Ein Ausstellungsraum der Deutschen Kinemathek Berlin. Audiovisuelle Formate sind in Filmmuseen längst etabliert, setzen sich aber auch in anderen Zusammenhängen mehr und mehr durch.

15.1.2010 | Von:
Harun Farocki

Drückebergerei vor der Wirklichkeit

Stellvertretungsbilder

In dem Vorschulfeature ist die Rede davon, dass viele Kinder im Vorschulalter nicht genügend sprachliche Erziehung bekommen, um in der Schule mitzuhalten. Da sieht man dann Kinder in einer Wohnung herumtoben, und man hört die Mutter von einem Kind berichten, das in der Schule nicht mitkam und von einem anderen erfolgreich gefördert wurde. Der Kommentar verallgemeinert dann: "Vielen Kindern fehlen Frage-und-Antwort-Spiele", jedoch auf den Bildern kann man nicht sehen, welches Kind die Schwierigkeiten hat und welches keine mehr hat. Und wenn man es könnte, was könnte man dann erfassen? Das Team ist einfach in eine Wohnung gegangen, hat sich mit der Frau über die Kinder unterhalten. Dann hat der Kameramann Bilder geschossen. Seit die Publizistik mit dem Vorschulrummel begann, hat es viele Auseinandersetzungen über die "Bildungsschranken" gegeben. Es ist die Frage, ob das bisschen, dass man sich jetzt um die "Unterprivilegierten" mehr kümmert oder zu kümmern vorgibt, objektiv wie subjektiv aus guten Gründen geschieht.

Aber nichts von dieser Problematisierung in der beschriebenen Szene: Es ist von Kindern die Rede, also filmen wir Kinder, egal, wie es ihnen geht und wofür ihr augenblickliches Tun steht. Statt einer Beschreibung des Lebens eines oder mehrerer Kinder ein paar Momentaufnahmen von Kindern. Und noch ein paar Code-Bilder zum Begriff "Unterprivilegierung" dazu, ein Hinterhof, wenige und schlechte Möbel in dem Zimmer. Der Begriff der Unterprivilegierung bleibt so unbefragt von der Wirklichkeit, als hätte er nie den Schreibtisch verlassen.

Schlagbilder

Von Lehrlingen bei Krupp ist die Rede. Man sieht sie an Maschinen arbeiten. Aber was für Maschinen das sind, kann man nicht sehen; ausgedrückt ist nur der Begriff "arbeiten".

Von den gewachsenen Bindungen in den Altbauwohnungen ist die Rede, man sieht Schwenks über ein paar Häuser und eine Frau aus dem Fenster sehen, für einen kurzen Moment. Ausgedrückt ist nur der Begriff "alte Häuser".

Vor zehn Jahren wollte einer vermitteln, dass die Lage der Frau heute anders ist als früher und dass sie im Leben steht. Er stellte sich auf die Straße und filmte ein paar Frauen beim Vorbeigehen. (Text zu diesem Bild im Film: "Der Steckbrief der modernen Frau lautet genau umgekehrt. Sie trägt kurze Haare und kurze Kleider. Nicht, weil das die Mode will, sondern weil das praktisch ist und ihr Zeit und Bewegungsfreiheit für ihre vielfältigen Aufgaben läßt.")

Und nach zehn Jahren hatte wieder jemand mitzuteilen, die Stellung der Frau in der Gesellschaft sei verändert. Er filmte wieder Frauen beim Gehen, nur gehen sie diesmal in die andere Richtung (Text zu diesem Bild im Film: "Ehe heute ist weitgehend von partnerschaftlichen Erwartungen bestimmt. Auch wenn die Gesetzgebung und die sozialpolitische Wirklichkeit noch immer hinterherhinken. Frauen ringen um Gleichberechtigung im Beruf, in Politik, im Bett, das Grundgesetz verbürgt ihnen die gleichen Rechte wie dem Mann, doch immer noch klafft eine Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit.")

Kann es sein, dass einer, der für seine Begriffe keine Bilder findet, einfach die Entsprechung der Begriffe in der Wirklichkeit nicht kennt? Also von etwas redet, wovon er in Wirklichkeit keinen Begriff hat und der deshalb so viele Worte macht?

Für so unsinnige Sätze ist es natürlich schwer, Bilder zu finden. Es soll dem Feature nicht abverlangt werden, nur mit konkreten Ausdrücken umzugehen, aber man kann ihm ansehen, dass die meisten Abstraktionen nur Drückebergerei vor einer Untersuchung der Wirklichkeit sind.

Füllbilder

Im Feature über Lehrlingsausbildung geht es am Ende einem Resümee zu. Die Autoren haben in Hamburg Bilder vom Hafen geschossen, von Kränen, Schuten und einem Mann, der jungen Leuten den Hafen erklärt. Diese Bilder haben nicht viel mit der Lehrlingsausbildung zu tun und darum biegt der Kommentar sie gerade: "Ausbildung sollte, um im Bild zu bleiben, das Tor zur Welt öffnen."

In dem Feature über die Scheidungsreform: In einem Kongresssaal sieht man Experten über die Scheidungsreform debattieren. Dann die Straße davor und der Kommentar spricht von der Scheidungsreform.

Dann irgendwelche Straßen, und dann Straßen mit Kirchen, und dann spricht der Kommentar von der Haltung der Kirche zur Scheidungsreform. Schließlich eine Ampel, die vor einem Kirchturm auf Rot geht (und damit die Haltung der Kirche zur Scheidung ausdrücken soll). Bevor es zu diesem Bildwitz kommt, gibt es Bilder, die nur dazu da sind, die Zeit totzuschlagen, die der Kommentar für seine Erklärungen braucht.

Es ist nicht so schlimm, dass die Bilder nur zur Überleitung da sind, schlimmer, dass diese ihre dramaturgische Funktion nicht zugeben wird. Die Füllbilder kommen einher wie die Bilder, die vorgeblich das Material der Untersuchungen sind. Alle aufgenommen im gleichen fotografischen Duktus, lauter durch Schwenk, Zoom und kurzen Schnitt fixgemachte Momentaufnahmen.

Das Illustrationsprinzip

In Features werden die Bilder kaum anders benutzt als im Wortjournalismus: Zur Illustration, nicht als eigenständiges oder kombiniertes Medium der Aussage oder Untersuchung. Deshalb sind die meisten Bilder im Feature auch nur Ansichten der behandelten Dinge, mit bewegten Bildern hergestellte Momentaufnahmen. In der Folge gilt es auch nur, irgendeinen Text zu illustrieren. Entweder man knallt Erörterungen auf eine Bildpassage, die in irgendeiner Beziehung zum Gesagten steht, oder man bebildert Wort für Wort das Gesagte.

Die Abbildung des Schauplatzes: Bei Morden hat man es oft, dass neben dem Bericht ein Bild von dem Haus, in dem der Mörder oder Ermordete wohnte, zu sehen ist. Die Bilder sind weder Aufschluss über Motiv noch über den Hergang der Tat. Der Redakteur hat sie nur ausgesucht, weil er kein Bild der Tat hatte. Der Feature-Macher, hat er sich erst auf das Illustrationsprinzip eingelassen, ist noch schlechter dran als der Bildredakteur. Er muss nämlich nicht pro Seite soundsoviel Bilder herholen, er muss jeden Augenblick Bilder zeigen. So sind die Bilder im Feature entweder schlechte Entsprechung zum Text oder bildwörtliche Analogie: Entweder sie sind undeutlich oder sie haben kein Geheimnis.


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