Ein Ausstellungsraum der Deutschen Kinemathek Berlin. Audiovisuelle Formate sind in Filmmuseen längst etabliert, setzen sich aber auch in anderen Zusammenhängen mehr und mehr durch.

15.1.2010 | Von:
Harun Farocki

Drückebergerei vor der Wirklichkeit

Redensarten

Weil die Bilder nur zur Bebilderung von Gedanken, meistens halben Gedanken, da sind, müssen sie auch ständig erklärt und in den Zusammenhang mit Worten eingepasst werden. Fast alle Features kann man auch verstehen, wenn man die Bilder nicht sieht (ähnlich den Fernsehspielen). Aber nicht nur der Kommentar spricht über die Dinge, die nie vorkommen. Auch Experten melden sich zu jeder Sache zu Wort. Der Pfarrer, der Gewerkschafter, der Professor, der Vorsitzende des Verbandes der Soundso, alle mit Titelangaben. Meistens halten die Feature-Macher sprechende Menschen dann wieder für langweilig und zeigen nur eine Weile deren Interessenvertrertermimik, unterschneiden dann die Bilder mit weiteren Momentaufnahmen, die wieder illustrativ zum Gesagten passen sollen. Von Leuten, die nicht professionelle Sprecher sind, nimmt das Feature an, dass man sie nicht verstehen kann. Ihr Text wird dauernd gekürzt, und damit man die Kürzung nicht merkt, gibt es in allen Features viele Hände mit oder ohne Zigarette zu sehen, die den Tonschnitt verdecken sollen. Und die Leute werden kleingeschnitten, in der Fachsprache kurzgeschnitten, ihre Äußerungen werden Wortfetzen. Oder man lässt sie reden, und der Kommentar dreht ihnen den Ton runter und meldet sich darüber selbst zu Wort. Als ob es keine Attraktion wäre, einen Menschen beim Sprechen zu zeigen. Aber die Feature-Macher haben da ein schlechtes Gewissen. Sie filmen sprechende Menschen, um sich die Arbeit der Auseinandersetzung mit den Dingen, von denen gesprochen wird, zu ersparen. Sie wollen dann die Einsparung vertuschen: Deshalb unterlegen sie das Gespräch mit Bildersalat.

Dynamik

Features sind große Verwertungsmaschinen. Sie hacken die Sachen, die uns nicht sonderlich interessieren können, klein, und auch die Sachen, die uns interessieren könnten. Sie hetzen von Einzelheit zu Einzelheit, um die Bedeutungslosigkeit jeder Einzelheit zu vertuschen. Dabei zerstören sie auch die Informationswerte, die auch das lieblos aufgenommene Bild noch hat. (Als ich im WDR die Kritik über Features machte, zitierte ich manche Ausschnitte mehrfach. Es zeigte sich, dass sie auf einmal nicht mehr so hässlich waren, weil sie jetzt aus dem schlechten Vertuschungszusammenhang befreit, der Wahrnehmung in Gefühl und Gedanken zugänglich wurden.)

Bei den Wörtern das gleiche Verwerten: Entweder ein Interessenvertreter kann verwaltungsmäßig sprechen, mit Ausdrücken wie "etwaig", "tätig werden" und "dahingehend" oder das Feature verwaltet das Sprechen. Und es kommt zu dem für das Fernsehen typische Sprechen, zum Tonfall der "Ausgewogenheit", der jedem Denken die Schärfe nimmt und jeder Empfindung die Intensität. Und dieser Tonfall illustriert dann mit feingehackten Momentaufnahmen, die angeblich das Ganze beleben, interessant machen, oder dynamisch.

Schlussfolgerungen

Das Kino konnte an Publizistik nicht genug verdienen und hat sie darum vernachlässigt. Das Fernsehen als öffentlich-rechtliches Unternehmen vernachlässigt sie noch heute. Noch immer gibt es für Fiktion viel mehr Produktionsmittel als für Publizistik, und so ist auch das Ausdruckspotential der Nonfiction noch sehr schwach, wenn auch die Filmgeschichte ein paar Formen mehr entwickelt hat, als sie den Fernseh-Publizisten geläufig sind, die sich natürlich auf die Filmgeschichte so wenig einlassen wie auf die Geschichte der Dinge, die sie erzählen. Ich will meinen Kritikfilm den Leuten, die im Fernsehen arbeiten, vorführen. Es hat sich bei ersten Versuchen gezeigt, dass Cutterinnen und Kameraleute unter der Schlamperei mehr leiden als die Realisatoren. Ich habe nur Filmbeispiele ausgewählt mit einer "progressiven" Botschaft. Es muss sich zeigen, bei wem die Fortschrittlichkeit so weit geht, dass er für bessere Informationsarbeit im Fernsehen eintritt.

Erstmalig erschienen in der Frankfurter Rundschau vom 02.06.1973. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.


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