Bildung im digitalen Wandel


Aus- und Weiterbildung digital – Ist-Stand und Ausblick

Die digitale Transformation beeinflusst den Arbeitsmarkt und entsprechend auch die berufliche Aus- und Weiterbildung. Wo und wie sie sich konkret auswirkt, darüber haben wir mit Simon Janssen vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung gesprochen.

Mann (links) trägt eine Virtual-Reality-Brille und gestikuliert. Frau (rechts) schaut zum Mann und seine Handbewegung.Formate in der Aus- und Weiterbildung werden, genau wie andere Bildungsbereiche, immer digitaler. (© Kampus Production pexels.com)

Welchen Einfluss hat die digitale Transformation auf die berufliche Aus- und Weiterbildung?

Simon Janssen: Die Veränderungen betreffen zwei Bereiche. Einmal verändert die Digitalisierung die Tätigkeiten innerhalb von Berufen und sorgt dafür, dass neue Tätigkeiten hinzukommen und alte Tätigkeiten wegfallen. Gleichzeitig verändert Digitalisierung die Möglichkeiten, wie wir lernen können. Sei es, dass wir jetzt online lernen und dass es dafür verschiedene Lernplattformen gibt. Oder dass beispielsweise 3D-Brillen angewandt werden, die Beschäftigte durch die Prozesse leiten, und erklären, wie sie eine Maschine bedienen oder reparieren.

Wenn man sich die Digitalisierung im Sinne von künstlicher Intelligenz und "Machine Learning"[1] anschaut, sehen wir, dass immer mehr Tätigkeiten ersetzbar sind, bei denen es um Vorhersagen geht. Zum Beispiel kann man Diagnosen anhand von riesigen Datenmengen vorhersagen, weil Maschinen sehr viel mehr Informationen in kürzester Zeit verarbeiten und verknüpfen können als der Mensch das kann. Die Automatisierung betrifft hingegen eher Tätigkeiten, die bestimmten Routinen folgen. Hierbei heißt Routine nicht gleich langweilig, das kann durchaus sehr komplex sein. Auch ein Schachspiel folgt beispielsweise bestimmten Routinen. Dadurch erwartet man, dass die Digitalisierung, wie auch die Automatisierung durch Roboter, in Zukunft einen starken Einfluss auf den Arbeitsmarkt haben wird. Das verändert natürlich die Anforderungen an die Ausbildung, weil die Auszubildenden die Tätigkeiten, die nachgefragt werden beherrschen sollen, und eben nicht veraltete Tätigkeiten, die sie aufgrund der Automatisierung beziehungsweise aufgrund des technologischen Wandels durch Digitalisierung nicht mehr benötigen.

In welchen Bereichen schlägt sich die digitale Transformation am stärksten nieder?

Simon Janssen: Sie betrifft vor allem das verarbeitende Gewerbe, beispielsweise Berufe wie Elektrotechniker/-innen, Elektromechaniker/-innen oder Elektriker/-innen, die beispielsweise mit einem Smart-Home umgehen können müssen. Interessanterweise wurde in einem Bericht vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BiBB) herausgefunden, dass Themen wie Datenschutz, insbesondere der Umgang mit Informationstechnologie, über alle Berufe hinweg wichtiger geworden ist. Zudem haben soziale Fähigkeiten in allen Berufen an Relevanz gewonnen.

Ähnliches sehen wir auch in unseren Betriebsbefragungen. Vor ein paar Jahren haben wir 16.000 Unternehmen in Deutschland zum Thema Digitalisierung befragt. Da zeigte sich, dass in der Aus- und Weiterbildung generell viel mehr Wert auf Informations- und Kommunikationstechnologie gelegt wird. Vielfach geht es um berufliche Höherqualifizierung und um Qualifikationen, die außerhalb des direkten Berufes liegen, beispielsweise Sprachkenntnisse oder Kommunikationsfähigkeiten. Eine Studie aus den USA zeigt beispielsweise indirekt, dass wir uns aufgrund der Digitalisierung immer mehr spezialisieren und dadurch auch mehr miteinander kommunizieren müssen. Dadurch werden soziale Fähigkeiten, auch wenn man das so nicht erwartet, wichtiger als sie es vorher waren.

Wie verändert sich die Aus- und Weiterbildung in sogenannten routinierten Berufen?

Simon Janssen: Routinierte Berufen sind Berufe die bestimmten, programmierbaren Routinen folgen und sich deshalb leicht automatisieren lassen. Wir stellen fest, dass sich Beschäftige in routinierten Berufen weniger weiterbilden als Beschäftigte in nicht-Routinetätigkeiten. Das lässt sich insbesondere durch die fehlenden Finanzierungsangebote der Firmen erklären.

Bei Tätigkeiten, die sich insbesondere durch Robotertechnologie ersetzen lassen, sehen wir diesen Trend besonders stark – es finden weniger Weiterbildungen statt. In Bereichen, die mit künstlicher Intelligenz arbeiten und in der IT-Technologie sehen wir hingegen einen umgekehrten Trend, die Beschäftigten machen hier tatsächlich mehr Weiterbildung.

Hier muss man aber auch differenzieren: Es gibt Technologien, die einen Beruf komplett ersetzen. Da macht es für eine Firma natürlich nicht so viel Sinn, in die Weiterbildung eines Beschäftigten zu investieren, weil dort demnächst eine Maschine hinkommt. Es gibt aber auch Technologien, die zwar einige Tätigkeiten innerhalb eines Berufes ersetzen, andere aber nicht. Diese Teil-Ersetzung macht Beschäftigte wesentlich produktiver, weswegen es durchaus sinnvoll ist, in Weiterbildung zu investieren, um diese Komplementarität zu fördern.

In welchen Bereichen spielt digitale Weiterbildung eine besondere Rolle?

Simon Janssen: Generell bietet sich E-Learning natürlich immer dann an, wenn es nicht zwangsläufig vonnöten ist, dass man an einem Ort physisch präsent ist, beispielsweise, wenn man eine Maschine bedienen muss. Oder auch dort, wo es schwierig ist Dinge zu lernen, ohne dass man es selbst ausprobiert. Eine Pflegekraft im Krankenhaus kann sich zwar ein Lernvideo dazu ansehen, wie eine Spritze zu setzen ist, allerdings ist das wahrscheinlich weniger effektiv, als es tatsächlich zu sehen und zu üben.

Wenn wir uns Studien anschauen, dann sehen wir, dass E-Learning insbesondere in wissensintensiven Branchen genutzt wird, also im IT-Sektor und in der Wissenschaft, aber auch im Finanzsektor und für Dienstleistungen. Im verarbeiteten Gewerbe wird es weniger angewandt, was mit der Tatsache zusammenhängt, dass hier an Maschinen gelernt wird, wo Präsenz wesentlich relevanter ist.

Die Altersstruktur spielt bei der Nutzung von E-Learning definitiv eine Rolle. So wird digitale Weiterbildung in Unternehmen mit einer älteren Altersstruktur wesentlich seltener genutzt als in solchen mit einer jüngeren Belegschaft. Individualdaten zeigen zudem, dass E-Learning häufiger von gut ausgebildeten Menschen genutzt wird als von weniger gut Ausgebildeten. Einige Ergebnisse legen auch nahe, dass Männer es häufiger nutzen als Frauen, obwohl die Unterschiede nicht sehr groß sind.

Welche Vorteile und welche Möglichkeiten ergeben sich durch digitale Lernformen und -formate?

Simon Janssen: Einer der größten Vorteile ist tatsächlich die Kosten-Reduktion: Ich muss keine Räume mehr anmieten, Transportkosten entfallen, und ich brauche nicht zwangsläufig eine Person vor Ort, die das Training leitet. Andere Vorteile sind definitiv die flexiblere Gestaltung meines Tagesablaufs, da ich jederzeit von vielen Orten aus lernen kann. Es ist mittlerweile möglich, Lerninhalte vom anderen Ende der Welt zu konsumieren. Das Wissenspotenzial ist damit wesentlich größer als es beim personenbezogen Lernen, beim Lernen vor Ort, der Fall ist.

Fraglich ist, ob es damit auch produktiver ist. Denn die Nachteile, die E-Learning mit sich bringt, liegen auf der Hand: Nimmt man die Dinge gut auf, wenn man sie so flexibel konsumiert? Wenn man beispielsweise in der Mittagspause lernt, während die Kinder schreien oder man zwischendurch etwas anderes macht und dann eben doch nicht so tief einsteigt? Ein anderer Nachteil ist auch, dass die Infrastruktur vorhanden und zuverlässig sein muss, um digitale Lerninhalte zu nutzen. Dieses Problem lässt sich zwar beheben, muss aber definitiv berücksichtigt werden.

Wie verändert sich die berufliche Aus- und Weiterbildung seit der COVID-19 Pandemie?

Simon Janssen: Weiterbildungen, die vor der Pandemie geplant oder begonnen wurden, wurden häufig abgebrochen. In einer Befragung kamen wir zu dem Ergebnis, dass die Abbruchquote bei 32 Prozent liegt. Allerdings gibt es da eine gewisse Heterogenität. Bestimmte Gruppen brechen öfter ab, beispielsweise bildungsferne Gruppen. Auch Frauen brechen häufiger als Männer ab oder treten die Weiterbildung nicht an, die sie bereits vor der Corona-Krise geplant hatten. Interessanterweise liegt es nicht so stark an einem Retraditionalisierungseffekt, sondern scheint eher branchenspezifisch getrieben zu sein, da Frauen häufiger in Branchen tätig sind, in denen sich Weiterbildungen schlechter digitalisieren lassen.

Meine Vermutung für die Zukunft ist, dass sich die massive Verschiebung hin zu digitalen Weiterbildungsveranstaltungen zwar wieder deutlich entschleunigen, aber wahrscheinlich nie wieder auf den Stand von vor der Krise kommen wird. Ich denke, wir werden mehr Homeoffice haben und in diesem Zuge automatisch auch mehr E-Learning, weil es auf der Hand liegt, dass viele Dinge auch so vermittelt werden können.

Wie sich die Corona-Pandemie auf die Ausbildung auswirkt ist noch unklar. Erstmal ist es natürlich ein wirtschaftlicher Schock für viele Ausbildungsbetriebe. Erste Ergebnisse zeigen allerdings, dass bisher nicht so viele Unternehmen ihre Ausbildungswilligkeit eingeschränkt haben. Allerdings standen sie natürlich vor extrem großen Schwierigkeiten. Prüfungen mussten verschoben werden, da sie im Digitalen nicht funktioniert haben. Inhalte mussten anders vermittelt werden. Das trifft nicht nur auf die Ausbildung zu, sondern generell auf die Bildung. Da ging ein extremer Lernprozess vonstatten, und davon wird ein großer Teil bleiben.

Welche Folgen die Corona Pandemie generell für den Ausbildungsmarkt haben wird, das bleibt fraglich. Wie viele Ausbildungen werden tatsächlich abgebrochen? Wie viele Ausbildungsplätze werden nicht bereitgestellt? Momentan scheint das alles noch relativ moderat zu sein, aber bis wir das Ausmaß sehen, wird es noch dauern.

Wie werden sich strukturelle Ungleichheiten durch den Prozess der digitalen Transformation verändern?

Simon Janssen: Es gibt viele Hinweise darauf, dass sich strukturelle Ungleichheiten verstärken könnten. Wir sehen, dass der Personenkreis, der am meisten E-Learning nutzt und am digital-affinsten ist, junge Männer ohne Migrationshintergrund in technischen Berufen sind. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass Beschäftigte mit Migrationshintergrund E-Learning weniger nutzen und auch, dass bildungsferne Schichten es weniger nutzen.

Fraglich ist, wie sich das letztendlich auf den Arbeitsmarkt auswirkt, denn die Digitalisierung bedeutet nicht, dass wir jetzt alle Machine Learning oder Algorithmen programmieren können müssen. Wenn man sich eine Studie aus den USA anschaut, sieht man, dass gerade die Nachfrage nach sozialen Fähigkeiten aufgrund der Digitalisierung angestiegen ist. Ob diese dadurch besser entlohnt werden, ist abzuwarten.

i

Über unseren Interviewpartner

Simon Janssen ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB). Er ist dort im Bereich Bildung und Erwerbs-Verläufe tätig. Hauptsächlich beschäftigt er sich mit technologischem Wandel, und wie sich dieser auf die Karriere und Weiterbildung von Beschäftigten auswirkt. Janssen arbeitet seit 2014 am IAB und ist dort hauptsächlich in den Bereichen Politikberatung, und wissenschaftliche Forschung tätig.

Das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) mit Sitz in Nürnberg ist die Forschungseinrichtung der Agentur für Arbeit. Die Hauptbereiche der dortigen Arbeit sind: Politikberatung, wissenschaftliche Forschung sowie Datenerhebung und -publikation.

Fußnoten

1.
Machine Learning (deutsch: maschinelles Lernen) ist eine Anwendung der künstlichen Intelligenz (KI). IT-Systeme lernen automatisch, Muster und Zusammenhänge aus Daten und verbessern sich, ohne explizit programmiert zu sein.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-SA 4.0 - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International" veröffentlicht.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Ihr Kommentar:

(*) Diese Felder sind Pflichtfelder

Ihr Kommentar wird von der Redaktion geprüft und dann freigeschaltet



Dossier Arbeitsmarktpolitik

Hintergrund: Berufliche Bildung

Eine qualifizierte Berufsausbildung erhöht die Chance auf eine gut bezahlte Beschäftigung und langfristige Aufstiegschancen. Berufliche Qualifizierung kann durch betriebliche sowie schulische Berufsausbildung, durch "training on the job" oder durch eine akademische Ausbildung an Hochschulen erreicht werden.

Mehr lesen

werkstatt.bpb.de in Social Media

Was bedeutet Web 2.0 für die politische Bildung? Das Archiv des Weblogs pb21.de bietet Praxisbeispiele, Anleitungen und Tipps um das Web 2.0 als Werkzeug der politischen Bildung.

Mehr lesen auf pb21.de

Im Archiv von werkstatt.bpb.de finden Interessierte viele informative Artikel, Interviews und Videos zum Thema zeitgemäße Vermittlung von Zeitgeschichte und Politik in Schulen und in der außerschulischen Bildung vor dem Hintergrund aktueller Herausforderungen wie Migration und Digitalisierung.

Mehr lesen auf werkstatt.kooperative-berlin.de

Dossier

Politische Bildung in einer digitalen Welt

Die Mehrheit der Gesellschaft bewegt sich im digitalen Raum, kommuniziert, konsumiert und informiert sich online. Verschiedene Stimmen aus Fachdidaktik, Politikwissenschaft, Pädagogik, Aktivismus und der schulischen und außerschulischen Praxis loten deswegen Ansätze für die politische Bildung in einer digitalen Welt aus und diskutieren Themen, Kompetenzen, Didaktik und Methoden.

Mehr lesen

Spezial

OER - Material für alle

Über den Einsatz sogenannter Open Educational Resources (OER) im Unterricht wird schon seit einigen Jahren diskutiert. In den Schulen selbst jedoch führt das Thema noch immer ein Schattendasein. Dieses Spezial soll Abhilfe schaffen: Die Beiträge liefern Grundlagen zum Thema freie Bildungsmaterialien und bieten Hilfestellungen, um OER von der Theorie in die schulische Praxis zu überführen.

Mehr lesen