht regulieren, fällt Selbstkontrolle meist auch den Kindern schwer. ( Gaelle Marcel / bearbeitet / Unsplash / Lizenz: Unsplash Licence)

werkstatt.bpb.de: Eltern haben in vielen Bereichen eine Vorbildfunktion für ihre Kinder. Inwiefern trifft das auch auf die Mediennutzung zu und was bedeutet das konkret für das Familienleben und die Erziehung?

Tatsächlich ist es sehr wichtig, dass Eltern ihren Kindern bewusst vorleben, wie man die unzähligen Möglichkeiten digitaler Medien am besten nutzt. Langfristig sollten Kinder ja in der Lage sein, selbstbestimmt, aber verantwortungsvoll und angemessen mit den Angeboten umzugehen. In der Familie werden hierfür die Grundlagen geschaffen. Das braucht viel Geduld, und die Vorbildfunktion ist dabei ein wichtiger Faktor. Erfahren Kinder hingegen, dass sie aufgrund der elterlichen Mediennutzung ständig eine "Nebenrolle" spielen, dass ihre Anliegen nicht wichtig genug sind und die Eltern ihnen keine Aufmerksamkeit schenken, führt dies zu Enttäuschung, Ärger und letztendlich Konflikten. Außerdem kann es schwierig für Kinder werden, ein zuverlässiges System zur Selbstregulierung zu entwickeln, wenn ihre Eltern ihren eigenen Medienumgang nicht hinterfragen und kontrollieren.

Worauf sollten Eltern bei ihrem eigenen Medienkonsum achten, um ein gutes Vorbild zu sein?

Beruflich wie privat sind Eltern zunehmend vernetzt. In vielen Arbeitsfeldern lassen sich familiäre und arbeitsbezogene Angelegenheiten nur schwer trennen. Eltern können ihren Medienkonsum aber zumindest einschränken, wenn sie zwei Dinge beachten: Wenn sie erstens erkennen, dass eine Mediennutzung rund um die Uhr zwangsläufig zur persönlichen Überlastung führt, und wenn sie sich, zweitens, eine unterstützende Struktur aufbauen, die sie konsequent nutzen. Verwenden Eltern beispielsweise ein Dual-Sim-Handy, können sie mitunter leichter mit Kollegen vereinbaren, wann sie erreichbar sind, und Familienzeiten als angekündigte "Auszeiten" handhaben. Beim Abholen der Kinder von Schule oder Kindergarten oder in anderen Schlüsselsituationen bleibt dann Zeit für einen gemeinsamen und ungestörten Austausch.

Warte- und Wegezeiten werden mittlerweile meistens dazu genutzt, zu chatten, Nachrichten aus dem Weltgeschehen oder YouTube-Filme als Zeitvertreib anzuschauen sowie E-Mails zu checken. Zu erfahren, dass das Leben aber eben nicht immer derart "zweigleisig" ablaufen muss, ist ein wichtiger Wert, den Eltern ihren Kindern mitgeben können.
Kristin Langer ( Foto: bearbeitet / Quelle: SCHAU HIN! )Kristin Langer ( Foto: bearbeitet / Quelle: SCHAU HIN! )
Für Kinder ist es sinnvoll, zu lernen, solche Momente auch ohne digitale Unterstützung zu erleben: Dazu gehört zum Beispiel, mit anderen bei der Bahnfahrt ins Gespräch zu kommen, wahrzunehmen, welchen Weg ich zurücklege, ein Buch zu lesen oder in Gedanken zu verweilen. Laufen das Fernsehprogramm oder YouTube-Filme nicht pausenlos, sondern wird nach dem Sendebeitrag ausgeschaltet, bleibt Zeit für eigene Ideen und Themen. Wichtig ist, sich vom Gesehenen und Gehörten inspirieren zu lassen und es aktiv zu verwerten. Eltern können zum Beispiel nach einem Film oder Clip mit ihren Kindern Eindrücke und Meinungen abgleichen, gemeinsam mit den Kindern nach Zusatzinformationen über einen Sachverhalt, einen Star oder eine Sportart recherchieren oder zu Aktivitäten anregen, die das Gesehene praktisch umsetzen: Also beispielsweise ein Rezept nachkochen, ein Experiment durchführen oder eine Foto-/Videoreportage produzieren.

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Über unsere Interviewpartnerin

Kristin Langer ist diplomierte Medienpädagogin und arbeitet als Mediencoach bei der Initiative SCHAU HIN! Zudem ist sie seit vielen Jahren als freie Dozentin in der Erwachsenen- und Lehrerfortbildung sowie als Referentin für die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) tätig. Kristin Langer hat eine Tochter.


Expertinnen und Experten schlagen häufig Medienfasten vor, um Kindern wieder mehr Zeit für Hobbys und Interessen außerhalb der digitalen Welt zu eröffnen. Was genau ist Medienfasten und wie kann es in der Familie umgesetzt werden?

Verabredet die Familie ein Medienfasten, legen alle gemeinsam fest, welche Geräte an welchen Tagen und zu welchen Zeiten Pause haben. Zum Beispiel kann die Familie vereinbaren, einen Tag pro Woche medienfrei zu halten, keine digitalen Geräte im Urlaub zu nutzen oder die Mediennutzung nur auf das Wochenende zu beschränken. Das fällt vielen am Anfang schwer und wird erst als Verlust empfunden. Nach einer Eingewöhnungszeit, so zeigt die Erfahrung, entwickeln sich jedoch Gewohnheiten, die geschätzt werden. Interessant ist zudem, sich möglichst unvoreingenommen über die persönlichen Erfahrungen zu unterhalten: Wozu haben wir gemeinsam mehr Zeit als sonst? Aber auch: Was vermissen die einzelnen Familienmitglieder in der medienfreien Zeit? Wann fällt es ihnen besonders schwer, "off" zu sein und was kann man dagegen tun? Manche Familien führen ein Tagebuch, jede/r einzelne oder als Gemeinschaftsbuch, um die gesammelten Eindrücke festzuhalten und zu besprechen. So wird daraus ein gemeinsames Erlebnis für die ganze Familie.

Welche anderen Strategien gibt es, um Kindern einen verantwortungsvollen Medienkonsum beizubringen?

Wichtig ist, dass Eltern mit ihren Kindern im Gespräch sind, um herauszufinden, was die Kinder beschäftigt: Was genau interessiert sie an Medienangeboten? Was schauen oder hören sie, welche Seiten oder Spiele sind angesagt? Eltern sollten ihre Kinder von Anfang an begleiten und frühzeitig über die Risiken, aber auch die vielfältigen Möglichkeiten der Mediennutzung aufklären. Dazu gehört auch, dass Kinder Medien ausprobieren dürfen und lernen, sie mit Unterstützung der Eltern kritisch einzuschätzen. Auf dieser Grundlage können Eltern gemeinsam mit ihrem Kind die Mediennutzungszeiten festlegen. Bei jüngeren Kindern bis zehn Jahren ist es gut, wenn ein tägliches Maß bei der Mediennutzung nicht überschritten wird. Bei älteren Kindern kann ein wöchentliches Zeitkontingent für Games, Internet und TV festgelegt werden, mit dem das Kind dann "haushalten" lernt. Als grobe Orientierung ab dem Grundschulalter kann ein Limit der Medienzeit von zehn Minuten pro Lebensjahr am Tag oder 1 Stunde pro Lebensjahr in der Woche gelten.

Wichtig ist, dass die aufgestellten Regeln eingehalten werden. Dabei helfen Klassiker wie eine Eieruhr neben dem Bildschirm, Timer-Einstellungen auf dem Smartphone oder auch Regeln verbindlich festzuhalten, etwa in einem Mediennutzungsvertrag. Zudem ist es auch möglich, Zeitbegrenzungen im Betriebssystem (PC/Windows; iOS), durch externe Jugendschutzsoftware (auch mobil), bei Spielkonsolen und in der Spielsoftware selbst einzustellen.


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    Kristin Langer ( Foto: bearbeitet / Quelle: SCHAU HIN! )

    Eltern sollten ihre Kinder von Anfang an begleiten und frühzeitig über die Risiken, aber auch die vielfältigen Möglichkeiten der Mediennutzung aufklären.

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    Wichtig ist, dass die aufgestellten Regeln eingehalten werden.

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    Kristin Langer ( Foto: bearbeitet / Quelle: SCHAU HIN! )

    Letztendlich geht es immer darum, das Verhältnis zwischen Mediennutzung und anderen Aktivitäten auszubalancieren.

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    Kristin Langer ( Foto: bearbeitet / Quelle: SCHAU HIN! )

    Reagieren Eltern bei der Mediennutzung sorgenvoll, verängstigt oder gar misstrauisch, können Konflikte mit dem Nachwuchs entstehen.

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Zu guter Letzt sollten Eltern sich auch damit beschäftigen, für welches Alter welche Medieninhalte geeignet sind. Erste Orientierung geben hier die Einstufungen der Anbieter (FSK bei Filmen; USK bei Games) sowie ergänzend die medienpädagogischen Altersempfehlungen von Empfehlungsportalen. Eltern und Kinder sollten sich immer wieder darüber austauschen, warum es sinnvoll ist, Medienangebote erst dann zu nutzen, wenn man sie inhaltlich und emotional verarbeiten kann.

Ein häufiges Argument von Kindern ist, dass ihre Klassenkameraden bestimmte Dinge auch (schon) dürfen. Wie können Eltern darauf reagieren?

Bei jüngeren Kindern genügt oft der Satz "Ich denke (noch) mal drüber nach und informiere mich genau darüber". Dann wird sich herausstellen, ob mein Kind wieder auf den Wunsch zurückkommt oder ob es nur ein "Strohfeuer" war. Es ist wichtig, dass Eltern sich selbst eine Meinung bilden. Geht es um Spiel- oder Filminhalte, gleichen Eltern die Angebote besser im Voraus mit ihren eigenen Rollen- und Wertvorstellungen sowie ethischen Grundsätzen ab, bevor sie zu einer Entscheidung kommen. Gut ist es auch, wenn Eltern ein offenes Ohr für die Argumente ihrer Kinder haben, damit sie sich ein Bild von der Situation machen können: Fordert mein Kind etwas aus eigener Überzeugung (auch wenn die nicht mit meiner übereinstimmt) oder aufgrund des sozialen Drucks? Sich mit anderen Eltern zu beraten oder Ratschläge von Expertinnen und Experten zur Situation einzuholen, kann Eltern bei ihrer Entscheidungsfindung unterstützen.

Welche Angebote hat die Initiative SCHAU HIN! für Eltern?

Das Herzstück der Informationsarbeit ist die SCHAU HIN!-Webseite, die über aktuelle Entwicklungen der Medienwelt mit ihren Chancen und Risiken informiert. In sogenannten Medienbriefen für die Altersstufe von 3 – 13 Jahren erhalten Eltern kurze, verständliche, alltagstaugliche Tipps zur Medienerziehung. Eltern können sich via Chat-Hotline und Messenger direkt mit ihrer Frage an SCHAU HIN! wenden und erhalten in kurzer Zeit persönliche Antworten vom Team beziehungsweise von den Mediencoaches.

Viele Eltern haben Angst, dass sie ihre Kinder zum Beispiel an das Smartphone "verlieren". Wie kann man dem vorbeugen?

Aus meiner Beratungsarbeit erlebe ich bei Eltern von Klein- und Vorschulkindern sehr häufig eine deutliche Reduzierung bis strikte Ablehnung digitaler Medienangebote. Tatsächlich ist es wichtig, dass Kinder vielfältige Erlebnismomente außerhalb der digitalen Welt haben, damit sie grundlegende Fertigkeiten mit allen Sinnen entwickeln können. Das ist entscheidend für ihre geistige, sprachliche, emotionale und soziale Entwicklung. Nur so entsteht ein Repertoire an Handlungsmöglichkeiten, das sie von Medien und deren Angeboten unabhängig macht. Je älter die Kinder werden und je besser Eltern ihre Kinder einschätzen lernen, desto offener werden Erziehende gegenüber Medienangeboten und erachten diese auch als Möglichkeit zur Weiterentwicklung ihrer Kinder. Wenn hier das rechte Maß im Alltag nicht aus dem Blick gerät, hat die Mediennutzung einen angemessenen Stellenwert. Letztendlich geht es immer darum, das Verhältnis zwischen Mediennutzung und anderen Aktivitäten auszubalancieren.

Bei Eltern von Teenagern überwiegt oft die Sorge darüber, nicht mehr Bescheid zu wissen, wo der Nachwuchs unterwegs ist und nicht alles kontrollieren zu können. Hinzu kommen die Momente, in denen sie sich überflüssig fühlen, weil sich ihre Kinder im Entwicklungsprozess von ihnen unabhängiger machen. Reagieren Eltern bei der Mediennutzung sorgenvoll, verängstigt oder gar misstrauisch, können Konflikte mit dem Nachwuchs entstehen, die sich verhärten und ein Gespräch über angemessene Mediennutzungszeiten unmöglich machen. Das muss nicht sein. Deshalb plädiere ich für einen intensiven und ehrlichen Austausch mit Kindern, bei dem gegenseitiges Vertrauen und Respekt wichtige Aspekte sind. Bin ich als Elternteil auf dem Laufenden, was mein Kind in der Medienwelt nutzt, wie es sich mit anderen vernetzt und warum ihm das wichtig ist, kann ich seine Aktivitäten besser einordnen und verstehen. Gleichzeitig kann ich von meinem Kind aber auch fordern, sich auf familiäre Wichtigkeiten einzulassen, sich mir und anderen gegenüber sozialverträglich zu verhalten. Das bedeutet konkret, dass Kinder auch lernen, eigene Interessen und Belange zurückzustellen, um für anderes offen zu sein.

Welche Kompetenzen sollten Eltern selbst mitbringen, um das Mediennutzungsverhalten ihrer Kinder gut begleiten zu können?

Eine gute Voraussetzung ist es, wenn sich Eltern regelmäßig grundlegend über neue Entwicklungen im Medienbereich informieren, die Informationen aber auch kritisch hinterfragen und sich einen eigenen Standpunkt erarbeiten. Hier brauchen Eltern Interesse an der Medienwelt und die Fähigkeit, sachlich auswerten und entscheiden zu können, ohne sich von Werbeversprechen überrumpeln zu lassen. Außerdem müssen sich Eltern bewusst machen, dass für sie als erwachsene Mediennutzerinnen und -nutzer andere Dinge wirksam sind als für Heranwachsende. Und wie in vielen anderen familiären Situationen auch, ist es gut, wenn Eltern bei Regeln und Verabredungen konsequent handeln, um ihrem Kind Sicherheit und Orientierung zu geben.

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Über SCHAU HIN! Was dein Kind mit Medien macht

SCHAU HIN! wurde 2003 vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, den beiden öffentlich-rechtlichen Sendern Das Erste und ZDF und der Programmzeitschrift TV Spielfilm gegründet. Die Initiative bietet Eltern und Erziehenden Orientierung in der digitalen Medienwelt und gibt konkrete Tipps, wie sie den Medienkonsum ihrer Kinder kompetent begleiten können. Auf der Webseite finden Eltern neben Informationen auch Themenbroschüren mit Hinweisen für spezielle Medien sowie interaktive Angebote wie etwa den Elterntest oder das Medienquiz.


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