Eindruck vom Hackathon, Entwicklung von Prototypen


Fachtagung BNE: Emotionen ja, Vereinfachung nein

Wie wird Bildung für nachhaltige Entwicklung an den Schulen in Deutschland umgesetzt und wie kann die Partizipation von Schülerinnen und Schülern dabei gestärkt werden? Darum ging es bei der zehnten KMK-BMZ Fachtagung zur Umsetzung und Weiterentwicklung des Orientierungsrahmens Globale Entwicklung.

Schülerinnen und Schüler prägten die Tagung in Leipzig aktiv mitSchülerinnen und Schüler prägten die Tagung in Leipzig aktiv mit (© Alexander Schmidt/Engagement Global)

Bereits bei den ersten Warm-ups der zweitägigen Fachtagung wurde deutlich: Bei dieser Tagung war etwas anders als sonst. Die Fridays-for-Future-Bewegung (FFF) und das verstärkte Engagement von Jugendlichen in den Themenbereichen Klima und Nachhaltigkeit wurden durch die vielen jungen Leute sichtbar, die die Konferenz aktiv prägten. Beim Auftaktpodium saßen Sania Böhme (LandesSchülerRat Sachsen), Annalen Stöger (SV-Bildungswerk) und Jonas Kruse (Staatliches Berufliches Schulzentrum Schweinfurt) zusammen und legten ihre Sicht auf die Umsetzung von BNE in den Schulen, die Klimaproteste der Schülerinnen und Schüler und die Rolle der Schulen im Umgang mit den Protesten dar.

Auf die Frage, wie sich Schule im Sinne der Nachhaltigkeit weiterentwickeln könnte, hatten alle drei konkrete Vorstellungen: Sie vertraten die Auffassung, dass Schule Lernerfahrungen in kreativen Lernsettings ermöglichen, der Delegitimierung von Haltungen junger Menschen aufgrund ihres Alters ein Ende machen, zukunftsgewandte Themen stärken und diese auch immer wieder mit den Lebensrealitäten der Schülerinnen und Schüler abgleichen sollte. Ein Thema, bei dem vor allem Jonas Kruse Handlungsbedarf sah, war die Stärkung der Medienkompetenz von Lehrenden.

In der anschließenden Diskussion rund um die Frage, wie Engagement im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung gelingen kann und welche Rolle die Schule dabei spielt, blieben jedoch auch Fragen offen: Wie können die Räume für mehr Engagement der Schülerinnen und Schüler geschaffen werden? Woher sollen Lehrerinnen und Lehrer die Zeit dafür nehmen? Und wer entscheidet, welches Engagement es wert ist, auch am Lernort Schule Raum zu nehmen, und welches nicht?

"Interesse an globaler Entwicklung - der Beitrag schulischer BNE"

Der Diskussion zugeschaltet wurde anschließend Dr. Marina Wagener mit ihrem Vortrag "Interesse an globaler Entwicklung - der Beitrag schulischer BNE". Darin legte sie unter anderem dar, dass für eine Stärkung von BNE in der Schule das Kompetenzerleben gefördert werden müsse. Da die Themen von BNE jedoch häufig global und damit abstrakt beziehungsweise komplex seien, stelle sich die Frage, wie die Schülerinnen und Schüler Wirksamkeit erleben könnten, ohne dass entsprechende Lernformate die Komplexität der verhandelten Themen zu stark reduzieren. Als Beispiel führte sie eine Studie an, in der eine Schulklasse aus dem globalen Norden eine Patenschaft für ein Kind im globalen Süden übernommen hatte. Das Studienergebnis zeigte: die Schülerinnen und Schüler sammelten zwar Wirksamkeitserfahrungen, darüber hinaus kam es jedoch nicht zu einer vertieften Auseinandersetzung mit komplexen globalen Problemlagen. Daraus lässt sich laut Wagner unter anderem ableiten, dass Lernen im Sinne von BNE den Spagat schaffen muss, Selbstwirksamkeitserfahrungen zu ermöglichen und gleichzeitig die Beschränktheit der eigenen Handlungs- und Einflussmöglichkeiten aufzuzeigen.

Für die Förderung von Autonomieerleben sei es Wagner zufolge zentral, auch die Wahrnehmung der Jugendlichen als selbstbestimmt handelnde Personen zu stärken. Hierfür gelte es vor allem, jenseits von moralischer Überwältigung Angebote für echte und freiwillige Partizipation zu schaffen, Jugendliche sozial einzubinden und die lokale Relevanz globaler Prozesse aufzuzeigen.

Ideen spinnen im Open Space

Für den Montagnachmittag standen zwei Open Space-Runden auf dem Programm. Bei der Session-Planung waren es abermals Jugendliche, die ihre Workshopideen zuerst einbrachten. Von "In 90 Minuten Begeisterung wecken für BNE bei Lehrer*innen", über "Postkoloniale Ansätze in BNE – Umgang und Lernen" bis hin zu "BNE und Digitalisierung" war alles dabei.
Innerhalb kürzester Zeit war die Open Space Phase mit vielseitigen Workshops gefüllt.Innerhalb kürzester Zeit war die Open Space Phase mit vielseitigen Workshops gefüllt. (© Alexander Schmidt/Engagement Global)

Im Workshop "Spaziergang mit Jugendlichen“ boten Schülerinnen und Schüler, von denen viele im SV-Bildungswerk aktiv sind, die Möglichkeit, sich in Kleingruppen über BNE (in der Schule) auszutauschen: Wünsche nach einer stärkeren Interaktion im Unterricht und einer besseren Verknüpfung von Digitalisierung bzw. Medienkompetenz und BNE wurden laut. Auch das Aufweichen der Rolle des Lehrenden vom Wissensvermittler zum Lernbegleiter wurde diskutiert. "Der Lehrer muss gar nicht alles wissen. Aber er muss es ermöglichen, dass Schülerinnen und Schüler, die in einem Thema einen besseren Durchblick haben als die lehrende Person, anerkannt und akzeptiert werden", so einer der Teilnehmenden.

In der zweiten Open Space-Phase wurde unter anderem der Workshop "Digitalisierung & BNE" von Tina Simon des aha e.V. aus Dresden angeboten. Die Teilnehmenden stellten sich dabei gegenseitig Apps und Anwendungen vor, die sie im schulischen sowie außerschulischen Bildungsbereich zu globalen Themen verwenden. Auch die grundsätzliche Frage "Was bringen diese digitalen Lernmöglichkeiten überhaupt und welche Anwendung hat welches (Lern-)Ziel?" wurde besprochen. Dabei wurde insbesondere das kollaborative Arbeiten im Kontext von BNE und globalem Lernen in den Fokus gerückt. Darüber hinaus sahen Teilnehmende in Apps und neuen Kommunikationsmöglichkeiten (wie z.B. Video- und Webtelefonie) die Chance, abstrakte Fragen von globaler Gerechtigkeit näher an die Schülerinnen und Schüler heranzuführen. Zudem könnten Möglichkeiten der Simulation dazu beitragen, sich Unbekanntes besser vorstellen zu können. So verdeutlicht beispielsweise das Tool En-ROADS, das anhand von Prognosen, wie die Klimaziele durch Änderungen bei Energie, Landnutzung und anderen politischen Maßnahmen erreicht werden können.

Ist-Stand der Umsetzung von BNE

Tag zwei der Konferenz begann mit einer Bestandsaufnahme von Nicola Fürst-Schuhmacher (Leiterin Schulische Bildung Engagement Global) und Magdalena Metzler (Landeskoordinatorin Sachsen) zum Ist-Stand bei der Umsetzung des Orientierungsrahmens BNE. Themen waren unter anderem die Einführung des Orientierungsrahmens in immer mehr Bundesländern und Veröffentlichungen, die in Folge von Fachtagungen entstanden sind – etwa "OER und BNE".

Für den Rest des Tages wurde in Workshops zu folgenden Themen gearbeitet:
  1. BNE in virtuellen Welten – VR in Unterricht und Schule
  2. Mehrebenenansatz zur strukturellen Verankerung von BNE
  3. Qualifizierung von Multiplikatorinnen und Multiplikatoren für BNE – Inhalte und (Schüler-)Partizipation
  4. Nachhaltigkeit braucht Emotionen – Chancen und Möglichkeiten für BNE
  5. Engagement lehren und lernen – Peer-to-Peer-Arbeit in Schulen
  6. Von der Idee zur Aktion – Schule im Sinne von Nachhaltigkeit mitgehalten.
  7. Die Erweiterung des Orientierungsrahmen Globale Entwicklung auf die gymnasiale Oberstufe
  8. SDG and me – Peers erklären Nachhaltigkeitsziele
Der Workshop "Nachhaltigkeit braucht Emotionen" wurde von Sabine Seiffert von Engagement Global geleitet. Inputgebende waren Bernd Overwien, bis Frühjahr 2019 Leiter des Bereiches "Didaktik der politischen Bildung" an der Universität Kassel, und die angehende Lehrerin Kristina Langender vom Friedensbüro Salzburg. Sie stellten sich und den Teilnehmenden die Frage: Wie können Bildnerinnen und Bildner mit Emotionen umgehen? Und welchen Wert haben Emotionen für den Lernprozess?

Kristina Langeder ging in ihrem Input auf den in ihren Augen konstruierten Dualismus von Emotion und Rationalität ein. In Anlehnung an die österreichische Philosophin Isolde Charim müsse eine funktionierende Demokratie dazu in der Lage sein, Emotionen ins politische System zu integrieren und ihnen nicht nur mit einem Appell an Vernunft und Rationalität begegnen. Im Falle einer Tabuisierung von Emotionen könne es ansonsten dazu kommen, dass diese ein "vagabundierendes Potenzial" entfalteten und damit anfällig für populistische Erklärungen und Bewegungen werden. [1]

Der für die politische Bildung zentrale Beutelsbacher Konsens beinhaltet das Überwältigungsverbot, das Kontroversitätsgebot sowie die Prämisse der Schüler- und Handlungsorientierung. Die Kompetenzen, die so vermittelt werden sollen, sind politische Sachkompetenz, politische Urteilsfähigkeit sowie Kritik- und Konfliktkompetenz. Sollten nun positive Emotionen gefördert und negative beschwichtigt werden, um diese Ziele zu erreichen? Die Teilnehmenden und Kristina Langeder waren sich einig: eine Einteilung in positive und negative Emotionen ist nicht sinnvoll. Stattdessen gehe es darum, Reflexionsräume für Emotionen zu eröffnen und, auch basierend auf Emotionen und Gefühlen, Möglichkeitsräume zu erkunden.

Auch Bernd Overwien stellte zu Beginn seines Inputs klar: die Unterscheidung in positive und negative Gefühle trägt nicht. "Selbst Angst kann ein Auslöser für Handeln sein. Und zwar ein sehr wichtiger."

In der politischen Bildungsarbeit rund um das Thema Klimawandel spiele Angst eine große Rolle. Bernd Overwien führte die Shell Jugendstudie für 2019 an: "Aktuell benennen fast drei von vier Jugendlichen die Umweltverschmutzung als das Hauptproblem, das ihnen Angst macht, gefolgt von der Angst vor Terroranschlägen (66 Prozent) sowie dem Klimawandel (65 Prozent)". [2] Dieses Ergebnis zeige zwar, dass BNE-Themen im Bewusstsein der Jugendlichen verankert seien. Bildnerinnen und Bildner müssten sich aber gut überlegen, auf welche Weise mit der Emotion Angst sensibel und produktiv umgegangen werden kann. Fehler der 1990er Jahre, in denen der Ansatz der sogenannten "Katastrophenbildung“ verfolgt wurde, dürften nicht wiederholt werden. Stattdessen müssten Zukunftsvisionen und positive Erlebnisse in den Vordergrund gestellt werden: Ansätze von Postwachstum, neue Narrative einer globalen Solidarität und das (Er)Leben von Demokratie könnten laut Overwien gute und verfolgenswerte Zugänge sein. (Mehr Informationen zum Thema BNE und Emotionen im Interview mit Bernd Overwien))

Fußnoten

1.
Vgl. Hamann, Frauke, https://www.frankfurter-hefte.de/artikel/die-pluralisierte-gesellschaft-2716/, Zugriff 19.11.2019
2.
Shell Jugendstudie 2019, https://www.shell.de/, S.15, Zugriff 12.11.2019
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