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Ein Ausstellungsraum der Deutschen Kinemathek Berlin. Audiovisuelle Formate sind in Filmmuseen längst etabliert, setzen sich aber auch in anderen Zusammenhängen mehr und mehr durch.
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15.1.2010 | Von:
Nils Warnecke

"Film ist immer eine Übersetzungsarbeit"

Ein Interview mit Nils Warnecke

Welche Rolle spielen audiovisuelle Formate in den Ausstellungen der Deutschen Kinemathek? Wie ergänzt das Medienprogramm die übrigen Artefakte einer Ausstellung und wie arbeiten Kuratoren mit diesen Formaten? Nils Warnecke, Medienkurator an der Deutschen Kinemathek in Berlin, berichtet aus der kuratorischen Praxis im Filmmuseum und von seinen Erfahrungen mit audiovisuellen Vermittlungsformaten.
Neben klassischen Ausstellungsstücken wie Requisiten, Fotos und Postern sind audiovisuelle Formate fester Bestandteil der ständigen Filmausstellung des Filmhauses in Berlin.Neben klassischen Ausstellungsstücken wie Requisiten, Fotos und Postern sind audiovisuelle Formate fester Bestandteil der ständigen Filmausstellung des Filmhauses in Berlin. (© Marian Stefanwoski, Deutsche Kinemathek)

Herr Warnecke, Ihre Arbeit kann man im weitesten Sinne ja als filmvermittelnd begreifen. Wie gehen Sie ganz grundsätzlich an die Konzeption einer Ausstellung heran? Welche Elemente, Artefakte und Präsentationsmöglichkeiten spielen dabei eine zentrale Rolle, um das Werk eines Filmemachers, die geschichtliche Entwicklung der Filmtechnik oder einen ästhetischen/thematischen Schwerpunkt von Filmen zu vermitteln?

Nils Warnecke: Bei der Konzeption von Ausstellungen steht Ihnen eigentlich alles zur Verfügung, was unsere Archive und andere Archive in der Welt bereithalten. Ob es um einen Filmemacher oder ein Thema wie Production Design geht, darstellen können Sie immer nur das, was sich in irgendeiner Form überliefert hat. Ausstellungen, die sich im weitesten Sinne mit Film auseinandersetzen, sind also immer Collagen aus unterschiedlichsten Materialien: von Werk- und Szenenfotos über szenografische Entwürfe, Briefe oder Dokumente wie Telegramme und Tagebuchaufzeichnungen bis hin zu Original-Drehbüchern, Storyboards, Kostümen und Kostümentwürfen. Zu all diesen Artefakten konzipieren wir natürlich immer ein Medienprogramm, über das wir hier ja vor allem sprechen wollen.

Ganz richtig, uns interessieren besonders die audiovisuellen Filmvermittlungsformate im Bereich der Museumspädagogik, d.h. Filme oder ähnliche audiovisuelle Formate, die den Film, seine Geschichte oder seine Ästhetik vermitteln. In welchen Ausstellungen haben Sie mit solchen Formaten gearbeitet und in welcher Form haben Sie diese eingesetzt?

Nils Warnecke: Als Museum für Film und Fernsehen sind wir natürlich dem bewegten Bild verpflichtet. Daher kommt dieses Medium - mit sehr wenigen Ausnahmen - immer in unseren Ausstellungen vor. Wenn man sich mit einem Regisseur oder einer Schauspielerin oder den verschiedenen filmischen Gewerken – z.B. dem/der Filmausstatter(in) – beschäftigt, zeigen wir zu den Exponaten auch Filmausschnitte. Also, wie funktioniert ein Kostüm in der Szene, wie ist der szenografische Entwurf eines Productiondesigners umgesetzt worden, wie viel von der atmosphärischen Dichte eines Entwurfs schafft es schließlich in den Film? Mit dieser Vorgehensweise lässt sich vor allem zeigen, dass Film immer eine Übersetzungsarbeit ist. Man kann dokumentieren, wie vom Drehbuch über die künstlerische, zeichnerische Visualisierung bis zum fertigen Filmbild so ein Prozess abläuft. Filmemachen ist zudem immer ein kollektiver Prozess, viele künstlerische Individuen arbeiten an einem Film zusammen. Auf der Ebene des bewegten Bildes setzen wir zum einen Filmausschnitte ein, zum anderen – abhängig von der Verfügbarkeit – auch dokumentarische Formate. Das Filmbild versuchen wir immer mit einem Beamer auf die Leinwand zu bringen, um dem Format des Kinos gerecht zu werden. Dokumentarisches Material, das z.B. einen sozialpolitischen Kontext etabliert oder die Herstellung eines Films dokumentiert, findet man bei uns auf kleinen Monitoren.

Und welche Erfahrungen haben Sie beim Einsatz von audiovisueller Filmvermittlung im Rahmen von Ausstellungen in der Deutschen Kinemathek gemacht?

Nils Warnecke: Grundsätzlich kommen die audiovisuellen Formate positiv bei den Besuchern an. Bewegte Bilder ziehen die Aufmerksamkeit auf sich, was man auch außerhalb des Museumskontextes beobachten kann. Auch in anderen Ausstellungen, zum Beispiel in historischen Museen, wird der Einsatz von audiovisuellen Medien immer populärer. Wichtig beim Einsatz audiovisueller Medien erscheint mir, dass man ihn nicht zu inflationär betreibt und sich sehr gut überlegt, warum man etwas einsetzt. Das zur Verfügung stehende Zeitkontingent eines Besuchers / einer Besucherin ist begrenzt. Durchschnittlich haben die Medienprogramme unserer Ausstellungen eine Länge von 90 Minuten, sind also so lang wie ein abendfüllender Spielfilm. Angeregt durch die Ausschnitte in der Ausstellung haben viele Besucher den Wunsch, die kompletten Filme (wieder) zu sehen. Ergänzend gibt es deshalb meistens eine ausstellungsbegleitende Filmreihe oder wir verweisen den besonders interessierten Besucher auf verfügbare DVDs.
Lassen Sie audiovisuelle Formate für Ihre Ausstellungen herstellen oder greifen Sie auf vorhandene Formen der audiovisuellen Filmvermittlung – wie z.B. DVD Extras in Form von Making-Ofs oder analytischen Formaten – zurück? Gibt es hier einen Austausch der Filmmuseen untereinander?

Nils Warnecke: Einen Austausch der Filmmuseen untereinander gibt es vor allem dann, wenn wir Ausstellungen auf die Reise schicken, also meist im Kontext ganzer Ausstellungsübernahmen. Natürlich fragt man auch Kollegen, ob sie Hinweise bezüglich der Rechtelage oder Materialverfügbarkeit eine Films haben. Bei DVDs gibt es Editionen, die interessantes Material für eine Ausstellung liefern können. Allerdings zeigen wir solche Dokumente in den seltensten Fällen eins zu eins und müssen hier die Längen der Ausstellungssituation anpassen. Selber drehen wir in den seltensten Fällen. Gelegentlich zeichnen wir aber Interviews auf.

Worin sehen Sie die Vor- und Nachteile dieser Form der Filmvermittlung? Hat die klassische Ausstellung auch Vorteile, die das audiovisuelle Format nicht bieten kann?

Nils Warnecke: Für andere Museen mag man das schärfer auseinanderhalten können. Wenn ein Filmmuseum aber auf das eigene Medium verzichtet, macht das im Grunde wenig Sinn. Natürlich kann man auch mal eine reine Fotoausstellung machen, wenn das dem Thema angemessen erscheint. Im Prinzip ist aber das eigentliche künstlerische Produkt immer der Film. Alles, was wir an Exponaten präsentieren - seien es Briefe, Kostüme oder technisches Gerät - ist immer nur ein "Abfallprodukt" des Produktionsprozesses. Ich denke, dass das Eine am besten mit dem Anderen zusammen funktioniert. Wenn ich ein Kostüm zeige, ist es wunderbar, wenn ich dazu den passenden Filmausschnitt und ein Making-Of habe, in dem man die Kostümbildnerin bei der Arbeit sieht. So kommentiert der Filmausschnitt das Kostüm und das Kostüm macht mir sinnlich erfahrbar, was ich nur zweidimensional im Filmbild gesehen habe. So verstehe ich auch unsere Ausstellungsarbeit: Wir versuchen immer, eine Gesamtkomposition zu kreieren, die, einem roten Faden folgend, mit ganz unterschiedlichen Medien versucht, uns eine Geschichte zu erzählen.

Eine Möglichkeit der audiovisuellen Filmvermittlung im Museum könnte ja in der Zusammenstellung bestimmter Filmausschnitte zur Veranschaulichung der Handschrift eines Regisseurs oder den ästhetischen Merkmalen einer filmischen Epoche – wie z.B. der Nouvelle Vague, dem Neorealismus, dem New Hollywood – liegen. Gibt es da Probleme mit dem Copyright? Wie schätzen sie in diesem Zusammenhang generell die momentane Copyright Situation ein?

Nils Warnecke: Die Situation ist in der Tat schwierig. Der lästigste Teil meiner Arbeit ist die Rechteklärung. Gerade wenn man nicht mit den gängigen Archiven, wie z.B. dem Bundesfilmarchiv, der Murnau Stiftung oder Kirch Media mit denen es feste Vereinbarungen und eingespielte Rituale gibt, zusammenarbeitet, wird es oft schwierig. Unter Umständen muss man auf schönes Filmmaterial verzichten, weil man es nicht bekommt oder es nicht bezahlen kann.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern, um den Einsatz audiovisueller Filmvermittlung im Rahmen von Museumsausstellungen einfacher zu gestalten?

Nils Warnecke: Man kann nur hoffen, dass irgendwann in der Zukunft Institutionen - also wissenschaftliche Institute oder Museen - generell auf Filme und dokumentarisches Material ohne Lizenzgebühren frei zugreifen dürfen. Man muss aber auch hinzufügen, dass wir oft gerade von kleinen Produzenten, die sicherlich selbst auf jeden Euro angewiesen sind, sehr großzügig unterstützt werden.

Alain Bergala hebt in seinem Buch "Kino als Kunst" die DVD als Medium, das eine neue Art der Filmvermittlung ermöglicht, hervor. Inwieweit hat sich Ihre Arbeit durch dieses Medium verändert und haben sich Ihre Möglichkeiten in der kuratorischen Arbeit dadurch erweitert?

Nils Warnecke: Eindeutig: Ja. Die Flut an DVD Veröffentlichungen erleichtert die Recherche und die Vorauswahl von Filmen. Und die auf den DVDs zur Verfügung gestellten Extramaterialien sind unter Umständen eine wichtige Quelle für das Medienprogramm einer Ausstellung oder zumindest eine Anregung, welches zusätzliche Filmmaterial für ein Ausstellungsthema von Interesse sein könnte. Der Verwendung von billigen DVDs anstelle von teuren Digi Beta Kopien für den Schnitt unserer Medienprogramme ist allerdings ein zweischneidiges Schwert. Einerseits ist der Zugriff auf das Material einfach und extrem günstig, andererseits lassen die auf den DVDs stark komprimierten Filme qualitativ sehr zu wünschen übrig.

Vielen Dank für das interessante Gespräch und weiterhin viel Erfolg bei Ihrer filmvermittelnden Arbeit!

Das Gespräch führte Alejandro Bachmann.
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