Geschichte begreifen

14.11.2008 | Von:
Werner Imhof

Spurensuche


Wie vorgehen?

Das methodische Mittel der Spurensuche bietet zahlreiche Ansätze zu einer handlungsorientierten, eigenverantwortlichen Einbindung der Schüler in den Unterricht. Diese gilt es in größtmöglichem Umfang zu nutzen. Vielen Lehrkräften fällt dies nicht leicht. Das Thema erscheint ihnen eminent wichtig, und sie haben Zweifel, ob es die Schüler genau so ernst nehmen. Diese Befürchtungen sind nach aller Erfahrung unbegründet.

Spurensuche

Der Zugang zum Thema über zwei erkenntnisleitende Fragestellungen hat sich besonders bewährt:
  1. Welche Spuren jüdischen Lebens finden sich in unserem Heimatort/der Region – welche Schicksale hatten jüdische Mitbürger in den Jahren 1933-45?
  2. Gab es hier Zwangsarbeiter? Woher kamen sie? Was haben sie gearbeitet? Wie wurden sie behandelt?
Welcher der beiden Wege fruchtbarer ist und eingeschlagen wird, sollte von den regionalen Bedingungen abhängen und gegebenenfalls darauf bezogen werden, ob im weiteren Verlauf des Unterrichtsgeschehens ein Zeitzeuge zur Verfügung steht. Das Resultat der Spurensuche illustriert dann im Idealfall sein individuelles Schicksal und stellt es zugleich in einen Zusammenhang.

Nächster Schritt ist die Aufgabenverteilung:
  • Interview – wer sind die Sprecher?
  • Protokoll – wer macht sich Notizen?
  • Technik – wer filmt/fotografiert/macht Tonaufnahmen?
Wer nicht so kontaktfreudig ist, kann Protokoll führen, sich Notizen machen oder mit der Technik arbeiten. Die Spurensuche muss nicht umfassend (etwa filmisch) dokumentiert werden. Es geht um eine kurze Vorstellung der Gruppe, der Frage, die beantwortet werden soll und der wichtigsten Ergebnisse. Praktische Tipps zur Videodokumentation finden sich auf www.zeitzeugen-dialog.de.

Die Gesprächspartner wird es abschrecken, wenn man gleich mit Kamera und Mikrofon vor der Tür steht. Aber wenn erst einmal Vertrauen hergestellt ist, werden viele gern einwilligen, zu einer wichtigen Dokumentation einen Beitrag leisten zu können.

Regelmäßiger Erfahrungsaustausch ist wichtig, um festzulegen, wie es weitergeht:
  • Was ist mir besonders aufgefallen?
  • Was war besonders wichtig?
  • Was hat mich überrascht/gefreut?
  • Wo/wie können wir weiterkommen?
Folgende Leitsätze sollten den Spurensuchern vermittelt werden: Höflich sein, aber beharrlich! Nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Wir erklären freundlich, woher wir kommen und warum wir das machen. Wenn eine Spur im Sand verläuft: Macht nichts – dann verfolgen wir eben eine andere! Und wenn einem die Tür vor der Nase zugeschlagen wird, kann es für die Dokumentation auch sehr vielsagend sein, diese Tür zeigen und zu kommentieren: "Hier wollte man uns keine weitere Auskunft geben."

Mögliche Startpunkte

Grundsätzlich gilt: Es ist nicht entscheidend, wo die Recherche beginnt! Wichtig ist, dass Spuren, die sichtbar werden, dokumentiert und hartnäckig weiter verfolgt werden.

Es liegt nahe, in der Schule zu beginnen:
  • Existierte sie schon vor 1945? Wenn ja:
  • Wie wurde das Gebäude damals genutzt?
  • Gibt es alte Schulakten?
  • Wo sind diese jetzt?
  • Geben sie Auskunft über Lehrer und Schüler, die damals als Juden oder aus anderen Gründen Verfolgte von der Schule ausgeschlossen wurden?
  • Was wurde aus ihnen?
Nicht jede dieser Fragen wird in der Schule zu beantworten sein. Und vielleicht ist die Schule ja auch zu jung. Also heißt es ausschwärmen! Wohin?

Oft kann bereits die Einwohnermeldestelle im Rathaus/der Gemeindeverwaltung weiterhelfen. Oder man bittet um ein Gespräch mit dem Bürgermeister. Im Rathaus kann man Personen oder Geschichtsvereine nennen, die sich mit der Vergangenheit der Stadt/des Dorfes beschäftigt haben. Oder Kontakte zu alten Mitbürgern herstellen, die vielleicht dazu bereit wären, über die Vergangenheit zu sprechen.

Wo werden Akten aus den dreißiger und vierziger Jahren aufbewahrt und wer kennt sich in ihnen aus? Wertvolle Anknüpfungspunkte und Kontakte finden sich im örtlichen Museum oder in Archiven. Auch Archive lokaler Zeitungen sind eine sehr interessante Quelle. Unter den vielen Typen von Archiven sind für unseren Zweck besonders die kommunalen interessant. Die Bestände von Archiven umfassen alte Materialien meist schriftlicher Art: Akten und Urkunden, die erhaltenswert erscheinen.

Am häufigsten handelt es sich dabei um Schriftquellen der öffentlichen Verwaltung, von Ämtern und Gerichten. Aber es werden dort auch Zeitungen, Karten, Fotos, Plakate und Ähnliches aufbewahrt. Oft finden sich hier schriftliche und andere Hinterlassenschaften von Firmen, Vereinen und anderen Organisationen, gelegentlich auch wichtige Nachlässe von Privatpersonen.

Alle diese Dokumente werden in einer Art Katalog erfasst und mit einer Signatur versehen. Am besten meldet man sich vorher telefonisch an und vereinbart einen Termin. Dann ist man auf den Besuch vorbereitet, ein Mitarbeiter kann bei der Orientierung helfen und Rat geben, welche Bestände für die Recherche von Interesse sein könnten. Man kann auch Kopien wichtiger Dokumente bestellen.

Die Suche nach Zeitzeugen, die sich an die Zeit des Nationalsozialismus erinnern, kann in der eigenen Verwandtschaft beginnen. Wenn das nicht weiterbringt, fragt man in der Nachbarschaft. Und dann auf der Gemeinde / im Rathaus, im Museum usw. Hat man schließlich jemanden gefunden, der bereit ist, über diese Zeit zu sprechen, gelten für das Gespräch die gleichen Regeln wie für die Begegnung mit einem Überlebenden des Naziterrors (siehe auch Oral History in der Bildungsarbeit zur NS-Zeit).

Wir sind keine Instanz, vor der sich ein Zeitzeuge rechtfertigen müsste. Wer bereit ist, zu erzählen, ist für uns eine wichtige historische Quelle. Natürlich müssen wir in Deutschland damit rechnen, dass Zeitzeugen eher der mehr oder weniger schuldbeladenen oder sich schuldig fühlenden Zuschauergeneration als der Opfergeneration angehören. Täter werden sich uns gegenüber kaum offenbaren.

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