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Filmvermittlung im Internet: Der Betrachter als Schöpfer

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Filmvermittlung im Internet: Der Betrachter als Schöpfer

Kevin B. Lee

/ 6 Minuten zu lesen

Früher schrieb er einen Text, nachdem er einen Film gesehen hatte. Heute macht er einen Film darüber. Kevin B. Lee über die Arbeit an eigenen Video-Essays, die Rolle des Internets und die problematische Frage des Copyrights.

Der Philosoph Slavoj Zizek taucht im Film "The Birds" von Alfred Hitchock auf und vermittelt, was er selbst in dem Film sieht - Eine Szene aus "The Pervert's Guide to Cinema". (© Westdeutscher Rundfunk/Sophie Fiennes)

Im Jahr 2007 startete ich meinen Blog "Shooting Down Pictures", um die Vollendung eines für den obsessiven Cinephilen typischen Projektes aufzuzeichnen: Die 1000 besten Filme aller Zeiten zu gucken, die von "They Shoot Pictures, Don't They?" zusammengetragen wurden, einer Website, die über 1800 Listen von Filmkritikern, Filmemachern und Wissenschaftlern kombiniert hat und damit, so sagt man, die verbindlichste Liste großer Filme darstellt (Zum Zeitpunkt dieses Aufsatzes habe ich 962 der Filme gesehen). Für jeden von mir gesehenen Film schreibe ich eine Kritik, sammle Zitate und Links auf Texte über den Film und bette Online verfügbare Videoclips des Films ein. Mit dem Fortschreiten des Projektes verspürte ich das Bedürfnis, einige dieser Clips direkt zu kommentieren oder meine Reflexion über den Film mit den Clips zu kombinieren, um so meine Beobachtungen zu illustrieren. Indem ich meine Fähigkeiten des Filmemachens und Schneidens mit der aktuellen Technologie in Sachen Vervielfältigung und Videoschnitt kombinierte, um das Ergebnis Online zu stellen, begann meine Arbeit am Format des Video-Essays.

Bisher habe ich über 50 Video-Essays produziert, wovon man auf die meisten über meinen Blog und meinen YouTube Kanal zugreifen kann. Mit jedem Video versuche ich einen anderen Ansatz zu verwirklichen, der den Film und seinen Einfluss auf mich reflektiert. Der Fokus mag auf einer einzigen Sequenz liegen (z.B. bei "La Haine" / Hass von Mathieu Kassovitz oder "Rekopis Znaleziony w Saragossie"/ Die Handschrift von Saragossa von Wojciech Has), auf einer schauspielerischen Darbietung ("Un coeur en hiver" / Ein Herz im Winter von Claude Sautet), der Musik ("E la nave va" / Fellinis Schiff der Träume von Federico Fellini), dem soziologischen Kontext ("The World According to Garp" / Garp und wie er die Welt sah von George Roy Hill oder "Gran Torino" von Clint Eastwood) bis hin zur autobiografischen Annäherung ("A hora da estrela" von Suzana Amaral oder "America America" / Die Unbezwingbaren von Elia Kazan). In manchen Fällen filme ich eigenes Originalmaterial, um einen Aspekt des Filmes zu ergänzen oder zu betonen ("Et dieu...créa la femme" / ...und ewig lockt das Weib von Roger Vadim oder beim Vergleich von "Zodiac" / Zodiac – Die Spur des Killers von David Fincher mit "The Vanishing" / Spurlos verschwunden von George Sluizer) oder arbeite mit Material eines mit dem Film im Zusammenhang stehenden Ereignisses (eine Mitternachtsvorführung von "El Topo" von Alejandro Jodorowsky, eine Gruppe beim Betrachten von "Duel" / Duell von Steven Spielberg, ein Interview mit Paul Schrader und Ed Lachmann zum Film "Light Sleeper" von Paul Schrader). Ich habe Text-Inserts benutzt, um bestimmte Bereiche des Bildausschnitts hervorzuheben ("The Evil Dead II" / Tanz der Teufel II – Jetzt wird noch mehr getanzt von Sam Raimi), eine Methode, die von meinen Video-Essay Kollegen Steve Boone und Matt Zoller Seitz perfektioniert wurde. Ich habe sogar mit dem Lesen eines legendären Essays von Susan Sontag den Toten eine Stimme verliehen und sie über Ausschnitte des Films "Hitler – Ein Film aus Deutschland" von Hans-Jürgen Syberberg gelegt, um so ihre Erkenntnisse zu illustrieren. Außer der Todesangst, mich zu wiederholen und dem Verlangen, den Grad der Verfeinerung bei jedem Ansatz dieses neuen Formats der Filmkritik zu erhöhen, gibt es keine strenge Richtlinie für meine Ansätze.

Der lohnendste Aspekt dieses Projektes war die Beteiligung dutzender Filmkritiker und Wissenschaftler bei vielen dieser Videos. Früh erkannte ich, dass ich unmöglich mit interessanten Einsichten zu all diesen Videos aufwarten konnte und rief andere Leute dazu auf, ihre Kommentare oder kreativen Ideen zu Filmen einzubringen, die ihnen am Herzen lagen. Dank E-mail und Online-Sozialnetzwerken braucht es nicht viel, um so ziemlich jede/n, die/der mich interessiert zu kontaktieren. Durch das Projekt habe ich Bekanntschaft mit einer ganzen Reihe von Liebhabern mit unterschiedlichen Hintergründen und Interessen gemacht: mit Stummfilm-Fachleuten (Kristin Thompson, Paolo Cherchi Usai), altgedienten Kritikern (Jonathan Rosenbaum, Nicole Brenez, Richard Brody), Filmemachern (Dan Sallitt, Preston Miller, Christoph Hochhäusler) und Anhängern der Online-Cinephilen-Gemeinde (Girish Shambu, Keith Uhlich). Einige der besten Videos entstanden mit nicht-professionellen Kritikern (mit Vadim Rizov über "Grey Gardens" von Ellen Hovde oder mit C. Mason Wells über "Les deux anglaises et le continent" / Zwei Mädchen aus Wales und die Liebe zum Kontinent von François Truffaut), deren Stimmen von einer Zukunft passionierter, intelligenter Cinephilie zeugen.

Es fasziniert mich, dass all diese Beitragenden ihre Zeit und ihr Talent kostenfrei zur Verfügung gestellt haben, um mit ihrem Enthusiasmus diese neue Ära der Filmkritik und -kultur zu erforschen. Ihren freiwilligen Einsatz respektierend, versuche ich, ihrem Arbeitsstil entgegenzukommen: Einige kommen mit einem vorbereiteten Script (Chris Fujiwaras präzise Narration zu "Night of the Demon" / Der Fluch des Dämonen von Jacques Tourneur liest sich wie Poesie), andere ziehen es vor, ihre Beobachtungen während der Sichtung des Filmes zu improvisieren (Dan Callahan bei "The Go-Between" / Der Mittler von Joseph Losey). Mit einigen habe ich aus der Entfernung gearbeitet: So verweist Andy Horbals Video-Essay über "Burnt by the Sun" / Die Sonne, die uns täuscht von Nikita Mikhalkov auf unsere virtuelle Zusammenarbeit und wie diese sich in den fragmentierten Räumen des Films selbst wiederfindet. Einige nennen mir die Ausschnitte, die sie in den Video-Essay einbringen wollen, andere überlassen mir den Schnitt vollständig. Die meisten Kommentatoren geben mir viel mehr, als ich für die Produktion eines fünf- bis zehnminütigen Essays brauche. In diesen Fällen wähle ich jene Kommentare aus, die ich für die fesselndsten halte und die sich am besten für die audiovisuelle Illustration anbieten. Manchmal bietet der Kommentar eine einzigartige Form und ein Schema für den Schnitt, wie z.B. Jonathan Rosenbaums Vergleich zwischen "The sun shines bright" / Wem die Sonne lacht von John Ford und "Gertrud" von Carl Theodor Dreyer, in dem seine Beobachtungen zwischen den beiden Filmen und besonders ihrem Ende hin und her springen.

Ich tendiere mehr und mehr dazu, mit dem Kommentar wählerischer zu sein, um dem Filmmaterial Raum zu geben, für sich selbst zu sprechen und seinen Atem zu entwickeln (Kommentar = Einatmen; Bildmaterial = Ausatmen). Aber auch dies kann zu einer gewissen Trockenheit führen und am Ende kommt es immer auf die Technik an, die dem Film gerecht wird. Manchmal dehne ich das Material, um bei einem Moment zu verweilen und in all seine kompositorischen und thematischen Implikationen einzutauchen ("O Lucky Man!" / Der Erfolgreiche von Lindsay Anderson), manchmal beschleunige ich es um ein Vielfaches, um seine Länge zu vermitteln. Vielleicht besteht immer die Gefahr, die vom Regisseur intendierte Integrität des Films zu stören. Aber schließlich geht man dieses Risiko schon beim einfachen Betrachten des Films ein. Das wohl vermittelndste an diesen Video-Essays ist, dass sie auf eine Art nicht so sehr von den Filmen als mehr von unserer Art und Weise, Filme zu sehen, handeln, was wiederum ein kreativer Akt ist. Diese Videos sind ein Beweis für den Betrachter als Schöpfer und sie tragen diesen tendenziell privaten Vorgang in einen öffentlichen Diskurs.

Nachdem YouTube Anfang 2009 meinen Account zeitweise eingestellt hatte, als sie von einigen Firmen Beschwerden erhielten, deren Filme ich in meinen Videos behandelt hatte, sollte ich mich kurz auch dem Thema von "Öffentlichem und Privatem" stellen. Dank eines Aufschreis unter den mir Gleichgesinnten und der Digitale-Rechte-Community, die auf mein Recht, diese Videos unter dem Gesetz des Fair Use (Dt: angemessene Verwendung) zu publizieren, pochten, war es mir möglich, die Beschwerden zu widerlegen und meinen Account frei zu schalten. Ich möchte betonen, dass ich das Recht des Autoren an seinem Werk und seine Honorierung unterstütze. Meine Video-Essays werden gerade mit der Intention, das Werk dieser Künstler zu feiern und preisen, produziert. Der Besuch der unterschiedlichen Video-Websites, wie z.B. YouTube und anderen, zeigt, dass wir zügig in eine neue Ära der kulturellen Produktion eingetreten sind, in der der Betrachter ebenso viele Mittel der Schöpfung zur Verfügung hat wie die Künstler. Dies führt uns in eine offenere, vielleicht sogar demokratischere Form des kreativen Austauschs. Interessengruppen, die von der heutigen Situation profitieren wollen - seien es individuelle Künstler oder Unternehmen - müssen diese neue Realität anerkennen und lernen, dass sie womöglich mehr profitieren können, wenn sie diese Energie bündeln und nutzbar machen, anstatt sich ihr zu widersetzen und sie zu unterdrücken.

Übersetzung aus dem Englischen von Alejandro Bachmann. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Fussnoten

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Kevin B. Lee lebt in New York und arbeitet als Filmemacher, Filmkritiker und Autor. Er betreibt unter anderem das Weblog "Shooting Down Pictures", in dem er auch zahlreiche Video-Essays veröffentlicht.