Bildung im digitalen Wandel

Kleines 3x3: Lehralltag und Digitalität

Hinterkopf mit Kopfhören und Hand mit zwei ausgestreckten Fingern, im Hintergrund ein Laptopdisplay mit einer geöffneten Videokonferenz.Digitale Lehre spielt im Alltag von Lehrerinnen und Lehrern eine immer größere Rolle. (Luisella Planeta Leoni, pixabay)

Wie tauschen Sie sich im Kollegium (digital) aus?

Jelena Cernysev: Wir tauschen uns im Alltag über Messenger-Dienste aus. Da haben wir extra einen Chat eingerichtet über den auch Fotos geteilt werden können, falls jemand mal schnell eine neue Methode oder Bastelanleitungen, zum Beispiel für die Sankt Martins Laternen, teilen möchte. Auch Links zu Zeitungsartikeln, die für uns als Lehrende relevant sind, teilen wir dort. Ansonsten läuft ein großer Teil des Austauschs mittlerweile wieder im Lehrerzimmer: Wir reden über Schülerinnen und Schüler die fehlen oder tauschen Dokumente wie Pläne für Dienstbesprechungen aus. Alles in allem ein ziemlich interaktiver Prozess, in dem wir stetig in Kontakt miteinander stehen und zwischen analogen und digitalen Kommunikationswegen wechseln.

Frau mit dunkle Kurzhaarfrisur und BrilleVanessa Ordovás (© privat)
Vanessa Ordovás: Ich treffe andere Lehrbeauftragte zum Teil auf (Online-)Fortbildungen zur digitalen Lehre und neuen Tools. Da tritt man dann stark in den Austausch über das Gelernte. Ansonsten haben wir eine Messenger-Gruppe für Lehrkräfte, in denen wir uns austauschen können. Falls jemand mal in einer akuten Situation, wie beispielsweise Technik- und Anwendungsproblemen steckt, kann dort schnell um Rat gefragt und geholfen werden. Das funktioniert sehr gut.

Carsten Schmidt: Bei uns gibt es allgemein einen sehr guten und großen Austausch untereinander. Das läuft vor allem über E-Mails. Jeder von uns hat einen schulinternen Account. Über den Account sind nicht nur die Lehrkräfte zu erreichen, sondern auch die Schülerinnen und Schüler. Allerdings hat der Mailaustausch auch negative Seiten: eine Zeit lang wurden wir mit Mails überhäuft, die teilweise gar nicht für uns bestimmt waren. Jeder und jede hat quasi jede Mail bekommen. Wenn man ein paar Tage mal nicht ins Postfach geschaut hat, waren es schon an die hundert Mails. Da kamen dann auch die ersten Beschwerden. Mittlerweile wurde da aber von der Schulleitung technisch nachgebessert.

Und wie sieht der Austausch mit den Schülerinnen und Schülern aus?

Jelena Cernysev: Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie das gewährleistet werden kann. Mein Mentor im Referendariat hat beispielsweise eine Sprechstunde für die Schülerinnen und Schüler über Skype eingerichtet. Den Kindern und Jugendlichen ist es wichtig auch über andere Themen als die Schule zu reden. Sie wollen aus ihrem Leben berichten. Da ich noch nicht lange an der Schule arbeite, habe ich noch keinen idealen Weg für mich gefunden, um für die Schülerinnen und Schüler erreichbar zu sein. Ich möchte zwar ansprechbar sein, aber trotzdem nicht meine private Handynummer rausgeben. Ich weiß auch nicht genau, ob ich als Referendarin dazu befugt bin, digital mit den Schülerinnen und Schülern zu kommunizieren. Aber untereinander gibt es bei den Lernenden immer einen regen Austausch, auch außerhalb der Schulzeit. Das erzählen mir meine Schülerinnen und Schüler immer wieder.

Vanessa Ordovás: In meinen Online-Kursen muss ich immer schauen, dass die Lernenden auch untereinander in den Austausch treten können. Das funktioniert über verschiedene Tools wie Online-Pinnwände oder Gruppenarbeitsräume in Videokonferenz-Tools. Gerade beim Erlernen einer neuen Sprache ist der Austausch und das Sprechen ja unerlässlich. Ich merke kaum einen Unterschied zu analogen Unterrichtseinheiten, das ist ja heutzutage alles sehr intuitiv. Aber manche Teilnehmerinnen und Teilnehmer müssen sich daran erst gewöhnen. Ich merke schon Unterschiede zwischen verschiedenen Lerngruppen. Wenn ich beispielsweise eine Gruppe von Studierenden unterrichte, finden sie sich viel schneller in die digitalen Tools ein. Das ist anders, wenn ich mit Menschen arbeite, die sonst selten oder nie mit dieser Arbeitsweise in Berührung kommen. Da muss man sie ranführen und dann funktioniert es super.

Carsten Schmidt: Ich denke meine Schülerinnen und Schüler sind schon ganz gut vernetzt miteinander und tauschen sich auch aus. Das passiert bei ihnen vor allem im privaten Kontext. Mich können die Schülerinnen und Schüler, sowie die anderen Lehrkräfte auch jederzeit per Mail erreichen.

Welche Rolle haben digitale Lehrmethoden in Ihrer Ausbildung gespielt?

Jelena Cernysev: Obwohl ich noch bis vor kurzem an der Uni war und nun im Referendariat bin, hatte ich im Studium kaum Bezug zur digitalen Lehre. Im Vordergrund steht immer noch die Vermittlung des Lehrinhaltes. Wenn überhaupt haben wir etwas von den Studierenden aus höheren Semestern gelernt, die mit digitalen Medien bei der Unterrichtsplanung oder Vorbereitungen schon einmal in Berührung gekommen sind.

Junge Frau vor Wolken am MeerJelena Cernysev (© privat)
Dabei wird heute ja bereits in der Grundschule digital gelehrt. An meiner Ausbildungsschule wurden iPads für die Kinder angeschafft. Ich halte das für etwas früh, da die Kinder erstmal ihre motorischen Fähigkeiten ausbilden müssen. Für die Lehrenden ist das kein Problem: Bei uns an der Schule kann jede Lehrkraft jeden Alters sicher mit dem Laptop und Tablet arbeiten. Im Unterricht werden diese technischen Mittel dann vor allem für die Erstellung von Arbeitsblättern eingesetzt. Wir haben speziell ein Tool zur Arbeitsblatt-Entwicklung. Mit dem sicheren Einsatz dieses Tools gab es bisher keine Probleme. Es regt zum Entdecken an und man kann sich frei in der Gestaltung der Arbeitsblätter ausprobieren. Es ist aber auch selbstverständlich sich gegenseitig Fragen zu stellen, falls mal etwas nicht klappt. Fortbildungen zur digitalen Lehre für Lehrkräfte fände ich trotzdem sinnvoll. Ich glaube, wie sicher jemand in der digitalen Lehre ist liegt nicht am Alter oder den voneinander abweichenden Studienbedingungen. Ich habe dazu ja auch nicht viel in meinem Studium gelernt. Ich denke es geht vielmehr um Learning-by-Doing.

Vanessa Ordovás: Ich denke, dass man vieles einfach in der Praxis lernt, man muss sich darauf einlassen und es ausprobieren. Ich habe mir Grundkenntnisse für die Online-Lehre beim privaten online unterrichten aneignen können. Ich habe schon immer viel mit dem Computer gearbeitet, ob beruflich oder privat. Deshalb hatte ich auch jetzt keine Probleme, mich in neue Dinge einzufinden. Es kommt ganz darauf an, wie oft man mit digitalen Medien in Berührung kommt und wie intensiv man sich damit auseinandersetzt. Da geht es Lehrkräften und Lernenden jeden Alters gleich.

Porträtbild von Mann mit weißen, kurzen Haaren und BrilleCarsten Schmidt (© privat)
Carsten Schmidt: Ich habe mein Referendariat erst 2012 begonnen. In meiner Ausbildung fand digitale Lehre aber so gut wie gar keinen Platz. Ich hatte das Glück, vorher schon einen Beruf ausgeübt zu haben, in dem ich viel mit Technik zu tun hatte. An meiner Schule gab es auch Schulungen zum digitalen Unterricht und der Nutzung verschiedener Tools. Man muss aber auch darauf achten, dass der Unterrichtsinhalt neben dem Erlernen der digitalen Unterrichtsmethoden nicht zu kurz kommt. Gerade in der aktuellen Lage der Corona-Pandemie wird man mit Informationen zum digitalen Unterricht überhäuft. Den Umgang mit digitalen Lehrmethoden zu lernen, ist ein konstanter Prozess. Es kommt dabei immer auf das Individuum an. Manche Leute sind schnell überfordert, wenn zum Beispiel ein Smartboard nicht funktioniert. Andere lösen das Problem mit zwei Klicks. Mir haben Schülerinnen und Schüler geholfen, wenn ich mal nicht weiterkam. Man hat ja immer ein bis zwei Computer-Cracks in der Klasse. Ansonsten lernt man Dinge eben nur, indem man sie immer wiederholt. Wenn ich ein bestimmtes Tool lange nicht nutze, vergesse ich die Handhabung manchmal wieder. Für den Notfall haben wir aber auch unsere Informatiklehrkräfte an der Schule. Die wissen zur Not immer Bescheid.

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Über unsere Interviewpartnerinnen und -partner

Jelena Cernysev (26) ist seit Mai 2020 Referendarin an der Paul-Gerhardt-Grundschule in Krefeld Uerdingen. Sie unterrichtet Mathe, Deutsch und evangelische Religion.

Vanessa Ordovás (45) kommt ursprünglich aus Spanien und unterrichtet Spanisch an der VHS Böblingen Sindelfingen und an den Universitäten in Hohenheim und Tübingen – und das seit Beginn der Corona-Pandemie verstärkt online.

Carsten Schmidt (60) unterrichtet seit 2012 als Lehrer an einem Berliner Oberstufenzentrum die Fächer Latein, Politische Wissenschaft, Philosophie, Geschichte und Sozialkunde.




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